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Christen in Syrien

Samstag, 21. März 2009 13:38

Der Kollege Yassin Musharbash hat kürzlich einen „Brief aus Damaskus“ geschrieben. Er schildert eine Szene aus dem Vorort Jaramana, wo sich irakische Flüchtlinge anfangen zu prügeln, nachdem der Strom ausgefallen ist. Da fiel mir mein letzter Besuch in Damaskus im Dezember 2006 ein, gerade recht zur Weihnachtszeit. Ich fuhr oft nach Jaramana, weil sich dort vor allen Dingen christliche Flüchtlinge aufhielten. Ich war mit Kai Wiedenhöfer unterwegs, einem sehr guten Fotografen. Wir sollten eine Geschichte über Christen in Syrien recherchieren. Geschickt hatte uns das Magazin Chrismon, das von der evangelischen Kirche finanziert wird. Vor unserer Reise hatten wir vorgeschlagen, lieber etwas über die irakischen Flüchtlinge zu machen, die damals zu Tausenden nach Syrien flohen. Aber es musste ein Artikel über syrische Christen sein, ich weiß nicht mehr genau warum. Das Skurrile war: Die syrischen Christen, die wir trafen, waren nationalistischer als viele andere Syrer, sie schimpften wie die Rohrspatzen auf den Westen und verwiesen auf das Schicksal ihrer irakischen Brüder, die nach dem Demokratiefeldzug der Amerikaner auf der Flucht vor dem Chaos im Irak seien. Die irakischen Christen konnten diesem Kreuzzug im übrigen auch nicht viel abgewinnen, unter Saddam Hussein ging es ihnen besser, wie sie sagten. So ist das leider mit Minderheiten in Diktaturen: Der Herrscher macht sie sich gefügig, indem er ihnen Privilegien zubilligt, die er anderen Gruppen verweigert. Nun ja.

In Kürze werden die ersten christlichen Flüchtlinge aus dem Irak in Deutschland erwartet. Das soll wohl die Humanität der deutschen Regierung zum Ausdruck bringen, nach dem Motto: „Wir stehen auf der Seite unserer christlichen Brüder, aber Muslime sollen lieber im Nahen Osten bleiben, da gehören sie doch hin.“ Na gut, vielleicht etwas böse, aber in etwa stimmt das so. Trotzdem: Ahlan wa sahlan, ya masihiyun al-irak!

Chrismon hat unsere Geschichte über die syrische Christen übrigens nie gedruckt, warum weiß ich bis heute nicht. Das war rausgeschmissenes Geld, wenn ihr mich fragt, und wir haben uns umsonst in Damaskus Weihnachten um die Ohren geschlagen. War aber trotzdem nett. Hier ist die Geschichte, weltexklusiv auf nefais.net:

Eine Oase des Friedens

Christen in Syrien

Syrien ist eine Oase des Friedens, ein Land, in dem sich alle mögen und Präsident Bashar al-Assad nur das Beste für sein Volk will. Das zumindest sagt Nicola Kassab, und er meint es kein bisschen ironisch: „Warum soll man seinen Präsidenten nicht lieben?“ Eine rhetorische Frage. Nicola Kassab sitzt in seinem Juweliergeschäft im Goldbasar von Damaskus, einer Kammer von acht Quadtratmetern, im Schaufenster hängt der Schmuck wie Lametta vom Weihnachtsbaum und neben Nicola ein Bild von Bashar al-Assad. Das machen hier alle so. Nichts Besonderes also. Oder doch? Nicola Kassab, 63 Jahr alt, ist Christ. Er gehört damit einer aussterbenden Minderheit im Nahen Osten an. Im Irak wird es bald keine Christen mehr geben, sie flüchten in Scharen vor dem alltäglichen Terror, selbst in Palästina, der Heimat Jesu, leben nur noch ein paar Tausend. Der Exodus der orientalischen Christen scheint unaufhaltsam. Ausgerechnet Syrien, ein Land mit schlechtem Ruf im Westen, soll eine Ausnahme sein?

Wir haben die Familie Kassab über alte Freunde kontaktiert, wir wollten wissen, was es bedeutet, Araber und Christ zu sein. Passt das überhaupt zusammen? Schließlich ist der Islam die „Religion der Araber“, der Koran in ihrer Sprache herabgesandt worden. Möglichst ehrlich sollten die Antworten sein, deswegen schlugen wir vor, die richtigen Namen zu verschleiern. Das Angebot hätten wir uns sparen können. Die Kassabs reden frisch von der Leber weg, als gäbe es keine Geheimpolizei. Was sie erzählen, entspricht jedoch nicht dem Erwarteten. Nicola und seine Familie schimpfen auf Amerika, sie verteidigen den Islam, manche finden sogar Hassan Nasrallah toll, den Führer der schiitischen Hizbullah.

Viele Christen in Damaskus denken so oder ähnlich, das zeigt sich nach vierzehn Tagen Recherche. Manche gehen noch weiter, wie Bischof Ghattas, der Vertreter des griechisch-orthodoxen Patriarchen. Die westlichen Christen, sagt er, seien eine größere Bedrohung für die Ostkirchen als der Islam. Er schießt damit eine unverhohlene Breitseite gegen George Bush, den wiedergeborenen Christen aus Texas, der behauptet, er wolle den Nahen Osten demokratisieren und vor dem fanatischen Islam retten. Die syrischen Christen winken jedoch dankend ab. Nach einem Weihnachtsmahl mit der Familie Kassab wird klar warum.

Es ist der 25. Dezember 2006. Syrien hat rund 20 Millionen Einwohner, nur zehn Prozent davon sind Christen. Trotzdem ist heute offizieller Feiertag. Die Gassen der Altstadt sind bedrohlich leer, in den Ecken stehen Männer in teuren Anzügen, lässig spielen sie mit ihrer AK-47. Geheimdienst. Präsident Assad kommt zum Weihnachtsgottesdienst ins Patriarchat der Griechisch-Orthodoxen Kirche, es herrscht Alarmstufe eins. Das Patriarchat liegt an der Geraden Straße, hier soll Paulus von Ananias getauft worden sein. Vom Saulus zum Paulus. Fast 2000 Jahre ist das her. Syrien ist urchristliches Land, das heutige Regime betont das, wo es nur kann. Am 26. Dezember erscheint auf der ersten Seite der staatlichen Zeitungen ein riesiges Foto: der schmalbrüstige Präsident umringt von zwei Dutzend Priestern und Imamen mit Bärten bis zum Bauchnabel. „Das ist Syrien“, steht als Überschrift. Seht her, bei uns herrscht Religionsfrieden, lautet die Botschaft.

Nicola Kassab ist griechisch-orthodox, seine Frau Amira, geborene Safar, war ursprünglich syrisch-katholisch, konvertierte aber nach der Heirat zur Konfession ihre Mannes. Am 25. Dezember besucht das Ehepaar Amiras Eltern. Sie wohnen in einem gutbürgerlichen Stadtteil von Damaskus. Auf dem Tisch dampfen die Porzellanplatten, es gibt Rindfleisch mit Kartoffelpüree und Huhn mit Reis, dazu Tabboule, arabischer Salat aus gehackter Petersilie, Bourghol und Tomaten. Nach dem Essen wechselt die Weihnachtsgesellschaft in den Salon und trinkt Tee. Alle paar Minuten klingelt das Telefon, Verwandte aus Übersee rufen an und wünschen ein frohes Fest, außerdem Freunde und Nachbarn. Nicola Kassab klappt fast triumphierend sein Mobiltelefon zusammen, nachdem er einen der vielen Glückwunsche entgegen genommen hat. „Das war einer meiner Kunden“, sagt er. „Ein Muslim!“ 90 Prozent seiner Kunden seien Muslime, das zeige doch schon, wie gut man sich verstünde.

