Beiträge vom Mai, 2009

Deutschland ist unsere Zukunft, der Irak unsere Erinnerung

Dienstag, 19. Mai 2009 11:58

In ihrer Heimat wurden sie verfolgt, gefoltert, bedroht und schließlich vertrieben. Jetzt wird für 2500 Flüchtlinge aus dem Irak Deutschland zu einer neuen Heimat. Sie alle landen zuerst im Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen, das nach dem Zweiten Weltkrieg Flüchtlinge aus dem Osten aufnahm und später Vertriebene aus der ganzen Welt.

Deutscher Landregen kann etwas sehr schönes sein. Wenn er sich allerdings über Tage hinweg zieht und der Himmel keine andere Farbe mehr als miesepetriges Grau zu bieten hat, kann der Landregen schnell auch das Gemüt verdunkeln.
Maged hingegen scheinen das eintönige Grau und die feuchte Kälte, die tief in die Glieder zieht, nichts auszumachen. Ganz im Gegenteil. Nur mit einem braunen Pyjama bekleidet und Plastiksandalen an den Füßen steht er unter dem Vordach der Baracke 6 in Friedland. Seinem Übergangszuhause. Sein Körper scheint nichts zu spüren von der Kälte oder dem Regen, denn seine Gedanken sind gerade nicht in Friedland. Sie beschäftigen sich mit essentielleren Fragen als dem Wetter. Wahrscheinlich surren sie nur so durch den Kopf des 70-jährigen Mannes mit den schlohweißen Haaren und den freundlichen Augen, denn als Amir Zaya durch den Regen auf ihn zukommt und ihm einen guten Morgen wünscht, sprudeln die Fragen nur so aus Maged heraus.

Maged ist einer von 2500 Irakern, die in Deutschland eine neue Heimat finden sollen. Sie gehören zu den etwa zwei Millionen Irakern, die aus Angst um ihr Leben nach Syrien oder Jordanien geflüchtet sind, aber weder dort bleiben noch in den Irak zurückkehren können. In den Nachbarstaaten des Irak fanden sie zwar Unterschlupf, allerdings ohne eine Perspektive, dort je ein normales Leben führen zu können. In Ländern wie Syrien oder Jordanien, wo die Iraker zwar geduldet sind aber weder arbeiten dürfen noch die Schulbildung ihrer Kinder gewährleistet ist, ist ihre Verelendung vorgezeichnet.
10 000 von ihnen dürfen nun in die Europäische Union kommen. 2500 davon nach Deutschland, von denen die Mehrheit Christen sind. Staffelweise werden sie nun nach Deutschland kommen, und alle werden sie ihre ersten Tage und Wochen im Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen verbringen, von wo sie dann an ihren neuen Wohnort verteilt werden.

Doch genau dieser neue Wohnort bereitet Maged Kopfzerbrechen. Eindringlich redet er auf Amir Zaya, den irakischen Übersetzer ein, und zieht ihn schlussendlich in die Baracke 6 hinein. Es muss dringend etwas geklärt werden. Die flache Baracke besteht aus einem tristen Gang, an dem rechts und links die Zimmer der Flüchtlinge liegen. An der Wand neben dem Zimmer Nummer 17, an die Mageds Name und die Anzahl der Familienangehörigen mit schwarzem Filzstift geschrieben steht, hängt eine ausgeblichene Deutschlandkarte, auf der die Grenzen aller Bundesländer eingezeichnet sind.
Maged erklärt sein Problem. Immer wieder. Denn er versteht nicht, wie das offensichtliche Missverständnis mit dem neuen Wohnort passiert sein kann. Nach Hamburg wollte er mit seiner Familie, in den Norden, denn zwei seiner Söhne leben schon seit etlichen Jahren in Dänemark. Dorthin waren sie mithilfe von Schmugglern geflüchtet, mittlerweile sind sie dänische Staatsangehörige. Da Dänemark den Rest der Familie, der nach Jordanien geflüchtet war, nicht aufnehmen wollte, empfiehl ihnen das UNHCR-Büro in Amman, einen Ausreiseantrag nach Deutschland zu stellen. Von Hamburg aus sind es nur ein paar Stunden mit dem Zug nach Dänemark, die Familie wäre also wieder so gut wie vereint gewesen. Doch nun das. „Ich habe gehört, sie wollen uns nach Weimar schicken“, sagt der 70-Jährige, und in seinem Gesicht spiegelt sich Verzweiflung. „Weimar, das ist hier irgendwo rechts unten auf der Karte“, und er schiebt sein Gesicht noch ein bisschen näher an das vergilbte Papier hinter Glas. Die gesamte Familie drängt sich mittlerweile um die Karte und Amir Zaya, der versucht, die Familie so gut es geht zu beruhigen und ihr Problem zu verstehen. „Wir wollen entweder nach Hamburg oder in den Westen, nach Düsseldorf oder Duisburg“, erklärt Ziad, der älteste Sohn. „Dort haben wir auch Verwandte.“ Der Gedanke, alleine in einem fremden Land in einer fremden Stadt, Stunden von den nächsten Angehörigen entfernt zu leben, versetzt die ganze Familie in Angst und Schrecken. „Gibt es da überhaupt Universitäten?“, fragt Maged. „Meine Kinder müssen doch was lernen, aus ihnen soll was werden.“

