Beiträge vom März, 2009

Touristen oder tote Hose?

Montag, 23. März 2009 9:05

Gassen voller Menschen der unterschiedlichsten Nationalitäten, aufdringliche Verkäufer, die lautstark ihre Ware feilbieten und eine bunte Vielfalt orientalischer Produkte - das ist die Stimmung auf dem Khan al Khalili, dem beliebtesten Touristenbasar in der Kairoer Altstadt, so wie ich sie von vielen Besuchen kenne. Doch heute suche ich diese Atmosphäre vergeblich. Die Gassen liegen still und verlassen, kaum einen Touristen treffe ich auf meinem Weg. Viele kleine Geschäfte sind bereits geschlossen, andere Verkäufer löschen gerade das Licht und sperren ihre Läden ab. Dabei ist es erst 21 Uhr, eine Zeit, in der früher Hochbetrieb auf dem Khan al Khalili herrschte. Fast bittend fordern mich die übrigen, sonst vor Selbstbewusstsein strotzenden, forschen Verkäufer auf, einen Blick in ihre Läden zu werfen. Was ist hier passiert?

Es ist das noch nicht lange zurückliegende Bombenattentat auf dem Basar, aber auch die Weltwirtschaftskrise, die schuld an dem trostlosen Anblick sind. Eine Sprengstoffdetonation tötete am 22. Februar eine junge Französin und verletzte 20 weitere Menschen. Der Anschlag ist kein Einzelfall. Schon 2005 starben 3 Touristen auf dem Basar durch eine Bombe. Im April des selben Jahres explodierte außerdem eine Handgranate vor dem Ägyptischen Museum.

Peter Wirth, der Besitzer eines Hotels in der Oase Bahareya, leidet ebenfalls unter dem Einbruch. Für den April musste er einen Buchungsrückgang von 25 Prozent hinnehmen. Dabei habe es ihn, dank seiner zahlreichen Stammkunden, noch nicht mal besonders schlimm erwischt, während viele andere Unterkünfte in der Oase komplett leer stünden, ergänzt Wirth.

Auch die Hotels in Kairo sind nicht, wie gewöhnlich um die Osterzeit, restlos ausgebucht. Im Gegenteil scheinen sie sogar dankbar für jede spontane Reservierung zu sein. Offensichtlich machen Ägypten das Bombenattentat und die globale Wirtschaftskrise stark zu schaffen, denn sie nehmen dem Land die wichtigste Einnahmequelle, den Tourismus.

Betroffen von der Leere des Khan al Khalili suche ich das Gespräch mit den Geschäftsleuten. Ein Verkäufer von Schals und einheimischer Kleidung versucht mich zu beruhigen. Trotz des Attentats und der schwierigen wirtschaftlichen Lage kämen die Touristen weiterhin und seien kauffreudig. Das behauptet auch ein Wasserpfeifenhändler. Er erlebe keinen Rückgang im Geschäft, was wohl daran liege, dass sich die Polizeipräsenz auf dem Basar beträchtlich vermehrt habe, und die Fremden sich nun sicherer fühlten. Mein Freund Hassan, der Besitzer eines Schmuckladens, bezeichnet die Woche nach dem Anschlag sogar als die stärkste des Jahres. Er ist der Ansicht, dass die Menschen sich nicht mehr durch Bomben ängstigen ließen. Durch die vielen Anschläge überall auf der Welt seien sie mittlerweile abgehärtet. Natürlich habe er Angst gehabt und wäre am liebsten am Tag nach dem Attentat zu Hause geblieben. „Doch die Polizei rief uns an und forderte alle Verkäufer auf, ihre Läden zu öffnen”, sagt Hassan.

Die Gegensätzlichkeit zwischen diesen Aussagen und der Situation, wie ich sie auf dem Khan al Khalili wahrgenommen habe, verwirrt mich. Ich bin ratlos, weiß nicht, was ich glauben soll. Bin ich es, welche die Lage falsch einschätzt, oder haben mir die Shopbesitzer unrealistische Antworten gegeben? Eigentlich möchte ich meinen Eindrücken vertrauen und mir eingestehen, dass die Touristen nun wegbleiben. Den Verkäufern auf dem Khan al Khalili fällt das offensichtlich schwer. Mir scheint, als sei die Furcht vor einer ungewissen Zukunft der Grund für ihr Verhalten. Anstatt sich dem Rückgang der Besucher zu stellen, versuchen die Verkäufer, die Krise zu ignorieren. Sie hoffen einfach auf eine Verbesserung der Lage und scheinen keinen anderen Lösungsweg zu sehen, als ihren Kopf in den ägyptischen Sand zu stecken.

Magdalena Suerbaum

Magdalena Suerbaum ist im März 2009 Volontärin bei Kristina Bergmann (NZZ) in Kairo. In der Gastrubrik von NEFAIS.net berichtet sie während dieser Zeit aus Kairo.

Thema: Gastbeiträge | Comments Off | Autor: Gast

Christen in Syrien

Samstag, 21. März 2009 13:38

Der Kollege Yassin Musharbash hat kürzlich einen „Brief aus Damaskus“ geschrieben. Er schildert eine Szene aus dem Vorort Jaramana, wo sich irakische Flüchtlinge anfangen zu prügeln, nachdem der Strom ausgefallen ist. Da fiel mir mein letzter Besuch in Damaskus im Dezember 2006 ein, gerade recht zur Weihnachtszeit. Ich fuhr oft nach Jaramana, weil sich dort vor allen Dingen christliche Flüchtlinge aufhielten. Ich war mit Kai Wiedenhöfer unterwegs, einem sehr guten Fotografen. Wir sollten eine Geschichte über Christen in Syrien recherchieren. Geschickt hatte uns das Magazin Chrismon, das von der evangelischen Kirche finanziert wird. Vor unserer Reise hatten wir vorgeschlagen, lieber etwas über die irakischen Flüchtlinge zu machen, die damals zu Tausenden nach Syrien flohen. Aber es musste ein Artikel über syrische Christen sein, ich weiß nicht mehr genau warum. Das Skurrile war: Die syrischen Christen, die wir trafen, waren nationalistischer als viele andere Syrer, sie schimpften wie die Rohrspatzen auf den Westen und verwiesen auf das Schicksal ihrer irakischen Brüder, die nach dem Demokratiefeldzug der Amerikaner auf der Flucht vor dem Chaos im Irak seien. Die irakischen Christen konnten diesem Kreuzzug im übrigen auch nicht viel abgewinnen, unter Saddam Hussein ging es ihnen besser, wie sie sagten. So ist das leider mit Minderheiten in Diktaturen: Der Herrscher macht sie sich gefügig, indem er ihnen Privilegien zubilligt, die er anderen Gruppen verweigert. Nun ja.

