Beiträge vom Januar, 2009

„O Tannenbaum“ im Kaukasus

Mittwoch, 28. Januar 2009 9:16

Zu was brauchen Sie das alles?“, platzte es aus Viktor Klein nach quälenden Minuten der Stille heraus. Alkohol hatte seine Zunge schwer gemacht. Das war im Herbst 2004.

Vor kurzem habe ich vom Tod Viktor Kleins erfahren. Er ist zwar schon Ende März 2007 gestorben, doch Nachrichten vom Süd-Kaukasus ins Ruhrgebiet brauchen etwas Zeit.

Als mich die Nachricht von seinem Ableben erreichte, kam alles wieder hoch: der Gestank nach verdorbenen Lebensmitteln im Haus, die Wodka-Fahne, das Zwielicht und die Beklemmungen beim Anhören des Interviews, als ich zurück in Deutschland war. Ich schäme mich heute noch, wie ich den armen Mann damals mit meinen Fragen belästigt habe: „Wie war das damals im Krieg? Die meisten Deutschen wurden ja deportiert.“ Aber der Reihe nach.

Die Anreise nach Xanlar (sprich: Chanlar, heute Göygöl), einer Kleinstadt in Aserbaidschan, die früher einmal Helenendorf hieß, hatte mich volle zwei Tage gekostet. Gut, ich war nicht nur wegen des „letzten Deutschen von Aserbaidschan“ - Viktor Klein war damals schon eine Berühmtheit - hierher gekommen, aber es klingt dramatischer. Also sieben Stunden Flug nach Baku (mit Zwischenlandung in Prag), am nächsten Tag sechs Stunden Busfahrt nach Gence, der zweitgrößten Stadt des Landes, dann ein Taxi hinauf nach Xanlar.

Ich war gut vorbereitet. In der Deutschen Botschaft in Baku sagte man mir, ich solle am Tag vor dem Besuch bei Herrn Klein den Bürgermeister (Rayon-Chef) von Xanlar anrufen, der würde jemanden zu ihm schicken, um meinen Besuch anzukündigen, denn Herr Klein würde schon mal einen über den Durst trinken; und wenn sich Besuch aus Deutschland ankündige, wäre er nicht gern derangiert.

So war also unsere erste Anlaufstelle in Xanlar nicht das Haus des „letzten Deutschen“, sondern das Büro des Bürgermeisters. Dort bekamen wir, mein Freund Mehdi und ich, nach ausführlichen hochformellen Willkommensbezeugungen eine Privatrede über die wirtschaftliche Entwicklung der Region, sodann eine laienhistorische Einführung in die Geschichte der deutschen Siedler in Aserbaidschan, bis der Bürgermeister endlich - vor dem vierten Tee - einen Mitarbeiter herbeirufen ließ. Dieser Mitarbeiter war der offizielle Viktor-Klein-Beauftragte, eine Art Mentor. Ihn hatte man auch am Tag zuvor zu Herrn Klein geschickt, um mich anzukündigen. Schließlich machten wir uns auf den Weg. Noch war ich guten Mutes.

Was für eine Idylle, dachte ich, ein hübsches Holzhaus mit Veranda unter Weinranken, ein großer Garten, schönes Wetter.

Der Viktor-Klein-Beauftragte klopfte an der Tür. Nichts rührte sich. Nach kurzer Pause ein zweites Mal - wieder Stille. Inzwischen hatte ich eine böse Ahnung. Der Viktor-Klein-Beauftragte gestand nun, dass er zwar am Vortag hier gewesen sei, Viktor aber nicht angetroffen habe. Owei.

Belustigt erzählte er mir nun die Episode vom Besuch des Deutschen Botschafters in Xanlar. Die Situation muss ähnlich gewesen sein wie an diesem Tag, jedenfalls hatte die deutschte Delegation seinerzeit kein Glück, was für alle eine große Enttäuschung gewesen sei. Heute aber sollte alles anders werden: Nach einer halben Stunde Klopfen, Rufen und Warten regte sich etwas im Haus. Schwere Schritte waren zu vernehmen, die Tür öffnete sich, ein zerknautschtes Gesicht blickte uns an.

Ein paar russische Worte gingen hin und her zwischen Viktor Klein und dem Viktor-Klein-Beauftragten. Offenbar wurde Herrn Klein klar gemacht, dass er aus dieser Nummer nicht mehr raus käme. Er ließ uns herein. Mit jedem Schritt in Richtung Stube roch es muffiger, fauliger, alkoholischer, einsamer, aber auch historischer. Wir betraten einen Raum, halb altdeutsches Stillleben, halb Elendsquartier. Noch konnte ich mich nicht festlegen, ob die verschimmelten Auberginen echt oder arrangiert waren (strenge Gerüche stören nach einer gewissen Zeit ja nicht mehr). Wir ließen uns nieder. Die ganze Stimmung war irgendwie verwackelt, was ich aber erst Wochen später begriff.

Der Viktor-Klein-Beauftragte unterrichtete Viktor Klein darüber, wer ich bin, woher ich komme und was ich wolle. Sofort begann ich ihn auszufragen, Recorder an: „Wie war das damals im Krieg? Die meisten Deutschen wurden ja deportiert.“ Stille, leerer Blick. Mir war schon klar, der Mann war nicht ganz nüchtern. Egal, dachte ich: „Wie war das damals?“ Nichts, kurzes Aufschauen, hilflose Augen. Die alte Standuhr tickte von Sekunde zu Sekunde lauter.

Nun kam mir die Erleuchtung: es musste so ein, dass er mich einfach nur nicht versteht! Ich wusste, seine Muttersprache war Schwäbisch, und zwar ein württembergisches Idiom aus dem 19. Jahrhundert. So packte ich also mein ganzes Schwäbisch aus. Mein Vater stammt aus der Bukovina, meine Großeltern sprachen auch so ähnlich wie die Kaukasus-Deutschen. Dazu habe ich zehn Jahre in Tübingen gelebt. Also formulierte ich meine Frage noch einmal in einem schwäbischen Kauderwelsch, von dem ich glaubte, er müsse es verstehen (dies hier im O-Ton zur Verfügung zu stellen ich aber nicht ertrage). Keine Antwort. Mir wurde heiß und kalt: Was wäre ein Hörfunkbeitrag ohne O-Ton wohl wert?

Zu was brauchen Sie das alles? Alle sind gestorben“, lallte Viktor Klein plötzlich. Der „letzte Deutsche von Aserbaidschan“ war bei meinem hochexklusiven Interview nicht nur ein wenig angeschickert, sondern total betrunken. Aber Aufgeben gilt nicht, sprach ich mir Mut zu, und bohrte weiter. Seine zweite Antwort bestand aus nur einem Wort: „Rauschig“, betrunken. Es klang so abweisend wie erklärend.

Schließlich bot ich ihm an, er könne ruhig Russisch oder Azeri sprechen, das sei kein Problem für mich. Deutsch sprach er schon Jahre nicht mehr, denn alle Verwandten hatten schon lange das Land in Richtung Deutschland verlassen. Russisch war seine Schul- und Alltagssprache geworden (Azeri beherrschte er auch, aber das brauchte er nur für den Nachbarschafts-Smalltalk und um Kinder vom Hof zu scheuchen). „Das ist nicht der Grund, ich kann auch Deutsch sprechen!“, verzweifelte er, sichtlich angestrengt.

Ein Schulfreund meines Vaters war Kommandeur im kaukasischen Heer. In der Kaiserzeit waren sie zusammen im Gymnasium. Der Mann half uns dabei, dass wir hier bleiben konnten.“ - Und wie sind die Nachbarn so? „Das sind keine Guten! Schlecht und falsch!“ Warum? „Was weiß ich.“ Den aserbaidschanischen Dörflern gegenüber war er feindlich gesinnt.

Zugegeben, mehr Diaspora geht kaum: als einziger, evangelischer - noch von den Sowjets verfolgter - Deutscher im Kaukasus unter muslimischen Aserbaidschanern. Da sind Bitterkeit und Alkoholismus zumindest erklärbar.