Doch die Familie muss sich gedulden. Die Iraker werden nach einem für sie undurchschaubaren System aufgeteilt, das die Behörden „Königsteiner Schlüssel“ nennen. Auf einer kleingedruckten Liste steht, wohin die Reise gehen wird für die irakischen Familien. Doch erst in einer Woche, punkt neun Uhr, wird ihnen ihr Schicksal mitgeteilt. Maged schüttelt resigniert den Kopf. Spannung ist gerade das letzte, was diese Menschen gebrauchen können. Aber er will sich nicht beschweren. Er ist glücklich, seine Familie endlich in Sicherheit zu wissen. Er will alles richtig machen in seiner neuen Heimat.

Deshalb erscheint der 70-Jährige auch kurze Zeit später in einem grauen Anzug und weißem Hemd in der Caritasberatungsstelle ein paar Häuser weiter. Dort findet ab zehn Uhr eine Informations-Veranstaltung zum Aufenthaltsrecht in Deutschland für die neu eingetroffenen Iraker statt. Hier erhoffen sich Maged und seine Landsleute Antworten auf ihre vielen Fragen, über ihr Schicksal, ihr neues Leben.
Auch George will alles richtig machen. Punkt zehn Uhr nimmt er in dem schmucklosen Raum, in dem überall alte Schwarzweißfotos von Kriegsrückkehrern aus dem zweiten Weltkrieg hängen, Platz. Auch seine Frau ist dabei. Mit ihr und den beiden Söhnen wohnt er gleich gegenüber von Maged in Baracke 6.

Auf Zuspätkommer wird – da beginnt schon die erste Lektion im Deutschtum - keine Rücksicht genommen. Schließlich müssen Regeln eingehalten werden. Schon für die, die pünktlich da waren und gebannt jedem Wort folgen, das der junge Herr von der Caritas und sein palästinensischer Übersetzer hervorbringen, ist das, was sie hören, ein Wirrwarr aus Paragrafen und deutscher Bürokratie, das einen deutschen Muttersprachler überfordern könnte - nur das es für diese Menschen hier um ihre Zukunft geht. Ihre womöglich letzte Chance auf ein Leben in Sicherheit und Stabilität. Da will man alles verstehen, da will man alles richtig machen. Doch das Bombardement aus kompliziertem Behördendeutsch, verwirrenden Gesetzen und deutscher Bürokratie scheint auch den konzentriertesten Zuhörer nur noch mehr zu verwirren.