In Kürze werden die ersten christlichen Flüchtlinge aus dem Irak in Deutschland erwartet. Das soll wohl die Humanität der deutschen Regierung zum Ausdruck bringen, nach dem Motto: „Wir stehen auf der Seite unserer christlichen Brüder, aber Muslime sollen lieber im Nahen Osten bleiben, da gehören sie doch hin.“ Na gut, vielleicht etwas böse, aber in etwa stimmt das so. Trotzdem: Ahlan wa sahlan, ya masihiyun al-irak!

Chrismon hat unsere Geschichte über die syrische Christen übrigens nie gedruckt, warum weiß ich bis heute nicht. Das war rausgeschmissenes Geld, wenn ihr mich fragt, und wir haben uns umsonst in Damaskus Weihnachten um die Ohren geschlagen. War aber trotzdem nett. Hier ist die Geschichte, weltexklusiv auf nefais.net:

Eine Oase des Friedens

Christen in Syrien

Syrien ist eine Oase des Friedens, ein Land, in dem sich alle mögen und Präsident Bashar al-Assad nur das Beste für sein Volk will. Das zumindest sagt Nicola Kassab, und er meint es kein bisschen ironisch: „Warum soll man seinen Präsidenten nicht lieben?“ Eine rhetorische Frage. Nicola Kassab sitzt in seinem Juweliergeschäft im Goldbasar von Damaskus, einer Kammer von acht Quadtratmetern, im Schaufenster hängt der Schmuck wie Lametta vom Weihnachtsbaum und neben Nicola ein Bild von Bashar al-Assad. Das machen hier alle so. Nichts Besonderes also. Oder doch? Nicola Kassab, 63 Jahr alt, ist Christ. Er gehört damit einer aussterbenden Minderheit im Nahen Osten an. Im Irak wird es bald keine Christen mehr geben, sie flüchten in Scharen vor dem alltäglichen Terror, selbst in Palästina, der Heimat Jesu, leben nur noch ein paar Tausend. Der Exodus der orientalischen Christen scheint unaufhaltsam. Ausgerechnet Syrien, ein Land mit schlechtem Ruf im Westen, soll eine Ausnahme sein?

Wir haben die Familie Kassab über alte Freunde kontaktiert, wir wollten wissen, was es bedeutet, Araber und Christ zu sein. Passt das überhaupt zusammen? Schließlich ist der Islam die „Religion der Araber“, der Koran in ihrer Sprache herabgesandt worden. Möglichst ehrlich sollten die Antworten sein, deswegen schlugen wir vor, die richtigen Namen zu verschleiern. Das Angebot hätten wir uns sparen können. Die Kassabs reden frisch von der Leber weg, als gäbe es keine Geheimpolizei. Was sie erzählen, entspricht jedoch nicht dem Erwarteten. Nicola und seine Familie schimpfen auf Amerika, sie verteidigen den Islam, manche finden sogar Hassan Nasrallah toll, den Führer der schiitischen Hizbullah.

Viele Christen in Damaskus denken so oder ähnlich, das zeigt sich nach vierzehn Tagen Recherche. Manche gehen noch weiter, wie Bischof Ghattas, der Vertreter des griechisch-orthodoxen Patriarchen. Die westlichen Christen, sagt er, seien eine größere Bedrohung für die Ostkirchen als der Islam. Er schießt damit eine unverhohlene Breitseite gegen George Bush, den wiedergeborenen Christen aus Texas, der behauptet, er wolle den Nahen Osten demokratisieren und vor dem fanatischen Islam retten. Die syrischen Christen winken jedoch dankend ab. Nach einem Weihnachtsmahl mit der Familie Kassab wird klar warum.

Es ist der 25. Dezember 2006. Syrien hat rund 20 Millionen Einwohner, nur zehn Prozent davon sind Christen. Trotzdem ist heute offizieller Feiertag. Die Gassen der Altstadt sind bedrohlich leer, in den Ecken stehen Männer in teuren Anzügen, lässig spielen sie mit ihrer AK-47. Geheimdienst. Präsident Assad kommt zum Weihnachtsgottesdienst ins Patriarchat der Griechisch-Orthodoxen Kirche, es herrscht Alarmstufe eins. Das Patriarchat liegt an der Geraden Straße, hier soll Paulus von Ananias getauft worden sein. Vom Saulus zum Paulus. Fast 2000 Jahre ist das her. Syrien ist urchristliches Land, das heutige Regime betont das, wo es nur kann. Am 26. Dezember erscheint auf der ersten Seite der staatlichen Zeitungen ein riesiges Foto: der schmalbrüstige Präsident umringt von zwei Dutzend Priestern und Imamen mit Bärten bis zum Bauchnabel. „Das ist Syrien“, steht als Überschrift. Seht her, bei uns herrscht Religionsfrieden, lautet die Botschaft.