Schließlich setzte er sich einfach an sein verstimmtes Klavier und spielte drauf los: „O Tannenbaum, wie schön sind deine Blätter.“ Ich erfahre von seinem Mentor, dass Viktor am Konservatorium studiert habe, Gesang und Klavier.

Wir machten noch einen Spaziergang zum Friedhof. Das ganze Gelände war verwildert, fast alle Grabsteine umgestoßen. Als 1988 der Konflikt um Berg-Karabach ausbrach, wütete der aserbaidschanische Mob auf den armenischen Friedhöfen im ganzen Land. Da auch die deutschen Grabsteine Kreuze trugen, wurden auch sie nicht verschont. Dafür schämen sich die Aserbaidschaner heute noch - nur für die Schändung der deutschen Gräber, natürlich nicht für die der armenischen. Auf den deutschen Teil ihrer Geschichte sind die meisten Aserbaidschaner sonst recht stolz.

Versonnen betrachtete Viktor Klein einen deutschen Grabstein: „1845 sind die hierher gekommen, von Württemberg.“ Letzter O-Ton. Nun liegt er selbst dort begraben. Sein Haus hat er der Deutschen Botschaft vermacht, zur Nutzung als Museum.

Grab Viktor Klein (Bild: Benjamin Haerdle/n-ost)

Grab Viktor Klein in Xanlar (Bild: Benjamin Haerdle/n-ost)

Aus diesen O-Tönen ist nie ein Hörfunkbeitrag entstanden. Damals habe ich es nicht fertig gebracht, Viktor Klein in den Massenmedien bloßzustellen. Beschönigen wollte ich aber auch nichts. Und so gelangte Viktor Klein nicht in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Hören Sie zum Abschluss Viktor Kleins „Duett mit der Standuhr“.

Tobias Mayer

Thema: Hörfenster | Comments Off | Autor: Tobias Mayer

Verwirrung allenthalben

Sonntag, 25. Januar 2009 18:22

Der Gaza-Krieg in der deutschen Öffentlichkeit

Seit den fünfziger Jahren ist Deutschland aus historischen Gründen mit Israel solidarisch. Auch die öffentliche Meinung hatte immer eine entschieden pro-israelische Tendenz. Es gibt jedoch Indizien, dass sich dies seit einigen Jahren langsam ändert. Der folgende Beitrag analysiert die Ausgangsbedingungen und Verschiebungen in der medialen Darstellung des palästinensisch-israelischen Konflikts am Beispiel des jüngsten Gaza-Krieges.

Die Stellungnahme der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Beginn des Gaza-Krieges war überraschend einseitig: Ihr zufolge hatte allein die Hamas Schuld an diesem Krieg. Mit diesem Urteil blendete die Bundeskanzlerin die jahrelange Blockade des Gaza-Streifens durch Israel sowie die Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts völlig aus.

Überraschend war dieses Urteil aus zwei Gründen: Erstens weil es ist diplomatisch ungeschickt ist, und zweitens, weil es in seiner Einseitigkeit nicht die Meinungsvielfalt spiegelt, die in der deutschen Öffentlichkeit zu diesem Konflikt zu finden war.

Meine folgenden Ausführungen zu diesem Meinungsbild in der deutschen Öffentlichkeit können sich nicht auf Statistiken stützen, nicht auf eine wissenschaftliche Auswertung der Medien oder auf Umfragen. Dafür ist es noch zu früh, und ich bin kein Medienwissenschaftler. Wenn unser Ziel eine Bewertung dieser Berichterstattung ist, wäre uns aber selbst mit einer gründlichen Statistik vermutlich nur wenig geholfen. Zur Erläuterung das folgende Beispiel:

Obwohl vieles dafür spricht, dass die westliche und besonders die deutsche Öffentlichkeit mehrheitlich eine pro-israelische Haltung einnimmt, wird von Israel und seinen Freunden behauptet, dass die Medien mehrheitlich gegen Israel sind, dass der Kampf um die Gunst des Publikums im Westen für Israel verloren sei. Dasselbe gilt umgekehrt: Selbst wenn wir eine pro-palästinensische Tendenz in den westlichen Medien erkennen könnten, wären die Palästinenser und die Araber mit der Darstellung des Konflikts wahrscheinlich nicht zufrieden.

Beiderseitige Unzufriedenheit

Jede Seite wirft den Medien der nicht direkt betroffenen Staaten vor, das Bild zu verzerren. Der Grund für diesen Vorwurf ist leicht erklärt: Es liegt daran, dass keine Seite ihre eigene Sicht vollständig wiederfindet, dass sich keine Seite angemessen vertreten fühlt, weil wir in Europa und besonders in Deutschland natürlich unsere eigene Sicht auf den Konflikt haben. Daher hat jede der beiden Seiten das Gefühl, dass der Konflikt nicht gerecht gesehen wird.

Im Folgenden will ich versuchen, zu einer Bewertung jenseits des Vorwurfs der Einseitigkeit zu kommen. Dieser Vorwurf stimmt wahrscheinlich schon deshalb nicht, weil beide Seiten in diesem Konflikt den Medien Einseitigkeit vorwerfen. Die deutsche Bundeskanzlerin war einseitig. Die Medien nicht.

Wenn wir die öffentliche Meinung in Deutschland beurteilen wollen, ist es am sinnvollsten, die staatsnahen und mainstream Medien zum Maßstab zu nehmen. Das Meinungsbild hier entscheidet über die öffentliche Meinung in Deutschland insgesamt. Zu diesen Medien zähle ich die öffentlich-rechtlichen (von den Fernsehzuschauern und Radiohörern durch Gebühren mitfinanzierten) Rundfunkanstalten (ARD und ZDF), sowie ferner die großen (unabhängigen und nichtstaatlichen) Tageszeitungen und Medienkonzerne, einschließlich ihrer Aktivitäten im Internet, also zum Beispiel „Der Spiegel“ und Spiegel-Online. Das Privatfernsehen hat zwar noch mehr Zuschauer als das öffentliche, bringt jedoch nur sehr wenig politische Berichterstattung und bleibt im Rahmen dessen, was auch im öffentlich-rechtlichen TV zu sehen ist (ähnliches gilt meiner Ansicht nach für die Boulevard-Presse).

Wenn wir uns anschauen, wie sich der Gaza-Krieg in diesen staatsnahen und mainstream Medien von Ende September bis Ende Januar 2009 dargestellt hat, dürfen wir zunächst sagen: Er wurde sehr intensiv dargestellt! Ungefähr einen Monat lang war dieses Thema in allen Medien breit repräsentiert, es war unmöglich, nicht davon zu erfahren, nicht die Zahlen der Toten auf beiden Seiten zu kennen, und ebenso war es unmöglich, nicht davon zu erfahren, dass die Fakten unterschiedlich gedeutet werden und dass die Meinungen dazu weit auseinandergehen. Stellen wir uns einen imaginären Beobachter vor, der keine vorgefasste Meinung zu diesem Konflikt gehabt hätte und alle Zeitungen sowie Radio- und Fernsehberichterstattungen zum Konflikt verfolgt hätte: Ein solcher Beobachter müsste am Ende sehr verwirrt sein und wüsste wahrscheinlich nicht, was er denken und wie er darüber urteilen soll.

Vorgefasste Meinungen

Allerdings haben die meisten Menschen bereits eine vorgefasste Meinung. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, auf zwei Eigenschaften der Deutschen heutzutage hinzuweisen, die in der Beurteilung des Konflikts für uns eine große Rolle spielen. Zum einen wäre die tiefe Scham und historische Schuld der Deutschen gegenüber den Juden zu nennen; dieses Gefühl schlägt in der Beurteilung des Konflikts zum Vorteil Israels aus. Wir müssen jedoch bedenken, dass dieses Gefühl der Schuld mit den Jahren allmählich verblasst. In der jüngeren Generation ist das Verblassen des Schuldgefühls deutlich zu spüren. Diese Generation hat in den Medien und in der Politik jedoch noch nicht die Verantwortung.

