Maissa Bey: „Die Algerier wissen heute: Der Islamismus ist nicht die Lösung“

Die Schriftstellerin Maissa Bey (*1950) ist eine der wichtigsten Stimmen Algeriens. Sie hat zahlreiche Romane, Erzählungen und Theaterstücke verfasst. Ihre Novellensammlung „Nachts unterm Jasmin“ ist 2010 auf Deutsch erschienen. NEFAIS-Mitglied Martina Sabra hat Maissa Bey am 16.02.2011 in Mainz interviewt. Dabei nahm Maissa Bey auch zu den politischen Entwicklungen in Algerien Stellung. Das Interview wird hier in voller Länge dokumentiert. Übersetzung aus dem Französischen: Martina Sabra.

Maissa Bey, eines ihrer zentralen Themen ist die Situation der algerischen Frauen. Wann ist Ihnen selbst bewusst geworden, dass Sie diskriminiert wurden? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Ich habe als kleines Mädchen sehr früh die Unterschiede begriffen. Wir waren fünf Kinder - drei Jungen und zwei Mädchen - und die Jungen durften so vieles, was ich nicht durfte. Sie konnten draußen spielen, so oft und so lange sie wollten. Wir Mädchen dagegen mussten im Haus bleiben. Ich erlebte auch deutlich die Missachtung, wenn ein Mädchen geboren wurde. Zudem war meine Mutter Witwe, was die Situation noch schwieriger machte, denn wir hatten ja keinen Mann, der die „Ehre“ unserer Familie schützen konnte und wir wurden misstrauisch beäugt. Wir wohnten in einem großen Wohnblock, wo jeder jeden kannte. Meine Mutter hatte eine Riesenangst, dass die Leute mit dem Finger auf ihre Töchter zeigen könnten. Dadurch standen wir Mädchen sehr unter Druck. Aber ich muss sagen, dass meine Mutter uns trotz allem auch einen wichtigen Dienst erwiesen hat: Sie hat sehr darauf gedrängt, dass wir eine gute Ausbildung bekommen.

Sie waren eine exzellente Schülerin und haben dank Ihrer Noten als Zehnjährige ein Stipendium für das angesehenste französische Internat in Algerien erhalten.

Ich habe das Lycee Fromentin besucht, noch während der französischen Kolonialherrschaft. Da ich die Tochter eines “Märtyrers der Revolution war” und wir sehr wenig Geld hatten, fühlte ich mich am Anfang reichlich fremd an dieser Schule, die ja eigentlich den Töchtern der Reichen und Privilegierten vorbehalten war. Aber es war einfach so, dass gute Schülerinnen angenommen wurden, wohl auch, damit sich die Schule damit schmücken konnte. Die Zeit im Internat hat mein Menschenbild und mein Selbstverständnis als Frau entscheidend verändert. Das Lycee Fromentin war eine Mädchenschule. Fast alle meine Mitschülerinnen stammten aus französischen Familien oder waren Diplomatenkinder. Sie sahen das Leben ganz anders als ich, sie waren viel freier. Das gab mir den Mut, auch selbst mehr auszuprobieren, mich gegen die Zwänge aufzulehnen.

Ihr Vater - er war Grundschullehrer in der Provinz Sidi Bel Abbès - hat am Kampf für die Unabhängigkeit Algeriens teilgenommen (1954-1962). Als sie sechs Jahre alt waren, wurde er von den französischen Besatzern verhaftet und gefoltert. Sie sahen ihn nie wieder. Wie hat dieser frühe Verlust Ihr Leben geprägt?

Es war nicht nur der Verlust des Vaters. Es war auch der jähe Bruch mit der Kinderwelt. Als Sechsjährige musste ich mich mit Themen auseinandersetzen, für die ich viel zu jung war: Krieg, Folter, Rassenhass, das Gefühl, minderwertig zu sein, weil ich Araberin war. Die Erwachsenen konnten mir nicht helfen. Das führte dazu, dass ich mich in eine virtuelle Welt zurückzog – die Welt der Literatur.

Viele Schriftsteller und Intellektuelle haben in den 1990er Jahren aus Angst vor dem Terror Algerien verlassen. Sie sind eine der wenigen, die in Algerien geblieben sind. Warum?

Die Frage hat sich für mich nie gestellt. Ich muss aber auch ganz ehrlich und offen sagen, dass ich nie direkt bedroht worden bin.

