Beiträge vom Januar, 2009

Namen sind Zufall

Donnerstag, 15. Januar 2009 10:49

Ich heisse Kristina. Mit K, i, i und a. Das ist ungewöhnlich, und deshalb diktiere ich meinen Namen oft. Für meine Mutter war das die «schwedische Schreibweise», und die fand sie besonders chic. Manche kapieren’s dennoch nicht und schreiben Christina, Kristine, und in der Schweiz nennen mich ein paar Kollegen «Chch-ri-schtiina». Ich widerspreche nicht, denn jeder muss selbst wissen, was er tut.

Würde ich mich statt mit i mit y schreiben, wäre ich vermutlich in Polen geboren. Das wäre nicht sooo unwahrscheinlich, immerhin stammen viele meiner Vorfahren von dort. Die meisten waren Ostdeutsche, einige hatten aber auch polnisches oder gar russisches Blut. Das hört man aus dem Namen meiner Grossmutter mütterlicherseits - «Baldin» - heraus. Sie heiratete einen «Helmchen» - toller Name - auch damals, weswegen meine Mutter und ihre Zwillingsschwester von ihren Mitschülern nur Helmchen 1 und 2 genannt wurden.

Die andere Grossmutter kam aus Breslau, war angeblich «das hübscheste Mädchen der Stadt» und hiess Steinberg. Sie heiratete einen Bergmann. Aha, denkt jetzt der Leser, eine logische Geschichte. Wäre sie wohl, wenn der Grossvater nicht ein Adoptivkind gewesen wäre, ein uneheliches noch dazu. Ob er also ein echter Bergmann war, ist schwer zu sagen. Sein Adoptivvater, ein Off’zier (so sagten die damals in Breslau), hiess jedenfalls so.

Alle Grosseltern zogen irgendwann vom Osten nach Berlin, das war damals das grosse Ziel und die schöne neue Welt. Als der Krieg kam (der Zweite), musste Grossvater Bergmann seine Mutter ausfindig machen, zwecks Bescheinigung, dass die nicht jüdisch war… Er fand sie in Hamburg; sie war selbst unehelich, Magd und Polin und hiess Wilhelmine Czichotska. Immerhin war sie evangelisch… in der damaligen Zeit ein klarer Vorteil. Ich kann bis jetzt meinen Grossvater (längst tot) förmlich aufatmen hören.

Mit Nachnamen heisse ich nun Bergmann und bin oder war auch evangelisch. In Europa ist das (vielleicht) wurscht, aber in der arabischen Welt bis heute ein Plus. In Ägypten gibt es immerhin rund 10 Prozent Christen, und so befindet man sich in Gesellschaft. Allerdings kommen die Muslime mit den Kopten (also den ägyptischen Christen) nicht gerade sehr gut aus. Das geben sie natürlich nicht zu, stattdessen heisst es: «Wir sind alle Ägypter, und die Religionszugehörigkeit ist unwichtig». Eine ausländische Christin finden auch muslimische Ägypter  sehr viel vertrauenswürdiger als eine ausländische Jüdin. Die wäre dubios, und die würden sie als Spionin verdächtigen. Doch auch wenn Muslime und Christen hier eng beieinander leben, wissen sie recht wenig voneinander. Und so stolpern eine Menge Muslime über meinen Namen. Denen sage ich, dass er auf Arabisch etwa «Abdul-Mesih» bedeute. Dann lachen die Ägypter, denn das ist ein Männername.

Zum Glück nennen einen die Araber immer beim Vornamen. Denn «Bergmann» ist für sie nicht nur schwierig auszusprechen, sondern ist ihnen auch suspekt. Einige haben nämlich gehört, dass sich hinter jedem ausländischen Namen mit der Endung «-mann» ein Jude oder eine Jüdin verberge. In Libyen habe ich deshalb mal kein Visum bekommen. Die Beamten sagten mir auf den Kopf zu, ich sei Jüdin, klarer Fall, und Juden wollten sie in Libyen nicht.

Wenn ich solchen Schmarren höre, muss ich immer daran denken, mit welchem Stolz mein Grossvater unser Familienwappen in die Luft hob. Darauf ist ein «Bergmann» zu sehen, also einer, der in die Grube fährt. Auch Berge sind darauf. Mit unserer Herkunft habe beides vermutlich gar nichts zu tun, meint wiederum mein Vater. Und ob in der Vergangenheit in den Adern irgendeines Vorfahren nicht doch jüdisches Blut floss, weiss niemand genau. Will vermutlich auch keiner wissen. Als ich das mal meinem Exmann, einem Ägypter, andeutete, warnte mich der: «Sag das niemals laut in Kairo!» Er selbst heisst übrigens «Moussa» und so auch mein Sohn. Ich fand das immer sehr schön, denn Moussa, also Moses, war nicht nur Ägypter, sondern vereint auch Juden, Christen und Muslime. Oder sehe ich das falsch?

Kristina Bergmann

Thema: Kristinas Kolumne | Comments Off | Autor: Kristina Bergmann

Brief aus Köln

Sonntag, 4. Januar 2009 11:55

Die Welt, in der ich lebe, täglich den Rhein überquere und wieder zurückfahre, lässt sich treffend mit dem Wort Parallelwelt umreissen. Die andere Wirklichkeit, die eigentliche,  kommt gelegentlich zu einem Besuch vorbei. In ihrer Welt geht es um Residenzpflicht, um Stundenlöhne, die eher Minutentarife sind, und um existentielle Nöte, die ich aus Nachkriegsschilderungen kenne.