Die zweite Eigenschaft, auf die ich hinweisen möchte, hat ebenfalls mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun: Es ist der weit verbreitete Pazifismus der Deutschen. Krieg und Gewaltanwendung gelten den meisten als schlechte und untaugliche Mittel zur Konfliktlösung. Dieser Pazifismus hat die Deutschen davon abgehalten, am Irak Krieg teilzunehmen. In Bezug auf Gaza wirkt sich dieser Pazifismus zum Nachteil Israels aus: Die rücksichtslose Anwendung von kriegerischen Mitteln schadet dem Ansehen Israels in Deutschland.

Zwei weitere Punkte müssen wir erwähnen, wenn wir die öffentliche Meinung in Deutschland zum Gaza-Krieg gerecht beurteilen wollen. Viele Menschen im Westen können sich mit Israel leichter identifizieren als mit den Arabern. Dafür gibt es mehrere verständliche Gründe: Israel wirkt, jedenfalls von außen, wie ein westlicher, europäischer Staat. Viele Israelis haben europäische Wurzeln, und zudem ist Israel ein Teil des geschichtlichen und religiösen Selbstverständnisses des Abendlands (was für den arabischen Nahen Osten so nicht ohne weiteres gilt). Jedes Kind im Westen kennt den Namen Israels schon aus der Bibel.

Diese insgesamt pro-israelische Grundstimmung in Deutschland und im Westen paart sich besonders seit dem 11.9.2001 mit Angst vor den Arabern und Muslimen im Allgemeinen. Der „gefühlten“ Nähe zu Israel steht eine „gefühlte“ Distanz zu Arabern und Muslimen gegenüber. Im Fall des Gaza-Krieges wirkt sich diese Angst vor allem auf die Wahrnehmung der Hamas aus. Durch alle Kommentare und Berichterstattungen in den mainstream Medien zieht sich der Grundton, dass die Hamas schlecht ist. Dies äußert sich vor allem in feststehenden Redewendungen. Die Nennung der Hamas wird häufig begleitet von Beiwörtern wie „die radikalislamische Hamas“ oder „die militante Hamas“ oder es ist die Rede von den „Hamas-Terroristen“. In vielen Kommentaren wird die Hamas daher auch mit den Taliban und Al-Qaida verglichen.

Dass es der israelischen Diplomatie gelungen ist, die europäische Union dazu zu bewegen, die Hamas auf die Liste der Terrororganisationen setzen zu lassen, erweist als sich als großer israelischer Propagandaerfolg. Das Ergebnis die erwähnte Spracheregelung, sobald die Hamas erwähnt wird, das Ergebnis ist aber auch eine Lähmung der europäischen Diplomatie, die mit der Hamas nicht verhandeln darf, weil sie auf der Liste der terroristischen Organisationen steht.

Eine weitere Besonderheit der westlichen Medien wirkt sich unbeabsichtigt ebenfalls positiv für die Wahrnehmung Israels aus: In unseren Medien werden keine Leichen gezeigt, keine Opfer, keine Schwerverletzten. Dies geschieht aus Gründen der Pietät. Wenn es aber über 1400 palästinensische Opfer gibt und nur 13 israelische, profitiert von dieser Pietät natürlich die stärkere Seite: Auf beiden Seiten werden die Opfer unsichtbar, aber auf der einen sind es hundert Mal so viele wie auf der anderen.

Schlechte Voraussetzung, positive Entwicklung

Wir können also zusammenfassen, dass die Grundvoraussetzungen für eine pro-palästinensische oder auch nur ausgeglichene Wahrnehmung des israelisch-palästinensischen Konflikts in Deutschland schlecht sind. Angesichts dessen scheint mir jedoch, dass die Darstellung des Gaza-Kriegs in den deutschen Medien eine für die palästinensische Sache positive Entwicklung aufweist. Seit ich persönlich diesen Konflikt verfolge, also seit rund 20 Jahren, habe ich selten so viele Israel-kritische Stimmen gehört wie in den drei Wochen des Gaza-Krieges und danach. Es war unmöglich, diese Israel-kritischen Stimmen zu überhören.

Ich möchte zwei Beispiele geben, eins vom Anfang des Krieges, das andere aus den Tagen danach. Beide stammen aus dem Ersten Deutschen Fernsehen der ARD, dem ältesten und einem der wichtigsten staatsnahen Fernsehsender in Deutschland. An einem der ersten Tage des Krieges, nachdem Angela Merkel ihr eingangs erwähntes einseitiges Statement pro Israel äußerte, lud der Sender den Islamwissenschaftler Udo Steinbach als Kommentator ein. Steinbach vertritt eine entschieden pro-palästinensische Haltung. Er kritisierte die deutsche Regierung, verteidigte die Hamas und verurteilte den israelischen Angriff.  Zur besten Sendezeit hörten die Zuschauer in den Nachrichten über den Konflikt als erstes eine klare, pro-palästinensische Stellungnahme.

Aber das deutsche Fernsehen wäre nicht das deutsche Fernsehen, wenn es diese pro-palästinensische Meinung eines Fachmanns ohne Widerspruch hingenommen hätte. Direkt in Anschluss an das Interview mit Steinbach brachte der Sender einen Kommentar von einem Redakteur des Senders, der eindeutig pro-israelisch war. Die Zuschauer standen also vor der Wahl, dem Fachmann Steinbach zu glauben oder der „offiziellen“ Sichtweise des öffentliche-rechtlichen Senders (ARD), welche sich im Kommentar ausdrückte. Der Zuschauer, der nicht schon vorher eine klare Meinung hatte, musste zwangsläufig verwirrt werden.

Dasselbe Phänomen ließ sich kurz nach dem Krieg in einer populären Polit-Talkshow, mit dem Namen „Hart aber fair“ beobachten. Unter dem Thema: „Blutige Trümmer in Gaza - wie weit geht unsere Solidarität mit Israel“ wurde über den Gaza-Krieg diskutiert. Auffällig war, dass von den fünf eingeladenen Diskussionsteilnehmern drei eine pro-palästinensische Position vertraten. Dennoch kann man nicht sagen, dass die Diskussion mit dem Ergebnis endete, dass der israelische Angriff zu verurteilen ist. Vielmehr zeigte sich die gleiche Verwirrung wie bereits am Anfang des Gaza-Krieges: Alle redeten durcheinander, die Diskussionsteilnehmer schrien sich gegenseitig an. Am Ende konnte sich jeder Zuschauer in seiner vorgefassten Meinung bestätigt fühlen; aus der emotional geführten Diskussion konnte man nicht lernen.

Verwirrung allenthalben

Die Verwirrung in diesen Sendungen spiegelt die Verwirrung der Medienmacher im Allgemeinen wieder. Die Verantwortlichen in den Medien wissen offensichtlich selber nicht mehr, welches Bild sie vermitteln wollen, welches Bild das richtige ist. Das deutet darauf hin, dass in den deutschen Medien und in der Öffentlichkeit insgesamt die Sympathien nicht mehr eindeutig pro Israel sind.

Das Ergebnis dieser Verwirrung ist der Verzicht auf ein klares Urteil. Ohne ein klares Urteil, ohne eine klare Änderung der öffentlichen Meinung, wird aber nur der status quo, die bestehende Politik und Situation unterstützt. Als in jeder Hinsicht stärkere Partei profitiert davon Israel. Wenn trotz aller Diskussionen am Ende doch alles gleich bleibt, bleibt die Überlegenheit Israels bestehen, und die deutsche und europäische Politik (incl. Bundeskanzlerin) braucht ihre Position nicht zu ändern.

Wenn wir die Wirkung dieser Verwirrung beurteilen wollen, müssen wir einen weiteren Punkt bedenken: Viele Menschen in Deutschland glauben durchaus, dass der Gaza-Krieg in der brutalen Form, in der er geführt wurde, unangemessen oder falsch war. Israel zu kritisieren, bedeutet in Deutschland jedoch nicht, eine direkte Sympathie mit den Palästinensern zu empfinden. Das liegt nicht zuletzt an dem erwähnten negativen Image des Islams und der Araber im Allgemeinen. Und weil wie gesagt die Hamas in Europa von den meisten Menschen (wie von der Politik) für eine Terrororganisation gehalten wird, hat die Machtübernahme der Hamas die Sympathie für die Palästinenser zusätzlich erschwert.