In anderthalb Stunden versuchen die Mitarbeiter der Caritas die Neuankömmlinge so gut es geht über das deutsche Aufenthaltsrecht aufzuklären, und das Wirrwarr in ihren Köpfen zu lichten. Sie klären die Iraker unter anderem über ihre Rechte in Deutschland auf. Das sie zum Beispiel arbeiten dürfen, wie sie ihre Aufenthaltsgenehmigung, die ab sofort für drei Jahre gilt, verlängern können und wie sie später auch eine permanente Aufenthaltsgenehmigung erhalten können. Doch immer wieder rumort es im Saal, die Iraker haben hunderte von Fragen, vor allem als es um das Thema Reisen in die Heimat geht. „Es ist bis jetzt nicht klar, wie das geht, und ob die deutsche Botschaft ihnen dort vor Ort im Notfall helfen kann“, sagt Thomas Heck, Leiter der Caritasstelle in Friedland. Deshalb rät er auch von Reisen in den Irak, aber auch nach Syrien und Jordanien vorerst ab.  Aber eine Information lässt die Anwesenden kollektiv aufatmen: Sie können ihren Flüchtlingsstatus gar nicht verlieren, da sie in Deutschland gar keinen haben. Was im Umkehrschluss für all diese Menschen bedeutet, dass die deutsche Regierung sie nicht in den Irak abschieben kann, wenn sie der Meinung ist, dass es keinen Grund mehr für eine Flucht aus dem Heimatland gibt. Denn zurück wollen und können sie nicht mehr, soviel ist den meisten hier klar.

Auch für George und seine Familie gibt es kein zurück mehr. Der 58-Jährige sitzt an einem kleinen Holztisch in seinem Zimmer und schaut auf den Regen, der ans Fenster platscht. Die Heizung ist bis zum Anschlag aufgedreht, es ist stickig im Zimmer, aber die Familie scheint es nicht zu bemerken. Seine Söhne tragen dicke Wollpullis, seine Frau Nada hat auch hier drin ihre Jacke an. Das deutsche Wetter ist gewöhnungsbedürftig, aber die Familie scheint das nicht im Geringsten zu stören. „Deutschland ist ein guter Ort“, sagt George, und seine grünen Augen strahlen. In den Irak wollen sie nicht mehr zurück. „Wir wären Fremde in unserem Land.“ Es muss ihm das Herz brechen, so von seiner Heimat zu sprechen. Immer noch lebt Familie dort, Freunde, Nachbarn.
„Aber unsere Kinder waren dort in Gefahr, jeden Tag.“ Nada erzählt, wie die Terroristen Kinder auf dem Weg zur Schule in Autos zogen, um dann bis zu 20 000 Dollar Lösegeld von den verzweifelten Eltern zu fordern. „Wir Mütter haben uns zusammengetan, um unsere Kinder im Pulk zur Schule zu bringen, aber das ist doch auf Dauer kein Leben“, erzählt Nada, deren Gesicht von tiefen, schwarzen Ringen unter den Augen gezeichnet ist. Schließlich floh die Familie nach Jordanien, immer in der Hoffnung, bald wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können. „Aber dort wurde es jeden Tag nur noch schlimmer“, sagt George. Als das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen ihnen anbot, sich für die Ausreise nach Deutschland zu bewerben, war das ein Rettungsring für die Familie, für den sie ewig dankbar sein werden. „In Jordanien waren wir nichts, dort gibt es keine Zukunft für meine Kinder.“

In Deutschland wollen sie ein neues Leben beginnen, das Land soll zu ihrer zweiten Heimat werden. Das einzige Problem sieht George in der Sprache, die für ihn noch so fremd klingt. Auf dem Tisch liegt ein kleines Wörterbuch Deutsch-Arabisch. Darin sind viele lustige, bunte Bilder von Möhren, Autos und Gießkannen abgebildet, mit dem jeweiligen deutschen und arabischen Wort darunter. George will vorbereitet sein auf seinen ersten Deutschunterricht. „Die Sprache ist das Tor zum Leben“, sagt George, und er ist fest entschlossen, dieses Tor weit aufzustoßen. Alle Flüchtlinge werden einen Integrationskurs absolvieren, in dem sie Praktisches und Wissen über Deutschland vermittelt bekommen, aber vor allem die Sprache lernen sollen. „In sechs Monaten will ich den Kurs beenden und Arbeit finden“, sagt George. Darauf richtet er jetzt all seine Energie. Er ist ehrgeizig und fest entschlossen, in Deutschland heimisch zu werden. Um zu beweisen, wie ernst es ihm ist, zieht er unter der Bettdecke einer der Etagenbetten noch ein elektronisches Wörterbuch hervor.
„Ich will Deutsch lernen, um schnell Arbeit zu finden und meine Kinder ernähren zu können“, sagt George. Er will es schaffen, auch wenn der Weg schwer werden sollte. „Ich weiß, dass wir hier auf einem niedrigeren sozialen Niveau leben werden als im Irak“, sagt der gelernte Steuerberater. „Aber dafür werden wir in Sicherheit leben, unsere Kinder werden in einer gesunden, stabilen Gesellschaft aufwachsen, das ist für uns das wichtigste.“ Sie wünschen sich so sehr, in diesem Land glücklich zu werden.