Die Beziehungen zu den Muslimen ist ein zentrales Thema in der Runde. Jeder wehrt sich gegen den Vorwurf, der Islam unterdrücke andere religiöse Minderheiten. „Wir leben seit Jahrhunderten zusammen, der Islam ist tolerant gegenüber den Christen“, sagt Amira Kassab. „Ich meine nicht den Islam im Jemen oder in Saudi-Arabien, das ist alles Müll, sondern hier in Syrien.“

Das Szenario ist leicht skurril. Ein deutscher Reporter sitzt in einer Gruppe syrischer Christen, die ihm mit Vehemenz die religiöse Toleranz des Islams einzubläuen versuchen. Fast so, als wären sie Mitglieder der Muslimbruderschaft. Dennoch hat das nichts mit Gehirnwäsche zu tun. Im Vergleich zu anderen arabischen Ländern bietet Syrien den Christen tatsächlich eine relativ gesicherte Existenz. Sie werden nicht einfach nur geduldet, sondern sind ein fester Bestandteil der Gesellschaft. Das fängt bei der Bildung an. Laut einer Studie der Universität Rostock sind die syrischen Schulbücher beispielhaft im Nahen Osten, wenn es um die Behandlung religiöser Minderheiten geht. Ihre Geschichte, vor allem die der Christen, nimmt einen breiten Raum ein, anders als in anderen arabischen Ländern. Anders als in Ägypten können die Kirchen in Syrien problemlos Land erwerben, und wenn die Gotteshäuser in Damaskus oder Aleppo zerfallen und einen neuen Anstrich brauchen, werden sie selbstverständlich repariert. Der ägyptische Staat verlangte dafür bis vor kurzem eine Genehmigung, die aus reiner Schikane oft nicht erteilt wurde. Das hat sich mittlerweile auch geändert, aber für den Bau einer neuen Kirche bedarf es immer noch der Zustimmung des ägyptischen Präsidenten.

Die syrischen Christen verhalten sich nicht wie eine unterdrückte Minderheit, die froh sein kann, überhaupt noch da zu sein, sondern sie treten selbstbewusst auf und können bisweilen aufmüpfig werden. Beim letzten Ramadan zum Beispiel. Da beschwerte sich eine christliche Gemeinde in Damaskus über die lauten Gebete, die ständig aus den Mikrofonen der Nachbarschaftsmoschee schallten. Prompt reduzierten die Imame den Sound.

Syrien ist das Herz des arabischen Nationalismus, und die Christen waren immer ein wichtiger Teil dieser Bewegung. Michel Aflaq zum Beispiel, ein syrischer Christ, gehört zu den Mitbegründern der Baath-Partei, die heute berechtigterweise in die Nähe des Faschismus gerückt wird. Die Gräueltaten im Irak, wo die Partei Jahrzehnte lange regierte, lassen keinen anderen Schluss zu. Auch in Syrien hat das Baath-Regime, das seit 1963 an der Macht ist, seine Leichen im Keller. Doch die Baath-Ideologie hatte ursprünglich etwas Fortschrittliches: Sie fasste alle Araber ungeachtet ihrer Religion unter einem Dach zusammen, das verbindende Glied sollte die arabische Sprache und Kultur sein, nicht der Islam. Dieses nationalistische Erbe lebt unter den Christen in Syrien bis heute fort. Für den westlichen Beobachter manchmal in verstörender Weise.

Im Teesalon von Amira Kassabs Eltern erreicht die Diskussion mittlerweile fiebrige Temperaturen. Amiras Bruder Rami Safar hat sein rhetorisches Gewicht in die Runde geworfen, er ist ein selbst selbsterklärter Nationalist. Rami arbeitet in der Juwelierbranche, wie sein Schwager Nicola. Er hat einen buschigen Schnurrbart und lacht herzlich viel; wenn es um Israel geht, versteht er jedoch keinen Spaß. Mehrfach hat ihn der arabische Satellitensender al-Jazira um Interviews für Sendungen über den Goldhandel gebeten, doch er lehnte jedes Mal ab. „Al-Jazira hat Israelis im Programm, sie haben sogar schon Schimon Peres interviewt, den früheren Ministerpräsidenten. Sie schleichen sich in dein Gehirn ein und verändern dein Denken.“ Den einzigen Satellitensender, dem Rami ein Interview geben würde ist al-Manar – und der gehört der libanesischen Hizbullah, der schiitischen Partei Gottes. Seit dem Krieg im Sommer 2006, als die Hizbullah fünf Wochen lang den Angriffen der israelischen Armee standhielt, ist Rami Safar ein Fan von Hassan Nasrallah, dem Führer der Partei. Er kramt sein Mobiltelefon aus der Tasche und zeigt den Hintergrund – es ist ein Bild von Nasrallah, dem Mann mit der Hornbrille und dem schwarzen Turban.

Im Libanon spielen die Christen eine prominente Rolle, es ist das einzige arabische Land, in dem sie nicht die Minderheit sind. Außerdem herrscht hier Meinungsfreiheit und ein weltoffenes Klima. Dennoch stimmt in dieser Runde niemand ein Loblied auf den Nachbarn an. Zu viel politisches Chaos, zu viel Unsicherheit, zudem bekämpfen sich die Christen dort gegenseitig. „Ich interessiere mich nicht für Politik“, sagt Rami Safar, „ich will in Sicherheit leben, meinem Beruf nachgehen und ein angenehmes Leben führen, das ist mir wichtig. Abgesehen davon gibt es heutzutage in Syrien so viel Meinungsfreiheit wie nie zuvor. Vor zehn Jahren hätten wir nicht so offen mit ihnen geredet.“

Das stimmt wohl, doch immer noch werden Oppositionelle nur für ihre Worte ins Gefängnis geworfen. „Wer sich korrekt verhält, kommt auch nicht in den Knast“, erwidert Amira. „Alle Christen denken hier so.“

Alle? Nicht ganz. Ein paar Unbeugsame gibt es, die sich weigern, Lobeshymnen auf Präsident Assad zu singen. Akram al-Bunni zum Beispiel. Er ist Christ und verbachte 17 Jahre in syrischen Gefängnissen, wegen Mitgliedschaft in einer verbotenen kommunistischen Partei. Seit 2002 ist er wieder auf freiem Fuß. Heute lebt Akram al-Bunni in einer bescheidenen Wohnung weitab vom Stadtzentrum, wenn er aufsteht und durchs Fenster schaut, blickt er geradewegs auf die Polizeihochschule, ein lang gezogenes graues Gemäuer. Derzeit sitzt sein Bruder Anwar im Gefängnis, ein bekannter Menschenrechtsaktivist. Er hatte ein Manifest unterschrieben, in dem Präsident Assad aufgefordert wird, mehr Demokratie zuzulassen.

