Schweine im Versteck
Vorgestern war ich mit Julia Gerlach bei den Müllsammlern im Kairoer informellen Viertel “Manshiet Nasr”. Dort ziehen sie nämlich Schweine, und da wegen der Schweinegrippe alle Schweine geschlachtet werden sollen, schien mir das der richtige Ort für eine Recherche. Julia hatte ausserdem einen Interviewtermin mit dem wichtigsten Priester des Müllviertels - Abuna Samaan - organisiert. Ein Grund mehr, dorthin zu gehen.
In Kairo wird kaum noch über etwas anderes als die Schweinegrippe gesprochen. Die Vogelgrippe hat den Ägyptern angeblich schon mächtig zugesetzt, und nun - so meinen einige - komme noch die Plage der Schweinegrippe auf sie zu!
Bei einem religiösen Volk wie dem ägyptischen gelangen rasch Begriffe wie ”Gott”, “Sünde” und ”Sühne” in die Diskussion. Also ähnlich wie bei den frommen Israelis, die sich weigerten, “Schweinegrippe” zu sagen, weil sie das Wort “Schwein” nicht in den Mund nehmen wollten. Die Ägypter tun sich hingegen keinen Zwang an und flüstern, sagen, schreien oder brüllen das Wort “Schweinegrippe”, dass es nur so eine Art hat. Halt, halt, halt - jetzt nicht zum Schluss kommen, dass die muslimischen Ägypter mit dem Wort Schwein oder mit dem Tier Schwein kein Problem hätten…
Auch von dem muslimischen Apotheker in meiner Strasse, den ich oft befrage, und mit dem ich ein bisschen befreundet bin, wollte ich wissen, was er zur Schweinegrippe meine. “Das Wort ist falsch”, erklärte er. Ich wollte gerade aufbrausen, da sagte er: “Das Schwein kann doch nichts für die Grippe, also darf man die neue Krankheit auch nicht nach ihm benennen.”
Klug, fand ich. Doch ehrlich gesagt, fand ich sonst keinen muslimischen Ägypter, der diese Ansicht vertrat. Fast mit Genuss (so schien es mir zunächst) wurde nämlich zum Schutz gegen die neuartige Grippe die Schlachtung aller Schweine angeordnet. Das sind nicht wenige. Angeblich gibt es in Ägypten 350 000 Schweine. Das wurde am Mittwoch bekannt und auch der Plan, dass die Schweine nach und nach in den grossen Schlachthöfen getötet würden, aber - sofern sie gesund seien - ihr Fleisch durchaus verkauft werden könne. Natürlich würden die Züchter später entschädigt werden.
Im Müllviertel war trotz des anscheinend so hervorragend organisierten Schlachtplans (oder vielleicht gerade deshalb) die Hölle los. Allerdings manifestierte die sich nicht in Aufruhr, sondern zumeist in Schweigen. Die Müllsammler, die meine Volontärin Magdalena im März so schön beschrieben hatte, flüsterten abwehrend: “Ich? Nein, ich habe keine Schweine.” Ich tippte darauf, dass sie sie versteckten und vor der Schlachtung retten wollten. Immerhin stehen im Müllviertel heute hohe Wohnblocks, und oft liegt noch im 3. oder 4. Stock zu sortierender Müll. Dort könnte man doch auch die Schweine hinbringen! Am Donnerstag waren sie (irgendwann bekamen Julia und ich so einen Stall zu sehen) allerdings noch im Erdgeschoss. Mir fiel auf, wie ruhig die Tiere waren. Als ob sie wüssten, dass der kleinste Quickser sie verraten könnte… bis das Futter kam. Das hatte ein junges Mädchen aus dem Abfallberg ‘rausgepult - also alles Fressbare von Reis über Fleischreste bis zu Kartoffelschalen. Als sie mit dem runden ”Tisht” auf dem Kopf in den Stall kam, ging das Grunzen los.

Genau wie Magdalena bewunderte ich die Müllsammler, die -sortiererinnen und die Schweine. Was wäre, wenn es die in Kairo nicht gäbe? Die Stadt würde elendiglich in ihrem Abfall untergehen!
Dann gingen Julia und ich zu Abuna Samaan. Der hatte x Telefonate zu erledigen, klar, an einem Tag wie diesem und nach der schockierenden Nachricht, alle Schweine sollten gekeult werden! Er tat mir leid, vor allem aber, weil er offensichtlich erkältet war und sich ständig die Nase putzen musste. Oder waren das die ersten Symptome der Schweinegrippe?
