Beiträge vom November, 2009

Auszeichnung für Frauenorganisation in Marokko

Dienstag, 17. November 2009 12:54

Gute Nachrichten über die Beziehungen zwischen der islamischen und der westlichen Welt sind derzeit rar. Um so überraschter war ich, dass eine christliche US-amerikanische Stiftung jüngst zum ersten Mal eine Muslimin mit einem bedeutenden Preis geehrt hat. Der mit insgesamt 1,2 Millionen US-Dollar dotierte “Opus Prize” wird seit 2004 in den USA alljährlich an Persönlichkeiten verliehen, die sich auf religiöser Grundlage humanitär engagieren. Die Gründerin der marokkanischen Frauenorganisation “Solidarité Féminine“, die Sozialarbeiterin und Menschenrechtsaktivistin Aicha Chenna aus Casablanca wurde am 4.11.2009 in Minneapolis für ihre Arbeit mit unverheirateten Müttern und deren Kindern mit dem Hauptpreis in Höhe von insgesamt einer Million US-Dollar ausgezeichnet. Mit dem Geld soll nun eine Stiftung für Frauensolidarität gegründet werden. Ich habe aus Anlass der Preisverleihung eine Reportage für den Deutschlandfunk gemacht (Sendung Tag für Tag, 5.11.2009). Mit etwas Glück findet man die audiofile noch unter www.dradio.de.

Für diejenigen, die gleich an dieser Stelle mehr zum Thema lesen möchten, hier einige Eindrücke aus Casablanca zusammengefasst:

Mitten in Casablanca liegt der Hammam von Solidarité Féminine, ein hochmordenes Badehaus mit Frisiersalon und Fitness-Studio. An der Kasse begrüßt Nawal ihre Kundinnen gut gelaunt. So fröhlich war sie nicht immer: Als sie vor drei Jahren von ihrer Schwangerschaft erfuhr, war der Schock riesig. “Schwanger sein und nicht verheiratet, das ist h’chouma, eine Schande, und so ziemlich das Schlimmste, was einer jungen Frau in Marokko passieren kann”, erzählt die 20jährige. “Die Leute behandeln einen, als hätte man die Pest.”

Eine Abtreibung kam für Nawal nicht in Frage, trotz der harten Konsequenzen: Sie wurde vom Gymnasium geworfen. Weil das marokkanische Gesetz außereheliche sexuelle Beziehungen als Prostitution wertet, drohten ihr außerdem bis zu sechs Monate Gefängnis.

Doch die alleinstehende werdende Mutter fand Hilfe: Christliche Nonnen in Casablanca gaben Nawal den Tipp, sich an Solidarité Féminine zu wenden. Dort fand Nawal zum ersten Mal ein offenes Ohr für ihre Probleme. Die Sozialarbeiterinnen des Vereins sorgten durch ihre Kontakte zu den Behörden dafür, dass die drohende Haftstrafe in ein Bußgeld umgewandelt wurde. Sie halfen Nawal auch, ein Zimmer zu finden. Nach der Entbindung konnte die damals Siebzehnjährige eine Ausbildung zur Friseurin und Masseurin machen. Ihr kleiner Sohn wurde währenddessen im Betriebskindergarten von Solidarité Féminine betreut.

Mittlerweile leitet Nawal selbst junge Mütter an, die neu zu Solidarité Féminine kommen. “Für mich ist Solidarité Féminine wie eine Familie, und Aicha ist die Mutter”, erklärt sie.

Es sind solche Erfolgsgeschichten, die Aicha Chenna Kraft geben, weiterzumachen. 1985 gründete die gelernte Krankenschwester den Verein Solidarité Féminine – die erste Organisation für ledige Mütter in der islamischen Welt. Den Anstoß gab damals ihre Arbeit beim marokkanischen Sozialministerium. Fast täglich hatte Chenna dort mit Frauen zu tun, die ihre Babies zur Adoption freigaben, weil sie sich nicht in der Lage sahen, sie durchzubringen oder weil sie die “Schande” fürchteten. “Dabei waren die meisten Frauen für ihre Situation nicht selbst verantwortlich”, erzählt Aicha Chenna. “Viele unverheiratete Mütter kommen aus extrem armen Familien vom Land und sind teilweise mit sieben, acht Jahren als Haushaltshilfen in die Stadt verkauft worden. Die meisten können weder lesen noch schreiben, und viele werden extrem ausgebeutet und misshandelt. Sie fallen leicht auf den Erstbesten herein, der ihnen verspricht, sie herauszuholen. Werden sie dann schwanger, weist die Gesellschaft sie zurück. Diese Heuchelei finde ich unerträglich.”

Aicha Chenna hörte in Gesprächen immer wieder, dass betroffene Frauen ihre Kinder eigentlich gern behalten hätten. Doch um sich selbst und ihre Kinder über Wasser halten zu können, brauchten die Frauen ein Einkommen. Die Gründerinnen von Solidarité Féminine sannen auf eine Lösung: Warum sollten die Frauen nicht zunächst mit dem, was sie am besten konnten, Geld verdienen? Mit Kochen und Hauswirtschaft?

Gesagt, getan: 1986 eröffnete Solidarité Féminine in einem Arbeiterviertel von Casablanca die erste Garküche Marokkos, die ausschließlich von ledigen Müttern betrieben wurde. In den folgenden Jahren kamen zahlreiche weitere einkommenschaffende Projekte hinzu. Mittlerweile betreibt Solidarité Féminine vier Kioske, zwei Garküchen, einen Cateringservice, den Hammam mit Wellness-Zentrum sowie eine Schneiderei-Werkstatt. Außerdem gehören zwei Kinderkrippen zum Angebot. Gänzlich selbsttragend ist das Projekt allerdings noch nicht. Nach wie vor ist “SolFem” auf externe finanzielle Hilfe angewiesen. Unter anderem unterstützen Oxfam-Intermon und die feministische Schweizer Organsation Christlicher Friedensdienst (CFD) Aktivitäten von SolFem. Aicha Chenna hofft, dass der Geldsegen im Zusammenhang mit dem Opus-Preis der Organisation helfen werde, mehr auf eigenen Füßen zu stehen. “Am liebsten würde ich eine Stiftung gründen, für Frauensolidarität”, erzählt sie.

Solidarité Féminine wurde oft gelobt, aber auch hart attackiert. Konservative Kräfte behaupteten, Solidarité Féminine würde die Prostitution fördern und den Islam ruinieren. Freitagsprediger in Moscheen sprachen offene Drohungen aus. Doch Aicha Chenna lässt sich nicht einschüchtern. Die mehrfache Großmutter, die bereits vor Jahren nach Mekka pilgerte und die von Freunden deshalb auch „Hajja“, genannt wird, ist zugleich tiefreligiös und liberal. „Weltlich im Kopf und muslimisch im Herzen“ lautet ihr persönliches Motto. Dass die mittlerweile 68jährige nun für ihre jahrzehntelange, oft sehr harte Pionierarbeit mit den Schwächsten der Gesellschaft den hochdotierten Opus-Preis erhalten hat, ist nicht nur für Solidarité Féminine und alle ledigen Mütter in Marokko eine Ermutigung. Die Ehrung ist auch eine wichtige Botschaft gegen religiöse Intoleranz.

Martina Sabra

Thema: Notizen aus Mangalistan | Comments Off | Autor: Martina Sabra