„Ja, viele Christen schätzen die Sicherheit hier“, sagt Akram, „aber es gibt auch viele, die gegen das Regime sind.“ Nicht unbedingt in Damaskus, wo es eine breite christliche Mittelschicht gebe, sondern in kleineren Städten wie Homs und Hamah, wo Akram al-Bunni ursprünglich herkommt. Er stammt aus einer ärmlichen Familie, nicht umsonst ist er schon in jungen Jahren zum Kommunist geworden. Als wir ihm erzählen, dass sich Nicola Kassab kürzlich ein neues Auto der Marke KIA für 22.000 Dollar gekauft hat, rollt er mit den Augen: „Das ist sehr viel für syrische Verhältnisse!“ Zum Vergleich: Ein Teppichhändler im Basar verdient umgerechnet 500 bis 700 Dollar im Monat, und das ist hier ein gutes Einkommen.

Der Klassenunterschied trennt die Bunnis von den Kassabs, er wiegt schwerer als die religiöse Zusammengehörigkeit. Doch eines verbindet die Familien: der Patriotismus. „Ich würde Syrien nie verlassen, das ist mein Land“, sagt Akram al-Bunni. „Ich will hier etwas verändern, was soll ich im Exil? Selbst wenn sie mich bedrohen und wieder ins Gefängnis stecken wollen: Ich bleibe hier!“ Er will ein demokratisches Syrien, in dem Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit herrschen. „Das ist auch besser für die Christen“, sagt Akram.

Demokratie – der Gedanke daran hinterlässt bei vielen syrischen Christen derzeit jedoch einen blutigen Geschmack im Mund. Vor vier Jahren stürzten die USA das Regime von Saddam Hussein und versprachen, aus dem Irak ein Musterbeispiel an Freiheit zu machen. Stattdessen versinkt das Land heute in einem Bürgerkrieg, in dem die Christen das schwächste Glied sind. Sie werden von sunnitischen und schiitischen Extremisten bedroht, ermordet und entführt, und keiner kann oder will sie schützen – auch nicht die Armee des wiedererweckten Christen George Bush. Deswegen fliehen die irakischen Christen in Scharen, das Nachbarland Syrien ist ihr erstes Ziel. In Jaramana, einem Vorort nördlich der Damaszener Altstadt, leben sie in herunter gekommenen Wohnungen und harren der Dinge. Alle träumen von Europa oder Amerika, doch niemand will sie.

Kurz vor unserer Abreise kehren wir in Nicoals Juweliergeschäft zurück, um uns zu verabschieden. Der Fernseher läuft, al-Jazira zeigt eine Sendung über Christen im Nahen Osten, eine Dokumentation der Hoffnungslosigkeit. Gestern hat die konservative Londoner Times einen Artikel veröffentlicht, indem sie behauptet, der Feldzug gegen den Irak habe die Lage der orientalischen Christen nur verschlimmert. Sie würden zu Sündenböcken der amerikanischen Politik gemacht. Auch die syrischen Christen fürchten sich davor, in diese Mühle zu geraten.

Rami Safar kommt herein, schaut auf den Fernseher und schüttelt den Kopf . „Wissen Sie was? Ich habe vor Jahren meinen Bruder in Amerika besucht, in Dallas. Eines abends gingen wir durch die Stadt, es war halb zehn. Plötzlich trafen wir auf eine Polizeisperre. Die Polizisten sagten uns, ab hier könnten sie nicht mehr für unsere Sicherheit garantieren, ab hier herrschen die Kriminellen.“ Rami kann seine Empörung nur schwer unterdrücken. „Die Amerikaner schicken eine Armee in den Irak und erschießen Leute, aber sie sind nicht in der Lage, ihre eigenen Bürger zu schützen. Das soll ein Vorbild sein?“

Im Schaufenster hängt der Goldschmuck wie Lametta vom Weihnachtsbaum. Nicola und seine Familie geht es gut, an Auswandern denkt keiner von ihnen, Rami Safar schon gar nicht. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt.

Albrecht Metzger

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Mit Islamisten reden

Dienstag, 10. März 2009 11:32

Die laufende Ausgabe des amerikanischen Magazins Newsweek hat eine erstaunliche Titelgeschichte. Vor grünem Hintergrund stehen dort in großen arabischen Lettern und darunter in englischer Übersetzung die folgenden zwei Sätze: „Radical Islam is a fact of life. How to live with.“ Zu deutsch: “Der radikale Islam ist eine Tatsache. Wie wir lernen müssen, damit zu leben.” Die Aussage ist recht banal, viele Fachleute sagen das seit Jahren. Aber wir haben es hier mit einem der wichtigsten Mainstream-Medien der USA zu tun, insofern hat das ein anderes Gewicht.

Der Autor, Fareed Zakariya, sagt im Kern folgendes: Die Islamisten verfolgen Ziele, die wir nicht gutheißen müssen. Manche sind gewalttätig, manche wollen Kriminellen die Hände abhacken, alle wollen sie die Frau unter den Schleier zwingen. Aber wir müssen vier Dinge anerkennen: Zum einen sind die Islamisten eine politische Kraft, die wir nicht ignorieren können. Sie haben in den vergangenen Jahren in der ganzen islamischen Welt an Einfluss gewonnen. Zweitens sind längst nicht alle Islamisten gewalttätig. Wir sollten nicht jeder Madrasa den Krieg erklären, die sich nicht im Kriegszustand mit uns befindet. Und selbst die militanten Islamisten wollen oft nicht den globalen Dschihad, sondern ihre Gewaltbereitschaft hat lokal Ursachen. Drittens ist es fraglich, ob es so klug ist, militante Islamisten ausschließlich mit Gewalt zu bekämpfen. Es ist an der Zeit, die Ursachen ihrer Gewaltbereitschaft zu verstehen und möglicherweise mit ihnen in Verhandlung zu treten. Und schließlich viertens gibt es Beispiele, wo die Islamisten auf demokratischem Weg die Macht übernommen und sich selbst mit ihren harschen Methoden unbeliebt gemacht haben. Insofern sollten wir entspannter sein, wenn bei Wahlen die Islamisten regelmäßig gewinnen. Möglicherweise werden sie bei den nächsten Wahlen wieder von der Macht entfernt werden.

Wie gesagt, all das ist recht banal, Leute wie Olivier Roy haben das so oder so ähnlich bereits vor Jahren geschrieben. Aber nach dem 11. September 2001 war diese Position nicht besonders gefragt. Wer versucht hat, den Islamismus differenziert zu betrachten, galt fast schon als Sympathisant von Usama bin Laden. Da dreht sich der Wind gerade mächtig. Barack Obama hat seine Bereitschaft erklärt, mit den friedfertigen Taliban zu reden („reconcilable Taliban“ heißen die auf Englisch), die Briten haben Kontakt zur Hizbullah aufgenommen. Irgendwann werden sie auch mit der Hamas reden, da bin ich mir sicher.

Es wäre nicht schlecht gewesen, wenn diese Erkenntnis ein paar Jahre früher gekommen wäre. Dann hätten ein paar Tausend Zivilisten weniger ihr Leben verloren (Libanonkrieg, Gazakrieg, Afghanistan, Pakistan).

Zu den Schwierigkeiten der EU im Umgang mit Islamisten habe ich 2006 ein Feature für den NDR geschrieben. Wer mag, kann sich das durchlesen, mit vielen O-Tönen.

Albrecht Metzger

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Barack Hussein Obama

Donnerstag, 26. Februar 2009 13:45

Gestern hat Barack Hussein Obama zum ersten Mal vor dem Kongress gesprochen und stehende Ovationen bekommen. Der hat wirklich Charisma, so scheint mir. Das erste Mal brandete Jubel auf, als er erwähnte, seine Frau Michelle säße oben auf der Galerie. Wer hätte das gedacht: Weiße alte Männer applaudieren, wenn eine schwarze Frau begrüßt wird. Das nenne ich change.

