Beiträge vom April, 2009

Brief aus Köln

Donnerstag, 23. April 2009 18:15

Gruppenbild mit irakischen Flüchtlingen
… und die Rettung der katholischen Kirche

1

Vorletzte Woche wurde ich in Essen Zeugin einer denkwürdigen Rettungsaktion. Irakische Flüchtlinge ersparten den „Päpstlichen“ eine weitere Niederlage. Oder anders ausgedrückt: Das Bistum Essen schenkte den Glaubensbrüdern aus dem Zweistromland mal eben kurz eine Kirche. Es gab einen feierlichen Gottesdienst, flankiert von Rostbratwurst, Fassbier und levantinischen Dabke-Kreistänzen unterm Kreuz. Jetzt echt: Die Mischung hatte was.
Aber ich sollte kurz erklären, wie es dazu kam. Von den Hunderttausenden chaldäisch-katholischen Christen, die in den letzten Jahren aus dem Irak geflüchtet sind, haben sich rund 6500 in Deutschland niedergelassen. Die meisten scheinen wie ich eine Vorliebe für Essen zu haben, denn dort allein leben über 1000 chaldäische Katholiken. Diese Gemeinde, die einen eigenen irakischen Priester aus Bagdad hat, konnte für ihre Gottesdienste und ihre sozialen Aktivitäten jahrelang die Räume einer deutschen katholischen Gemeinde in Essen mitnutzen. Dort gab es Platz, weil auch in Essen immer weniger Menschen zur Kirche gehen, geschweige denn dafür bezahlen wollen. Mit der Konsequenz, dass schon mehrfach Gemeinden fusioniert und Kirchengebäude stillgelegt werden mussten.
Auch die Kirche in Essen-Katernberg-Beisen stand auf der Abschussliste. Der Unterhalt war zu teuer geworden, die Gemeinde zu klein. Da kam dem Ruhrbistum die rettende Idee: Warum sollte man das Gotteshaus nicht den Chaldäern überlassen? Und so geschah es. Mitte März 2009 konnten die lokalen und regionalen Medien zur feierlichen Übergabe nach Essen-Katernberg-Beisen eingeladen werden.
Die irakischen Christen sind froh über die neuen Räume. Ihnen war der Unterschlupf bei den deutschen Glaubensbrüdern und Schwestern nämlich zu eng geworden. Doch die eigentliche Gewinnerin bei diesem Akt scheinbar selbstloser Nächstenliebe ist die katholische Kirche. Denn die chaldäischen Katholiken bekommen nur den Priester bezahlt. Den teuren Unterhalt des Kirchengebäudes und des Pfarrhauses muss die chaldäische Gemeinde tragen. Gleichzeitig können die „Päpstlichen“ sich glücklich schätzen, die Niederlage der Stilllegung einer ihrer Kirchen verhindert zu haben. Herzlichen Glückwunsch! Mabruk!