Vor dem Fenster, an dem die dicken Regentropfen abperlen, steht eine kleine irakische Flagge, die auch in ihrem neuen zu Hause in Berlin einen besonderen Platz einnehmen wird. „All unsere Erinnerungen sind im Irak“, sagt George zum Abschied, „aber Deutschland ist unsere Zukunft.“

Amira El Ahl

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Herr Koch und Herr Lehmann

Samstag, 16. Mai 2009 16:33

Der Casus Kermani, oder was er uns sagt, ist noch viel schlimmer als nur peinlich, taktlos, dumm. Er hat in gewisser Weise System. Alle regen sich über die angeblich zu schnell beleidigten Muslime auf. Und es reden ja immer nur alle über den Islam, auch die deutschen Muslime. Nun kommt aber mal ein Muslim und sagt etwas zum Christentum. Das wird sofort als Grenzüberschreitung, Anmaßung, Sakrileg empfunden (umgekehrt haben wir keinerlei Gefühl dafür, was es heißt, daß wir ständig über den Islam reden - genau daran erkennt man die Hierarchien, erkennt, wer die Macht hat oder glaubt, sie oder das natürliche Anrecht darauf zu haben - “wir”: die deutschen Nichteinwanderer, Nichtmuslime). Das ist der eine Impuls. Dann gibt es den zweiten: Jetzt schlagen wir zurück. Was die Muslime können - für ihren Glauben streiten, empfindlich sein - das können wir schon lange. Und: Endlich haben wir eine Gelegenheit dazu. Sonst kriegen wir die von den Muslimen ja nicht, die reden einfach nicht über das Christentum. Nun hat es einer getan. Sofort wird die Gelegenheit genutzt, sich im Spiegelstadium mit den beleidigten Muslimen zu profilieren, auf die dümmste, undifferenzierteste Art. Natürlich, die Feuilletons sind jetzt alle pro Navid. Aber das sind die Intellektuellen, vielleicht nur eine optische Täuschung. Ich würde gerne den Briefkasten von Lehmann, Koch und Konsorten sehen. Oder doch lieber nicht: Denn was da an Zustimmung eintrudelt, dürfte einem den Magen umdrehen. Selbst dieser Skandal, überhaupt erst der Skandal und die Kritik an seinen Verursachern, dient deren Sache, der eigenen Profilierung, dem Marketing. Es ist sehr schwer, dieser Dynamik etwas entgegenzusetzen, außer der schonungslosen Analyse. Der Friedenspreis des Buchhandels für Navid, mit Roland Koch zwangsverdonnert in der Paulskirche, das wäre das einzige, was das wieder gutmachen könnte.

Stefan Weidner

Thema: Allgemein | Comments Off | Autor: Stefan Weidner

Schweine im Versteck

Samstag, 2. Mai 2009 15:38

Vorgestern war ich mit Julia Gerlach bei den Müllsammlern im Kairoer informellen Viertel “Manshiet Nasr”. Dort ziehen sie nämlich Schweine, und da wegen der Schweinegrippe alle Schweine geschlachtet werden sollen, schien mir das der richtige Ort für eine Recherche. Julia hatte ausserdem einen Interviewtermin mit dem wichtigsten Priester des Müllviertels - Abuna Samaan - organisiert. Ein Grund mehr, dorthin zu gehen.

In Kairo wird kaum noch über etwas anderes als die Schweinegrippe gesprochen. Die Vogelgrippe hat den Ägyptern angeblich schon mächtig zugesetzt, und nun - so meinen einige - komme noch die Plage der Schweinegrippe auf sie zu!

