Deutschland ist unsere Zukunft, der Irak unsere Erinnerung

In ihrer Heimat wurden sie verfolgt, gefoltert, bedroht und schließlich vertrieben. Jetzt wird für 2500 Flüchtlinge aus dem Irak Deutschland zu einer neuen Heimat. Sie alle landen zuerst im Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen, das nach dem Zweiten Weltkrieg Flüchtlinge aus dem Osten aufnahm und später Vertriebene aus der ganzen Welt.

Deutscher Landregen kann etwas sehr schönes sein. Wenn er sich allerdings über Tage hinweg zieht und der Himmel keine andere Farbe mehr als miesepetriges Grau zu bieten hat, kann der Landregen schnell auch das Gemüt verdunkeln.
Maged hingegen scheinen das eintönige Grau und die feuchte Kälte, die tief in die Glieder zieht, nichts auszumachen. Ganz im Gegenteil. Nur mit einem braunen Pyjama bekleidet und Plastiksandalen an den Füßen steht er unter dem Vordach der Baracke 6 in Friedland. Seinem Übergangszuhause. Sein Körper scheint nichts zu spüren von der Kälte oder dem Regen, denn seine Gedanken sind gerade nicht in Friedland. Sie beschäftigen sich mit essentielleren Fragen als dem Wetter. Wahrscheinlich surren sie nur so durch den Kopf des 70-jährigen Mannes mit den schlohweißen Haaren und den freundlichen Augen, denn als Amir Zaya durch den Regen auf ihn zukommt und ihm einen guten Morgen wünscht, sprudeln die Fragen nur so aus Maged heraus.

Maged ist einer von 2500 Irakern, die in Deutschland eine neue Heimat finden sollen. Sie gehören zu den etwa zwei Millionen Irakern, die aus Angst um ihr Leben nach Syrien oder Jordanien geflüchtet sind, aber weder dort bleiben noch in den Irak zurückkehren können. In den Nachbarstaaten des Irak fanden sie zwar Unterschlupf, allerdings ohne eine Perspektive, dort je ein normales Leben führen zu können. In Ländern wie Syrien oder Jordanien, wo die Iraker zwar geduldet sind aber weder arbeiten dürfen noch die Schulbildung ihrer Kinder gewährleistet ist, ist ihre Verelendung vorgezeichnet.
10 000 von ihnen dürfen nun in die Europäische Union kommen. 2500 davon nach Deutschland, von denen die Mehrheit Christen sind. Staffelweise werden sie nun nach Deutschland kommen, und alle werden sie ihre ersten Tage und Wochen im Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen verbringen, von wo sie dann an ihren neuen Wohnort verteilt werden.

Doch genau dieser neue Wohnort bereitet Maged Kopfzerbrechen. Eindringlich redet er auf Amir Zaya, den irakischen Übersetzer ein, und zieht ihn schlussendlich in die Baracke 6 hinein. Es muss dringend etwas geklärt werden. Die flache Baracke besteht aus einem tristen Gang, an dem rechts und links die Zimmer der Flüchtlinge liegen. An der Wand neben dem Zimmer Nummer 17, an die Mageds Name und die Anzahl der Familienangehörigen mit schwarzem Filzstift geschrieben steht, hängt eine ausgeblichene Deutschlandkarte, auf der die Grenzen aller Bundesländer eingezeichnet sind.
Maged erklärt sein Problem. Immer wieder. Denn er versteht nicht, wie das offensichtliche Missverständnis mit dem neuen Wohnort passiert sein kann. Nach Hamburg wollte er mit seiner Familie, in den Norden, denn zwei seiner Söhne leben schon seit etlichen Jahren in Dänemark. Dorthin waren sie mithilfe von Schmugglern geflüchtet, mittlerweile sind sie dänische Staatsangehörige. Da Dänemark den Rest der Familie, der nach Jordanien geflüchtet war, nicht aufnehmen wollte, empfiehl ihnen das UNHCR-Büro in Amman, einen Ausreiseantrag nach Deutschland zu stellen. Von Hamburg aus sind es nur ein paar Stunden mit dem Zug nach Dänemark, die Familie wäre also wieder so gut wie vereint gewesen. Doch nun das. „Ich habe gehört, sie wollen uns nach Weimar schicken“, sagt der 70-Jährige, und in seinem Gesicht spiegelt sich Verzweiflung. „Weimar, das ist hier irgendwo rechts unten auf der Karte“, und er schiebt sein Gesicht noch ein bisschen näher an das vergilbte Papier hinter Glas. Die gesamte Familie drängt sich mittlerweile um die Karte und Amir Zaya, der versucht, die Familie so gut es geht zu beruhigen und ihr Problem zu verstehen. „Wir wollen entweder nach Hamburg oder in den Westen, nach Düsseldorf oder Duisburg“, erklärt Ziad, der älteste Sohn. „Dort haben wir auch Verwandte.“ Der Gedanke, alleine in einem fremden Land in einer fremden Stadt, Stunden von den nächsten Angehörigen entfernt zu leben, versetzt die ganze Familie in Angst und Schrecken. „Gibt es da überhaupt Universitäten?“, fragt Maged. „Meine Kinder müssen doch was lernen, aus ihnen soll was werden.“