Nicola Kassab ist griechisch-orthodox, seine Frau Amira, geborene Safar, war ursprünglich syrisch-katholisch, konvertierte aber nach der Heirat zur Konfession ihre Mannes. Am 25. Dezember besucht das Ehepaar Amiras Eltern. Sie wohnen in einem gutbürgerlichen Stadtteil von Damaskus. Auf dem Tisch dampfen die Porzellanplatten, es gibt Rindfleisch mit Kartoffelpüree und Huhn mit Reis, dazu Tabboule, arabischer Salat aus gehackter Petersilie, Bourghol und Tomaten. Nach dem Essen wechselt die Weihnachtsgesellschaft in den Salon und trinkt Tee. Alle paar Minuten klingelt das Telefon, Verwandte aus Übersee rufen an und wünschen ein frohes Fest, außerdem Freunde und Nachbarn. Nicola Kassab klappt fast triumphierend sein Mobiltelefon zusammen, nachdem er einen der vielen Glückwunsche entgegen genommen hat. „Das war einer meiner Kunden“, sagt er. „Ein Muslim!“ 90 Prozent seiner Kunden seien Muslime, das zeige doch schon, wie gut man sich verstünde.

Die Beziehungen zu den Muslimen ist ein zentrales Thema in der Runde. Jeder wehrt sich gegen den Vorwurf, der Islam unterdrücke andere religiöse Minderheiten. „Wir leben seit Jahrhunderten zusammen, der Islam ist tolerant gegenüber den Christen“, sagt Amira Kassab. „Ich meine nicht den Islam im Jemen oder in Saudi-Arabien, das ist alles Müll, sondern hier in Syrien.“

Das Szenario ist leicht skurril. Ein deutscher Reporter sitzt in einer Gruppe syrischer Christen, die ihm mit Vehemenz die religiöse Toleranz des Islams einzubläuen versuchen. Fast so, als wären sie Mitglieder der Muslimbruderschaft. Dennoch hat das nichts mit Gehirnwäsche zu tun. Im Vergleich zu anderen arabischen Ländern bietet Syrien den Christen tatsächlich eine relativ gesicherte Existenz. Sie werden nicht einfach nur geduldet, sondern sind ein fester Bestandteil der Gesellschaft. Das fängt bei der Bildung an. Laut einer Studie der Universität Rostock sind die syrischen Schulbücher beispielhaft im Nahen Osten, wenn es um die Behandlung religiöser Minderheiten geht. Ihre Geschichte, vor allem die der Christen, nimmt einen breiten Raum ein, anders als in anderen arabischen Ländern. Anders als in Ägypten können die Kirchen in Syrien problemlos Land erwerben, und wenn die Gotteshäuser in Damaskus oder Aleppo zerfallen und einen neuen Anstrich brauchen, werden sie selbstverständlich repariert. Der ägyptische Staat verlangte dafür bis vor kurzem eine Genehmigung, die aus reiner Schikane oft nicht erteilt wurde. Das hat sich mittlerweile auch geändert, aber für den Bau einer neuen Kirche bedarf es immer noch der Zustimmung des ägyptischen Präsidenten.

Die syrischen Christen verhalten sich nicht wie eine unterdrückte Minderheit, die froh sein kann, überhaupt noch da zu sein, sondern sie treten selbstbewusst auf und können bisweilen aufmüpfig werden. Beim letzten Ramadan zum Beispiel. Da beschwerte sich eine christliche Gemeinde in Damaskus über die lauten Gebete, die ständig aus den Mikrofonen der Nachbarschaftsmoschee schallten. Prompt reduzierten die Imame den Sound.

Syrien ist das Herz des arabischen Nationalismus, und die Christen waren immer ein wichtiger Teil dieser Bewegung. Michel Aflaq zum Beispiel, ein syrischer Christ, gehört zu den Mitbegründern der Baath-Partei, die heute berechtigterweise in die Nähe des Faschismus gerückt wird. Die Gräueltaten im Irak, wo die Partei Jahrzehnte lange regierte, lassen keinen anderen Schluss zu. Auch in Syrien hat das Baath-Regime, das seit 1963 an der Macht ist, seine Leichen im Keller. Doch die Baath-Ideologie hatte ursprünglich etwas Fortschrittliches: Sie fasste alle Araber ungeachtet ihrer Religion unter einem Dach zusammen, das verbindende Glied sollte die arabische Sprache und Kultur sein, nicht der Islam. Dieses nationalistische Erbe lebt unter den Christen in Syrien bis heute fort. Für den westlichen Beobachter manchmal in verstörender Weise.

Im Teesalon von Amira Kassabs Eltern erreicht die Diskussion mittlerweile fiebrige Temperaturen. Amiras Bruder Rami Safar hat sein rhetorisches Gewicht in die Runde geworfen, er ist ein selbst selbsterklärter Nationalist. Rami arbeitet in der Juwelierbranche, wie sein Schwager Nicola. Er hat einen buschigen Schnurrbart und lacht herzlich viel; wenn es um Israel geht, versteht er jedoch keinen Spaß. Mehrfach hat ihn der arabische Satellitensender al-Jazira um Interviews für Sendungen über den Goldhandel gebeten, doch er lehnte jedes Mal ab. „Al-Jazira hat Israelis im Programm, sie haben sogar schon Schimon Peres interviewt, den früheren Ministerpräsidenten. Sie schleichen sich in dein Gehirn ein und verändern dein Denken.“ Den einzigen Satellitensender, dem Rami ein Interview geben würde ist al-Manar – und der gehört der libanesischen Hizbullah, der schiitischen Partei Gottes. Seit dem Krieg im Sommer 2006, als die Hizbullah fünf Wochen lang den Angriffen der israelischen Armee standhielt, ist Rami Safar ein Fan von Hassan Nasrallah, dem Führer der Partei. Er kramt sein Mobiltelefon aus der Tasche und zeigt den Hintergrund – es ist ein Bild von Nasrallah, dem Mann mit der Hornbrille und dem schwarzen Turban.

