Barack Hussein Obama
Donnerstag, 26. Februar 2009 13:45
Zur Inauguration von Obama hatte ich einen Text geschrieben, den kein Medium drucken wollte. Na ja, kann ich verstehen, ist ein schräges Ding, viele Anglizismen und auch sonst nur bedingt Mainstream-kompatibel. Aber irgendwie gefällt er mir, stelle ihn deswegen hier rein. Es geht los:
Barack Hussein is Coming
Heute ist Inauguration Day. Barrack Hussein is coming, und mit ihm Michelle the Gazelle. Darf man so was schreiben? Egal, jetzt steht es hier. Ich habe mir angewöhnt, respektlos zu sein, aber mit Gefühl. Zum Schluss des Artikels wird es allerdings wüst, das muss ich zugeben. Wer depressiven Zynismus nicht vertragen kann, sollte hier aussteigen. Allen, die bis zur letzten Station mitfahren, sei jedoch gesagt: Relax. Ist nicht so gemeint. I love America. Change is coming.
Womit ich bei der zweiten Vorankündigung wäre: Dieser Text wimmelt vor Amerikanismen, ich bin kulturell vom Großen Bruder beeinflusst, wie wir alle, denke ich. Wenn den ganzen Tag Rap im Radio läuft („Nigga, Nigga, gonna fuck you ´till tomorrow“ usw.), färbt das ab. Also habt euch nicht so, es ist immer noch halbwegs richtiges Deutsch.
Also gut. Barrack Hussein is coming. Gleichzeitig geht jemand aus dem Weißen Haus, dessen einziger lichter Blick in acht Jahren Folterspaß ausgerechnet in Bagdad zu bobachten war, jener Augenblick eben, als er in einem Anfall von Menschlichkeit die Schip-Schip-Attacke* eines übermütigen irakischen Kollegen mit bübischem Grinsen ertrug.
Weil ich mich generell bemühe, nur den einen Moment zu sehen, mich auf das zu konzentrieren, was gerade ist, ohne an das Vorher zu denken, kann ich auch Leuten etwas Sympathisches abgewinnen, die viel Bullshit auf sich geladen haben. Ich habe Freunde, die das nicht können. Für sie ist W. ein Wichser, Punkt aus. Manche von ihnen fanden sogar 9/11 geil.
Für mich aber war Bagdad ein Moment, wo all das, was vorher geschehen war, für wenige Sekunden keine Rolle spielte. Ich fand es menschlich, wie irritiert W. guckte, als die Moonboots (siehe *, letzter Satz) angeflogen kamen, noch menschlicher aber, wie er seine Gorillaz davon abhielt, den Mann in Schaschlikstücke zu portionieren. „Lasst mal, Jungs, er hat schon recht“, wollte er glaube ich sagen. Da kamen schon die Nachfolger von Saddams Leibgarde, die mittlerweile zwar demokratisch legitimiert sind, aber auch zuschlagen können.
Ich möchte Euch übrigens, begleitend zu diesem Stück, ein Lied ans Herz legen, das ich mir in den vergangenen Tagen 63 mal angehört habe. Es geht mir durch den Kopf, wie einem Säufer weiße Mäuse über den Weg laufen, wenn er keinen Stoff kriegt. Vollkommen Gaga, ich weiß. Der Text und die Musik spiegeln meinen Gemütszustand wider, in einer Weise, wie ich es vorher noch nicht erlebt habe. Aber es werden auch nicht alle Tage Panzergranaten auf Grundschulen abgefeuert und die Opfer zu Terroristen gemacht und von Militärsprechern entmenschlicht.
Das Lied wird von der britschen Band Coldplay und dem amerikanischen Rapper Jay-Z gesungen, es heißt „Lost“. Ladet Euch den Song runter, schaltet die Lautsprecher ein und dann: Crank it up and read this article!
Das Lied geht um verlieren und gewinnen, um Schmerz und Tod. Es fängt mit Chris Martin an, dem Sänger von Coldplay: „Just because I am losing, doesn´t mean I am lost, doesn´t mean I´ll stop.“ Übersetzt und aus aktuellen Gründen leicht erweitert: „Nur weil ich am verlieren bin, heißt das noch lange nicht, dass ich verloren bin, dass ich aufhören würde zu leben.“ Einfacher ausgedrückt, und zwar mit den Worten des serbisch-hessischen Ballartisten Dragoslav Stepanovic (Frankfruter Eintracht, Bayer 04): „Lebbe geht weiter!“ Irgendwann kommt die Zeile:„You might be a big fish, In a little pond, Doesn’t mean you’ve won, ‘Cause a long may come A bigger one. And you’ll be lost.” Also ungefähr: „Mach dich nicht so groß, so groß bis du nicht, vielleicht kommt irgendwann ein größerer als du, und du bist verloren.“ Eine Zeile, die, bei aller Liebe, sich unsere Freunde im östlichen Mittelmeer bei Gelegenheit klar machen sollten.