Zur Inauguration von Obama hatte ich einen Text geschrieben, den kein Medium drucken wollte. Na ja, kann ich verstehen, ist ein schräges Ding, viele Anglizismen und auch sonst nur bedingt Mainstream-kompatibel. Aber irgendwie gefällt er mir, stelle ihn deswegen hier rein. Es geht los:

Barack Hussein is Coming

Heute ist Inauguration Day. Barrack Hussein is coming, und mit ihm Michelle the Gazelle. Darf man so was schreiben? Egal, jetzt steht es hier. Ich habe mir angewöhnt, respektlos zu sein, aber mit Gefühl. Zum Schluss des Artikels wird es allerdings wüst, das muss ich zugeben. Wer depressiven Zynismus nicht vertragen kann, sollte hier aussteigen. Allen, die bis zur letzten Station mitfahren, sei jedoch gesagt: Relax. Ist nicht so gemeint. I love America. Change is coming.

Womit ich bei der zweiten Vorankündigung wäre: Dieser Text wimmelt vor Amerikanismen, ich bin kulturell vom Großen Bruder beeinflusst, wie wir alle, denke ich. Wenn den ganzen Tag Rap im Radio läuft („Nigga, Nigga, gonna fuck you ´till tomorrow“ usw.), färbt das ab. Also habt euch nicht so, es ist immer noch halbwegs richtiges Deutsch.

Also gut. Barrack Hussein is coming. Gleichzeitig geht jemand aus dem Weißen Haus, dessen einziger lichter Blick in acht Jahren Folterspaß ausgerechnet in Bagdad zu bobachten war, jener Augenblick eben, als er in einem Anfall von Menschlichkeit die Schip-Schip-Attacke* eines übermütigen irakischen Kollegen mit bübischem Grinsen ertrug.

Weil ich mich generell bemühe, nur den einen Moment zu sehen, mich auf das zu konzentrieren, was gerade ist, ohne an das Vorher zu denken, kann ich auch Leuten etwas Sympathisches abgewinnen, die viel Bullshit auf sich geladen haben. Ich habe Freunde, die das nicht können. Für sie ist W. ein Wichser, Punkt aus. Manche von ihnen fanden sogar 9/11 geil.

Für mich aber war Bagdad ein Moment, wo all das, was vorher geschehen war, für wenige Sekunden keine Rolle spielte. Ich fand es menschlich, wie irritiert W. guckte, als die Moonboots (siehe *, letzter Satz) angeflogen kamen, noch menschlicher aber, wie er seine Gorillaz davon abhielt, den Mann in Schaschlikstücke zu portionieren. „Lasst mal, Jungs, er hat schon recht“, wollte er glaube ich sagen. Da kamen schon die Nachfolger von Saddams Leibgarde, die mittlerweile zwar demokratisch legitimiert sind, aber auch zuschlagen können.

Ich möchte Euch übrigens, begleitend zu diesem Stück, ein Lied ans Herz legen, das ich mir in den vergangenen Tagen 63 mal angehört habe. Es geht mir durch den Kopf, wie einem Säufer weiße Mäuse über den Weg laufen, wenn er keinen Stoff kriegt. Vollkommen Gaga, ich weiß. Der Text und die Musik spiegeln meinen Gemütszustand wider, in einer Weise, wie ich es vorher noch nicht erlebt habe. Aber es werden auch nicht alle Tage Panzergranaten auf Grundschulen abgefeuert und die Opfer zu Terroristen gemacht und von Militärsprechern entmenschlicht.

Das Lied wird von der britschen Band Coldplay und dem amerikanischen Rapper Jay-Z gesungen, es heißt „Lost“. Ladet Euch den Song runter, schaltet die Lautsprecher ein und dann: Crank it up and read this article!

Das Lied geht um verlieren und gewinnen, um Schmerz und Tod. Es fängt mit Chris Martin an, dem Sänger von Coldplay: „Just because I am losing, doesn´t mean I am lost, doesn´t mean I´ll stop.“ Übersetzt und aus aktuellen Gründen leicht erweitert: „Nur weil ich am verlieren bin, heißt das noch lange nicht, dass ich verloren bin, dass ich aufhören würde zu leben.“ Einfacher ausgedrückt, und zwar mit den Worten des serbisch-hessischen Ballartisten Dragoslav Stepanovic (Frankfruter Eintracht, Bayer 04): „Lebbe geht weiter!“ Irgendwann kommt die Zeile:„You might be a big fish, In a little pond, Doesn’t mean you’ve won, ‘Cause a long may come A bigger one. And you’ll be lost.” Also ungefähr: „Mach dich nicht so groß, so groß bis du nicht, vielleicht kommt irgendwann ein größerer als du, und du bist verloren.“ Eine Zeile, die, bei aller Liebe, sich unsere Freunde im östlichen Mittelmeer bei Gelegenheit klar machen sollten.

Ihr mögt Euch fragen, warum ich immer Barack Hussein schreibe. Ganz einfach: Sein zweiter Name ist für mich ein Symbol von Hoffnung auf bessere Zeiten. Als Barack Obama seinem Rivalen John McCain in den Umfragen enteilt war, begannen seine Berater eine Hetzkampagne, die einem Land, das Religionsfreiheit nicht nur propagiert, sondern auch praktiziert, nicht würdig war. Wie in einem bösen Wahn suchten sie nach Beweisen, mit denen sie hätten belegen können, Barack Obama sei ein Motherfucking Muslim. Das heißt: Beweise brauchten sie gar nicht, sie haben es einfach behauptet, in der Hoffnung, White America würde das kalte Grausen kriegen. Hat nicht ganz geklappt, wie mir scheint.

Reporter, die John McCain über längere Zeit im Wahlkampf begleiteten, sagten im Nachhinein, er hätte sich dabei selbst nicht wohl in seiner Haut gefühlt und sei froh gewesen, als alles vorbei war. Ich schätze ihn dafür als jemand, der unter Zwang seine Prinzipien aufgab und sich rehabilitierte, als er am 8. November um 23:59 Uhr seinem Kontrahenten zum Wahlsieg gratulierte und die besten Wünsche für die Zukunft mit auf den Weg gab. We are brothers. Ich glaube, das war ehrlich gemeint.

Während die Kampagne gegen Barrack Obama lief, starteten ein paar Amerikaner auf der Internetseite Facebook eine skurrile Aktion, die in Windeseile Nachahmer fand: Sie übernahmen einfach Barrack Obamas mittleren Namen, und alle hießen auf einmal „Hussein“. Sie wollten damit sagen: „Barack Obama ein Muslim? Scheiß was drauf, wir hatten einen notgeilen Baptisten als Präsidenten, irgendwann kommt ein verklemmter Mormone, soll doch zwischendurch ein verkappter Muslim sein Glück versuchen.“ Mein Facebookfriend Daniel hat auch mitgemacht, ein Jude, wenn die Anmerkung erlaubt ist.

Und dann Collin Powell, der den Irak-Krieg im Februar 2003 in schamloser Weise vor der UN-Versammlung mit Lügen rechtfertigte, wohl wissend, er präsentierte ausgedachte Fakten. Er sagte sinngemäß: „Ich bin auf Obamas Seite, er ist der richtige Mann. Keiner hat das Recht, ihm zu unterstellen er sei Muslim. Und selbst wenn er es wäre, wäre das egal. Wo leben wir eigentlich.“ Auch er hat mich mit seiner Umkehr tief beeindruckt.