2

Gestern war ich mal wieder eingeladen: Diesmal zum Gruppenbild mit irakischen Flüchtlingen. Nordrhein-Westfalens Integrationsminister Armin Laschet wollte in der Landeshauptstadt und Karnevalsmetropole Düsseldorf die frisch eingetroffenen irakischen Kontingentflüchtlinge öffentlichkeitswirksam begrüßen. Wir JournalistInnen waren aufgefordert worden, den Akt beispielloser Großzügigkeit in unserer Berichterstattung gebührend zu berücksichtigen.
Wirklich bewundernswert, dass Deutschland mit seinen 80 Millionen Einwohnern die Integration von insgesamt 2500 Menschen stemmt! Das ist doch was. Besonders beeindruckend wirkt die Zahl, wenn man weiss, dass das Mini-Königreich Jordanien mit seinen 6 Millionen Einwohnern und sein Nachbar Syrien mit 21 Millionen seit Jahren je eine knappe Million Irak-Flüchtlinge beherbergen.
Rund 80 000 Menschen aus dem Irak leben bisher in Deutschland, davon über 10 000 mit „ungeklärtem Aufenthaltstitel“. Als ich die Details über die geplante Luxus-Integration der Kontingentflüchtlinge las – „Alles eingetütet“, verlautbarten Kommunen und Kirchen, inklusive Sprachkursen, freier Wahl des Wohnortes, Arbeitserlaubnis und Kindergartenplätzen – als ich das las, musste ich an die irakischstämmigen Familien denken, die ich in den letzten Jahren im Rahmen mancher Reportagen im Rheinland und im Ruhrpott besucht habe. Immer wieder traf ich dabei verzweifelte, frustrierte Menschen. Manche hingen seit Jahren in der Asylschleife fest, wollten gern arbeiten, durften es aber nicht, und waren in die Sozialhilfe gezwungen worden.
Ich traf kurdisch-irakische Mädels, die hier in den Kindergarten und zur Schule gegangen waren, die in der örtlichen Fussballmannschaft kickten, und die nicht wussten, ob sie vielleicht vor dem Schulabschluss abgeschoben würden. Nach dem Sturz von Saddam Hussein 2003 wurde es noch schlimmer: Rund 20 000 bereits bundesweit anerkannte politische Flüchtlinge erhielten sogenannte Widerrufsandrohungen, Schreiben, in denen sie gefragt wurden, ob sie nach dem Ende der Diktatur nicht zurück in die Heimat reisen könnten. In einigen Fällen verschickten die Beamten in ihrem Übereifer nicht nur diese Briefe, sondern stoppten auch gleich alle laufenden Verfahren, die zur Arbeitserlaubnis, Einbürgerung oder sonst etwas hätten führen können. 14 000 Menschen sollen damals eine Aufforderung zur „freiwilligen Ausreise“ erhalten haben.
Als besonders krass habe ich eine fünfköpfige Familie in Bottrop in Erinnerung, die ich zuhause besuchte, und die mich in ihren halben Meter Aktenordner schauen ließ. Das Ehepaar war mit seinen drei Kindern seit sieben Jahren in Deutschland, sie hatten eine Wohnung, einen Job, ein Auto vor der Tür, und die beiden Großen gingen zum Gymnasium. 2005 hatte der Vater den ersten Brief vom Amt bekommen, mit der Aufforderung, in den Irak zu gehen, wenn er dort nicht mehr bedroht sei. Als ich das Ehepaar 2007 wiedertraf, waren dem Vater gerade die Arbeitsgenehmigung und der Pass entzogen worden. Er konnte nicht abgeschoben werden, aber er konnte sich auch nicht mehr aus seinem Viertel in Bottrop wegbewegen, geschweige denn arbeiten. In derselben Woche starb die Schwester der Frau in Bagdad bei einer Schießerei an einem Checkpoint.
Zwar wurde im Juli 2007 im Rahmen der sogenannten Altfallregelung ein Bleiberecht für lange in Deutschland lebende Flüchtlinge aus dem Irak verabschiedet. Damit konnte auch die genannte Bottroper Familie bleiben. Doch die Jahre, die sie in ständiger Angst vor der Abschiebung leben mussten, gibt der Bottroper Familie niemand zurück. Und viele Iraker, die nicht unter die Altfallregelung fielen, befinden sich immer noch im Schwebezustand der „Duldung“ – sprich: keine Arbeitserlaubnis, kein Studium, keine Zukunftsperspektive. Selbst Leute, die schon jahrelang hier gelebt haben und gut etabliert sind, müssen teure Anwälte engagieren, um aus diesem aufenthaltsrechtlichen Jammertal wieder rauszukommen.
Es heißt, dass seit 2003 insgesamt viertausend Asylbewerber „freiwillig“ aus Deutschland in den Irak zurückgegangen seien. Angesichts der vielen Beschränkungen, denen ein Teil der Flüchtlinge hier immer noch unterworfen ist, fragt man sich, wie „freiwillig“ sie tatsächlich gegangen sind.
Eine “neue Willkommenskultur” hat Herr Laschet den Flüchtlingen bei ihrem Termin in Düsseldorf angeboten. Die nur noch geduldeten, von Abschiebung bedrohten irakischen Flüchtlinge in NRW haben es sicher mit Interesse vernommen. Wenn Herr Laschet diese Menschen in sein Luxus-Integrationsprogramm mit aufnehmen würde, könnte ich es mir noch mal überlegen mit dem Fototermin in Düsseldorf.

Martina Sabra (4. April 2009)

Thema: Briefe, Notizen aus Mangalistan | Comments Off | Autor: Martina Sabra

Busfahren, Beduinen und Bikinis

Mittwoch, 1. April 2009 14:39

Es ist 9 Uhr 30 am Donnerstagmorgen. Ich sitze in einem ägyptischen Bus, der mich von Kairo nach Taba Heights bringen soll. Das ist eine Hotelstadt im Osten der Sinaihalbinsel am Golf von Aqaba. Im Bus sitzen zumeist Ägypter - die Touristen fliegen per Charter nach Taba. Ein Soldat in der Reihe hinter mir kaut an einem Falafel Sandwich. Neben ihm sitzt ein älterer, mürrischer Mann in einer Galabiya und liest Zeitung. Im hinteren Teil der Kabine scherzen einige Männer miteinander. Ganz in meiner Nähe hat sich ein modisch gekleideter junger Mann niedergelassen, der mir hin und wieder einen Blick zuwirft.

Mit geringer Verspätung startet der Bus Richtung Taba. Kaum sind wir unterwegs, wird das Radio angestellt. Es ertönt eine Koranrezitation. Die Stimme des Scheichs ist verzerrt und von kratzenden Geräuschen durchzogen, trotzdem erhöht der Busfahrer die Lautstärke. Die Lesung wird immer durchdringender, und ich werfe einen Blick durch das schlecht gesäuberte Fenster und konzentriere mich auf die Gegend. Militärgelände, Wüstenlandschaft und Felder ziehen an mir vorbei.