Bei einem religiösen Volk wie dem ägyptischen gelangen rasch Begriffe wie ”Gott”, “Sünde” und ”Sühne” in die Diskussion. Also ähnlich wie bei den frommen Israelis, die sich weigerten, “Schweinegrippe” zu sagen, weil sie das Wort “Schwein” nicht in den Mund nehmen wollten. Die Ägypter tun sich hingegen keinen Zwang an und flüstern, sagen, schreien oder brüllen das Wort “Schweinegrippe”, dass es nur so eine Art hat. Halt, halt, halt - jetzt nicht zum Schluss kommen, dass die muslimischen Ägypter mit dem Wort Schwein oder mit dem Tier Schwein kein Problem hätten…

Auch von dem muslimischen Apotheker in meiner Strasse, den ich oft befrage, und mit dem ich ein bisschen befreundet bin, wollte ich wissen, was er zur Schweinegrippe meine. “Das Wort ist falsch”, erklärte er. Ich wollte gerade aufbrausen, da sagte er: “Das Schwein kann doch nichts für die Grippe, also darf man die neue Krankheit auch nicht nach ihm benennen.”

Klug, fand ich. Doch ehrlich gesagt, fand ich sonst keinen muslimischen Ägypter, der diese Ansicht vertrat. Fast mit Genuss (so schien es mir zunächst) wurde nämlich zum Schutz gegen die neuartige Grippe die Schlachtung aller Schweine angeordnet. Das sind nicht wenige. Angeblich gibt es in Ägypten 350 000 Schweine. Das wurde am Mittwoch bekannt und auch der Plan, dass die Schweine nach und nach in den grossen Schlachthöfen getötet würden, aber - sofern sie gesund seien - ihr Fleisch durchaus verkauft werden könne. Natürlich würden die Züchter später entschädigt werden.

Im Müllviertel war trotz des anscheinend so hervorragend organisierten Schlachtplans (oder vielleicht gerade deshalb) die Hölle los. Allerdings manifestierte die sich nicht in Aufruhr, sondern zumeist in Schweigen. Die Müllsammler, die meine Volontärin Magdalena im März so schön beschrieben hatte, flüsterten abwehrend: “Ich? Nein, ich habe keine Schweine.” Ich tippte darauf, dass sie sie versteckten und vor der Schlachtung retten wollten. Immerhin stehen im Müllviertel heute hohe Wohnblocks, und oft liegt noch im 3. oder 4. Stock zu sortierender Müll. Dort könnte man doch auch die Schweine hinbringen! Am Donnerstag waren sie (irgendwann bekamen Julia und ich so einen Stall zu sehen) allerdings noch im Erdgeschoss. Mir fiel auf, wie ruhig die Tiere waren. Als ob sie wüssten, dass der kleinste Quickser sie verraten könnte… bis das Futter kam. Das hatte ein junges Mädchen aus dem Abfallberg ‘rausgepult - also alles Fressbare von Reis über Fleischreste bis zu Kartoffelschalen. Als sie mit dem runden ”Tisht” auf dem Kopf in den Stall kam, ging das Grunzen los.

Genau wie Magdalena bewunderte ich die Müllsammler, die -sortiererinnen und die Schweine. Was wäre, wenn es die in Kairo nicht gäbe? Die Stadt würde elendiglich in ihrem Abfall untergehen!

Dann gingen Julia und ich zu Abuna Samaan. Der hatte x Telefonate zu erledigen, klar, an einem Tag wie diesem und nach der schockierenden Nachricht, alle Schweine sollten gekeult werden! Er tat mir leid, vor allem aber, weil er offensichtlich erkältet war und sich ständig die Nase putzen musste. Oder waren das die ersten Symptome der Schweinegrippe?

Ich staunte, als Abuna Samaan dann erklärte, er fände die Entscheidung, alle Schweine zu erlegen, richtig. Ich dachte: Was soll er auch sagen, wenn nicht einmal der koptische Patriarch, Baba Shenuda, den Mund auftut, sondern die Entscheidung der Regierung schluckt! Dann meinte Abuna Samaan: “Natürlich verursachen nicht die Schweine die Grippe, das hat auch der Gesundheitsminister gesagt. Aber anders als in Europa herrscht hier keine Hygiene, sondern leben Schwein und Mensch auf engstem Raum zusammen. Wenn die Grippe im Viertel ausbricht, ist das unser Ende.”

Klang logisch, dennoch glaubte ich Abuna Samaan nicht. Die Müllsammler sind ja nicht freiwillig Müllsammler, sondern, weil ihnen in der ägyptischen Hierarchie nichts anderes übrig bleibt. Die meisten sind Analphabeten und kommen aus Oberägypten. Vermutlich stand ihnen das Wasser bis zum Hals, als sie sich entschieden, Müllsammler und -sortierer in Kairo zu werden.