„Lost“. Nach Chris Martin kommt Jay-Z und singt über Martin Luther King, über Malcolm X, über Judas, Julius Cäsar und Jesus Christus. Der Erfolg führe in den Tod, singt er: „Suicide, it´s a suicide.“ Zum Glück hat er Barack Hussein nicht erwähnt, das wäre ein schlechtes Omen gewesen. God bless him.

Es gibt Leute, die fragen sich, warum die Neger in Amerika immer noch ermordeten Charismatikern aus den sechziger Jahren hinterher jammern. „Denen geht´s doch gut“, sagen sie. „Wenn ihre Vorfahren seinerzeit im Kongo geblieben wären, würden ihnen heute Kindersoldaten auf Speed Nase, Zunge und Hodensack abschneiden. Außerdem haben sie jetzt Obama. Was soll das Gejammer.“

Diese Leute halten die Neger Amerikas für unnötig aufmüpfig. „Die sollen mal aufhören, ihre Zeit mit Projektilbasteln zu verschwenden“, sagen sie. „Wenn sie früher angefangen hätten zu arbeiten, statt von der CIA mitgebrachtes Crack auf den Straßen von LA zu verticken, würden sie heute alle in halbwegs orkanresistenten Holzhäusern leben. Mir lungern immer noch zu viele Neger auf den Straßen von New York City rum. Und die Stadt soll gesäubert sein? Ich hol mal meinen Besen mit doppelter Stahlbürste. Na ja, Manhattan ist ganz gut, und aus Brooklyn sind sie auch bald weg.“

„Lost“. Bei Minute drei ein Gitarrensolo, das mich komplett von den Socken holt. I keel over.

Wenn ich Typen wie Jay- Z sehe, muss ich immer an den Sommer 1999 denken. Ich besuchte damals an einem sonnigen Septembertag das Folsom State Prison, ein Sicherheitsmonstrum in der Nähe von Sacramento, California, also bei Arnie um die Ecke. Johnny Cash hat da 1968 für die Inmates ein Konzert gegeben, das verewigt wurde: „Johnny Cash at Folsom Prison.“

Ich möchte Euch die Geschichte meines Besuches erzählen, wo der Artikel jetzt zur Neige geht. Ich kam dummerweise in Blue Jeans. Der wachhabende Offizier am Eingang sagte, ich müsste aufpassen, denn die Inmates trügen die gleichen Hosen. Wenn da mal keine Verwechslungen aufkämen.

Stimmt schon, die Wächter sind streng, wenn du drin bist, biste drin und kommst so schnell nicht wieder raus, wenn sie dich für ein Mitglied dieser Gangstertruppe halten, das wegen wiederholten Diebstahls doppelter Pizza Anchovis 60 Jahre absitzen muss, oder so ähnlich. Auf meine Frage, ob es denn gelegentlich Raufereien unter den Inmates gebe, sagte ein Wärter: Yes, I´ve seen violence, a looot of violence.“ Das klang eher nach üblen Bench Brawls, also im Nachbarland Kanada beliebten Massenkeilereien beim Eishockey, nur trugen die Jungs hier keine Helme und wurden auch nicht teuer bezahlt. Eishockey-Profis hingegen sind keine Eineurojobber.

Als Weißer hatte ich aber gute Karten, gar nicht verwechselt zu werden, ich würde sagen, um die 70 Prozent waren hier schwarz, Typen wie Jay-Z eben. Würde mich interessieren, ob sie den auch wegen Pizzadiebstahls einbunkern würden. Richter in den USA sind flexibel. Keep on rollin´, my main mean man motherfucker Jay-Z. Na ja, der hat 26 Millionen Scheiben verkauft, der klaut nicht so schnell wieder Mehlspeisen mit salzigen Fischchen oben drauf.

Die restlichen Inmates waren übrigens Latinos. Kein Wunder, Mexiko ist ja gar nicht so weit weg, vielleicht 13 Autostunden. Das ist in den USA vergleichbar mit einer Reise von Fürth nach Nürnberg. Nachbarn eben.

Junge, Junge, bin ich abgeschweift. Wo waren wir? Ach ja: Einen Weißen fand ich dann doch noch, in einem Maschendrahtverhau. Der Verhau stand auf einer Wiese im Zentrum dieses düsteren Tempels, der nach den Prinzipien des Alten Testaments funktionierte: nichts vergeben, nichts vergessen. Maximum Pain. Der Inmate lief wie ein Puma in dem Verhau hin und her und wurde mit Wasser besprüht, er sollte sich nicht aufheizen, an diesem schönen Sommertag. Der Wärter bat mich, Abstand zu halten. „My name is Jason Styles, I am 36 year old, Caucasian“, sagte der Inmate hinterm Maschendraht. Komischer Vogel, dachte ich. Kaukasier, wer behauptet denn so was von sich. Keine Ahnung, ob oben noch alles stimmte bei dem, ich glaube, er gehörte zu denen, die in „Prison Madness“ beschrieben werden, eines der wenigen Sachbücher, die ich gelesen habe, wo mir von Seite eins und dann bis zum Schluss Tränen aus dem Gesicht schossen.

Kauft es Euch und probiert es aus: It´s a book about the utterly disgusting, disgraceful, and depressing system of locking up helpless mentally mad people in the prison gulag of the United States of Motherfucking America, the greatest and most freedom-loving country of all time.

Gut, das hätten wir geklärt. Noch Fragen? Ich geh dann mal. Obama wird´s schon richten. Keep on rollin´, my main mean man motherfucker Hussein.

Albrecht Metzger

*Schip-Schip heißen in Ägypten die Gummilatschen, mit denen u.a. Beduinen aus dem Sinaigebirge in Steilhängen festsitzenden westlichen Touristinnen mittleren Alters mit ärmellosen T-Shits und Strohhut hinterher kraxeln. Wie die im Irak heißen, weiß ich nicht, da gibt´s keinen Sinai. Außerdem hat dieser Ahmad Mahmud Muhammad, oder wie er hieß, mit braunen Halbschuhen geworfen. Das ist dichterische Freiheit.

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Israel, wake up!

Freitag, 23. Januar 2009 19:14

Ich möchte auf den „Brief aus Gaza“ von Esther Saoub hinweisen. Hier ist, warum: Er ist menschlich, er beschreibt die Vielschichtigkeit der Lage in Gaza, ohne übertrieben moralisch zu sein. „Ich will leben!“, sagt Muhammad, „ist das verdammt noch mal zu viel?“ Nein, es ist verdammt noch mal nicht zu viel verlangt! Er findet die Qassam-Raketen vollkommen unnütz, sie bringen ihm gar nichts, er redet nicht der Hamas das Wort, obwohl sie die Herren im Haus sind und ihm vielleicht Schwierigkeiten bereiten könnten für seine offenen Worte. Von solchen Leuten gibt´s sehr viele, möchte ich wetten. Oder liege ich falsch, Esther?

Israel, wake up!

Albrecht Metzger


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Gaza und die Medien, Teil 2

Freitag, 23. Januar 2009 18:29

Gestern habe ich ein Beispiel für meiner Meinung nach fragwürdige Berichterstattung über den Gazakrieg gebracht, bei dem ich mehrere Worte umstellen und ergänzen musste. Hier kommt Beispiel Nummer zwei, diesmal geht es im Prinzip nur um ein einziges Wort, wenn auch mit Bindestrich (also zwei, genau genommen).