Im Libanon spielen die Christen eine prominente Rolle, es ist das einzige arabische Land, in dem sie nicht die Minderheit sind. Außerdem herrscht hier Meinungsfreiheit und ein weltoffenes Klima. Dennoch stimmt in dieser Runde niemand ein Loblied auf den Nachbarn an. Zu viel politisches Chaos, zu viel Unsicherheit, zudem bekämpfen sich die Christen dort gegenseitig. „Ich interessiere mich nicht für Politik“, sagt Rami Safar, „ich will in Sicherheit leben, meinem Beruf nachgehen und ein angenehmes Leben führen, das ist mir wichtig. Abgesehen davon gibt es heutzutage in Syrien so viel Meinungsfreiheit wie nie zuvor. Vor zehn Jahren hätten wir nicht so offen mit ihnen geredet.“

Das stimmt wohl, doch immer noch werden Oppositionelle nur für ihre Worte ins Gefängnis geworfen. „Wer sich korrekt verhält, kommt auch nicht in den Knast“, erwidert Amira. „Alle Christen denken hier so.“

Alle? Nicht ganz. Ein paar Unbeugsame gibt es, die sich weigern, Lobeshymnen auf Präsident Assad zu singen. Akram al-Bunni zum Beispiel. Er ist Christ und verbachte 17 Jahre in syrischen Gefängnissen, wegen Mitgliedschaft in einer verbotenen kommunistischen Partei. Seit 2002 ist er wieder auf freiem Fuß. Heute lebt Akram al-Bunni in einer bescheidenen Wohnung weitab vom Stadtzentrum, wenn er aufsteht und durchs Fenster schaut, blickt er geradewegs auf die Polizeihochschule, ein lang gezogenes graues Gemäuer. Derzeit sitzt sein Bruder Anwar im Gefängnis, ein bekannter Menschenrechtsaktivist. Er hatte ein Manifest unterschrieben, in dem Präsident Assad aufgefordert wird, mehr Demokratie zuzulassen.

„Ja, viele Christen schätzen die Sicherheit hier“, sagt Akram, „aber es gibt auch viele, die gegen das Regime sind.“ Nicht unbedingt in Damaskus, wo es eine breite christliche Mittelschicht gebe, sondern in kleineren Städten wie Homs und Hamah, wo Akram al-Bunni ursprünglich herkommt. Er stammt aus einer ärmlichen Familie, nicht umsonst ist er schon in jungen Jahren zum Kommunist geworden. Als wir ihm erzählen, dass sich Nicola Kassab kürzlich ein neues Auto der Marke KIA für 22.000 Dollar gekauft hat, rollt er mit den Augen: „Das ist sehr viel für syrische Verhältnisse!“ Zum Vergleich: Ein Teppichhändler im Basar verdient umgerechnet 500 bis 700 Dollar im Monat, und das ist hier ein gutes Einkommen.

Der Klassenunterschied trennt die Bunnis von den Kassabs, er wiegt schwerer als die religiöse Zusammengehörigkeit. Doch eines verbindet die Familien: der Patriotismus. „Ich würde Syrien nie verlassen, das ist mein Land“, sagt Akram al-Bunni. „Ich will hier etwas verändern, was soll ich im Exil? Selbst wenn sie mich bedrohen und wieder ins Gefängnis stecken wollen: Ich bleibe hier!“ Er will ein demokratisches Syrien, in dem Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit herrschen. „Das ist auch besser für die Christen“, sagt Akram.

Demokratie – der Gedanke daran hinterlässt bei vielen syrischen Christen derzeit jedoch einen blutigen Geschmack im Mund. Vor vier Jahren stürzten die USA das Regime von Saddam Hussein und versprachen, aus dem Irak ein Musterbeispiel an Freiheit zu machen. Stattdessen versinkt das Land heute in einem Bürgerkrieg, in dem die Christen das schwächste Glied sind. Sie werden von sunnitischen und schiitischen Extremisten bedroht, ermordet und entführt, und keiner kann oder will sie schützen – auch nicht die Armee des wiedererweckten Christen George Bush. Deswegen fliehen die irakischen Christen in Scharen, das Nachbarland Syrien ist ihr erstes Ziel. In Jaramana, einem Vorort nördlich der Damaszener Altstadt, leben sie in herunter gekommenen Wohnungen und harren der Dinge. Alle träumen von Europa oder Amerika, doch niemand will sie.

Kurz vor unserer Abreise kehren wir in Nicoals Juweliergeschäft zurück, um uns zu verabschieden. Der Fernseher läuft, al-Jazira zeigt eine Sendung über Christen im Nahen Osten, eine Dokumentation der Hoffnungslosigkeit. Gestern hat die konservative Londoner Times einen Artikel veröffentlicht, indem sie behauptet, der Feldzug gegen den Irak habe die Lage der orientalischen Christen nur verschlimmert. Sie würden zu Sündenböcken der amerikanischen Politik gemacht. Auch die syrischen Christen fürchten sich davor, in diese Mühle zu geraten.

Rami Safar kommt herein, schaut auf den Fernseher und schüttelt den Kopf . „Wissen Sie was? Ich habe vor Jahren meinen Bruder in Amerika besucht, in Dallas. Eines abends gingen wir durch die Stadt, es war halb zehn. Plötzlich trafen wir auf eine Polizeisperre. Die Polizisten sagten uns, ab hier könnten sie nicht mehr für unsere Sicherheit garantieren, ab hier herrschen die Kriminellen.“ Rami kann seine Empörung nur schwer unterdrücken. „Die Amerikaner schicken eine Armee in den Irak und erschießen Leute, aber sie sind nicht in der Lage, ihre eigenen Bürger zu schützen. Das soll ein Vorbild sein?“

Im Schaufenster hängt der Goldschmuck wie Lametta vom Weihnachtsbaum. Nicola und seine Familie geht es gut, an Auswandern denkt keiner von ihnen, Rami Safar schon gar nicht. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt.

Albrecht Metzger

Thema: Herr Metzger räumt auf | Comments Off | Autor: Albrecht Metzger

Brief aus Damaskus

Freitag, 20. März 2009 11:29

Über den Zusammenhang von Stromausfall und Schlägereien

Plötzlich ging das Licht aus, und so weit ich es beurteilen konnte, gleich in ganz Jaramana, einer Art Elendsviertel vor den Toren von Damaskus. Stromausfall. Nur an einer Stelle am Ende der dunklen Strasse brannte Licht. Wie sich herausstellte, stammte es von einer Gaslaterne, die der Wirt in dem winzigen, von Christen betriebenen Wasserpfeifencafé angesteckt hatte.