Ich vermute daher, dass die Kritik an Israel und das Mitleid mit den Palästinensern nicht politisch motiviert sind, sondern humanitär. In der deutschen Öffentlichkeit wird das Leiden der Zivilbevölkerung in Gaza beklagt, aber nur selten wird die Situation politisch analysiert. Viele Deutschen sind für die Palästinenser als Menschen, aber nur wenige für die palästinensische Sache. Diese Trennung zwischen den Menschen und ihren Anliegen ist ein Paradox, eine Abstraktion, die uns nur im sicheren Mitteleuropa schlüssig vorkommt. In Wirklichkeit hängt beides untrennbar zusammen.

Stellen wir uns aber jetzt vor, die Palästinenser oder die Araber insgesamt würden eine geschicktere Öffentlichkeitsarbeit machen. Stellen wir uns weiter vor, sie hätten eine bessere Diplomatie und wären weniger zerstritten; stellen wir ebenfalls vor, die Palästinenser und die Araber insgesamt hätten eine gemeinsame und realistische Strategie zur Lösung dieses Konflikts; nun, in einem solchen Fall könnte Israel mit seiner gegenwärtigen Politik den Kampf um die Sympathie der deutschen und europäischen Öffentlichkeit verlieren; und dann wäre es nur eine Frage der Zeit, bis die israelische Politik die bedingungslose Unterstützung durch die europäischen Regierungen verliert.

Trotz der erwähnten, wesentlich besseren Grundvoraussetzungen für Israel hat die Berichterstattung über den Gaza-Krieg in Deutschland gezeigt, dass sich in den Medien etwas bewegt. Obwohl die genannte Verwirrung vorerst Israel nützt, ist sie als ein Fortschritt zu werten: Noch vor wenigen Jahren gab es keine Verwirrung, weil die Verantwortlichen in den öffentlich-rechtlichen Medien zu wissen glaubten, welche Position in diesem Konflikt einzunehmen war: eine pro-israelische. Diese Zeit ist vorbei. Ich glaube daher, dass es sich für die Palästinenser und Araber lohnt, den Kampf um die öffentliche Meinung in Europa mit einer größeren Entschiedenheit als bisher aufzunehmen: Sofern palästinensische Sache gerecht ist, besteht die Hoffnung, dass auch die israelisch-palästinensische Auseinandersetzung eines Tages so wahrgenommen wird, wie es die Tatsachen gebieten.

© Stefan Weidner

Thema: Allgemein | Comments Off | Autor: Stefan Weidner

Israel, wake up!

Freitag, 23. Januar 2009 19:14

Ich möchte auf den „Brief aus Gaza“ von Esther Saoub hinweisen. Hier ist, warum: Er ist menschlich, er beschreibt die Vielschichtigkeit der Lage in Gaza, ohne übertrieben moralisch zu sein. „Ich will leben!“, sagt Muhammad, „ist das verdammt noch mal zu viel?“ Nein, es ist verdammt noch mal nicht zu viel verlangt! Er findet die Qassam-Raketen vollkommen unnütz, sie bringen ihm gar nichts, er redet nicht der Hamas das Wort, obwohl sie die Herren im Haus sind und ihm vielleicht Schwierigkeiten bereiten könnten für seine offenen Worte. Von solchen Leuten gibt´s sehr viele, möchte ich wetten. Oder liege ich falsch, Esther?

Israel, wake up!

Albrecht Metzger


Thema: Herr Metzger räumt auf | Comments Off | Autor: Albrecht Metzger

Gaza und die Medien, Teil 2

Freitag, 23. Januar 2009 18:29

Gestern habe ich ein Beispiel für meiner Meinung nach fragwürdige Berichterstattung über den Gazakrieg gebracht, bei dem ich mehrere Worte umstellen und ergänzen musste. Hier kommt Beispiel Nummer zwei, diesmal geht es im Prinzip nur um ein einziges Wort, wenn auch mit Bindestrich (also zwei, genau genommen).

Zitat: „Ein Sprecher der radikal-islamischen Hamas erklärte, seine Organisation werde so lange weiter Qassam-Raketen auf Israel schießen, bis die Blockade des Gazastreifens aufgehoben ist. Benyamin Netanjahu, Kandidat der Likudpartei für das Amt des Ministerpräsidenten bei den Parlamentswahlen im Februar, erklärte, er werde im Falle seiner Wiederwahl die israelische Armee erneut in den Gazastreifen schicken, sollte der Raketenbeschuss nicht aufhören.“

Very well, alles ganz nüchtern. Oder fällt euch was auf? Das würde mich tatsächlich interessieren, aber ich kann euch ja nicht fragen (Kommentarleiste bleibt auch weiter ausgeschaltet, keine Lust auf durchgeknallte Islamophobiker – bei allem Respekt vor allen, die bei klarem Verstand geblieben sind). Mir fällt ein einziges Wort auf: radikal-islamisch. Die „radikal-islamische“ Hamas.

Ich weiß nicht, was Medienmacher mit diesem Begriff eigentlich meinen, ich glaube, sie wissen es selbst nicht. Irgend jemand hat mal damit begonnen, und jetzt machen es alle, weil es toll klingt. Zum Nachdenken über solche Dinge haben viele Redakteure – bei allem Respekt vor meinen Kollegen – aus Gründen des Termindrucks oft keine Zeit. Hier ist meine Erklärung, was hinter dem Begriff radikal-islamisch steckt.

Er wird immer benutzt, wenn bestimmte islamistische Parteien auftauchen: die radikal-islamische Hamas, die radikal-islamische Hizbullah, die radikal-islamischen Taliban. Bleiben wir kurz bei den Taliban: Sie haben Frauen die Finger abgeschnitten, wenn sie Nagellack trugen, öffentliche Exekutionen im Stadion von Kabul zelebriert und Männer mit Gewalt in die Moscheen getrieben. All das ist mir aus dem Gazastreifen nicht zu Ohren gekommen, seit die Hamas im Januar 2006 durch legitime Wahlen an die Macht gekommen ist.

Was die Hamas nach Ansicht vieler Medienmacher vermutlich radikal-islamisch macht, ist ihre Grundcharta von vor 20 Jahren, die gerne mit erwähnt wird, wenn es der Platz erlaubt, selbst wenn der Artikel gar nichts damit zu tun hat, etwa so: „Die radikal-islamische Hamas begann heute Nachmittag damit, Qassam-Raketen auf Sderot zu schießen. Die radikal-islamische Hamas weigert sich, das Existenzrecht Israels anzuerkennen und strebt laut ihrer Charta die Vernichtung des jüdischen Staates an.“ Der letzte Satz ist eine Ergänzung, die man machen kann, die man aber auch bleiben lassen kann, weil sie mit dem Raketenbeschuss eigentlich nichts zu tun hat. Wenn man über die Frage, ob Hamas bereit ist, Israel zu akzeptieren oder nicht, reflektieren will, braucht es dafür einen eigenen Artikel. Das ist meine Meinung.