Abuna Samaan schreckte mich aus meinen Gedanken auf: “Wir wollen hier raus. Und die Schweine sollen richtiges Futter kriegen und auf richtigen Farmen leben.” Schöner Traum, dachte ich. Schweine gibt es doch hier nur, weil sie Abfall in gutes Fleisch, also in bare Münze umwandeln. Doch zufälligigerweise ist das Schwein in den Augen der Muslime das ekelhafteste Tier überhaupt.

Oder doch nicht? Jedenfalls war da noch ein anderer Mann, Adel, der Obersekretär der Vereinigung der Müllsammler. Der Mann gefiel mir, war er doch direkt, offen und mit dem absurden Schlachtungsplan absolut nicht einverstanden. Noch mehr gefiel er mir, als er erzählte, er habe gerade in “Ezbet an-Nakhl” (auch so ein Müllviertel) beobachtet, wie die Polizei einen Schweinezüchter nach seinem Namen gefragt habe. Mohammed, habe der geantwortet. Was, du bist Muslim und ziehst Schweine, hätten die Polizisten empört geschrien. Was soll ich denn sonst machen, habe Mohammed ganz leise erwidert.

Plötzlich schien mir die ganze Angelegenheit noch absurder als vorher. Es gibt unendlich viele Arme in Ägypten, viel viel mehr als sich irgend jemand oder irgendeine Organsation vorstellen kann. Arme, die nicht von einem Dollar, sondern 10 Cent pro Tag oder noch weniger leben. Und die einen Job suchen, sei er noch so mickrig und mies. Darin sind die Ägypter und noch mehr die Oberägypter grosse Klasse. Sie können sogar Jobs erfinden!

Die Schweinezucht war bis anhin für arme Müllsammler keine schlechte Lösung ihres Geldproblems. Warum also nicht auch für Muslime, denen es ja keineswegs besser als den Christen geht? Wie bitte, der Islam verbietet das Essen von Schweinefleisch? Ich weiss, aber ziehen heisst noch lange nicht essen, oder? Höchstens in den Augen dieser extremistischen, pedantischen, prüden und besserwisserischen Muslimbrüder (die mit Abfall nur so um sich werfen, um sich nicht die Hände schmutzig zu machen). Und nun soll es also nach denen gehen, und alle Schweine müssen weg. Komisch, denn eigentlich ist ja die Regierung gegen die Muslimbrüder. Und will keinen Aufruhr unter den Christen. Warum also das Ganze?

Haben die Muslimbrüder inzwischen soviel Macht, dass sie eine solche Losung (Tötung aller Schweine) durchsetzen können? Oder ist diese Regierung schlauer als man meint und weiss, dass sie den Forderungen der aufgebrachten Muslimbrüder ruhig nachgeben kann, weil die Schlachtung eh nie durchgeführt werden wird? Wer weiss eine Antwort?

Kristina Bergmann

P.S. Inzwischen ist es Samstag Abend, und es ist viel passiert. Zum Beispiel heisst die neue Infektion nicht mehr Schweinegrippe. Aber die Ägypter nennen sie noch immer so. Die ägyptische Regierung will übrigens an dem idiotischen Erlegungsplan festhalten, obwohl die ganze Welt sie auslacht! Den ägyptischen Schweinezüchtern ist allerdings nicht zum Lachen zu Mute. Immerhin haben sie sich gewehrt - Bravo! Als im Norden der Hauptstadt Schweinefarmen geräumt werden sollten, haben die Züchter und Arbeiter die Polizisten mit Steinen beworfen. Wird die Regierung nun merken, dass ihr Plan nicht der Beruhigung dient, sondern der beste Weg zum Aufstand der Massen ist?

Thema: Kristinas Kolumne | Comments Off | Autor: Kristina Bergmann

Brief aus Beirut

Samstag, 2. Mai 2009 9:12

Viel ist in letzter Zeit über die “Dahiya” geschrieben worden. Dies ist der Sammelbegriff für die südlichen Vororte Beiruts, die sich in den letzten Jahren so verändert haben. Sie scheinen weniger revolutionär, äußerlich nicht mehr so islamisch-pedantisch und vor allem konsumfreudiger.