Was macht der reisende Arabist also? Er bestellt sich eine Argilah und ein Glas Tee. Doch kaum hatte ich es mir gemütlich gemacht, fing draußen auf der dunklen Strasse eine Schlägerei an. Wer gegen wen?, fragte ich, als der Sohn oder Neffe oder Cousin oder was auch immer des Wirtes mit einer blutigen Nase zurück ins Café stürmte. Achselzucken. Ich fragte den Rest der Runde: Wer gegen wen? Schließlich bekam ich aus ihnen heraus, dass hier offenbar ein paar junge Iraker ein paar andere junger Iraker vermöbeln wollten. Beziehungsweise genau das taten.

Das Ganze dauerte nicht allzu lang und war wohl auch nicht besonders folgenschwer. Aber es hörte in just dem Moment auf, als der Strom wieder zu fließen begann. Das warf natürlich eine Frage auf: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Schlägereien und Stromausfall?

OK, es gab noch einen zweiten Grund für diese gewagte Arbeitshypothese. Weil ich so etwas Ähnliches schon einmal erlebt hatte, vor neun Jahren, als ich in Bir Zeit studierte. Bir Zeit ist ein kleines, schmuckes Dorf von 3000 Einwohnern in der Nähe von Ramallah, fast die Hälfte sind Studenten. Damals, ein paar Monate nach Beginn der Zweiten Intifada, hatte sich bei denen schon einiger Frust aufgestaut. Verständlicherweise. Die wichtigsten Strassen waren im Grunde permanent gesperrt, viele Studenten saßen in dem kleinen Kaff fest. An ordentliches Studieren war nicht zu denken, und sie bangten zusätzlich natürlich auch noch die ganze Zeit um ihre Verwandten. Es gab viele Tote in dieser Zeit.

Und kaum fiel eines Tages in Bir Zeit der Strom aus, da versammelten sich alle auf der Strasse – und ruckzuck kam es zu einer richtigen Massenschlägerei. Wie auf ein geheimes Kommando schnappten sich die Studenten Besenstile und Äste und was sonst zur Hiebwaffe improvisiert werden konnte, und schlugen aufeinander ein. Aber es schien scharf abgetrennte Fronten zu geben, allerdings durchschaute ich sie nicht. Wer gegen wen? Das war also auch dort die Frage.

Ich muss gestehen, dass ich von dem Schauspiel trotz einer grundsätzlichen Ablehnung von Gewalt einigermaßen fasziniert war. (Besonders brutal war das Ganze übrigens nicht.) Ich übersetzte damals für meine Magisterarbeit gerade das Tagebuch eines Mukhtars von Bir Zeit, der rund 150 Jahre früher gelebt hatte und ausführlich die Schlachten schilderte, an denen er damals im Rahmen des, tja, im Grunde Palästinensischen Bürgerkrieges teilnahm. Natürlich ging es damals nicht um Hamas und Fatah, sondern vor allem um die Konkurrenz zwischen jenen, die sich der Stammesallianz der Jamani zugehörig fühlten und den anderen, die sich der der Qais zurechneten. Die Osmanen nutzten das virtuos, um alle gegen alle auszuspielen.

Wie dem auch sei, ich sah mir die Schlägerei also an und – ich gebe es zu – zückte sogar meine Kamera. Doch dann kam mein Freund Tariq angerannt und riss mich weg von der Strasse. Renn! befahl er mir und zerrte mich hinter sich her in den Supermarkt seines Vaters. Ich fragte ihn, was das sollte. Willst du etwa auch eine aufs Maul kriegen? fragte er zurück. Natürlich nicht, sagte ich, aber was hab ich damit zu tun?

- Du, belehrte mich Tariq, bist doch ein Musharbash aus Salt, oder nicht?
- Ja, stimmt. (Salt liegt in Nordjordanien)
- Also, da draußen kloppen sich die aus Gaza mit denen aus Hebron. Alles klar?
- Hääh?
- Mann, ihr aus Salt steht traditionell auf der Seite von denen aus Hebron und die aus Gaza wissen das, und die von denen, die dich kennen, machen da eventuell keinen großen Unterschied, nur weil du bloß ein halber Jordanier bist und ein Austauschstudent.
- Ah, OK. So ist das. Danke!

Tja, so rettete mich Tariq vor neun Jahren möglicherweise vor einem Angriff aus Gaza. Und was hat das mit Stromausfällen zu tun? Wahrscheinlich gar nix, nur ein Zufall. Aber ich musste heute irgendwie dran denken.

Yassin Musharbash

Thema: Briefe | Comments Off | Autor: Yassin Musharbash

Kairos Müllpyramiden

Sonntag, 15. März 2009 16:15

Meine Erkundungstour durch Kairo soll mich heute nicht zu den berühmten und beliebten Orten der Millionenstadt führen. Gegenüber der von vielen Touristen besuchten Zitadelle, die am östlichen Rand der ägyptischen Hauptstadt thront, biege ich ab und entferne mich von den vielbefahrenen lauten Straßen. Der Weg wird enger und zusehends verschmutzter.

Ich trete durch ein Tor und stehe in einer fremden neuen Welt: „Manshiet Nasser“. Die vertrauten Gerüche Kairos sind nun von einem anderen überlagert: dem Müllmief. Die Abfallpyramiden sind allgegenwärtig, sie türmen sich am Straßenrand, vor den Häusern und sogar in den Häusern auf. Sie verströmen einen schwer auszuhaltenden Gestank von Fäulnis und Verwesung. Entgeistert bewege ich mich vorwärts durch das bunte Treiben. Der Weg ist mittlerweile nicht mehr befestigt und sehr schmal, trotzdem wird er stark genutzt. Der Verkehr besteht aus Pickups, hoch beladen mit Müllsäcken, oder Eselskarren, die ebenfalls Abfall transportieren.

