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Prophet im eigenen Land

Donnerstag, 21. Oktober 2010 10:40

In München füllte Hamed Abdel Samad zuletzt einen Saal mit 400 Leuten, in seiner ägyptischen Heimat finden gerade einmal 25 Interessierte den Weg in die winzigen Geschäftsräume des Merit-Verlages. Sowohl das Treppenhaus, als auch die Wohnung, in der der rebellische Verlag residiert, haben mit Sicherheit bessere Zeiten gesehen. Hinter den Schreibtisch, an dem sonst der Verleger sitzt, quetschen sich Abdel Samad, der ketterauchende Romanschriftsteller Hamdi Abou Goleiel und Dr. Nabil Abdel Fattah, Leiter der historischen Abteilung am renommierten Ahram-Zentrum für strategische Studien.

Der Untergang der islamischen Welt” ist das Thema. Fünfzehn Minuten vom Verlag entfernt ist die berühmte Azhar-Universität, zentrale Autorität des sunnitischen Islam und zweitälteste Uni der Welt. “Um ad-Dunia”, Mutter der Welt, nennen die Ägypter gern ihr Land. Dass dieses in 30 Jahren untergehen soll, nehmen die Zuhörer ungläubig zur Kenntnis. Abdel Samad spricht vom gedanklichen Stillstand, von der paranoiden Angst vor dem Westen, von der Neigung, immer anderen die Schuld am eigenen Leid zu geben, und, mal wieder, vom ständigen Beleidigtsein der Muslime (der Ausdruck klingt irgendwie weniger griffig auf Arabisch). Die Schulbücher arabischer Staaten sind eine Hauptquelle für seine Behauptung, dass in diesem Teil der Welt niemand das freie Denken lernt und der Islam auf festgelegten Thesen fußt. Die Zuhörer auf den abgewetzten Sofas und Klappstühlen lauschen aufmerksam, rauchen bedächtig, es gibt keine Zwischenrufe, weder jubelnd noch schimpfend. Hardliner sind ganz offensichtlich nicht dabei.

Dann kommt die Replik: Dr. Nabil Abdel Fattah hat einen Stapel kleiner, handbeschriebener Zettel mitgebracht, die immer wieder vom Ventilator durcheinander geweht werden. Er hat das Buch aufmerksam gelesen und sich viele Notizen gemacht. Die trägt er nun vor. Im Gegensatz zu Abdel Samad spricht er nicht im Dialekt, sondern Hocharabisch. Er formuliert pointiert und auch rhetorisch überzeugend: “Die Lektüre eines Buches beginnt mit dem Titel, das haben wir schon in der Schule gelernt. ‘Der Untergang der islamischen Welt’ steht hier, aber was ist die ‘islamische Welt’? Die ‘Umma’, wie sie der Islam selbst definiert, hält einem modernen Begriff von Nation längst nicht mehr stand”. Abdel Fattah führt aus, dass die 1,5 Milliarden Muslime dieser Welt in vielen verschiedenen Welten leben. Verallgemeinerung muss hier zu kurz greifen. Und das ist seine Kernkritik an Abdel Samads Buch: Es verallgemeinert, wo es differenzieren müsste. Dazu kommen Fehler, theologische wie historische, die der These nutzen mögen, aber der Differenzierung schaden.

Sein Buch sei weder eine wissenschaftliche noch eine historische Abhandlung, sondern eine Stellungnahme, ein Manifest, wendet Abdel Samad ein. Gut, dass uns deraufmerksame und informierte Rezensent Abdel Fattah den wissenschaftlichen Hintergrund nachliefert. Die Lektüre habe Spaß gemacht, schließt er, gerade weil das Buch Fragen aufwerfe. Auch die anschließende Diskussion macht Spaß, ist kontrovers aber an keiner Stelle aggressiv. “Mein Freund Hamed” sagt Abdel Fattah wohlwollend, wenn er den Autor kritisiert.

Am Ende sind eigentlich alle einer Meinung: es läuft, viel, zuviel falsch in Ägypten und auch in den meisten anderen islamischen Ländern. Nur: ist der Islam an dieser Misere schuld? Ist er Teil derselben? Kann er bei der Lösung helfen? Hier scheiden sich die Geister. Und noch etwas wird deutlich: Verallgemeinerungen regen die Diskussion an, aber wenn ihnen nicht widersprochen wird, sind sie gefährlich.

