Samstag, 21. März 2009 13:38

Der Kollege Yassin Musharbash hat kürzlich einen „Brief aus Damaskus“ geschrieben. Er schildert eine Szene aus dem Vorort Jaramana, wo sich irakische Flüchtlinge anfangen zu prügeln, nachdem der Strom ausgefallen ist. Da fiel mir mein letzter Besuch in Damaskus im Dezember 2006 ein, gerade recht zur Weihnachtszeit. Ich fuhr oft nach Jaramana, weil sich dort vor allen Dingen christliche Flüchtlinge aufhielten. Ich war mit Kai Wiedenhöfer unterwegs, einem sehr guten Fotografen. Wir sollten eine Geschichte über Christen in Syrien recherchieren. Geschickt hatte uns das Magazin Chrismon, das von der evangelischen Kirche finanziert wird. Vor unserer Reise hatten wir vorgeschlagen, lieber etwas über die irakischen Flüchtlinge zu machen, die damals zu Tausenden nach Syrien flohen. Aber es musste ein Artikel über syrische Christen sein, ich weiß nicht mehr genau warum. Das Skurrile war: Die syrischen Christen, die wir trafen, waren nationalistischer als viele andere Syrer, sie schimpften wie die Rohrspatzen auf den Westen und verwiesen auf das Schicksal ihrer irakischen Brüder, die nach dem Demokratiefeldzug der Amerikaner auf der Flucht vor dem Chaos im Irak seien. Die irakischen Christen konnten diesem Kreuzzug im übrigen auch nicht viel abgewinnen, unter Saddam Hussein ging es ihnen besser, wie sie sagten. So ist das leider mit Minderheiten in Diktaturen: Der Herrscher macht sie sich gefügig, indem er ihnen Privilegien zubilligt, die er anderen Gruppen verweigert. Nun ja.
In Kürze werden die ersten christlichen Flüchtlinge aus dem Irak in Deutschland erwartet. Das soll wohl die Humanität der deutschen Regierung zum Ausdruck bringen, nach dem Motto: „Wir stehen auf der Seite unserer christlichen Brüder, aber Muslime sollen lieber im Nahen Osten bleiben, da gehören sie doch hin.“ Na gut, vielleicht etwas böse, aber in etwa stimmt das so. Trotzdem: Ahlan wa sahlan, ya masihiyun al-irak!
Chrismon hat unsere Geschichte über die syrische Christen übrigens nie gedruckt, warum weiß ich bis heute nicht. Das war rausgeschmissenes Geld, wenn ihr mich fragt, und wir haben uns umsonst in Damaskus Weihnachten um die Ohren geschlagen. War aber trotzdem nett. Hier ist die Geschichte, weltexklusiv auf nefais.net:
Eine Oase des Friedens
Christen in Syrien
Syrien ist eine Oase des Friedens, ein Land, in dem sich alle mögen und Präsident Bashar al-Assad nur das Beste für sein Volk will. Das zumindest sagt Nicola Kassab, und er meint es kein bisschen ironisch: „Warum soll man seinen Präsidenten nicht lieben?“ Eine rhetorische Frage. Nicola Kassab sitzt in seinem Juweliergeschäft im Goldbasar von Damaskus, einer Kammer von acht Quadtratmetern, im Schaufenster hängt der Schmuck wie Lametta vom Weihnachtsbaum und neben Nicola ein Bild von Bashar al-Assad. Das machen hier alle so. Nichts Besonderes also. Oder doch? Nicola Kassab, 63 Jahr alt, ist Christ. Er gehört damit einer aussterbenden Minderheit im Nahen Osten an. Im Irak wird es bald keine Christen mehr geben, sie flüchten in Scharen vor dem alltäglichen Terror, selbst in Palästina, der Heimat Jesu, leben nur noch ein paar Tausend. Der Exodus der orientalischen Christen scheint unaufhaltsam. Ausgerechnet Syrien, ein Land mit schlechtem Ruf im Westen, soll eine Ausnahme sein?
Wir haben die Familie Kassab über alte Freunde kontaktiert, wir wollten wissen, was es bedeutet, Araber und Christ zu sein. Passt das überhaupt zusammen? Schließlich ist der Islam die „Religion der Araber“, der Koran in ihrer Sprache herabgesandt worden. Möglichst ehrlich sollten die Antworten sein, deswegen schlugen wir vor, die richtigen Namen zu verschleiern. Das Angebot hätten wir uns sparen können. Die Kassabs reden frisch von der Leber weg, als gäbe es keine Geheimpolizei. Was sie erzählen, entspricht jedoch nicht dem Erwarteten. Nicola und seine Familie schimpfen auf Amerika, sie verteidigen den Islam, manche finden sogar Hassan Nasrallah toll, den Führer der schiitischen Hizbullah.