Ein Blick in die Häuser lässt mich erstarren, in den dunklen Räumen hocken Menschen mitten im Unrat. Sie sortieren den Kehricht, der von den Müllmännern nachts in Kairo gesammelt wird. 80 Tonnen Müll sollen sie täglich nach Manshiet Nasser bringen. Ich sehe ungeheure Müllmassen in diesem Viertel und glaube die Zahl. Alle Bewohner der abgeschirmten Gegend scheinen sich an der Abfallentsorgung zu beteiligen. Mitten in einem Haufen aus Bananenschalen und anderen organischen Resten sitzt eine Frau im Alter meiner Großmutter. Routiniert sucht sie Wiederverwertbares und Futterreste für ihre Tiere aus dem Müllberg heraus. Mich beeindruckt die Disziplin, mit der sie sich weder von den Ausdünstungen, noch vom vergammelten Zustand des Abfalls irritieren lässt. Mir dreht sich allein beim Hinsehen der Magen um.

Auch die ganz Kleinen unterstützen ihre Familien. Ich erkenne einen Jungen, der höchstens im Kindergartenalter sein kann. Er sitzt neben seinem Vater und zerbricht mit ihm Plastik in kleine Stücke. Vor ihm liegt bereits ein großer Haufen. Das Augenmerk der Müllmenschen ist auch auf Papier, Blech und Glas gerichtet, denn diese Materialien lassen sich recyceln. Der Verkauf der sortierten Ware stellt die Haupteinnahmequelle der Menschen in Manshiet Nasser dar.

Viele Kinder begegnen mir auf meinem Weg durch den Müll. Ob sie wohl zur Schule gehen? Oder werden sie ihr ganzes Leben im Müllviertel verbringen, das seit 40 Jahren besteht? An vielen Häusern kann ich Heiligenbilder und Kreuze erkennen. Dort wohnen die christlichen Kopten, welche die Mehrheit der Müllmenschen ausmachen. In den Hinterhöfen halten sie vor allem Schweine, aber auch Ziegen, die von Bioabfällen leben.

Bald stelle ich fest, dass das Leben im Abfallquartier wie in jedem anderen Teil Kairos ist. Es gibt Bäckereien, Handyläden und gutbesuchte Schischa-Cafés. Die Vorstellung, dass man dort sitzt und einen Tee genießen kann, scheint mir abwegig. Ich könnte den widerlichen Gestank des Mülls, die Rattenkadaver am Straßenrand oder den totgefahrenen, blutüberströmten Hund mitten auf dem Weg nicht einfach ignorieren. Doch den Menschen hier scheint das möglich zu sein: Einige Kinder spielen ausgelassen auf einer ausrangierten Schaukel, die großen Mädchen lauschen der Musik aus ihren Handys, tuscheln und kichern. Das Leben der Bewohner spielt sich im Müll ab, sie arbeiten, lieben, gebären, erkranken und sterben im Müll.

Während ich, immer noch benommen, zurück auf den großen Straßen Kairos den plötzlich frisch erscheinenden Duft von Abgasen und Staub einsauge, wird mir eins klar: Die Menschen in Manshiet Nasser haben meine Hochachtung für das, was sie jeden Tag leisten.

Magdalena Suerbaum

Magdalena Suerbaum ist im März 2009 Volontärin bei Kristina Bergmann (NZZ) in Kairo. In der Gastrubrik von NEFAIS.net berichtet sie während dieser Zeit aus Kairo. Im Müllviertel war sie dreimal - vielleicht mehr als jeder andere Journalist am Nil.

Thema: Gastbeiträge | Comments Off | Autor: Gast

Brief aus dem Libanon

Freitag, 13. März 2009 14:10

Endlich war ich da. So lange hatte ich mir erhofft, den Libanon zu bereisen, und nun erfüllte ich mir diesen Wunsch. Eine Woche lang Land und Leute erkunden, Freunde treffen, Geschichten recherchieren. Aber vor allem: Mit eigenen Augen sehen, wie dieses Land aussieht, wie es riecht, wie es schmeckt.

Immer wieder hört man das Gleiche: Der Libanon ist grün, man kann am Morgen in den Bergen Ski fahren und am Nachmittag im Meer baden, und natürlich ist das Essen das beste in der Region. Nun wollte ich mir mein eigenes Bild machen.

Schon beim Anflug auf Beirut bestätigten sich die ersten beiden Libanon-Klischees. Aus dem linken Flugzeugfenster waren die grün leuchtenden, in höheren Lagen schneebedeckten Berge zu sehen, aus dem rechten Kabinenfenster sah ich das Meer. Die Sonne schien, als ich ankam, und ich konnte auf der Fahrt in die Innenstadt gar nicht genug vom Anblick der weißen Berggipfel bekommen. Unfassbar, dass es keine zwei Stunden Flugzeit von Kairo entfernt solch eine blühende Vegetation gibt, grüne Hügel so weit das Auge reicht und Berge, die von weitem weiß leuchten. Herrlich!

Und dann Beirut. Vielleicht hätte mich die Stadt nicht so begeistert, wäre ich gerade aus Deutschland eingeflogen. Aber aus dem 20 Millionen-Moloch Kairo kommend, fühlte ich mich regelrecht beschwingt, als ich durch die Straßen der libanesischen Hauptstadt lief. Saubere Bürgersteige, schicke Cafés und der Duft von Veilchen, die in Beeten die Gehwege des „Centre Ville” säumen.

Es hört sich banal an, aber für mich war es extrem erfrischend, mal wieder die normalen Freuden einer Stadt genießen zu können. Kairo ist heillos überfüllt, chaotisch, verstaubt und verdreckt. Entspannte Spaziergänge sind kaum möglich. Natürlich gibt es auch in Kairo grüne Ecken, aber sie haben keine Chance gegen den Wüstensand, der sich ebenmäßig überall in der Stadt verteilt.

