Prophet im eigenen Land

In München füllte Hamed Abdel Samad zuletzt einen Saal mit 400 Leuten, in seiner ägyptischen Heimat finden gerade einmal 25 Interessierte den Weg in die winzigen Geschäftsräume des Merit-Verlages. Sowohl das Treppenhaus, als auch die Wohnung, in der der rebellische Verlag residiert, haben mit Sicherheit bessere Zeiten gesehen. Hinter den Schreibtisch, an dem sonst der Verleger sitzt, quetschen sich Abdel Samad, der ketterauchende Romanschriftsteller Hamdi Abou Goleiel und Dr. Nabil Abdel Fattah, Leiter der historischen Abteilung am renommierten Ahram-Zentrum für strategische Studien.

Der Untergang der islamischen Welt” ist das Thema. Fünfzehn Minuten vom Verlag entfernt ist die berühmte Azhar-Universität, zentrale Autorität des sunnitischen Islam und zweitälteste Uni der Welt. “Um ad-Dunia”, Mutter der Welt, nennen die Ägypter gern ihr Land. Dass dieses in 30 Jahren untergehen soll, nehmen die Zuhörer ungläubig zur Kenntnis. Abdel Samad spricht vom gedanklichen Stillstand, von der paranoiden Angst vor dem Westen, von der Neigung, immer anderen die Schuld am eigenen Leid zu geben, und, mal wieder, vom ständigen Beleidigtsein der Muslime (der Ausdruck klingt irgendwie weniger griffig auf Arabisch). Die Schulbücher arabischer Staaten sind eine Hauptquelle für seine Behauptung, dass in diesem Teil der Welt niemand das freie Denken lernt und der Islam auf festgelegten Thesen fußt. Die Zuhörer auf den abgewetzten Sofas und Klappstühlen lauschen aufmerksam, rauchen bedächtig, es gibt keine Zwischenrufe, weder jubelnd noch schimpfend. Hardliner sind ganz offensichtlich nicht dabei.

Dann kommt die Replik: Dr. Nabil Abdel Fattah hat einen Stapel kleiner, handbeschriebener Zettel mitgebracht, die immer wieder vom Ventilator durcheinander geweht werden. Er hat das Buch aufmerksam gelesen und sich viele Notizen gemacht. Die trägt er nun vor. Im Gegensatz zu Abdel Samad spricht er nicht im Dialekt, sondern Hocharabisch. Er formuliert pointiert und auch rhetorisch überzeugend: “Die Lektüre eines Buches beginnt mit dem Titel, das haben wir schon in der Schule gelernt. ‘Der Untergang der islamischen Welt’ steht hier, aber was ist die ‘islamische Welt’? Die ‘Umma’, wie sie der Islam selbst definiert, hält einem modernen Begriff von Nation längst nicht mehr stand”. Abdel Fattah führt aus, dass die 1,5 Milliarden Muslime dieser Welt in vielen verschiedenen Welten leben. Verallgemeinerung muss hier zu kurz greifen. Und das ist seine Kernkritik an Abdel Samads Buch: Es verallgemeinert, wo es differenzieren müsste. Dazu kommen Fehler, theologische wie historische, die der These nutzen mögen, aber der Differenzierung schaden.

Sein Buch sei weder eine wissenschaftliche noch eine historische Abhandlung, sondern eine Stellungnahme, ein Manifest, wendet Abdel Samad ein. Gut, dass uns deraufmerksame und informierte Rezensent Abdel Fattah den wissenschaftlichen Hintergrund nachliefert. Die Lektüre habe Spaß gemacht, schließt er, gerade weil das Buch Fragen aufwerfe. Auch die anschließende Diskussion macht Spaß, ist kontrovers aber an keiner Stelle aggressiv. “Mein Freund Hamed” sagt Abdel Fattah wohlwollend, wenn er den Autor kritisiert.

Am Ende sind eigentlich alle einer Meinung: es läuft, viel, zuviel falsch in Ägypten und auch in den meisten anderen islamischen Ländern. Nur: ist der Islam an dieser Misere schuld? Ist er Teil derselben? Kann er bei der Lösung helfen? Hier scheiden sich die Geister. Und noch etwas wird deutlich: Verallgemeinerungen regen die Diskussion an, aber wenn ihnen nicht widersprochen wird, sind sie gefährlich.

Die Zuhörer im Münchner Literaturhaus hatten keinen Nabil Abdel Fattah, der die Thesen differenzieren und die Fehler des Buches korrigieren hätte können. In ihrem Augen reiht Abdel Samad sich in ein, in den Club der “Islamkritiker”, die 1400 Jahre Religions- und Wissenschaftsgeschichte in wenige Allgemeinplätze zusammenfassen.

“Der Islam ist wie ein einsturzgefährdetes Haus, dessen Bewohner die Fassade streichen, statt die Mauern zu stützen” sagt Abdel Samad. Ihm ist entgangen, dass im Garten des Hauses längst neue Häuschen gebaut werden.

Autor: Esther Saoub
Datum: Donnerstag, 21. Oktober 2010 10:40
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