Frauen mit Kopftüchern sind dort zwar immer noch häufiger als in anderen Stadtteilen anzutreffen. Aber der Tschador scheint auf dem Tiefpunkt seiner Popularität angelangt zu sein. Als ich im Januar der Ashura-Prozession und der Hizbullah-Demo zugeschaut habe, haben mich die vielen Frauen und Mädchen ohne Kopfbedeckung überrascht. Die Atmosphäre war einem religiösen Volksfest ähnlicher als einer “Muqawama-Show”, die Israel das Fürchten lehren sollte. Und das auf dem Höhepunkt des Gaza-Krieges!

Westliches Fastfood in Form der KFC-Kette und Donut-Läden hat Einzug gehalten, Internetcafés mit allen seinen virtuellen Freiräumen auch. Die Einkaufszentren haben dort - wie in aller Welt - inzwischen auch die Beinamen “Plaza” oder “Laguna”.

Aber die “Dahiya” hat trotzdem noch ihre eigenen Gesetze. Nicht etwa Verkehrspolizisten, die dem Innenministerium unterstehen, versuchen, ins Dauerverkehrschaos in “Haret Hreik” oder in “Chiyah” ein wenig Ordnung zu bringen, sondern Männer in beiger Uniform mit einer Armbinde, auf der “Indibat” (Ordnung) steht. Sie sind von der Hizbullah eingesetzt. Bei Razzien sprechen sich die libanesischen Sicherheitskräfte mit Kollegen von der “Partei Gottes” ab. In Zeitungen erscheinen diese Aktionen am nächsten Tag als eine Form der gelungenen Zusammenarbeit und nicht als ein weiterer Beweis für die mangelnde Souveränität des libanesischen Staates.

Und ich als Journalistin würde mich davor hüten, auf offener Straße mit meinem Mikro Atmo aufzunehmen, eine Umfrage durchzuführen oder Bilder zu machen. In anderen Beiruter Stadtteilen hätte ich damit keine Probleme. Aber hier wären ziemlich schnell Ordnungskräfte der Hizbullah zur Stelle, die mir das strengstens verbieten würden, weil angeblich die Sicherheit der Partei gefährdet werden könnte. Ich muss erst bei Madame Wafa oder Madame Rana vom Pressebüro der Partei um Erlaubnis fragen. Das heißt, viele Papiere hinschicken, einige Tage warten, immer wieder telefonieren und nachhaken, bis dann von oben das OK kommt (bis jetzt).

Nach dem Krieg von 2006 und den verheerenden Bombardements der israelischen Luftwaffe, die in Beirut vor allem “Haret Hreik” zum Ziel hatten, versuchten Stadtplaner von der Amerikanischen Universität, eine breite Diskussion um den Wiederaufbau anzuregen. Staatliche Institutionen, die Hizbullah, die Amal-Partei, Stadtbehörden, Bewohner der betroffenen Gebiete, Architekten und alle interessierten Beiruter sollten Anteil daran nehmen, wie stadtplanerisch eingegriffen werden könne, damit sich die Wohnsituation und Lebensqualität der Menschen dort verbessern würde. Es hätte spannend und eventuell ein Vorbild für andere dichtbevölkerte Stadtteile werden können. Wie etwa ist es möglich, Flächen für Spielplätze und Grünanlagen zu gewinnen? Welche Straßen könnten verkehrsberuhigt werden?

Fast drei Jahre später sind die Ergebnisse ernüchternd. Außer einigen Zeitungsartikeln und wenigen öffentlichen Veranstaltungen, durch die ich im letzten Winter auf das Thema aufmerksam geworden bin, ist nichts gelaufen. Wahrscheinlich ist der Versuch, den Beirutern die “Dahiya” mit Hilfe der Diskussion über den Wiederaufbau Beiruts näher zu bringen, gescheitert. So werden die Vororte, obwohl an manchen Ecken schicker geworden und einige von auswärts dorthin gehen, um billig einzukaufen, weiter fast ausschließlich als Hizbullah-Gebiet wahrgenommen, das nicht so richtig zur übrigen Stadt gehört.

Mona Naggar

Thema: Briefe | Comments Off | Autor: Mona Naggar