Deshalb kam mir Beirut mit seinen gepflegten Plätzen, dem Pflanzenwuchs und dem Regen, durch den ich zwei Tage spazierte, fast wie ein Kurort vor.

Beirut erinnert mich von der Architektur, die in den alten Strukturen noch zu erkennen ist, aber auch von der Vegetation her ein wenig an Südfrankreich. Südfrankreich mit Kriegsnarben. Zwar wird in Beirut, wie auch im Rest des Landes, kräftig gebaut, und viele alte Gebäude, die dem Krieg zum Opfer gefallen sind, müssen nun gläsernen, glänzenden, glatten Neubauten weichen. Dennoch sieht man überall noch Wände, die von Einschusslöchern durchsiebt sind und völlig ausgebrannte und zerbombte Häuser. Das sind traurige Überbleibsel eines grausamen und langen Bürgerkrieges, in dem etwa 100 000 Libanesen ums Leben kamen und rund 800 000 ins Ausland flohen.

Heute leben vier Millionen Menschen im Zedernstaat, die Exilgemeinde der Libanesen ist auf 16 Millionen angewachsen.

Überall auf dem Erdball sind sie verstreut, in Südamerika, Kanada, Europa, Australien. Sie haben sich dort eine neue Existenz aufgebaut, viele haben es zu Geld gebracht. Mein liebenswürdiger Taxifahrer Jean besaß einmal ein Restaurant, das während des Krieges zerstört wurde. Seitdem verdient er sein Geld damit, Menschen durch den Libanon zu fahren. Auf unserer Fahrt in den Süden des Landes führte Jean mehrere Telefonate. „Das Schöne am Libanon ist, dass man mit allem Geld verdienen kann”, sagte Jean zwischen zwei Gesprächen. Er suche gerade einen Käufer für eine Villa, die ein Bekannter für ein paar Millionen Dollar verkaufen wolle. Für Jean fällt dabei natürlich eine Vermittlungsgebühr ab.

Wir waren auf dem Weg nach Saida. Die Stadt liegt knapp 50 Kilometer südlich von Beirut und zählt zu den berühmten Orten des Altertums. Heute ist sie die drittgrößte Stadt im Libanon und Sitz der südlibanesischen Regierung. Auf dem Weg dorthin begegnete mir ein Phänomen, das ich auch in den anderen Teilen des Landes beobachten konnte: Überall wird gebaut. Die grünen Hänge sind übersät mit neuen, meist mehrstöckigen, weiß-getünchten Häusern.

An der Schnellstraße nach Saida liegt eine Siedlung, in der niemand zu wohnen scheint. Nur vor einem einzigen Balkon sah ich frische gewaschene Wäsche hängen. Die anderen Häuser schienen verlassen, der Ort wie eine Geisterstadt. Jean erklärte mir, dass früher Christen in diesem Dorf wohnten. Im Bürgerkrieg kämpften Drusen gegen sie, und das ganze Dorf wurde dem Erdboden gleich gemacht. Die Einwohner kamen um oder flohen ins Ausland. Viele dieser Exillibanesen bauen sich heute in ihrer alten Heimat wieder Häuser, kehren aber nur im Urlaub heim. So entsteht ein Meer von Ferienwohnungen im Libanon.

Auch die Lebensmittelindustrie hat sich auf die Auslandlibanesen eingestellt. Goodys, ein Feinkost-Supermarkt mit einer Filiale am Flughafen Beirut führt alle erdenklichen libanesischen Köstlichkeiten. Von Orangenblütenwasser über die verschiedenen typischen libanesischen Gewürze hin zu frischen Oliven und den berühmten libanesischen Süßigkeiten - es gibt nichts, was man hier nicht findet. Der Clou ist, dass alles schon reisegerecht abgepackt ist. Das Olivenöl steckt in einer leichten Plastikflasche, die so sicher verschweißt ist, dass man sie unbesorgt in den Koffer werfen kann. Die Oliven werden in eine Tupperdose gepackt - der Mann hinter der Theke weiß bei dem Satz „Es ist für die Reise” sofort Bescheid. Auch Thymian und Granatapfelessenz sind so verpackt, dass der Exillibanese ein Stück alte Heimat mitnehmen kann. In der Innenstadt und auch am Flughafen ist Goodys gut besucht.

Auch ich nehme zum Abschied eine Tasche voller Köstlichkeiten mit. Denn es stimmt, was man sagt: Das libanesische Essen ist besser als alles, was ich bisher gekostet habe. Dank Goodys kann ich nun wochenlang mein Essen mit libanesischen Zutaten verfeinern. Was übrigens ein weiteres Klischee bestätigt: Die Libanesen wissen, wie man Geschäfte macht.

Amira El Ahl

Thema: Briefe | Comments Off | Autor: Amira El Ahl

Mit Islamisten reden

Dienstag, 10. März 2009 11:32

Die laufende Ausgabe des amerikanischen Magazins Newsweek hat eine erstaunliche Titelgeschichte. Vor grünem Hintergrund stehen dort in großen arabischen Lettern und darunter in englischer Übersetzung die folgenden zwei Sätze: „Radical Islam is a fact of life. How to live with.“ Zu deutsch: “Der radikale Islam ist eine Tatsache. Wie wir lernen müssen, damit zu leben.” Die Aussage ist recht banal, viele Fachleute sagen das seit Jahren. Aber wir haben es hier mit einem der wichtigsten Mainstream-Medien der USA zu tun, insofern hat das ein anderes Gewicht.