Doch die Familie muss sich gedulden. Die Iraker werden nach einem für sie undurchschaubaren System aufgeteilt, das die Behörden „Königsteiner Schlüssel“ nennen. Auf einer kleingedruckten Liste steht, wohin die Reise gehen wird für die irakischen Familien. Doch erst in einer Woche, punkt neun Uhr, wird ihnen ihr Schicksal mitgeteilt. Maged schüttelt resigniert den Kopf. Spannung ist gerade das letzte, was diese Menschen gebrauchen können. Aber er will sich nicht beschweren. Er ist glücklich, seine Familie endlich in Sicherheit zu wissen. Er will alles richtig machen in seiner neuen Heimat.

Deshalb erscheint der 70-Jährige auch kurze Zeit später in einem grauen Anzug und weißem Hemd in der Caritasberatungsstelle ein paar Häuser weiter. Dort findet ab zehn Uhr eine Informations-Veranstaltung zum Aufenthaltsrecht in Deutschland für die neu eingetroffenen Iraker statt. Hier erhoffen sich Maged und seine Landsleute Antworten auf ihre vielen Fragen, über ihr Schicksal, ihr neues Leben.
Auch George will alles richtig machen. Punkt zehn Uhr nimmt er in dem schmucklosen Raum, in dem überall alte Schwarzweißfotos von Kriegsrückkehrern aus dem zweiten Weltkrieg hängen, Platz. Auch seine Frau ist dabei. Mit ihr und den beiden Söhnen wohnt er gleich gegenüber von Maged in Baracke 6.

Auf Zuspätkommer wird – da beginnt schon die erste Lektion im Deutschtum - keine Rücksicht genommen. Schließlich müssen Regeln eingehalten werden. Schon für die, die pünktlich da waren und gebannt jedem Wort folgen, das der junge Herr von der Caritas und sein palästinensischer Übersetzer hervorbringen, ist das, was sie hören, ein Wirrwarr aus Paragrafen und deutscher Bürokratie, das einen deutschen Muttersprachler überfordern könnte - nur das es für diese Menschen hier um ihre Zukunft geht. Ihre womöglich letzte Chance auf ein Leben in Sicherheit und Stabilität. Da will man alles verstehen, da will man alles richtig machen. Doch das Bombardement aus kompliziertem Behördendeutsch, verwirrenden Gesetzen und deutscher Bürokratie scheint auch den konzentriertesten Zuhörer nur noch mehr zu verwirren.

In anderthalb Stunden versuchen die Mitarbeiter der Caritas die Neuankömmlinge so gut es geht über das deutsche Aufenthaltsrecht aufzuklären, und das Wirrwarr in ihren Köpfen zu lichten. Sie klären die Iraker unter anderem über ihre Rechte in Deutschland auf. Das sie zum Beispiel arbeiten dürfen, wie sie ihre Aufenthaltsgenehmigung, die ab sofort für drei Jahre gilt, verlängern können und wie sie später auch eine permanente Aufenthaltsgenehmigung erhalten können. Doch immer wieder rumort es im Saal, die Iraker haben hunderte von Fragen, vor allem als es um das Thema Reisen in die Heimat geht. „Es ist bis jetzt nicht klar, wie das geht, und ob die deutsche Botschaft ihnen dort vor Ort im Notfall helfen kann“, sagt Thomas Heck, Leiter der Caritasstelle in Friedland. Deshalb rät er auch von Reisen in den Irak, aber auch nach Syrien und Jordanien vorerst ab.  Aber eine Information lässt die Anwesenden kollektiv aufatmen: Sie können ihren Flüchtlingsstatus gar nicht verlieren, da sie in Deutschland gar keinen haben. Was im Umkehrschluss für all diese Menschen bedeutet, dass die deutsche Regierung sie nicht in den Irak abschieben kann, wenn sie der Meinung ist, dass es keinen Grund mehr für eine Flucht aus dem Heimatland gibt. Denn zurück wollen und können sie nicht mehr, soviel ist den meisten hier klar.