Mittlerweile hat der Busfahrer einen ägyptischen Film eingelegt. Einige Passagiere verfolgen ihn interessiert, andere machen, mit der Stirn an den Vordersitz gelehnt, ein Schläfchen. Der junge Mann rechts von mir versucht immer wieder, mit mir Blickkontakt aufzunehmen. Ich kann seinen prüfenden Blick auf meinem Körper spüren. Schnell lege ich mir einen Schal um den Hals.

Die Aussicht zeigt, dass ich mein Ziel fast erreicht habe. Die Wüste ist gigantischen Felsformationen gewichen. Ich versuche die beeindruckende Landschaft zu genießen, und mich von den waghalsigen Überholmanövern des Busfahrers nicht beunruhigen zu lassen. Nach sechs Stunden erreichen wir die Bushaltestelle in Taba. Ein ortsansässiger Beduine bringt mich in seinem Taxi weiter nach Taba Heights. Die Kommunikation mit dem netten Mann fällt mir nicht leicht, denn mein Arabisch ist noch stark ausbaufähig, und Englisch beherrscht der Taxifahrer nur bruchstückhaft. Am Rand der Straße kann ich im unwegsamen, steinigen Gelände kleine, heruntergekommene Hütten aus Wellblech, Holz und Pappe erkennen. Dort wohnen Beduinen mit ihren Tieren.

Wie groß der Unterschied zwischen den ärmlichen Häusern und der Hotelstadt ist! In Taba Heights gibt es vier Fünf-Sterne Hotels, einen Golfplatz, ein kleines Stadtzentrum, einen Hafen und eine Tauchschule. Straßen und sämtliche Anlagen strahlen vor Sauberkeit, und die Bepflanzung der Grünflächen ist akkurat, fast wie abgezirkelt. In der Eingangshalle meines Hotels erwarten mich leise Klaviermusik, eine schicke Inneneinrichtung und der Geruch von teurer Seife und Raumspray. Der Rezeptionist, der Security Guard und der Kofferträger begrüßen mich auf Englisch und halten freundlichen Smalltalk mit mir. Während eines Rundgangs durch das Hotel begegne ich vielen ägyptischen Angestellten. Sie reinigen das Anwesen, veranstalten Animationsprogramme für die Gäste oder verkaufen Getränke und Souvenirs. Die Hotelgäste der unterschiedlichsten Nationen tummeln sich auf dem großen Anwesen. Viele tragen nur eine Badehose oder einen knappen Bikini, selbst wenn sie sich in der Lobby aufhalten. Die Ägypter scheinen davon keine Notiz zu nehmen - ob sie auf Diskretion gedrillt werden?

Das Hotel bietet eine Vielfalt von Freizeitaktivitäten. Man kann schwimmen, tauchen, shoppen, tanzen oder entspannen. Es gibt kaum einen Grund, die Anlage zu verlassen. Auch das Essensangebot ist riesig, von italienischer bis chinesischer Küche ist alles vertreten. Nur ägyptische Spezialitäten kann ich nicht entdecken. Alkohol wird von den einheimischen Angestellten ab dem frühen Morgen an unterschiedlichen Bars ausgeschenkt. Auf der Preistafel kann ich auf Englisch, Französisch, Spanisch, Deutsch und Russisch lesen, dass ein Bier dreißig Pfund kostet.

Am Abend soll im Hotel ein Beduinentanz gezeigt werden. Die Vorstellung erschreckt mich. Einige Ägypter, die morgens noch die Zimmer putzten, sind nun mit bunten, billigen Trachten bekleidet und führen unnatürlich wirkende Choreographien vor. Dazu wird ägyptische Popmusik gespielt. Das reale Leben und die Kultur der Beduinen, die in dieser Gegend von Viehzucht und Müllverwertung leben und auf die Reste aus den Hotelküchen angewiesen sind, repräsentieren sie nicht.

Ist es gut, dass ein Hotel seinen Gästen eine Scheinwelt vorgaukelt, welche die Facetten des Landes nicht wiederspiegelt? Wie viel seiner Identität darf ein Gastland für seine Touristen aufgeben? In dieser schönen Hotelanlage mit ihrem perfekt auf die wohlhabenden Gäste abgestimmten Programm suche ich die ägyptische Kultur jedenfalls vergeblich. Sie muss zwischen den knappen Badehöschen, den mehrspracheigen Speisekarten und den bunten alkoholhaltigen Cocktails abhanden gekommen sein.

Magdalena Suerbaum

Magdalena Suerbaum ist im März 2009 Volontärin bei Kristina Bergmann (NZZ) in Kairo. In der Gastrubrik von NEFAIS.net berichtet sie während dieser Zeit aus Kairo.

Thema: Gastbeiträge | Comments Off | Autor: Gast