Nun gut. Schauen wir uns den zweiten politischen Akteur in dem oben genannten Satz an: Die Likudpartei. Wie mich Bettina Marx, eine Kollegin aus dem Netzwerk, aufklärte, werden in der Hymne der Likudpartei „beide Seiten des Jordan“ besungen, was wohl den Wunschtraum zum Ausdruck bringen soll, in der Zukunft ein Großisrael vom Mittelmeer bis zum Euphrat zu errichten. Damit wird in einem Satz den Palästinensern das Recht auf einen eigenen Staat abgestritten und die Legitimität des Königreichs Jordanien in Frage gestellt. Ein kühnes Unterfangen. Anders ausgedrückt: ziemlich radikal-jüdisch. Hier der gleiche Satz, ergänzt um ein Wort und einen Satz:

„Ein Sprecher der radikal-islamischen Hamas erklärte, seine Organisation werde so lange weiter Qassam-Raketen auf Israel schießen, bis die Blockade des Gazastreifens aufgehoben ist. Benyamin Netanjahu, Kandidat der radikal-jüdischen Likudpartei für das Amt des Ministerpräsidenten bei den Parlamentswahlen im Februar, erklärte, er werde im Falle seiner Wiederwahl die israelische Armee erneut in den Gazastreifen schicken, sollte der Raketenbeschuss nicht aufhören. Die radikal-jüdische Likudpartei weigert sich, das Existenzrecht Palästinas anzuerkennen und zweifelt die Legitimität des Königreichs Jordanien an. “

Das ist journalistische Fairness. Abgesehen davon: Wenn die Hizbullah radikal-islamisch ist, dann ist es die irakische Daawa-Partei auch. Kader dieser schiitischen Partei haben in den 1980er Jahren mit geholfen, die Hizbullah im Libanon aufzubauen. Zu jener Zeit entführte die radikal-islamische Hizbullah noch westliche Ausländer in Beirut, darunter auch einige Deutsche. Das hat seit ungefähr 1990 aufgehört.

Also: „Der irakische Premierminister Nuri al-Maliki von der radikal-islamischen Daawa-Partei traf gestern Nachmittag die amerikanische Außenministerin Condoleeza Rice, um über den Wiederaufbau des Landes zu sprechen. Die radikal-islamische Daawa-Partei half in den 1980er Jahren dabei, die radikal-islamische Hizbullah im Libanon aufzubauen.“

Konsequenterweise könnte man dieses Prinzip auf alle Parteien übertragen, die in der Politik aktiv sind: die moderat-jüdische Arbeiterpartei, oder, um ein Beispiel aus der Heimat zu nehmen: Die ehemals radikal-ökologischen, jetzt Kohlekraftwerke bauenden Hamburger Grünen.

Morgen kommt Beispiel drei.

Albrecht Metzger

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Brief aus Gaza

Freitag, 23. Januar 2009 11:30

Muhammads Geschichte

„Ich fahr dich nur, weil du Ausländerin bist, Araber chauffiere ich nicht mehr“, sagt Muhammad und schaut finster unter seiner schwarzen Wollmütze hervor. Der magere Mann mit dem dunklen Schnurrbart arbeitet als Fahrer und Kameramann für Al-Jazeera. Es ist elf Uhr abends, Gaza-Stadt ist stockdunkel. Vielleicht hat er Mitleid mit einer blonden Journalistin, die in ihr Hotel will. Als wir im Auto sitzen, frage ich ihn, warum er so schlecht gelaunt sei. (Dumme Frage, denke ich sofort, er arbeitet seit drei Wochen rund um die Uhr, seine Stadt liegt in Trümmern, vermutlich hat er auch Verwandte verloren). Doch Muhammad fängt anders an: „Die Araber haben uns im Stich gelassen“, sagt er, „Alle. Wenn sie reagiert hätten, wäre das Ganze hier nicht passiert. Aber sie haben zugesehen, drei Wochen lang. Die ganze Welt hat zugesehen. Wir Palästinenser in Gaza stehen völlig allein da.“

Muhammad fährt einen Moment lang schweigend weiter, vorbei an der zerschossenen Feuerwache, vorbei an eingestürzten Regierungsgebäuden. „Ist das eine Stadt?“, fragt er dann, „Das ist eine Geisterstadt. Schau dir das an: Alles stockdunkel, niemand auf der Straße. Ich werde verrückt, glaube ich. Sie haben uns die Seele zerstört, das ist es: Meine Seele ist kaputt“.

Wie es ihm ergangen sei, erkundige ich mich vorsichtig, seiner Familie? „Alle leben, Gott sei Dank. Ich habe sieben Kinder. In einer Nacht, das weiß ich noch, saßen wir zusammen in der Küche. Mein Haus hat dünne Asbestwände, die Küche ist der einzig gemauerte Raum, dort haben wir Schutz gesucht. Einen Keller oder so etwas gibt es nicht.“

Muhammad lacht im Nachhinein über seine Naivität: „Solche Wände!“, sagt er und zeigt mir 10 Zentimeter mit den Fingern, „Als hätten uns die schützen können. Wir haben die ganze Nacht nicht geschlafen. Meine Kinder haben gezittert. Stell dir vor, gestern hat jemand neben mir eine Coladose aufgemacht, und ich bin zusammengezuckt. Wie soll es da meiner Tochter gehen, sie ist anderthalb! Die Kinder kommen jede Nacht zu uns, alle, sie wollen nicht alleine schlafen, sie haben zuviel Angst. Sie glauben nicht, dass es jetzt vorbei ist.“

„Was war das für ein Krieg!“, fährt Muhammad fort. „So etwas hat es hier noch nie gegeben, noch nicht mal 1948. Und wogegen? Gegen ein paar Hamaskämpfer, die ein Gewehr auf der Schulter tragen? Was soll so ein Gewehr wohl gegen F16 Kampfflugzeuge ausrichten? Und dann die Sache mit den Raketen. Raketen! Das sind Plastikrohre mit etwas Sprengstoff drin. Feuerwerk. So etwas schießt man normalerweise zu Sylvester. Sie haben ja noch nicht mal was ausgerichtet! Aber nein, die Hamas muss sie abfeuern. Ich hätte hingehen und sie anschreien sollen: Hört auf mit dem Quatsch, die zerstören uns! Aber dann hätten sie mich erschossen. Und nun haben wir die Quittung: Alles ist kaputt. Unsere Seelen sind kaputt.“

„Ich kenne einen Jungen, ein Baby, er ist sechs Monate alt und hat als einziger seine ganze Familie überlebt. Wie wollen die Israelis ihm eines Tages gegenübertreten? Was wächst da für eine Generation heran?“

„Drei Wochen lang hatten wir kaum Wasser zu trinken, kein Essen, wie sollte ich meine Kinder ernähren? Wie soll ich sie jetzt erziehen, in die Schule schicken, etwas lernen lassen? Heute Morgen rief mich meine Frau an und sagte: Ich will Brot backen aber es gibt keinen Strom. Warte, hab ich geantwortet, vielleicht kommt er. Nach einer Stunde war er immer noch nicht da. Die Kinder sind hungrig, hat sie gesagt, was soll ich machen? Nimm den alten Gasofen, habe ich geantwortet und mach ein Holzfeuer darin (Kochgas gibt es seit Beginn der Blockade vor 18 Monaten nicht mehr). So hat sie dann Brot gebacken. Stell dir das vor. Was ist das für ein Leben? Ist das ein Leben?“

Muhammad zeigt mir einen Flüchtlingspass der UNRWA. Muhammad Rida, geb. 1973, und seine sieben Kinder sind darin aufgelistet. Muhammads Vorfahren waren vor 60 Jahren aus dem heutigen Israel in den Gazastreifen geflohen. Seitdem gelten sie als Flüchtlinge. „Ich will keine Unterstützung der UN, kein Mehl oder Öl, ich will leben! In Frieden leben. Ist das zuviel verlangt?“, fragt Muhammad.

Esther Saoub

Weiterführende Links:
Esther Saoub über ihren Aufenthalt in Gaza:
» Audiodatei auf tagesschau.de (DLF 23.1.2009)
Esther Saoub berichtet aus Gaza:
» Texte auf tagesschau.de (21.1.2009, 22.1.2009)

Thema: Briefe | Comments Off | Autor: Esther Saoub

Gaza und die Medien, Teil 1

Donnerstag, 22. Januar 2009 8:06

Ich möchte euch heute erzählen, wie die Berichterstattung über die islamische Welt und speziell den Nahen Osten nicht sein sollte. Ich habe den Eintrag in zwei Teile geteilt.