Ich staunte, als Abuna Samaan dann erklärte, er fände die Entscheidung, alle Schweine zu erlegen, richtig. Ich dachte: Was soll er auch sagen, wenn nicht einmal der koptische Patriarch, Baba Shenuda, den Mund auftut, sondern die Entscheidung der Regierung schluckt! Dann meinte Abuna Samaan: “Natürlich verursachen nicht die Schweine die Grippe, das hat auch der Gesundheitsminister gesagt. Aber anders als in Europa herrscht hier keine Hygiene, sondern leben Schwein und Mensch auf engstem Raum zusammen. Wenn die Grippe im Viertel ausbricht, ist das unser Ende.”
Klang logisch, dennoch glaubte ich Abuna Samaan nicht. Die Müllsammler sind ja nicht freiwillig Müllsammler, sondern, weil ihnen in der ägyptischen Hierarchie nichts anderes übrig bleibt. Die meisten sind Analphabeten und kommen aus Oberägypten. Vermutlich stand ihnen das Wasser bis zum Hals, als sie sich entschieden, Müllsammler und -sortierer in Kairo zu werden.
Abuna Samaan schreckte mich aus meinen Gedanken auf: “Wir wollen hier raus. Und die Schweine sollen richtiges Futter kriegen und auf richtigen Farmen leben.” Schöner Traum, dachte ich. Schweine gibt es doch hier nur, weil sie Abfall in gutes Fleisch, also in bare Münze umwandeln. Doch zufälligigerweise ist das Schwein in den Augen der Muslime das ekelhafteste Tier überhaupt.
Oder doch nicht? Jedenfalls war da noch ein anderer Mann, Adel, der Obersekretär der Vereinigung der Müllsammler. Der Mann gefiel mir, war er doch direkt, offen und mit dem absurden Schlachtungsplan absolut nicht einverstanden. Noch mehr gefiel er mir, als er erzählte, er habe gerade in “Ezbet an-Nakhl” (auch so ein Müllviertel) beobachtet, wie die Polizei einen Schweinezüchter nach seinem Namen gefragt habe. Mohammed, habe der geantwortet. Was, du bist Muslim und ziehst Schweine, hätten die Polizisten empört geschrien. Was soll ich denn sonst machen, habe Mohammed ganz leise erwidert.
Plötzlich schien mir die ganze Angelegenheit noch absurder als vorher. Es gibt unendlich viele Arme in Ägypten, viel viel mehr als sich irgend jemand oder irgendeine Organsation vorstellen kann. Arme, die nicht von einem Dollar, sondern 10 Cent pro Tag oder noch weniger leben. Und die einen Job suchen, sei er noch so mickrig und mies. Darin sind die Ägypter und noch mehr die Oberägypter grosse Klasse. Sie können sogar Jobs erfinden!
Die Schweinezucht war bis anhin für arme Müllsammler keine schlechte Lösung ihres Geldproblems. Warum also nicht auch für Muslime, denen es ja keineswegs besser als den Christen geht? Wie bitte, der Islam verbietet das Essen von Schweinefleisch? Ich weiss, aber ziehen heisst noch lange nicht essen, oder? Höchstens in den Augen dieser extremistischen, pedantischen, prüden und besserwisserischen Muslimbrüder (die mit Abfall nur so um sich werfen, um sich nicht die Hände schmutzig zu machen). Und nun soll es also nach denen gehen, und alle Schweine müssen weg. Komisch, denn eigentlich ist ja die Regierung gegen die Muslimbrüder. Und will keinen Aufruhr unter den Christen. Warum also das Ganze?
Haben die Muslimbrüder inzwischen soviel Macht, dass sie eine solche Losung (Tötung aller Schweine) durchsetzen können? Oder ist diese Regierung schlauer als man meint und weiss, dass sie den Forderungen der aufgebrachten Muslimbrüder ruhig nachgeben kann, weil die Schlachtung eh nie durchgeführt werden wird? Wer weiss eine Antwort?
Kristina Bergmann
P.S. Inzwischen ist es Samstag Abend, und es ist viel passiert. Zum Beispiel heisst die neue Infektion nicht mehr Schweinegrippe. Aber die Ägypter nennen sie noch immer so. Die ägyptische Regierung will übrigens an dem idiotischen Erlegungsplan festhalten, obwohl die ganze Welt sie auslacht! Den ägyptischen Schweinezüchtern ist allerdings nicht zum Lachen zu Mute. Immerhin haben sie sich gewehrt - Bravo! Als im Norden der Hauptstadt Schweinefarmen geräumt werden sollten, haben die Züchter und Arbeiter die Polizisten mit Steinen beworfen. Wird die Regierung nun merken, dass ihr Plan nicht der Beruhigung dient, sondern der beste Weg zum Aufstand der Massen ist?