Sie waren viele Jahre Französischlehrerin an einem Gymnasium in Sidi Bel Abbes, einer Provinzstadt in Nordwestalgerien, nicht weit von der marokkanischen Grenze. Vor einigen Jahren haben Sie dort einen Literaturverein für Frauen gegründet, mit dem Namen „Paroles et Ecritures“. Was macht der Verein?

In den 1990er Jahren, als der Terror wütete, gab es überhaupt keine Räume für Kultur. Die einzige Möglichkeit war, sich privat zu treffen. Wir waren eine kleine Gruppe von Frauen, die regelmäßig gemeinsam Literatur lasen und darüber diskutierten. Da ich in dieser Zeit zu veröffentlichen begann, kam uns die Idee, Schreibworkshops durchzuführen. Ich war dabei sozusagen die „Schriftstellerin vom Dienst“. Als der Terror vorbei war, haben wir beschlossen, in die Öffentlichkeit zu gehen. Wir haben uns als Verein registrieren lassen und mit Unterstützung der Europäischen Kommission die erste und bisher einzige öffentliche Bibliothek in Sidi Bel Abbes gegründet. Seit 2005 ist diese Bibliothek für alle Bürger geöffnet. Es gibt mittlerweile mehr als 12 000 Bücher. Unsere wichtigste Zielgruppe sind die Kinder und Jugendlichen. Damit sie den Weg zu uns finden, bieten junge Frauen unter anderem kostenlose Nachhilfe in Arabisch, Mathe und Englisch an. Wenn die Kinder dann bei uns sind, lernen sie die Welt der Bücher kennen. Leseförderung von früh an, das sehen wir als unsere Hauptaufgabe.

Der Terror in den 1990er Jahren hat in Algerien schätzungsweise zweihunderttausend Menschen das Leben gekostet und hunderttausende Familien traumatisiert. Über zehntausend Menschen sind nach wie vor spurlos verschwunden. Das Gesetz über die „zivile Eintracht“ von 2000 und das Dekret über die „nationale Versöhnung“ von 2006 haben die juristische und politische Aufarbeitung der Ereignisse untersagt. Die meisten Täter wurden amnestiert. Journalisten, die über Massaker recherchierten, wurden derart bedroht, dass sie nicht weiterarbeiten konnten. Ist eine demokratische Zukunft in Algerien möglich, ohne die Vergangenheit aufzuarbeiten?

Sie treffen damit einen Nerv, denn das ist der Hintergrund meines jüngsten Romans, „Puisque Mon Coeur est mort“ (Nun, da mein Herz tot ist). Es geht darin um eine junge Anglistik-Professorin, deren einziger Sohn von Terroristen getötet wird. Unfähig, mit dem Schmerz fertig zu werden, schreibt sie Abend für Abend an ihren toten Sohn. Sie erzählt ihm, wie sie sich fühlt, und wie die Gesellschaft versucht, ihr vorzuschreiben, auf welche Weise sie trauern soll. Wie man vor ihr fordert, dass sie endlich einen Schlusstrich ziehen soll. Dieser Roman ist im Mai 2010 in Algerien erschienen und er hat für sehr intensive Diskussionen gesorgt. Ich meine, dass wir die Frage der Versöhnung neu stellen müssen. Es kann nicht sein, dass die Täter pauschal amnestiert werden. Und wie sollen wir unter diesen Umständen einen Rechtsstaat aufbauen? Wenn ein Mensch, der gestohlen hat, der Terror verübt oder sogar getötet hat sich straflos als ganz normaler Bürger wiederfindet – wie soll dieser Mensch ein Verständnis dafür bekommen, was Gesetze bedeuten? Und es darf auch nicht sein, dass wir den Schmerz hunderttausender Familien einfach totschweigen. Wenn wir in Algerien Demokratie wollen, dann müssen wir deutlich sagen, was geschehen ist, und Täter und Verantwortliche müssen benannt werden.

In Tunesien und Ägypten hat das Volk die diktatorischen Herrscher gestürzt. Algerien erlebte bereits 1988 die Revolution der Jugend gegen das Einparteiensystem. Damals waren die Hoffnungen auf einen demokratischen Wandel groß, doch dann folgten der Wahlsieg der Islamisten, der Putsch der Generäle und jahrelanger grausamer Terror. Lösen die Umbrüche in der arabischen Welt bei den Algeriern Hoffnung aus, oder eher Angst?