Zitat: „Ein Sprecher der radikal-islamischen Hamas erklärte, seine Organisation werde so lange weiter Qassam-Raketen auf Israel schießen, bis die Blockade des Gazastreifens aufgehoben ist. Benyamin Netanjahu, Kandidat der Likudpartei für das Amt des Ministerpräsidenten bei den Parlamentswahlen im Februar, erklärte, er werde im Falle seiner Wiederwahl die israelische Armee erneut in den Gazastreifen schicken, sollte der Raketenbeschuss nicht aufhören.“

Very well, alles ganz nüchtern. Oder fällt euch was auf? Das würde mich tatsächlich interessieren, aber ich kann euch ja nicht fragen (Kommentarleiste bleibt auch weiter ausgeschaltet, keine Lust auf durchgeknallte Islamophobiker – bei allem Respekt vor allen, die bei klarem Verstand geblieben sind). Mir fällt ein einziges Wort auf: radikal-islamisch. Die „radikal-islamische“ Hamas.

Ich weiß nicht, was Medienmacher mit diesem Begriff eigentlich meinen, ich glaube, sie wissen es selbst nicht. Irgend jemand hat mal damit begonnen, und jetzt machen es alle, weil es toll klingt. Zum Nachdenken über solche Dinge haben viele Redakteure – bei allem Respekt vor meinen Kollegen – aus Gründen des Termindrucks oft keine Zeit. Hier ist meine Erklärung, was hinter dem Begriff radikal-islamisch steckt.

Er wird immer benutzt, wenn bestimmte islamistische Parteien auftauchen: die radikal-islamische Hamas, die radikal-islamische Hizbullah, die radikal-islamischen Taliban. Bleiben wir kurz bei den Taliban: Sie haben Frauen die Finger abgeschnitten, wenn sie Nagellack trugen, öffentliche Exekutionen im Stadion von Kabul zelebriert und Männer mit Gewalt in die Moscheen getrieben. All das ist mir aus dem Gazastreifen nicht zu Ohren gekommen, seit die Hamas im Januar 2006 durch legitime Wahlen an die Macht gekommen ist.

Was die Hamas nach Ansicht vieler Medienmacher vermutlich radikal-islamisch macht, ist ihre Grundcharta von vor 20 Jahren, die gerne mit erwähnt wird, wenn es der Platz erlaubt, selbst wenn der Artikel gar nichts damit zu tun hat, etwa so: „Die radikal-islamische Hamas begann heute Nachmittag damit, Qassam-Raketen auf Sderot zu schießen. Die radikal-islamische Hamas weigert sich, das Existenzrecht Israels anzuerkennen und strebt laut ihrer Charta die Vernichtung des jüdischen Staates an.“ Der letzte Satz ist eine Ergänzung, die man machen kann, die man aber auch bleiben lassen kann, weil sie mit dem Raketenbeschuss eigentlich nichts zu tun hat. Wenn man über die Frage, ob Hamas bereit ist, Israel zu akzeptieren oder nicht, reflektieren will, braucht es dafür einen eigenen Artikel. Das ist meine Meinung.

Nun gut. Schauen wir uns den zweiten politischen Akteur in dem oben genannten Satz an: Die Likudpartei. Wie mich Bettina Marx, eine Kollegin aus dem Netzwerk, aufklärte, werden in der Hymne der Likudpartei „beide Seiten des Jordan“ besungen, was wohl den Wunschtraum zum Ausdruck bringen soll, in der Zukunft ein Großisrael vom Mittelmeer bis zum Euphrat zu errichten. Damit wird in einem Satz den Palästinensern das Recht auf einen eigenen Staat abgestritten und die Legitimität des Königreichs Jordanien in Frage gestellt. Ein kühnes Unterfangen. Anders ausgedrückt: ziemlich radikal-jüdisch. Hier der gleiche Satz, ergänzt um ein Wort und einen Satz:

„Ein Sprecher der radikal-islamischen Hamas erklärte, seine Organisation werde so lange weiter Qassam-Raketen auf Israel schießen, bis die Blockade des Gazastreifens aufgehoben ist. Benyamin Netanjahu, Kandidat der radikal-jüdischen Likudpartei für das Amt des Ministerpräsidenten bei den Parlamentswahlen im Februar, erklärte, er werde im Falle seiner Wiederwahl die israelische Armee erneut in den Gazastreifen schicken, sollte der Raketenbeschuss nicht aufhören. Die radikal-jüdische Likudpartei weigert sich, das Existenzrecht Palästinas anzuerkennen und zweifelt die Legitimität des Königreichs Jordanien an. “

Das ist journalistische Fairness. Abgesehen davon: Wenn die Hizbullah radikal-islamisch ist, dann ist es die irakische Daawa-Partei auch. Kader dieser schiitischen Partei haben in den 1980er Jahren mit geholfen, die Hizbullah im Libanon aufzubauen. Zu jener Zeit entführte die radikal-islamische Hizbullah noch westliche Ausländer in Beirut, darunter auch einige Deutsche. Das hat seit ungefähr 1990 aufgehört.

Also: „Der irakische Premierminister Nuri al-Maliki von der radikal-islamischen Daawa-Partei traf gestern Nachmittag die amerikanische Außenministerin Condoleeza Rice, um über den Wiederaufbau des Landes zu sprechen. Die radikal-islamische Daawa-Partei half in den 1980er Jahren dabei, die radikal-islamische Hizbullah im Libanon aufzubauen.“

Konsequenterweise könnte man dieses Prinzip auf alle Parteien übertragen, die in der Politik aktiv sind: die moderat-jüdische Arbeiterpartei, oder, um ein Beispiel aus der Heimat zu nehmen: Die ehemals radikal-ökologischen, jetzt Kohlekraftwerke bauenden Hamburger Grünen.

Morgen kommt Beispiel drei.

Albrecht Metzger

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Gaza und die Medien, Teil 1

Donnerstag, 22. Januar 2009 8:06

Ich möchte euch heute erzählen, wie die Berichterstattung über die islamische Welt und speziell den Nahen Osten nicht sein sollte. Ich habe den Eintrag in zwei Teile geteilt.

Als Beispiel wähle ich einen aktuellen Krieg, nämlich den Krieg, den die Israeli Defense Forces gegen Gaza geführt hat, der vor einigen Tagen geendet ist. Bei diesem Krieg kamen etwa 1.000 Palästinenser ums Leben und drei Dutzend Israelis. Die genauen Zahlen kam man sicher irgendwo nachlesen. Begründet wurde dieser Krieg mit dem Ende des Waffenstillstandes kurz vor Weihnachten, den die Hamas nicht bereit war zu erneuern. Ich werde später, in einem anderen Eintrag, auf die genauen Umstände dieses Krieges eingehen.

Unabhängig von dem Waffenstillstand wurde dieser Krieg generell mit dem Recht Israels begründet, sich selbst zu verteidigen. „Israel has the right to self-defense“, das ist ein Satz, den so gut wie alle meinen israelischen Freunde bei Facebook an der einen oder anderen Stelle geäußert haben. Ich sage an dieser Stelle: Israel hat das Recht auf Selbstverteidigung, Israel hat das Recht, stark zu sein und sich Hilfe von Stärkeren zu suchen, wie jeder andere Staat auch, der sich bedroht fühlt.