Viele Christen in Damaskus denken so oder ähnlich, das zeigt sich nach vierzehn Tagen Recherche. Manche gehen noch weiter, wie Bischof Ghattas, der Vertreter des griechisch-orthodoxen Patriarchen. Die westlichen Christen, sagt er, seien eine größere Bedrohung für die Ostkirchen als der Islam. Er schießt damit eine unverhohlene Breitseite gegen George Bush, den wiedergeborenen Christen aus Texas, der behauptet, er wolle den Nahen Osten demokratisieren und vor dem fanatischen Islam retten. Die syrischen Christen winken jedoch dankend ab. Nach einem Weihnachtsmahl mit der Familie Kassab wird klar warum.
Es ist der 25. Dezember 2006. Syrien hat rund 20 Millionen Einwohner, nur zehn Prozent davon sind Christen. Trotzdem ist heute offizieller Feiertag. Die Gassen der Altstadt sind bedrohlich leer, in den Ecken stehen Männer in teuren Anzügen, lässig spielen sie mit ihrer AK-47. Geheimdienst. Präsident Assad kommt zum Weihnachtsgottesdienst ins Patriarchat der Griechisch-Orthodoxen Kirche, es herrscht Alarmstufe eins. Das Patriarchat liegt an der Geraden Straße, hier soll Paulus von Ananias getauft worden sein. Vom Saulus zum Paulus. Fast 2000 Jahre ist das her. Syrien ist urchristliches Land, das heutige Regime betont das, wo es nur kann. Am 26. Dezember erscheint auf der ersten Seite der staatlichen Zeitungen ein riesiges Foto: der schmalbrüstige Präsident umringt von zwei Dutzend Priestern und Imamen mit Bärten bis zum Bauchnabel. „Das ist Syrien“, steht als Überschrift. Seht her, bei uns herrscht Religionsfrieden, lautet die Botschaft.
Nicola Kassab ist griechisch-orthodox, seine Frau Amira, geborene Safar, war ursprünglich syrisch-katholisch, konvertierte aber nach der Heirat zur Konfession ihre Mannes. Am 25. Dezember besucht das Ehepaar Amiras Eltern. Sie wohnen in einem gutbürgerlichen Stadtteil von Damaskus. Auf dem Tisch dampfen die Porzellanplatten, es gibt Rindfleisch mit Kartoffelpüree und Huhn mit Reis, dazu Tabboule, arabischer Salat aus gehackter Petersilie, Bourghol und Tomaten. Nach dem Essen wechselt die Weihnachtsgesellschaft in den Salon und trinkt Tee. Alle paar Minuten klingelt das Telefon, Verwandte aus Übersee rufen an und wünschen ein frohes Fest, außerdem Freunde und Nachbarn. Nicola Kassab klappt fast triumphierend sein Mobiltelefon zusammen, nachdem er einen der vielen Glückwunsche entgegen genommen hat. „Das war einer meiner Kunden“, sagt er. „Ein Muslim!“ 90 Prozent seiner Kunden seien Muslime, das zeige doch schon, wie gut man sich verstünde.
Die Beziehungen zu den Muslimen ist ein zentrales Thema in der Runde. Jeder wehrt sich gegen den Vorwurf, der Islam unterdrücke andere religiöse Minderheiten. „Wir leben seit Jahrhunderten zusammen, der Islam ist tolerant gegenüber den Christen“, sagt Amira Kassab. „Ich meine nicht den Islam im Jemen oder in Saudi-Arabien, das ist alles Müll, sondern hier in Syrien.“
Das Szenario ist leicht skurril. Ein deutscher Reporter sitzt in einer Gruppe syrischer Christen, die ihm mit Vehemenz die religiöse Toleranz des Islams einzubläuen versuchen. Fast so, als wären sie Mitglieder der Muslimbruderschaft. Dennoch hat das nichts mit Gehirnwäsche zu tun. Im Vergleich zu anderen arabischen Ländern bietet Syrien den Christen tatsächlich eine relativ gesicherte Existenz. Sie werden nicht einfach nur geduldet, sondern sind ein fester Bestandteil der Gesellschaft. Das fängt bei der Bildung an. Laut einer Studie der Universität Rostock sind die syrischen Schulbücher beispielhaft im Nahen Osten, wenn es um die Behandlung religiöser Minderheiten geht. Ihre Geschichte, vor allem die der Christen, nimmt einen breiten Raum ein, anders als in anderen arabischen Ländern. Anders als in Ägypten können die Kirchen in Syrien problemlos Land erwerben, und wenn die Gotteshäuser in Damaskus oder Aleppo zerfallen und einen neuen Anstrich brauchen, werden sie selbstverständlich repariert. Der ägyptische Staat verlangte dafür bis vor kurzem eine Genehmigung, die aus reiner Schikane oft nicht erteilt wurde. Das hat sich mittlerweile auch geändert, aber für den Bau einer neuen Kirche bedarf es immer noch der Zustimmung des ägyptischen Präsidenten.