Eine alte afghanische Freundin sass auf der Bank in meiner Küche, sie hatte ihre Tochter seit über 12 Jahren nicht gesehen, ihr Mann sogar noch länger.
Während wir über ihr Kind sprachen, sah ich durch das Küchenfenster, wie mein ältester Sohn gerade ein Tor schoss, was den Mittleren wenig amüsierte, wollte er seinerzeit nämlich dringend Torwart werden. Meine Freundin war vor vielen Jahren nach Deutschland geflohen, die Tochter wollte damals nicht mit. Ums Verrecken nicht. Die Mutter kam um vor Sehnsucht. Alle Ärzte hatte sie schon nach der Ursache ihres Schmerzes suchen lassen: am Handgelenk, südlich des Bauchnabels, später im Knie. Nichts zu finden. Das Kind war weg, der Schmerz blieb. Noch ein Tor fiel derweil im Garten.
Als nun nach dem Bleiberechtskompromiss im vergangenen Jahr (den man rückblickend gar nicht mehr so nennen kann) Grund zu der Hoffnung bestand, dass sie einen Aufenthaltstitel bekommen könnte, übernahm die Sehnsucht die heimische Finanzplanung. Sie fragte mich ohne die üblichen silbenreichen Höflichkeitsfloskeln, ob ich ihr 7.000 Euro leihen könnte. Sie brauche über 10.000 Euro, um die Tochter aus Afghanistan herzuholen. Sie habe schon jemanden, nennen wir ihn Transportunternehmer, kontaktiert. Ein sicherer Weg, mit Erfolgsgarantie. Ein optimaler Paketpreis, schwärmte sie, was blieb ihr auch anderes übrig.

Was sollte ich machen? Ihr Mann arbeitet in einem Kiosk. Der Stundenlohn ist symbolisch, vier Euro.  Als Geduldeter konnte er sich gegen diese Bezahlung nicht wehren, und das wusste sein afghanischer Chef, der selber mal geduldet war. Meine Freundin hatte jüngst all ihr Geld einer anderen Familie geliehen, die ihre kranke Mutter herschleusen wollte. 3000 Euro. Keine Ahnung, welchen Opa sie für dieses Geld umgelegt hatte. Ihr gesamter Freundeskreis, die Geduldeten, sind alle  verschuldet, leihen sich ständig gegenseitig Geld und werden dabei selber mal, wie eine Freundin von ihr, zum Subschlepper. Auch meine Freundin selbst ist verschuldet und jetzt brauchte sie also noch einmal 10.000 Euro. Im Garten sah es nach einem Streit zwischen Torwart und Stürmer aus. Sie ist Mutter, ich auch. Also sagte ich zu.  Dass ich nun wahlweise „Fluchthelferin“, wie die Flüchtlingsszene es nennt, oder Menschenhändler, wie die Innenministerien diese Tätigkeit umschreiben, werden würde, fand ich zweitrangig.
Als ich meine heimischen Finanzberater konsultierte, rieten die mir, ich solle ihr nur soviel geben, wie ich ihr auch schenken würde. Ich verliere mich in Details. Am Ende habe ich gezahlt. Keine 7000.

Der Transportunternehmer hielt sein Wort, nach einigen Wochen setzte er seine Maschine in Gang. Ich kann den genauen Weg nicht schildern, leuchtet vermutlich jedem ein. Die Tochter war etwa eine Woche unterwegs, was einer Expresszustellung gleich kommt. Als sie hier war, bin ich natürlich sofort hin, um zu erfahren, in wen ich investiert hatte und um die glücklichen Augen meiner Freundin zu sehen. Die Tochter, immer noch im Trancezustand, weil sie endlich ihre Familie wieder umarmen konnte, erzählte vergnügt von den deutschen Grenzbeamten. Sie hatten gefragt, warum im Pass stünde, sie habe blaue Augen, dabei seien sie ja braun. Das junge Mädchen begriff die Gefahr nicht und scherzte mit den Männern. Sie kannte bis dato nur hochbewaffnete Polizisten, die auch abdrückten, diese Deutschen fand sie nett. Dass sie, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, mit einem deutschen Pass reiste, verunsicherte sie nicht. Schließlich war sie der größten Gefahr in ihrer Heimat Afghanistan entkommen. Der Rest waren keine Hürden, sondern Schuhkisten für sie.
Noch etwas hat mich in ihren Schilderungen beeindruckt: Die Menschenhändler und die Schlepperringe bei der Flucht des Mädchens stellten sich vor allem in Form eines Schülers dar, der es durch Europa begleitete, um sich danach wieder in seiner deutschen Klasse zu setzen.

Ich hatte mir diese Menschenschlepper und die, die sie bezahlen, Gott weiss wie bewaffnet, bekifft und im Geld schwimmend vorgestellt. Und nun ist diese „organisierte Kriminalität“ so nah. Vielleicht gehör ich jetzt auch ein bisschen dazu, finanziell zumindest. Nur habe ich das Glück, aus der Parallelwelt zu kommen, wo Flucht nicht zwingend nötig ist, und wir frei reisen können,  von Schulden und Kioskvasallenschaft ganz zu schweigen.
Meine Freundin hat mir übrigens schon fast ein Drittel des Geldes zurückgezahlt, was das Scherzen über meinen neuen Nebenjob erleichtert.

Isabel Schayani

Thema: Briefe | Comments Off | Autor: Isabel Schayani