Mit Islamisten reden
Die laufende Ausgabe des amerikanischen Magazins Newsweek hat eine erstaunliche Titelgeschichte. Vor grünem Hintergrund stehen dort in großen arabischen Lettern und darunter in englischer Übersetzung die folgenden zwei Sätze: „Radical Islam is a fact of life. How to live with.“ Zu deutsch: “Der radikale Islam ist eine Tatsache. Wie wir lernen müssen, damit zu leben.” Die Aussage ist recht banal, viele Fachleute sagen das seit Jahren. Aber wir haben es hier mit einem der wichtigsten Mainstream-Medien der USA zu tun, insofern hat das ein anderes Gewicht.
Der Autor, Fareed Zakariya, sagt im Kern folgendes: Die Islamisten verfolgen Ziele, die wir nicht gutheißen müssen. Manche sind gewalttätig, manche wollen Kriminellen die Hände abhacken, alle wollen sie die Frau unter den Schleier zwingen. Aber wir müssen vier Dinge anerkennen: Zum einen sind die Islamisten eine politische Kraft, die wir nicht ignorieren können. Sie haben in den vergangenen Jahren in der ganzen islamischen Welt an Einfluss gewonnen. Zweitens sind längst nicht alle Islamisten gewalttätig. Wir sollten nicht jeder Madrasa den Krieg erklären, die sich nicht im Kriegszustand mit uns befindet. Und selbst die militanten Islamisten wollen oft nicht den globalen Dschihad, sondern ihre Gewaltbereitschaft hat lokal Ursachen. Drittens ist es fraglich, ob es so klug ist, militante Islamisten ausschließlich mit Gewalt zu bekämpfen. Es ist an der Zeit, die Ursachen ihrer Gewaltbereitschaft zu verstehen und möglicherweise mit ihnen in Verhandlung zu treten. Und schließlich viertens gibt es Beispiele, wo die Islamisten auf demokratischem Weg die Macht übernommen und sich selbst mit ihren harschen Methoden unbeliebt gemacht haben. Insofern sollten wir entspannter sein, wenn bei Wahlen die Islamisten regelmäßig gewinnen. Möglicherweise werden sie bei den nächsten Wahlen wieder von der Macht entfernt werden.
Wie gesagt, all das ist recht banal, Leute wie Olivier Roy haben das so oder so ähnlich bereits vor Jahren geschrieben. Aber nach dem 11. September 2001 war diese Position nicht besonders gefragt. Wer versucht hat, den Islamismus differenziert zu betrachten, galt fast schon als Sympathisant von Usama bin Laden. Da dreht sich der Wind gerade mächtig. Barack Obama hat seine Bereitschaft erklärt, mit den friedfertigen Taliban zu reden („reconcilable Taliban“ heißen die auf Englisch), die Briten haben Kontakt zur Hizbullah aufgenommen. Irgendwann werden sie auch mit der Hamas reden, da bin ich mir sicher.
Es wäre nicht schlecht gewesen, wenn diese Erkenntnis ein paar Jahre früher gekommen wäre. Dann hätten ein paar Tausend Zivilisten weniger ihr Leben verloren (Libanonkrieg, Gazakrieg, Afghanistan, Pakistan).
Zu den Schwierigkeiten der EU im Umgang mit Islamisten habe ich 2006 ein Feature für den NDR geschrieben. Wer mag, kann sich das durchlesen, mit vielen O-Tönen.
Albrecht Metzger