Die syrischen Christen verhalten sich nicht wie eine unterdrückte Minderheit, die froh sein kann, überhaupt noch da zu sein, sondern sie treten selbstbewusst auf und können bisweilen aufmüpfig werden. Beim letzten Ramadan zum Beispiel. Da beschwerte sich eine christliche Gemeinde in Damaskus über die lauten Gebete, die ständig aus den Mikrofonen der Nachbarschaftsmoschee schallten. Prompt reduzierten die Imame den Sound.
Syrien ist das Herz des arabischen Nationalismus, und die Christen waren immer ein wichtiger Teil dieser Bewegung. Michel Aflaq zum Beispiel, ein syrischer Christ, gehört zu den Mitbegründern der Baath-Partei, die heute berechtigterweise in die Nähe des Faschismus gerückt wird. Die Gräueltaten im Irak, wo die Partei Jahrzehnte lange regierte, lassen keinen anderen Schluss zu. Auch in Syrien hat das Baath-Regime, das seit 1963 an der Macht ist, seine Leichen im Keller. Doch die Baath-Ideologie hatte ursprünglich etwas Fortschrittliches: Sie fasste alle Araber ungeachtet ihrer Religion unter einem Dach zusammen, das verbindende Glied sollte die arabische Sprache und Kultur sein, nicht der Islam. Dieses nationalistische Erbe lebt unter den Christen in Syrien bis heute fort. Für den westlichen Beobachter manchmal in verstörender Weise.
Im Teesalon von Amira Kassabs Eltern erreicht die Diskussion mittlerweile fiebrige Temperaturen. Amiras Bruder Rami Safar hat sein rhetorisches Gewicht in die Runde geworfen, er ist ein selbst selbsterklärter Nationalist. Rami arbeitet in der Juwelierbranche, wie sein Schwager Nicola. Er hat einen buschigen Schnurrbart und lacht herzlich viel; wenn es um Israel geht, versteht er jedoch keinen Spaß. Mehrfach hat ihn der arabische Satellitensender al-Jazira um Interviews für Sendungen über den Goldhandel gebeten, doch er lehnte jedes Mal ab. „Al-Jazira hat Israelis im Programm, sie haben sogar schon Schimon Peres interviewt, den früheren Ministerpräsidenten. Sie schleichen sich in dein Gehirn ein und verändern dein Denken.“ Den einzigen Satellitensender, dem Rami ein Interview geben würde ist al-Manar – und der gehört der libanesischen Hizbullah, der schiitischen Partei Gottes. Seit dem Krieg im Sommer 2006, als die Hizbullah fünf Wochen lang den Angriffen der israelischen Armee standhielt, ist Rami Safar ein Fan von Hassan Nasrallah, dem Führer der Partei. Er kramt sein Mobiltelefon aus der Tasche und zeigt den Hintergrund – es ist ein Bild von Nasrallah, dem Mann mit der Hornbrille und dem schwarzen Turban.
Im Libanon spielen die Christen eine prominente Rolle, es ist das einzige arabische Land, in dem sie nicht die Minderheit sind. Außerdem herrscht hier Meinungsfreiheit und ein weltoffenes Klima. Dennoch stimmt in dieser Runde niemand ein Loblied auf den Nachbarn an. Zu viel politisches Chaos, zu viel Unsicherheit, zudem bekämpfen sich die Christen dort gegenseitig. „Ich interessiere mich nicht für Politik“, sagt Rami Safar, „ich will in Sicherheit leben, meinem Beruf nachgehen und ein angenehmes Leben führen, das ist mir wichtig. Abgesehen davon gibt es heutzutage in Syrien so viel Meinungsfreiheit wie nie zuvor. Vor zehn Jahren hätten wir nicht so offen mit ihnen geredet.“
Das stimmt wohl, doch immer noch werden Oppositionelle nur für ihre Worte ins Gefängnis geworfen. „Wer sich korrekt verhält, kommt auch nicht in den Knast“, erwidert Amira. „Alle Christen denken hier so.“
Alle? Nicht ganz. Ein paar Unbeugsame gibt es, die sich weigern, Lobeshymnen auf Präsident Assad zu singen. Akram al-Bunni zum Beispiel. Er ist Christ und verbachte 17 Jahre in syrischen Gefängnissen, wegen Mitgliedschaft in einer verbotenen kommunistischen Partei. Seit 2002 ist er wieder auf freiem Fuß. Heute lebt Akram al-Bunni in einer bescheidenen Wohnung weitab vom Stadtzentrum, wenn er aufsteht und durchs Fenster schaut, blickt er geradewegs auf die Polizeihochschule, ein lang gezogenes graues Gemäuer. Derzeit sitzt sein Bruder Anwar im Gefängnis, ein bekannter Menschenrechtsaktivist. Er hatte ein Manifest unterschrieben, in dem Präsident Assad aufgefordert wird, mehr Demokratie zuzulassen.