Ihr mögt Euch fragen, warum ich immer Barack Hussein schreibe. Ganz einfach: Sein zweiter Name ist für mich ein Symbol von Hoffnung auf bessere Zeiten. Als Barack Obama seinem Rivalen John McCain in den Umfragen enteilt war, begannen seine Berater eine Hetzkampagne, die einem Land, das Religionsfreiheit nicht nur propagiert, sondern auch praktiziert, nicht würdig war. Wie in einem bösen Wahn suchten sie nach Beweisen, mit denen sie hätten belegen können, Barack Obama sei ein Motherfucking Muslim. Das heißt: Beweise brauchten sie gar nicht, sie haben es einfach behauptet, in der Hoffnung, White America würde das kalte Grausen kriegen. Hat nicht ganz geklappt, wie mir scheint.
Reporter, die John McCain über längere Zeit im Wahlkampf begleiteten, sagten im Nachhinein, er hätte sich dabei selbst nicht wohl in seiner Haut gefühlt und sei froh gewesen, als alles vorbei war. Ich schätze ihn dafür als jemand, der unter Zwang seine Prinzipien aufgab und sich rehabilitierte, als er am 8. November um 23:59 Uhr seinem Kontrahenten zum Wahlsieg gratulierte und die besten Wünsche für die Zukunft mit auf den Weg gab. We are brothers. Ich glaube, das war ehrlich gemeint.
Während die Kampagne gegen Barrack Obama lief, starteten ein paar Amerikaner auf der Internetseite Facebook eine skurrile Aktion, die in Windeseile Nachahmer fand: Sie übernahmen einfach Barrack Obamas mittleren Namen, und alle hießen auf einmal „Hussein“. Sie wollten damit sagen: „Barack Obama ein Muslim? Scheiß was drauf, wir hatten einen notgeilen Baptisten als Präsidenten, irgendwann kommt ein verklemmter Mormone, soll doch zwischendurch ein verkappter Muslim sein Glück versuchen.“ Mein Facebookfriend Daniel hat auch mitgemacht, ein Jude, wenn die Anmerkung erlaubt ist.
Und dann Collin Powell, der den Irak-Krieg im Februar 2003 in schamloser Weise vor der UN-Versammlung mit Lügen rechtfertigte, wohl wissend, er präsentierte ausgedachte Fakten. Er sagte sinngemäß: „Ich bin auf Obamas Seite, er ist der richtige Mann. Keiner hat das Recht, ihm zu unterstellen er sei Muslim. Und selbst wenn er es wäre, wäre das egal. Wo leben wir eigentlich.“ Auch er hat mich mit seiner Umkehr tief beeindruckt.
„Lost“. Nach Chris Martin kommt Jay-Z und singt über Martin Luther King, über Malcolm X, über Judas, Julius Cäsar und Jesus Christus. Der Erfolg führe in den Tod, singt er: „Suicide, it´s a suicide.“ Zum Glück hat er Barack Hussein nicht erwähnt, das wäre ein schlechtes Omen gewesen. God bless him.
Es gibt Leute, die fragen sich, warum die Neger in Amerika immer noch ermordeten Charismatikern aus den sechziger Jahren hinterher jammern. „Denen geht´s doch gut“, sagen sie. „Wenn ihre Vorfahren seinerzeit im Kongo geblieben wären, würden ihnen heute Kindersoldaten auf Speed Nase, Zunge und Hodensack abschneiden. Außerdem haben sie jetzt Obama. Was soll das Gejammer.“
Diese Leute halten die Neger Amerikas für unnötig aufmüpfig. „Die sollen mal aufhören, ihre Zeit mit Projektilbasteln zu verschwenden“, sagen sie. „Wenn sie früher angefangen hätten zu arbeiten, statt von der CIA mitgebrachtes Crack auf den Straßen von LA zu verticken, würden sie heute alle in halbwegs orkanresistenten Holzhäusern leben. Mir lungern immer noch zu viele Neger auf den Straßen von New York City rum. Und die Stadt soll gesäubert sein? Ich hol mal meinen Besen mit doppelter Stahlbürste. Na ja, Manhattan ist ganz gut, und aus Brooklyn sind sie auch bald weg.“
„Lost“. Bei Minute drei ein Gitarrensolo, das mich komplett von den Socken holt. I keel over.