Als Beispiel wähle ich einen aktuellen Krieg, nämlich den Krieg, den die Israeli Defense Forces gegen Gaza geführt hat, der vor einigen Tagen geendet ist. Bei diesem Krieg kamen etwa 1.000 Palästinenser ums Leben und drei Dutzend Israelis. Die genauen Zahlen kam man sicher irgendwo nachlesen. Begründet wurde dieser Krieg mit dem Ende des Waffenstillstandes kurz vor Weihnachten, den die Hamas nicht bereit war zu erneuern. Ich werde später, in einem anderen Eintrag, auf die genauen Umstände dieses Krieges eingehen.

Unabhängig von dem Waffenstillstand wurde dieser Krieg generell mit dem Recht Israels begründet, sich selbst zu verteidigen. „Israel has the right to self-defense“, das ist ein Satz, den so gut wie alle meinen israelischen Freunde bei Facebook an der einen oder anderen Stelle geäußert haben. Ich sage an dieser Stelle: Israel hat das Recht auf Selbstverteidigung, Israel hat das Recht, stark zu sein und sich Hilfe von Stärkeren zu suchen, wie jeder andere Staat auch, der sich bedroht fühlt.

In diesem Fall scheint mir der Begriff „self-defense“ allerdings unpassend zu sein, denn die Qassam-Raketen, die aus dem Gazastreifen nach Sderot und Ashdod flogen, haben so viele Menschen getötet, wie die Israeli Defense Forces in zwei Sekunden ausgelöscht haben, und davon könnt ihr noch mal die Hälfte abziehen, dann sind wir auf gleicher Ebene: Bei einem Granatenangriff der Israeli Defense Forces auf eine Schule der UN in Gaza kamen 30 Menschen ums Leben, durch Qassam-Rakten sind 15 Menschen getötet worden, in den Jahren 2001 bis zum Dezember 2008 – also dem Beginn des Krieges – , wenn ich das erwähnen darf. Das sind die Zahlen des Israel Ministry of Foreign Affairs, eine Einrichtung, die nicht vom BND beobachtet wird, so weit ich weiß.

Also: Wenn Israel meint, Krieg aus Gründen der Selbstverteidigung führen zu müssen, dann doch bitte gegen einen ebenbürtigen Gegner, vielleicht Syrien. Aber dessen Waffen vergammeln auch zusehends, seit die Russen immer sporadischer die Scud-Raketen warten, die sie vor 20 Jahren geliefert haben. Bevor ein Krieg auf Augenhöhe beginnen kann, braucht es wohl ein paar Milliarden Dollar Militärhilfe, die Syrien auf keinen Fall von Deutschland bekommen sollte. Das ist zumindest meine Meinung. Das Regime ist korrupt und äußerst unkooperativ, wenn es um das Thema Menschenrechte geht. Und das ist längst nicht alles, was mir Präsident Bashar al-Assad und seine Gehilfen unsympathisch macht. Das Regime ist bis heute nicht bereit, sich mit den bösen Geistern seiner Vergangenheit öffentlich auseinander zu setzen. Es würde nämlich das Regime der Assad-Clique zum Einsturz bringen. Deswegen vermeiden sie das. Auch darauf werde ich zu einem späteren Zeitpunkt eingehen.

Kommen wir also zur Berichterstattung der deutschen Medien über den Selbstverteidigungskrieg – wohl auch im Verständnis von Bundeskanzlerin Angela Merkel – der Israeli Defense Forces gegen Gaza. Ich habe drei Beispiele im Gepäck, die ich recht anschaulich finde. Sie kommen nicht aus der BILD-Zeitung, die vermutlich noch applaudieren würde, wenn Israel auf die Idee käme, die 1.5 Millionen Einwohner Gazas ins Meer zu kippen, sondern aus dem Radio. Sie könnten in jedem deutschen Sender gesendet worden sein, ich habe vergessen, wo ich sie gehört habe. Ich paraphrasiere, gebe also nicht jedes Wort eins zu eins wieder, aber das Prinzip stimmt. Sollte ich falsch liegen, bin ich offen für Kritik und werde Betreffendes ändern.

Beispiel eins: „Die israelische Regierung erklärte heute Mittag einen einseitigen Waffenstillstand und sagte, sie werde ihre Truppen unverzüglich aus dem Gazastreifen abziehen.“ Wir sprechen von Mitte Januar, als der Krieg 1.000 Palästinenser und drei Dutzend Israelis das Leben gekostet hat, es ist also das Ende des Selbstverteidigungskriegs der Israeli Defense Forces gegen Gaza. Alles korrekt, alles ohne Emotionen, alles fair. Und direkt aus der Pressabteilung der Israeli Defense Forces.

Hier mein Alternativ-Vorschlag: „Die israelische Regierung erklärte heute Mittag, sie werde nach drei Wochen die Bombardierung des Gazasteifens einstellen und ihre Truppen aus dem abgeriegelten Gebiet abziehen. Bei der Bombardierung der Israeli Defense Forces kamen rund 1.000 Palästinenser ums Leben. Im gleichen Zeitraum wurden durch Raketenbeschuss der radikal-islamischen Hamas drei Dutzend Israelis getötet.“ Klingt auch fair, finde ich. Aber doch ganz anders. Sollten die Fakten nicht stimmen, bin ich offen für Kritik. (1.000 oder 1.200? Drei oder ein Dutzend? Ich weiß es gerade nicht. Ich werde das prüfen.)

Der zweite Teil kommt morgen.

Albrecht Metzger

Thema: Herr Metzger räumt auf | Comments Off | Autor: Albrecht Metzger

Neuanfang

Dienstag, 20. Januar 2009 21:48

Ich fange hiermit mit dem Blog von vorne an. Folgendes möchte ich mit dem Blog bezwecken: Ich möchte versuchen, Ereignisse in der islamischen Welt – und damit meine ich auch Länder mit islamischen Minderheiten wie Deutschland – aus einer bestimmten Perspektive zu betrachten, die diese Ereignisse idealerweise in einem anderen Licht erscheinen lassen, als das in vielen Medien in Deutschland der Fall ist. Diese Perspektive ergibt sich aus einer langjährigen Erfahrung mit und in den betreffenden Ländern, vor allen Dingen der arabischen Welt.

Ich bin, wie möglicherweise andere Mitglieder in diesem Netzwerk auch, häufig unglücklich über die Art und Weise, wie über Islam und Muslime in deutschen Medien berichtet wird. Das ist keine Radikalkritik, denn meinem Eindruck nach hat sich die Berichterstattung in den vergangenen zwanzig Jahren um einiges verbessert (der Golfkrieg 1991 war in dieser Hinsicht wohl ein Wendepunkt, ich werde darauf später zurückkommen). Trotzdem ist sachliche Kritik nötig und muss erlaubt sein, sie ist konstruktiv gemeint; denn weitere Veränderungen sind nötig. Ich werde das am Donnerstag anhand einiger Beispiele zur Berichterstattung über den Gazakrieg zu illustrieren versuchen.

Wer sich ein wenig mit der deutschen Medienszene auskennt, wird bei einem Blick auf die Mitglieder dieses Netzwerkes erkennen: Hier sind so gut wie alle namhaften Journalisten und Publizisten vertreten, die sich im deutschsprachigen Raum professionell mit der islamischen Welt beschäftigen.

Der wichtigste Teil der Arbeit dieses Netzwerkes findet noch im Verborgenen statt: Es ist die interne Diskussionsgruppe, an der alle hier erwähnten Islamwissenschaftler, Iranisten und Turkologen teilnehmen. Ich würde diese Diskussionsrunde als eine Art internen Think Tank bezeichnen, der sich für mich persönlich als höchst inspirierend erwiesen hat. Ich denke und hoffe, und das ist an dieser Stelle meine persönliche Meinung, von diesen internen Diskussionsrunden sollten künftig auch die Besucher dieser Webseite profitieren.

Bislang gibt es außer meinem den Blog „Kristinas Kolumne“ (Kristina Bergmann) sowie den Blog „Hörfenster“ (Tobias Mayer). Idealerweise stelle ich mir eine gegenseitige öffentliche Kommunikation vor, das heißt, ein Blogger wird bei Gelegenheit auf den anderen Bezug nehmen und auf die betreffenden Beiträge der anderen hinweisen. Damit würden die Blogs nicht isoliert nebeneinander stehen, sondern miteinander kommunizieren. Das könnte sich für die Leser als interessant erweisen, weil sie zumindest teilweise an den oben genannten Diskussionen des internen Think Tanks teilhaben könnten. Für uns selber, die Blogger, dürfte das eine weitere, zu den Diskussionen des internen Think Tanks hinzukommende Inspiration sein.