„Ja, viele Christen schätzen die Sicherheit hier“, sagt Akram, „aber es gibt auch viele, die gegen das Regime sind.“ Nicht unbedingt in Damaskus, wo es eine breite christliche Mittelschicht gebe, sondern in kleineren Städten wie Homs und Hamah, wo Akram al-Bunni ursprünglich herkommt. Er stammt aus einer ärmlichen Familie, nicht umsonst ist er schon in jungen Jahren zum Kommunist geworden. Als wir ihm erzählen, dass sich Nicola Kassab kürzlich ein neues Auto der Marke KIA für 22.000 Dollar gekauft hat, rollt er mit den Augen: „Das ist sehr viel für syrische Verhältnisse!“ Zum Vergleich: Ein Teppichhändler im Basar verdient umgerechnet 500 bis 700 Dollar im Monat, und das ist hier ein gutes Einkommen.
Der Klassenunterschied trennt die Bunnis von den Kassabs, er wiegt schwerer als die religiöse Zusammengehörigkeit. Doch eines verbindet die Familien: der Patriotismus. „Ich würde Syrien nie verlassen, das ist mein Land“, sagt Akram al-Bunni. „Ich will hier etwas verändern, was soll ich im Exil? Selbst wenn sie mich bedrohen und wieder ins Gefängnis stecken wollen: Ich bleibe hier!“ Er will ein demokratisches Syrien, in dem Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit herrschen. „Das ist auch besser für die Christen“, sagt Akram.
Demokratie – der Gedanke daran hinterlässt bei vielen syrischen Christen derzeit jedoch einen blutigen Geschmack im Mund. Vor vier Jahren stürzten die USA das Regime von Saddam Hussein und versprachen, aus dem Irak ein Musterbeispiel an Freiheit zu machen. Stattdessen versinkt das Land heute in einem Bürgerkrieg, in dem die Christen das schwächste Glied sind. Sie werden von sunnitischen und schiitischen Extremisten bedroht, ermordet und entführt, und keiner kann oder will sie schützen – auch nicht die Armee des wiedererweckten Christen George Bush. Deswegen fliehen die irakischen Christen in Scharen, das Nachbarland Syrien ist ihr erstes Ziel. In Jaramana, einem Vorort nördlich der Damaszener Altstadt, leben sie in herunter gekommenen Wohnungen und harren der Dinge. Alle träumen von Europa oder Amerika, doch niemand will sie.
Kurz vor unserer Abreise kehren wir in Nicoals Juweliergeschäft zurück, um uns zu verabschieden. Der Fernseher läuft, al-Jazira zeigt eine Sendung über Christen im Nahen Osten, eine Dokumentation der Hoffnungslosigkeit. Gestern hat die konservative Londoner Times einen Artikel veröffentlicht, indem sie behauptet, der Feldzug gegen den Irak habe die Lage der orientalischen Christen nur verschlimmert. Sie würden zu Sündenböcken der amerikanischen Politik gemacht. Auch die syrischen Christen fürchten sich davor, in diese Mühle zu geraten.
Rami Safar kommt herein, schaut auf den Fernseher und schüttelt den Kopf . „Wissen Sie was? Ich habe vor Jahren meinen Bruder in Amerika besucht, in Dallas. Eines abends gingen wir durch die Stadt, es war halb zehn. Plötzlich trafen wir auf eine Polizeisperre. Die Polizisten sagten uns, ab hier könnten sie nicht mehr für unsere Sicherheit garantieren, ab hier herrschen die Kriminellen.“ Rami kann seine Empörung nur schwer unterdrücken. „Die Amerikaner schicken eine Armee in den Irak und erschießen Leute, aber sie sind nicht in der Lage, ihre eigenen Bürger zu schützen. Das soll ein Vorbild sein?“
Im Schaufenster hängt der Goldschmuck wie Lametta vom Weihnachtsbaum. Nicola und seine Familie geht es gut, an Auswandern denkt keiner von ihnen, Rami Safar schon gar nicht. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt.
Albrecht Metzger