In diesem Fall scheint mir der Begriff „self-defense“ allerdings unpassend zu sein, denn die Qassam-Raketen, die aus dem Gazastreifen nach Sderot und Ashdod flogen, haben so viele Menschen getötet, wie die Israeli Defense Forces in zwei Sekunden ausgelöscht haben, und davon könnt ihr noch mal die Hälfte abziehen, dann sind wir auf gleicher Ebene: Bei einem Granatenangriff der Israeli Defense Forces auf eine Schule der UN in Gaza kamen 30 Menschen ums Leben, durch Qassam-Rakten sind 15 Menschen getötet worden, in den Jahren 2001 bis zum Dezember 2008 – also dem Beginn des Krieges – , wenn ich das erwähnen darf. Das sind die Zahlen des Israel Ministry of Foreign Affairs, eine Einrichtung, die nicht vom BND beobachtet wird, so weit ich weiß.

Also: Wenn Israel meint, Krieg aus Gründen der Selbstverteidigung führen zu müssen, dann doch bitte gegen einen ebenbürtigen Gegner, vielleicht Syrien. Aber dessen Waffen vergammeln auch zusehends, seit die Russen immer sporadischer die Scud-Raketen warten, die sie vor 20 Jahren geliefert haben. Bevor ein Krieg auf Augenhöhe beginnen kann, braucht es wohl ein paar Milliarden Dollar Militärhilfe, die Syrien auf keinen Fall von Deutschland bekommen sollte. Das ist zumindest meine Meinung. Das Regime ist korrupt und äußerst unkooperativ, wenn es um das Thema Menschenrechte geht. Und das ist längst nicht alles, was mir Präsident Bashar al-Assad und seine Gehilfen unsympathisch macht. Das Regime ist bis heute nicht bereit, sich mit den bösen Geistern seiner Vergangenheit öffentlich auseinander zu setzen. Es würde nämlich das Regime der Assad-Clique zum Einsturz bringen. Deswegen vermeiden sie das. Auch darauf werde ich zu einem späteren Zeitpunkt eingehen.

Kommen wir also zur Berichterstattung der deutschen Medien über den Selbstverteidigungskrieg – wohl auch im Verständnis von Bundeskanzlerin Angela Merkel – der Israeli Defense Forces gegen Gaza. Ich habe drei Beispiele im Gepäck, die ich recht anschaulich finde. Sie kommen nicht aus der BILD-Zeitung, die vermutlich noch applaudieren würde, wenn Israel auf die Idee käme, die 1.5 Millionen Einwohner Gazas ins Meer zu kippen, sondern aus dem Radio. Sie könnten in jedem deutschen Sender gesendet worden sein, ich habe vergessen, wo ich sie gehört habe. Ich paraphrasiere, gebe also nicht jedes Wort eins zu eins wieder, aber das Prinzip stimmt. Sollte ich falsch liegen, bin ich offen für Kritik und werde Betreffendes ändern.

Beispiel eins: „Die israelische Regierung erklärte heute Mittag einen einseitigen Waffenstillstand und sagte, sie werde ihre Truppen unverzüglich aus dem Gazastreifen abziehen.“ Wir sprechen von Mitte Januar, als der Krieg 1.000 Palästinenser und drei Dutzend Israelis das Leben gekostet hat, es ist also das Ende des Selbstverteidigungskriegs der Israeli Defense Forces gegen Gaza. Alles korrekt, alles ohne Emotionen, alles fair. Und direkt aus der Pressabteilung der Israeli Defense Forces.

Hier mein Alternativ-Vorschlag: „Die israelische Regierung erklärte heute Mittag, sie werde nach drei Wochen die Bombardierung des Gazasteifens einstellen und ihre Truppen aus dem abgeriegelten Gebiet abziehen. Bei der Bombardierung der Israeli Defense Forces kamen rund 1.000 Palästinenser ums Leben. Im gleichen Zeitraum wurden durch Raketenbeschuss der radikal-islamischen Hamas drei Dutzend Israelis getötet.“ Klingt auch fair, finde ich. Aber doch ganz anders. Sollten die Fakten nicht stimmen, bin ich offen für Kritik. (1.000 oder 1.200? Drei oder ein Dutzend? Ich weiß es gerade nicht. Ich werde das prüfen.)

Der zweite Teil kommt morgen.

Albrecht Metzger

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Neuanfang

Dienstag, 20. Januar 2009 21:48

Ich fange hiermit mit dem Blog von vorne an. Folgendes möchte ich mit dem Blog bezwecken: Ich möchte versuchen, Ereignisse in der islamischen Welt – und damit meine ich auch Länder mit islamischen Minderheiten wie Deutschland – aus einer bestimmten Perspektive zu betrachten, die diese Ereignisse idealerweise in einem anderen Licht erscheinen lassen, als das in vielen Medien in Deutschland der Fall ist. Diese Perspektive ergibt sich aus einer langjährigen Erfahrung mit und in den betreffenden Ländern, vor allen Dingen der arabischen Welt.

Ich bin, wie möglicherweise andere Mitglieder in diesem Netzwerk auch, häufig unglücklich über die Art und Weise, wie über Islam und Muslime in deutschen Medien berichtet wird. Das ist keine Radikalkritik, denn meinem Eindruck nach hat sich die Berichterstattung in den vergangenen zwanzig Jahren um einiges verbessert (der Golfkrieg 1991 war in dieser Hinsicht wohl ein Wendepunkt, ich werde darauf später zurückkommen). Trotzdem ist sachliche Kritik nötig und muss erlaubt sein, sie ist konstruktiv gemeint; denn weitere Veränderungen sind nötig. Ich werde das am Donnerstag anhand einiger Beispiele zur Berichterstattung über den Gazakrieg zu illustrieren versuchen.

Wer sich ein wenig mit der deutschen Medienszene auskennt, wird bei einem Blick auf die Mitglieder dieses Netzwerkes erkennen: Hier sind so gut wie alle namhaften Journalisten und Publizisten vertreten, die sich im deutschsprachigen Raum professionell mit der islamischen Welt beschäftigen.

Der wichtigste Teil der Arbeit dieses Netzwerkes findet noch im Verborgenen statt: Es ist die interne Diskussionsgruppe, an der alle hier erwähnten Islamwissenschaftler, Iranisten und Turkologen teilnehmen. Ich würde diese Diskussionsrunde als eine Art internen Think Tank bezeichnen, der sich für mich persönlich als höchst inspirierend erwiesen hat. Ich denke und hoffe, und das ist an dieser Stelle meine persönliche Meinung, von diesen internen Diskussionsrunden sollten künftig auch die Besucher dieser Webseite profitieren.

Bislang gibt es außer meinem den Blog „Kristinas Kolumne“ (Kristina Bergmann) sowie den Blog „Hörfenster“ (Tobias Mayer). Idealerweise stelle ich mir eine gegenseitige öffentliche Kommunikation vor, das heißt, ein Blogger wird bei Gelegenheit auf den anderen Bezug nehmen und auf die betreffenden Beiträge der anderen hinweisen. Damit würden die Blogs nicht isoliert nebeneinander stehen, sondern miteinander kommunizieren. Das könnte sich für die Leser als interessant erweisen, weil sie zumindest teilweise an den oben genannten Diskussionen des internen Think Tanks teilhaben könnten. Für uns selber, die Blogger, dürfte das eine weitere, zu den Diskussionen des internen Think Tanks hinzukommende Inspiration sein.