Die Sprache dieses Blogs wird nüchtern und sachlich sein, auch wenn die Texte in Ich-Form verfasst sein werden. Für ironische, möglicherweise polemische, hoffentlich aber witzige Beiträge werde ich die Rubrik „Briefe“ benutzen, in der in lockerer Folge die Mitglieder des Netzwerkes in sehr persönlicher Form über ihre Arbeit berichten (bislang gibt es drei Briefe). Die Leser können hier also am Journalistenalltag teilhaben, geschrieben von Leuten, die die ganze islamische Welt bereisen oder bereist haben. Ich denke, all das zusammen genommen wird diese Webseite zu einem Fundus an Erfahrung und Wissen machen, die im deutschsprachigen Raum ihresgleichen sucht.

So, genug der einleitenden Worte. Ich werde also am Donnerstag mit einem Beitrag starten, der sich mit einigen Beispielen der Medienberichterstattung während des Gazakrieges beschäftigen wird. Viel Spaß bei der Lektüre.

Albrecht Metzger

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Sammeln und nicht berühmt werden

Sonntag, 18. Januar 2009 15:36

Je älter ich werde, desto mehr packt mich die Sammelleidenschaft. Inzwischen habe ich schon eine ganze Menge Zusammenstellungen. Ich sammle zum Beispiel Schals. Und Kissen. Sogar meinen Sohn belästige ich mit meinem Tick: «Du magst doch Katzen», habe ich zu ihm gesagt, «Also sammelst du jetzt mal welche aus Stein….».

Mein tollster Schatz ist eine Fotosammlung. Auf die Idee kam ich, als ich bei Ali Semman eingeladen war. Der war damals der Vorsitzende des «Interfaith-Committee» der Azhar-Universität. So nannte Semman seinen Arbeitsort, und ich habe keine gute Übersetzung gefunden. Im Prinzip geht es dort darum, die verschiedenen Religionen unter einen Hut zu kriegen.

Jedenfalls war ich bei Semman zum Frühstück eingeladen. Er selbst ist ein interessanter Mann, der seinen Vorsatz durchaus zu leben versucht. Er ist Ägypter und mit einer französisch-christlichen Modeschöpferin verheiratet. Ausserdem hat einen Sohn, ich glaube, aus einer früheren Ehe. Damals lebte der in New York und wollte eine Jüdin heiraten. In Ägypten ist das Sprengstoff. Ich hoffe, der alte Semman hat das niemandem in seinem Interfaith-Committee erzählt…

Nachdem er viel Orangensaft getrunken hatte, stand Semman auf und führte mich zu einem Glastisch. Darauf steht seine Fotosammlung, rund zwanzig Bilder, auf denen er mit jeweils einem berühmten Menschen zu sehen ist. Und was für Menschen! Nasser, Sadat, Clinton, der alte Bush usw. Als ich nach Hause ging, war ich tief beeindruckt. Dann dachte ich: Was Semman macht, kann ich schon lange!

Grundstock meiner Sammlung wurde ein Bild von Arafat, dem früheren Präsidenten Palästinas, und mir. Im Jahre 2000 war ich nur einen Monat nach Beginn der 2. Intifada im Gazastreifen gewesen. Dort hatten eine Journalistengruppe und ich einen «Begrüssungstermin» mit Arafat. Er beantwortete ein paar Fragen und liess sich dann bereitwillig mit jedem von uns ablichten. Um mich legte der gute Mann sogar seinen Arm. Vielleicht, um zu überspielen, dass er kleiner als ich war? Jedenfalls war die Fotografin, die das Schwarz-Weiss-Bild entwickelte, so begeistert, dass sie es in einen Rahmen steckte und mir schenkte. Ich hing es - nicht minder enthusiastisch - an die Wand.

Inzwischen ist Arafat tot, und das steigert den Wert des Bildes enorm. Ausserdem ist meine Sammlung auf zehn Bilder angewachsen. Nicht übel sind folgende Fotos: Mohammed Tantauwi (der ägyptische Grossscheich) und ich und Baba Shenuda (der hiesige koptische Patriarch) und ich. Glanzpunkt der Zusammenstellung ist jedoch das Bild von Gamal Mubarak und mir. Der ist ja der Sohn des ägyptischen Präsidenten, Hosni Mubarak. Ich traf den Junior beim «Economic Forum» in Sharm ash-Sheikh. Nach einem «Business-Lunch» drängten viele Reporter auf das Podium, von wo aus Gamal gesprochen hatte. Ein Chinese drückte mir seine Kamera in die Hand und sagte, ich solle ihn und Gamal fotografieren. Ich reagierte blitzschnell und sagte: «Okay, aber nur, wenn Sie mich danach mit ihm knipsen.» Schliesslich wird Gamal vielleicht mal selbst Präsident… und das war nun eine einmalige Gelegenheit, ein Foto von ihm und mir zu bekommen. Wenn solche Leute nämlich mal an der Macht sind, sieht man sie nie wieder.

Der Chinese war fair - er machte nicht nur das Bild, sondern schickte es mir auch. Allerdings war seine Qualität erbärmlich. Mein Gesicht glänzte oder hatte seltsame Schlieren, und der Fotohändler brauchte eine Stunde, um aus dem miesen Bild eins zu machen, das man anschauen konnte. Vermutlich waren die chinesischen Kameras damals schlecht - heute sind sie Spitzenklasse!

Danach kam das Bild von Gamal und mir extra gross und in einem tollen Rahmen in die Mitte der Fotowand. Darüber hängt übrigens eins von Amr Khaled und mir, einem selbsternannten Prediger, den die arabischen Muslime über alles lieben, und der es zu grossem Ruhm gebracht hat.

Was fehlt, sind Frauen. Eigentlich habe ich nur ein einziges Bild, auf dem eine weibliche Berühmtheit zu sehen ist: das von Micheline Calmy-Rey und mir. Mit der Schweizer Aussenministerin war ich zusammen im Sudan, in Darfur.

Im kommenden Monat kommt zum Glück eine weitere Schweizer Ministerin nach Ägypten. Das ist Doris Leuthard, die Bundesrätin für Wirtschaft. Zu den Pressekonferenzen mit ihr muss ich unbedingt meinen Fotoapparat mitnehmen. Sie ist nämlich nicht nur eine Frau, sondern auch noch hübsch. Als Frau kann ich das ja ruhig schreiben, als Mann würde ich deshalb gleich als Macho bezeichnet werden.

Kristina Bergmann

Thema: Kristinas Kolumne | Comments Off | Autor: Kristina Bergmann

VG Wort - Zum Geleit

Samstag, 17. Januar 2009 20:11

Dieser Artikel beginnt mit einem Pixel. Man kann ihn nicht sehen, denn er ist durchsichtig, aber er ist da. Genau genommen handelt es sich um ein Bild, von der Größe eines Pixels im Quadrat. Dieses Bild steht vor dem ersten Wort - und es ist eine Laune des Schicksals, dass das Hörfenster-Blog ausgerechnet mit einem schnöden, dazu noch unsichtbaren Pixel beginnt. Aber mich trägt keine Schuld, es geht nicht anders. Und warum noch eine ausschweifende Erklärung dieses winzigen Phänomens? Weil das der Grund ist, dass dieser erste Beitrag mindestens 1800 Anschläge haben muss.

Das ist nämlich der Mindestumfang für einen bei der „Verwertungsgesellschaft WORT“ meldefähigen Internet-Text, um bei der Tantiemen-Ausschüttung im nächsten Jahr berücksichtigt zu werden. Aber nicht nur das: Der Artikel muss auch noch 1500-mal angeklickt werden (ob man ihn liest, ist zweitrangig), genauer: von 1500 verschiedenen Seitenbesuchern. So will es die VG Wort. Bei jedem Klick macht das 1-Pixel-Bild oben dann selbständig bei der VG Wort Meldung.

