Brief aus dem Libanon
Endlich war ich da. So lange hatte ich mir erhofft, den Libanon zu bereisen, und nun erfüllte ich mir diesen Wunsch. Eine Woche lang Land und Leute erkunden, Freunde treffen, Geschichten recherchieren. Aber vor allem: Mit eigenen Augen sehen, wie dieses Land aussieht, wie es riecht, wie es schmeckt.
Immer wieder hört man das Gleiche: Der Libanon ist grün, man kann am Morgen in den Bergen Ski fahren und am Nachmittag im Meer baden, und natürlich ist das Essen das beste in der Region. Nun wollte ich mir mein eigenes Bild machen.
Schon beim Anflug auf Beirut bestätigten sich die ersten beiden Libanon-Klischees. Aus dem linken Flugzeugfenster waren die grün leuchtenden, in höheren Lagen schneebedeckten Berge zu sehen, aus dem rechten Kabinenfenster sah ich das Meer. Die Sonne schien, als ich ankam, und ich konnte auf der Fahrt in die Innenstadt gar nicht genug vom Anblick der weißen Berggipfel bekommen. Unfassbar, dass es keine zwei Stunden Flugzeit von Kairo entfernt solch eine blühende Vegetation gibt, grüne Hügel so weit das Auge reicht und Berge, die von weitem weiß leuchten. Herrlich!
Und dann Beirut. Vielleicht hätte mich die Stadt nicht so begeistert, wäre ich gerade aus Deutschland eingeflogen. Aber aus dem 20 Millionen-Moloch Kairo kommend, fühlte ich mich regelrecht beschwingt, als ich durch die Straßen der libanesischen Hauptstadt lief. Saubere Bürgersteige, schicke Cafés und der Duft von Veilchen, die in Beeten die Gehwege des „Centre Ville” säumen.
Es hört sich banal an, aber für mich war es extrem erfrischend, mal wieder die normalen Freuden einer Stadt genießen zu können. Kairo ist heillos überfüllt, chaotisch, verstaubt und verdreckt. Entspannte Spaziergänge sind kaum möglich. Natürlich gibt es auch in Kairo grüne Ecken, aber sie haben keine Chance gegen den Wüstensand, der sich ebenmäßig überall in der Stadt verteilt.
Deshalb kam mir Beirut mit seinen gepflegten Plätzen, dem Pflanzenwuchs und dem Regen, durch den ich zwei Tage spazierte, fast wie ein Kurort vor.
Beirut erinnert mich von der Architektur, die in den alten Strukturen noch zu erkennen ist, aber auch von der Vegetation her ein wenig an Südfrankreich. Südfrankreich mit Kriegsnarben. Zwar wird in Beirut, wie auch im Rest des Landes, kräftig gebaut, und viele alte Gebäude, die dem Krieg zum Opfer gefallen sind, müssen nun gläsernen, glänzenden, glatten Neubauten weichen. Dennoch sieht man überall noch Wände, die von Einschusslöchern durchsiebt sind und völlig ausgebrannte und zerbombte Häuser. Das sind traurige Überbleibsel eines grausamen und langen Bürgerkrieges, in dem etwa 100 000 Libanesen ums Leben kamen und rund 800 000 ins Ausland flohen.
Heute leben vier Millionen Menschen im Zedernstaat, die Exilgemeinde der Libanesen ist auf 16 Millionen angewachsen.
Überall auf dem Erdball sind sie verstreut, in Südamerika, Kanada, Europa, Australien. Sie haben sich dort eine neue Existenz aufgebaut, viele haben es zu Geld gebracht. Mein liebenswürdiger Taxifahrer Jean besaß einmal ein Restaurant, das während des Krieges zerstört wurde. Seitdem verdient er sein Geld damit, Menschen durch den Libanon zu fahren. Auf unserer Fahrt in den Süden des Landes führte Jean mehrere Telefonate. „Das Schöne am Libanon ist, dass man mit allem Geld verdienen kann”, sagte Jean zwischen zwei Gesprächen. Er suche gerade einen Käufer für eine Villa, die ein Bekannter für ein paar Millionen Dollar verkaufen wolle. Für Jean fällt dabei natürlich eine Vermittlungsgebühr ab.
Wir waren auf dem Weg nach Saida. Die Stadt liegt knapp 50 Kilometer südlich von Beirut und zählt zu den berühmten Orten des Altertums. Heute ist sie die drittgrößte Stadt im Libanon und Sitz der südlibanesischen Regierung. Auf dem Weg dorthin begegnete mir ein Phänomen, das ich auch in den anderen Teilen des Landes beobachten konnte: Überall wird gebaut. Die grünen Hänge sind übersät mit neuen, meist mehrstöckigen, weiß-getünchten Häusern.
An der Schnellstraße nach Saida liegt eine Siedlung, in der niemand zu wohnen scheint. Nur vor einem einzigen Balkon sah ich frische gewaschene Wäsche hängen. Die anderen Häuser schienen verlassen, der Ort wie eine Geisterstadt. Jean erklärte mir, dass früher Christen in diesem Dorf wohnten. Im Bürgerkrieg kämpften Drusen gegen sie, und das ganze Dorf wurde dem Erdboden gleich gemacht. Die Einwohner kamen um oder flohen ins Ausland. Viele dieser Exillibanesen bauen sich heute in ihrer alten Heimat wieder Häuser, kehren aber nur im Urlaub heim. So entsteht ein Meer von Ferienwohnungen im Libanon.
Auch die Lebensmittelindustrie hat sich auf die Auslandlibanesen eingestellt. Goodys, ein Feinkost-Supermarkt mit einer Filiale am Flughafen Beirut führt alle erdenklichen libanesischen Köstlichkeiten. Von Orangenblütenwasser über die verschiedenen typischen libanesischen Gewürze hin zu frischen Oliven und den berühmten libanesischen Süßigkeiten - es gibt nichts, was man hier nicht findet. Der Clou ist, dass alles schon reisegerecht abgepackt ist. Das Olivenöl steckt in einer leichten Plastikflasche, die so sicher verschweißt ist, dass man sie unbesorgt in den Koffer werfen kann. Die Oliven werden in eine Tupperdose gepackt - der Mann hinter der Theke weiß bei dem Satz „Es ist für die Reise” sofort Bescheid. Auch Thymian und Granatapfelessenz sind so verpackt, dass der Exillibanese ein Stück alte Heimat mitnehmen kann. In der Innenstadt und auch am Flughafen ist Goodys gut besucht.
Auch ich nehme zum Abschied eine Tasche voller Köstlichkeiten mit. Denn es stimmt, was man sagt: Das libanesische Essen ist besser als alles, was ich bisher gekostet habe. Dank Goodys kann ich nun wochenlang mein Essen mit libanesischen Zutaten verfeinern. Was übrigens ein weiteres Klischee bestätigt: Die Libanesen wissen, wie man Geschäfte macht.
Amira El Ahl