Auch für George und seine Familie gibt es kein zurück mehr. Der 58-Jährige sitzt an einem kleinen Holztisch in seinem Zimmer und schaut auf den Regen, der ans Fenster platscht. Die Heizung ist bis zum Anschlag aufgedreht, es ist stickig im Zimmer, aber die Familie scheint es nicht zu bemerken. Seine Söhne tragen dicke Wollpullis, seine Frau Nada hat auch hier drin ihre Jacke an. Das deutsche Wetter ist gewöhnungsbedürftig, aber die Familie scheint das nicht im Geringsten zu stören. „Deutschland ist ein guter Ort“, sagt George, und seine grünen Augen strahlen. In den Irak wollen sie nicht mehr zurück. „Wir wären Fremde in unserem Land.“ Es muss ihm das Herz brechen, so von seiner Heimat zu sprechen. Immer noch lebt Familie dort, Freunde, Nachbarn.
„Aber unsere Kinder waren dort in Gefahr, jeden Tag.“ Nada erzählt, wie die Terroristen Kinder auf dem Weg zur Schule in Autos zogen, um dann bis zu 20 000 Dollar Lösegeld von den verzweifelten Eltern zu fordern. „Wir Mütter haben uns zusammengetan, um unsere Kinder im Pulk zur Schule zu bringen, aber das ist doch auf Dauer kein Leben“, erzählt Nada, deren Gesicht von tiefen, schwarzen Ringen unter den Augen gezeichnet ist. Schließlich floh die Familie nach Jordanien, immer in der Hoffnung, bald wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können. „Aber dort wurde es jeden Tag nur noch schlimmer“, sagt George. Als das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen ihnen anbot, sich für die Ausreise nach Deutschland zu bewerben, war das ein Rettungsring für die Familie, für den sie ewig dankbar sein werden. „In Jordanien waren wir nichts, dort gibt es keine Zukunft für meine Kinder.“

In Deutschland wollen sie ein neues Leben beginnen, das Land soll zu ihrer zweiten Heimat werden. Das einzige Problem sieht George in der Sprache, die für ihn noch so fremd klingt. Auf dem Tisch liegt ein kleines Wörterbuch Deutsch-Arabisch. Darin sind viele lustige, bunte Bilder von Möhren, Autos und Gießkannen abgebildet, mit dem jeweiligen deutschen und arabischen Wort darunter. George will vorbereitet sein auf seinen ersten Deutschunterricht. „Die Sprache ist das Tor zum Leben“, sagt George, und er ist fest entschlossen, dieses Tor weit aufzustoßen. Alle Flüchtlinge werden einen Integrationskurs absolvieren, in dem sie Praktisches und Wissen über Deutschland vermittelt bekommen, aber vor allem die Sprache lernen sollen. „In sechs Monaten will ich den Kurs beenden und Arbeit finden“, sagt George. Darauf richtet er jetzt all seine Energie. Er ist ehrgeizig und fest entschlossen, in Deutschland heimisch zu werden. Um zu beweisen, wie ernst es ihm ist, zieht er unter der Bettdecke einer der Etagenbetten noch ein elektronisches Wörterbuch hervor.
„Ich will Deutsch lernen, um schnell Arbeit zu finden und meine Kinder ernähren zu können“, sagt George. Er will es schaffen, auch wenn der Weg schwer werden sollte. „Ich weiß, dass wir hier auf einem niedrigeren sozialen Niveau leben werden als im Irak“, sagt der gelernte Steuerberater. „Aber dafür werden wir in Sicherheit leben, unsere Kinder werden in einer gesunden, stabilen Gesellschaft aufwachsen, das ist für uns das wichtigste.“ Sie wünschen sich so sehr, in diesem Land glücklich zu werden.

Vor dem Fenster, an dem die dicken Regentropfen abperlen, steht eine kleine irakische Flagge, die auch in ihrem neuen zu Hause in Berlin einen besonderen Platz einnehmen wird. „All unsere Erinnerungen sind im Irak“, sagt George zum Abschied, „aber Deutschland ist unsere Zukunft.“

Amira El Ahl

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Autor: Amira El Ahl
Datum: Dienstag, 19. Mai 2009 11:58
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