Man muss sich klar machen, dass im Gegensatz zu anderen Ländern in der Region Algerien seine Revolution schon 1988 erlebt hat. Es war eine Revolution, die immerhin zu einem Mehrparteiensystem geführt hat - was im Vergleich zur vorher herrschenden Einheitspartei FLN nicht wenig war. Und es war eine Bewegung, die im Wesentlichen von der Jugend angeführt wurde. Bis heute wissen wir nicht, in welchem Maß diese Revolution manipuliert wurde. Vielleicht werden wir das nie erfahren. Das ändert aber nichts daran, dass 1988 ein essentielles Datum in der Geschichte der algerischen Demokratie darstellt.

Die aktuellen Umstürze in Tunesien und Ägypten wirken in Algerien sehr stark. Was viele Algerier noch vor sechs Wochen für undenkbar hielten, ist wahr geworden. Die Menschen begreifen, dass die Situation, in die man uns seit Jahrzehnten zwingt, nicht unveränderlich ist. Die Angst, dass eine Revolution erneut in Chaos und Gewalt erstickt werden könnte, ist natürlich da, ich habe in den letzten Tagen viele Menschen in meinem Viertel solche Bedenken äußern hören. Aber ich glaube, dass Algerien auch gelernt hat aus der Erfahrung von 1988/1989. Die Algerier wissen heute, dass der Islamismus nicht die Lösung ist. Das ist eine Erkenntnis, die wir anderen Revolutionen in der arabischen Welt voraus haben. Und die meisten Algerier stimmen darin überein, dass es so nicht weitergehen kann. Algerien ist ein reiches Land, es hat keine Schulden, ist wirtschaftlich autonom. Aber bei der Bevölkerung kommt der Reichtum nicht an. Das Regime muss endlich Rechenschaft über die Verwendung der Öleinnahmen ablegen.

Glauben Sie, dass die herrschende Clique in Algerien dazu bereit ist?

Der Druck steigt, und es gibt leise Anzeichen, dass das Regime reagiert: Mitte Februar 2011 hat die algerische Regierung neue Wohnungsbauprogramme und Maßnahmen zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit angekündigt. Aber der Weg zu mehr Demokratie wird sicher nicht einfach, denn die Erwartungen vor allem der jungen Leute sind hoch. Ein Beispiel: In einer Wilaya (Provinz) wurde die Schaffung von 7000 neuen Jobs angekündigt – mit einem Schlag, stellen Sie sich das vor! Schon am nächsten Tag meldeten sich 700 junge Arbeitslose bei der Stadtverwaltung und wollten sich einschreiben. Man sagte ihnen, sie müssten warten. Aber sie wollten nicht länger warten – sie haben randaliert und das Mobiliar kurz und klein geschlagen. Man weiss noch nicht, wie es laufen wird, aber die Veränderungen haben begonnen, und es wird weitergehen, wenn auch langsam.

Wo sehen Sie angesichts der aktuellen Umbrüche die Rolle Europas? Was können die Europäer tun, um Demokratisierungsansätze in Algerien zu unterstützen?

Ich finde es bizarr, dass Europa angeblich erst jetzt aufwacht. Als algerische Staatsbürgerin kann ich Ihnen sagen: Bei uns wusste auch ohne wikileaks jeder, dass die arabischen Führer unrechtmäßig riesige Vermögen zusammenrafften, während das Volk leer ausging. Wie kann es sein, dass dieses Europa, das sich seiner Menschenrechte und seiner Freiheitsideale rühmt, immer geschwiegen hat, und erst jetzt den Mund aufmacht, wo die Völker sich selbst erheben? Ich habe politisch kein Vertrauen zu Europa. Die Europäer vertreten ihre eigenen Interessen, und sie werden ganz sicher nicht die Interessen der Revolutionen in Ägypten, Tunesien und Algerien verteidigen. Wir haben keine Lust mehr, uns an dieses Europa zu wenden, das solange Komplize dieser Diktaturen war. Und nicht nur das: Die Europäer behaupteten auch, die Araber seien nicht reif für die Demokratie: Die Araber, das seien Stammesgesellschaften, wo man sich gegenseitig die Nase abbeiße. Wir Intellektuelle erwarten von Europa nichts mehr.

Autor: Martina Sabra
Datum: Samstag, 19. Februar 2011 7:00
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