Wenn ich Typen wie Jay- Z sehe, muss ich immer an den Sommer 1999 denken. Ich besuchte damals an einem sonnigen Septembertag das Folsom State Prison, ein Sicherheitsmonstrum in der Nähe von Sacramento, California, also bei Arnie um die Ecke. Johnny Cash hat da 1968 für die Inmates ein Konzert gegeben, das verewigt wurde: „Johnny Cash at Folsom Prison.“
Ich möchte Euch die Geschichte meines Besuches erzählen, wo der Artikel jetzt zur Neige geht. Ich kam dummerweise in Blue Jeans. Der wachhabende Offizier am Eingang sagte, ich müsste aufpassen, denn die Inmates trügen die gleichen Hosen. Wenn da mal keine Verwechslungen aufkämen.
Stimmt schon, die Wächter sind streng, wenn du drin bist, biste drin und kommst so schnell nicht wieder raus, wenn sie dich für ein Mitglied dieser Gangstertruppe halten, das wegen wiederholten Diebstahls doppelter Pizza Anchovis 60 Jahre absitzen muss, oder so ähnlich. Auf meine Frage, ob es denn gelegentlich Raufereien unter den Inmates gebe, sagte ein Wärter: Yes, I´ve seen violence, a looot of violence.“ Das klang eher nach üblen Bench Brawls, also im Nachbarland Kanada beliebten Massenkeilereien beim Eishockey, nur trugen die Jungs hier keine Helme und wurden auch nicht teuer bezahlt. Eishockey-Profis hingegen sind keine Eineurojobber.
Als Weißer hatte ich aber gute Karten, gar nicht verwechselt zu werden, ich würde sagen, um die 70 Prozent waren hier schwarz, Typen wie Jay-Z eben. Würde mich interessieren, ob sie den auch wegen Pizzadiebstahls einbunkern würden. Richter in den USA sind flexibel. Keep on rollin´, my main mean man motherfucker Jay-Z. Na ja, der hat 26 Millionen Scheiben verkauft, der klaut nicht so schnell wieder Mehlspeisen mit salzigen Fischchen oben drauf.
Die restlichen Inmates waren übrigens Latinos. Kein Wunder, Mexiko ist ja gar nicht so weit weg, vielleicht 13 Autostunden. Das ist in den USA vergleichbar mit einer Reise von Fürth nach Nürnberg. Nachbarn eben.
Junge, Junge, bin ich abgeschweift. Wo waren wir? Ach ja: Einen Weißen fand ich dann doch noch, in einem Maschendrahtverhau. Der Verhau stand auf einer Wiese im Zentrum dieses düsteren Tempels, der nach den Prinzipien des Alten Testaments funktionierte: nichts vergeben, nichts vergessen. Maximum Pain. Der Inmate lief wie ein Puma in dem Verhau hin und her und wurde mit Wasser besprüht, er sollte sich nicht aufheizen, an diesem schönen Sommertag. Der Wärter bat mich, Abstand zu halten. „My name is Jason Styles, I am 36 year old, Caucasian“, sagte der Inmate hinterm Maschendraht. Komischer Vogel, dachte ich. Kaukasier, wer behauptet denn so was von sich. Keine Ahnung, ob oben noch alles stimmte bei dem, ich glaube, er gehörte zu denen, die in „Prison Madness“ beschrieben werden, eines der wenigen Sachbücher, die ich gelesen habe, wo mir von Seite eins und dann bis zum Schluss Tränen aus dem Gesicht schossen.
Kauft es Euch und probiert es aus: It´s a book about the utterly disgusting, disgraceful, and depressing system of locking up helpless mentally mad people in the prison gulag of the United States of Motherfucking America, the greatest and most freedom-loving country of all time.
Gut, das hätten wir geklärt. Noch Fragen? Ich geh dann mal. Obama wird´s schon richten. Keep on rollin´, my main mean man motherfucker Hussein.
Albrecht Metzger
*Schip-Schip heißen in Ägypten die Gummilatschen, mit denen u.a. Beduinen aus dem Sinaigebirge in Steilhängen festsitzenden westlichen Touristinnen mittleren Alters mit ärmellosen T-Shits und Strohhut hinterher kraxeln. Wie die im Irak heißen, weiß ich nicht, da gibt´s keinen Sinai. Außerdem hat dieser Ahmad Mahmud Muhammad, oder wie er hieß, mit braunen Halbschuhen geworfen. Das ist dichterische Freiheit.
Thema: Herr Metzger räumt auf | Comments Off | Autor: Albrecht Metzger