Und wenn das Ende Dezember geschafft ist, dann bekomme ich im Oktober 2010 ein paar Euro von der VG Wort für diesen Text. Letztes Jahr waren es 30, aber ich befürchte, je mehr Leute dieses Verfahren kapieren, desto kleiner ist der Kuchenkrümel, der abfällt…

Uninteressant bis hierhin? Es musste geschrieben werden. Denn was jetzt kommt, hätte es allein nie auf 1800 Anschläge gebracht.

Zur Sache: Hörfenster, das ist der Name meiner Homepage, schon seit einigen Jahren. Ich fand den Namen schön. Und er passt zu dem, was ich mache: Radio. Im Mittelalter gab es „Hörfenster“ in Synagogen, kleine Fenster zwischen Männer- und Frauen-Betraum. In Synagogen betete man zu dieser Zeit - wie in Moscheen heute noch - getrennt. Die alte Synagoge von Speyer hatte so ein Hörfenster.

Hörfenster der alten Synagoge in Speyer

Hörfenster der alten Synagoge in Speyer

Heutzutage schaut man den lieben langen Tag durch ein Fenster namens „Monitor“, vielleicht 19’’ groß, klickt auf einen Link und manchmal - auf wundersame Weise - hört man auch die Welt da draußen. So wird das World Wide Web zum „Hörfenster“.

Diese Art von Hörfenster möchte ich öffnen.

Das erste Hörfenster wird sich mit dem letzten deutschen Siedler in Aserbaidschan beschäftigen, er hieß Viktor Klein. Als ich ihn vor einigen Jahren besuchte, war er im Vollrausch. Es wurde das beklemmendste Interview, das ich je geführt habe. Die ersten Worte, die er nach meinen bohrenden Fragen herauspresste, waren: „Zu was brauchen Sie das alles? Alle sind gestorben.“ Und das in einem Alt-Württemberger Dialekt aus dem 19. Jahrhundert.

Hier die ganze Geschichte.

Tobias Mayer

[2619 Anschläge]

Thema: Hörfenster | Comments Off | Autor: Tobias Mayer

Brief aus Kairo

Freitag, 16. Januar 2009 15:25

Mach mich nicht an

Kürzlich habe ich Noha Rushdi besucht. Waaas, Ihr wisst nicht, wer das ist? Naja, ausserhalb Ägyptens ist Noha vermutlich gar nicht bekannt…

Hier wird sie stark beachtet, und deshalb war ich erstaunt, sofort einen Termin bei ihr zu bekommen. Wenn in Ägypten jemand nämlich ein klein wenig berühmt ist, nimmt er das Telefon kaum noch selbst ab und vertagt Rendez-vous’ auf kommendes Jahr. Noha wollte mich hingegen gleich sehen. Noch dazu in Maadi (in dem Kairoer Vorort, wo ich wohne).

Noha war bei ihrer Mutter. Sie ist 27 Jahre alt und lebt sonst allein. Klingt normal, ist es aber in Ägypten nicht. Dort bleibt man bei seinen Eltern, bis man heiratet. Noha tickt aber anders. Sie wohnt nicht nur unverheiratet in einer eigenen Wohnung, sondern auch ein ganzes Stück von ihrer Mutter und ihrem Vater entfernt.

Als ich klingelte, machte die Mutter auf. Auch die lebt allein und ist von ihrem palästinensischem Mann geschieden. Sie ist Ägypterin, wirkte auf mich mit ihrem straff zurück gekämmten Haar und ihrer scharfen Nase aber wie eine Spanierin. Sie war sehr freundlich und brachte mich in Nohas früheres Kinderzimmer. Die Arme lag mit einer Erkältung im Bett.

Noha Rushdi krank im Bett (Bild: Kristina Bergmann)

Schnupfen und Husten, die Noha ganz schön krächzen liessen, waren nicht der Hauptgrund für ihre Heimkehr. «Meine Mutter hat Angst um mich. Vielleicht habe ich selbst auch Angst. Jedenfalls bleibe ich ein paar Tage hier», sagte Noha und zog verlegen die Schultern hoch.

Die junge Regisseurin hat gerade einen Prozess gewonnen. Und zwar gegen einen Anmacher. Zum ersten Mal in Ägypten bekam damit eine Frau, die gegen einen handgreiflichen Buhler vor Gericht zog, recht. Der Mann, ein Fahrer, musste ins Gefängnis und eine Strafe zahlen.

Die Geschichte von Noha stand in allen Zeitungen, und ich kenne sie. Trotzdem liess ich sie mir nochmal erzählen. Nicht zuletzt, weil es gut tut, einen dieser vielen miesen Lüstlinge bestraft zu wissen…

«Ich war auf der Strasse, hatte beide Hände mit meinem Computer und Taschen voll, als mich plötzlich ein Pick-up an die Hauswand drückte, der Fahrer seine Hand aus dem Fenster streckte und brutal in meine Brust kniff. Dann fuhr er weiter und lächelte mir triumphierend aus dem Rückspiegel zu. Das wirkte auf mich wie ein Signal. Ich liess alles fallen und rannte hinter ihm her. Ich sprang auf die Kühlerhaube. Er fuhr rückwärts, um mich abzuschütteln. Ich fiel runter und klammerte mich an den Türgriff des Pick-ups - bis der Fahrer endlich anhielt», erzählte Noha mit heiserer Stimme.

Anschliessend hätten sich Leute um die beiden gesammelt. Sie wollten helfen und würden den Typen verprügeln, wenn Noha das wünsche, hätten sie gesagt und die Ärmel hochgekrempelt. Nein, habe Noha geantwortet, sie wolle zur Polizei und den Fahrer anzeigen. Warum, wieso, das bringe doch nichts, habe das Publikum gebrüllt. Doch Noha blieb hart. Ein einziger junger Mann habe sie verstanden und ihr geholfen, den Grobian zur Polizeiwache zu zerren.

Der Polizist habe zuallererst gefragt, wo ihr Vater sei, fuhr Noha grinsend fort. Eine Frau, noch dazu eine junge, zähle in Ägypten nicht als vollwertiger Mensch und könne nach Volksmeinung allein kein Protokoll abgeben. Noha liess ihren Vater kommen. Offenbar weiss sie, was in Ägypten geht und was nicht und auch, was sie will.

Schliesslich kam es zum Prozess. Weder Nohas Eltern, noch ihre Freunde und Sympathisanten hatten für möglich gehalten, dass Noha den gewinnen könnte. Und dass der Anmacher so streng bestraft würde. «Das ist wie ein Traum», sagte ihre Mutter zu mir. Doch die Rache an Noha würde fürchterlich sein, meinte sie nachdenklich.

«Was war denn das Schlimmste bei der ganzen Sache», fragte ich Noha, während ich auf ihrem Bett sass. Am meisten habe sie geärgert, dass ihr nur einer half, den Fahrer zur Polizei zu schleppen, antwortete Noha. Und dass die übrigen Passanten gesagt hätten: Ach komm Mädchen, Anmache ist doch normal, nimm’s nicht so tragisch!

Die erkältete Noha seufzte, strich sich die Haare aus dem Gesicht, legte die Hände auf die Bettdecke und hustete.

Danach verabschiedete ich mich. Ich war von Noha, aber auch von ihrer Mutter beeindruckt. Die beiden sind toll. Ich selbst finde im Nachhinein am schlimmsten, dass letztere recht behalten sollte. Eine Anwältin kippte am folgenden Tag nämlich um und erklärte, Noha sei gar nicht angemacht worden. In Wahrheit sei sie eine Palästinenserin ohne Pass, die Ägypten nur schlecht machen wolle. Vermutlich habe Noha den armen Fahrer drangsaliert; man müsse sie deshalb so schnell wie möglich ausweisen. Am Nil habe DIE jedenfalls nichts zu suchen.

Kristina Bergmann

Thema: Briefe | Comments Off | Autor: Kristina Bergmann