Der Autor, Fareed Zakariya, sagt im Kern folgendes: Die Islamisten verfolgen Ziele, die wir nicht gutheißen müssen. Manche sind gewalttätig, manche wollen Kriminellen die Hände abhacken, alle wollen sie die Frau unter den Schleier zwingen. Aber wir müssen vier Dinge anerkennen: Zum einen sind die Islamisten eine politische Kraft, die wir nicht ignorieren können. Sie haben in den vergangenen Jahren in der ganzen islamischen Welt an Einfluss gewonnen. Zweitens sind längst nicht alle Islamisten gewalttätig. Wir sollten nicht jeder Madrasa den Krieg erklären, die sich nicht im Kriegszustand mit uns befindet. Und selbst die militanten Islamisten wollen oft nicht den globalen Dschihad, sondern ihre Gewaltbereitschaft hat lokal Ursachen. Drittens ist es fraglich, ob es so klug ist, militante Islamisten ausschließlich mit Gewalt zu bekämpfen. Es ist an der Zeit, die Ursachen ihrer Gewaltbereitschaft zu verstehen und möglicherweise mit ihnen in Verhandlung zu treten. Und schließlich viertens gibt es Beispiele, wo die Islamisten auf demokratischem Weg die Macht übernommen und sich selbst mit ihren harschen Methoden unbeliebt gemacht haben. Insofern sollten wir entspannter sein, wenn bei Wahlen die Islamisten regelmäßig gewinnen. Möglicherweise werden sie bei den nächsten Wahlen wieder von der Macht entfernt werden.

Wie gesagt, all das ist recht banal, Leute wie Olivier Roy haben das so oder so ähnlich bereits vor Jahren geschrieben. Aber nach dem 11. September 2001 war diese Position nicht besonders gefragt. Wer versucht hat, den Islamismus differenziert zu betrachten, galt fast schon als Sympathisant von Usama bin Laden. Da dreht sich der Wind gerade mächtig. Barack Obama hat seine Bereitschaft erklärt, mit den friedfertigen Taliban zu reden („reconcilable Taliban“ heißen die auf Englisch), die Briten haben Kontakt zur Hizbullah aufgenommen. Irgendwann werden sie auch mit der Hamas reden, da bin ich mir sicher.

Es wäre nicht schlecht gewesen, wenn diese Erkenntnis ein paar Jahre früher gekommen wäre. Dann hätten ein paar Tausend Zivilisten weniger ihr Leben verloren (Libanonkrieg, Gazakrieg, Afghanistan, Pakistan).

Zu den Schwierigkeiten der EU im Umgang mit Islamisten habe ich 2006 ein Feature für den NDR geschrieben. Wer mag, kann sich das durchlesen, mit vielen O-Tönen.

Albrecht Metzger

Thema: Herr Metzger räumt auf | Comments Off | Autor: Albrecht Metzger

Zum Internationalen Frauentag

Freitag, 6. März 2009 9:09

Frauen in Arabien. ARABIEN. Wo liegt das? In Saudi-Arabien? Arabia Felix? Mann, Mann. Der Deutschlandfunk ist mein Lieblingssender. Aber konnte nicht irgendjemand den Onlinern von Big Mama rechtzeitig mitteilen, dass „Arabien“ auf keiner realen Landkarte existiert? Dass die arabische Halbinsel und Marokko ungefähr so viel gemeinsam haben wie Granada und Gdansk? Und dass ein PR-Text wie der, mit dem der Sender heute ein Feature zum Thema Frauenrechte ankündigt, in die Kategorie „Heiße Schnecken unter Schleiern“ gehört? Wahrscheinlich wird die Sendung gar nicht übel sein. Aber warum diese platte Ankündigung?
„Ya Habibti, nimm’s locker“, sagt mein Nachbar Monty trocken. Monty lebt wie ich in Mangalistan, einem ganz besonderen Stadtteil Kölns, über den ich in diesem Blog demnächst mehr erzählen werde. Monty ist cool, und sehr geduldig. Außerdem ist Monty Palästinenser und somit daran gewöhnt, dass in den Medien regelmäßig gefühlte neunundneunzig Prozent Blödsinn über sein Völkchen und dessen Probleme verbreitet werden. Auch wenn Palästina zum hundertmillionsten Mal fälschlicherweise unter „Arabien“ subsumiert wird; auch wenn zum hundertzwanzigmillionsten Mal behauptet wird, die Palis seien selbst schuld, wenn israelische Bulldozer ihnen die Häuser unterm Hintern wegreißen: Monty denkt langfristig. „Nichts ist ewig. Und was kümmert es die stolze Eiche, wenn sich das Borstvieh an ihr reibt?“
Hmmm. Klingt arg nach Galgenhumor. Ich weiß, dass Du manchmal nur noch schlafen willst, weil Du die Ohnmacht nicht aushältst, Monty. Aber irgendwie hast Du auch Recht. Man sollte sich nicht über FRAUEN in ARABIEN aufregen, sondern sich inspirieren lassen. Wie wäre es, wenn ich mich ab sofort „Tubantin“ nennen würde? Das klingt viel exotischer als „Deutsche“ und ein bisschen Historie wabert auch mit. Denn nicht nur der Name des Fussballclubs FC Twente - nein, auch der Name meiner niederländisch-deutschen Sippe väterlicherseits geht mit allergrösster Wahrscheinlichkeit auf die Tubanten zurück. Selbige waren laut Tacitus Stammeskrieger aus Ostholland, die sich zu Beginn unserer Zeitrechnung wacker mit den Römern kloppten. Also: Keine Scheu vor Klischees! Unsere LeserInnen kapieren das sonst nicht! Nenn mich Tubantin!

Wenn Ihr trotz allem immer noch nicht die Nase voll habt vom Thema „Frauen in Arabien“: Eine dreiteilige Publikationsreihe, zu der ich jüngst auch beitragen durfte, informiert en détail und ohne Anspruch auf Vollständigkeit über die rechtliche Diskriminierung und über Gegenstrategien von Frauen in ausgewählten Ländern der Region Nahost/Nordafrika: Auf dem Weg zu einer verbesserten Rechtswirklichkeit, Strategien und Instrumente gegen rechtliche Diskriminierungen von Frauen in der arabischen Welt (Studie der gtz).

Bis denn

Martina Sabra

Thema: Notizen aus Mangalistan | Comments Off | Autor: Martina Sabra