Die Sprache dieses Blogs wird nüchtern und sachlich sein, auch wenn die Texte in Ich-Form verfasst sein werden. Für ironische, möglicherweise polemische, hoffentlich aber witzige Beiträge werde ich die Rubrik „Briefe“ benutzen, in der in lockerer Folge die Mitglieder des Netzwerkes in sehr persönlicher Form über ihre Arbeit berichten (bislang gibt es drei Briefe). Die Leser können hier also am Journalistenalltag teilhaben, geschrieben von Leuten, die die ganze islamische Welt bereisen oder bereist haben. Ich denke, all das zusammen genommen wird diese Webseite zu einem Fundus an Erfahrung und Wissen machen, die im deutschsprachigen Raum ihresgleichen sucht.

So, genug der einleitenden Worte. Ich werde also am Donnerstag mit einem Beitrag starten, der sich mit einigen Beispielen der Medienberichterstattung während des Gazakrieges beschäftigen wird. Viel Spaß bei der Lektüre.

Albrecht Metzger

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Brief aus London

Donnerstag, 27. November 2008 17:14

Zuerst ein Ratschlag für Reisende mit knappem Budget: Ryanair ist günstig, aber haltet Euch fern von Flügen, die um 6:25 Uhr von London Stansted abgehen. Ihr werden sie bestimmt verpassen! Und wenn Ihr Pech habt wie ich, müsst ihr Euch den Weg zurück in die Innenstadt mühsam erschnorren. Aber dazu später mehr.
Ich fahre also am 6. November nach London, um Anatol Lieven zu treffen.
Lieven war Jahre lang Korrespondent für verschiedene britische Zeitungen in Moskau, im Laufe seiner Karriere ist er außerdem zum Fachmann für Afghanistan und Pakistan geworden. Weil er viele Bücher geschrieben hat, ist er heute Professor am King´s College in London. So geht das in England.
Anatol Lieven hat deutsche Wurzeln, er stammt aus dem Baltikum, wo seine Vorfahren -  sämtlich Militärs - 200 Jahre in russischen Diensten waren, davor 200 Jahre bei den Schweden. Anatol Lieven hat einen Sinn für Genealogien, beste Voraussetzungen also, um über die archaische Welt der Stämme im Nordwesten Pakistans zu forschen. Deswegen bin ich hier, denn da will ich auch hin - in das „Herz der Finsternis“, wie der BND die afghanisch-pakistanische Grenzgegend nennt, wo sich Osama bin Laden und andere böse Geister verstecken sollen. Hier haben pakistanische Taliban das Sagen. Anatol Lieven spricht heute über diese Region, in der er sich im Sommer sechs Wochen aufgehalten hat (http://www.icsr.info/node/22824). Apropos BND: Vor dem Vortrag läuft mir eine Frau über den Weg, die ich das letzte Mal vor zehn Jahren in Beirut gesehen habe. Sie arbeitet heute in der Botschaft, sie „macht Politik“, wie sie sagt. Das ist neudeutsch für BND.
Sie ist ungefähr die 99. Islamwissenschaftlerin, die ich kenne, die mittlerweile im Auftrag des Staates dem Terror auf der Spur ist. Bin gespannt, wo die alle landen werden, wenn in zehn Jahren die chinesische Mafia die größte Bedrohung für die Sicherheit Deutschlands sein wird.
Anatol Lieven redet gerne, und ich höre gerne zu. Ein ideales Paar.
Stützpunkt seiner Forschungsreise war Peschawar, die letzte Stadt vor den Tribal Areas, wo Männer ohne Waffen totale Pfeifen sind. Etwas mulmig sei ihm gewesen, sagt, er, aber sein journalistischer Instinkt habe ihm gesagt, er müsse direkt mit den Leuten reden, wenn er über das Land schreiben wolle.
Am Ende des Vortrags frage ich ihn, was er von der Idee hält, mich nach Waziristan durchzuschlagen, der südlichsten Region der Tribal Areas, wo das Herz besonders finster schlägt, und sich die Ausbildungslager von al-Qaida befinden sollen. „Don´t got, if you want to come back in one piece“, sagt Anatol.
Wir treffen uns am nächsten Tag zum Tee und tauschen Gedanken aus. Das heißt, Anatol redet, und ich überlege, was ich mit dem Gesagten anfangen kann. Er hat eine Anfrage bei der pakistanischen Armee laufen, er will sich embedden lassen, um tiefer in die Tribal Areas vordringen zu können. Genial.
Wie wär´s, wenn ich mich da anschließen würde? „Yes, let´s do that“, sagt Anatol. Der Gedanke daran wirkt wie Baldrian auf meine Seele: Wenn die Taliban nach Geiseln suchen, nehmen sie bestimmt zuerst den Briten.
Guten Mutes für eine erfolgreiche Reise begebe ich mich am nächsten Morgen zum Bahnhof Liverpool Street. Von hier fährt der Zug nach Stansted, der erste um 4:40 Uhr, planmäßige Ankunft ist 5:25 Uhr, mein Flug geht eine Stunde später. Kein Grund zur Sorge also - denke ich, bis eine Ansage über den Lautsprecher kommt, noch ehe der Zug überhaupt losgefahren ist: „We are sorry for the delay, we will keep you informed.“ Weiß der Himmel, was um diese Uhrzeit eine Verspätung verursachen kann. Irgendwann setzt sich der Zug doch in Bewegung und zuckelt wie auf Kaffeefahrt durch die Landschaft.
Kurz vor sechs kommen wir an, ich hechte aus dem Abteil, rase die Treppe zum Flughafen hoch und stehe am Ende vor einem geschlossenen Schalter. Ich muss umbuchen. Lässig greife ich nach meiner Brieftasche. Sie ist nicht am Platz.
Wie vom Hafer gestochen durchwühle ich meinen Rucksack, ein, zwei, drei Mal.
Die Brieftasche ist weg. Ich habe exakt 95 Pence in meiner rechten Hosentasche, in der linken finde ich drei Euro und ein paar Cent. Das reicht in London fürs Urinal. Stuck in Stansted.
Ich muss versuchen, ohne Ticket nach London zurückzukommen, um mir von Freunden Geld zu leihen. Zu meinem Erstaunen glaubt mir der Schaffner meine Geschichte, ich darf mitfahren. Am Ziel bin ich deswegen noch lange nicht:
Von der Liverpool Street muss ich eine halbe Stunde mit der U-Bahn fahren, und in die Underground komme ich ohne Ticket gar nicht rein. Aber meine diplomatischen Geschicke wirken Wunder: Der Station Manager, ein Mann mit pakistanischem Namen, öffnet mir die Schleusen und lässt mich in die U-Bahn.
Hut ab vor diesen Briten! In Deutschland hätte ich mit Sicherheit zehn Sonderbeförderungsabschlagsformulare ausfüllen müssen.
In den nächsten Tagen verfolge ich intensiv die pakistanische Presse. Die Lage in den Tribal Areas spitzt sich zu: Die US-Army feuert von Westen Raketen über die Grenze, die pakistanische Armee dringt von Osten vor. The Taliban are not amused. Aus Rache lassen sie in Peschawar die Puppen tanzen:
Zuerst wird ein iranischer Diplomat entführt, dann ein amerikanischer Entwicklungshelfer erschossen, einen Tag später jagen bewaffnete Männer einen japanischen Journalisten durch die Stadt, der nur mit Glück leicht verletzt entkommt. Am 18. November schreibt die pakistanische Daily News:
“Peshawar will become off-limits to foreign journalists, as the enemy is unknown and you don’t know who wants to kill you. In such a situation, it is difficult for journalists to work.”
Diplomatisches Geschick hilft da vermutlich wenig. Zeit, die Notbremse zu ziehen. Bin gespannt, ob Anatol Lieven trotzdem fährt. Die Briten sind zäh.

Albrecht Metzger

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