Die Zuhörer im Münchner Literaturhaus hatten keinen Nabil Abdel Fattah, der die Thesen differenzieren und die Fehler des Buches korrigieren hätte können. In ihrem Augen reiht Abdel Samad sich in ein, in den Club der “Islamkritiker”, die 1400 Jahre Religions- und Wissenschaftsgeschichte in wenige Allgemeinplätze zusammenfassen.

“Der Islam ist wie ein einsturzgefährdetes Haus, dessen Bewohner die Fassade streichen, statt die Mauern zu stützen” sagt Abdel Samad. Ihm ist entgangen, dass im Garten des Hauses längst neue Häuschen gebaut werden.

Thema: Allgemein | Comments Off | Autor: Esther Saoub

Die Moschee ins Dorf holen

Dienstag, 1. Dezember 2009 10:06

Religionsfreiheit heißt auch Religionsvielfalt

Andersgläubige in Europa werden genau so lange akzeptiert, wie man ihnen ihren Glauben nicht ansieht: keine Minarette, keine Kopftücher, keine großen Moscheen. Wenn sie schon beten, dann bitte schön unauffällig. Nur: wer unauffällig seine Religion praktiziert, der tut es auch unbeobachtet. Nirgends lässt sich der von allen so gefürchtete, radikale Islam besser verbreiten als in einer Hinterhofmoschee, die man als solche garnicht erkennen kann.

Kommentar von Esther Saoub:

http://www.wdr.de/radio/wdr2/archive/index.phtml?thema=Klartext

Thema: Allgemein | Comments Off | Autor: Esther Saoub

Gaza mit eigenen Augen

Mittwoch, 11. Februar 2009 12:37

Jemand muss doch unsere Geschichte erzählen

Aufzeichnungen aus dem Gazastreifen
Von Esther Saoub

Quelle: SWR.de

Operation “Gegossenes Blei”. Knapp vier Wochen hält die israelische Militäroffensive gegen den Gazastreifen an. In dieser Zeit ist das Kriegsgebiet für Journalisten gesperrt. Sie können die Kampfhandlungen nur von Ferne beobachten. Als Ägypten am 18. Januar den Grenzübergang Rafah für Ärzte und Journalisten öffnet, gehört ARD Korrespondentin Esther Saoub zu den ersten, die in den Gazastreifen einreisen. In ihren Aufzeichnungen erzählt sie von der Begegnung mit Menschen, die vom Krieg erschöpft sind, von ihren Arbeitsbedingungen vor Ort und davon, dass es Momente gibt, in denen auch eine eloquente Journalistin nur noch stumm zuhören kann.

(Sendung vom 10.2.2009)

Direktlinks:
Manuskript auf SWR.de
Audiodatei mp3 (Real Audio)

Thema: Allgemein | Comments Off | Autor: Esther Saoub

Brief aus Gaza

Freitag, 23. Januar 2009 11:30

Muhammads Geschichte

„Ich fahr dich nur, weil du Ausländerin bist, Araber chauffiere ich nicht mehr“, sagt Muhammad und schaut finster unter seiner schwarzen Wollmütze hervor. Der magere Mann mit dem dunklen Schnurrbart arbeitet als Fahrer und Kameramann für Al-Jazeera. Es ist elf Uhr abends, Gaza-Stadt ist stockdunkel. Vielleicht hat er Mitleid mit einer blonden Journalistin, die in ihr Hotel will. Als wir im Auto sitzen, frage ich ihn, warum er so schlecht gelaunt sei. (Dumme Frage, denke ich sofort, er arbeitet seit drei Wochen rund um die Uhr, seine Stadt liegt in Trümmern, vermutlich hat er auch Verwandte verloren). Doch Muhammad fängt anders an: „Die Araber haben uns im Stich gelassen“, sagt er, „Alle. Wenn sie reagiert hätten, wäre das Ganze hier nicht passiert. Aber sie haben zugesehen, drei Wochen lang. Die ganze Welt hat zugesehen. Wir Palästinenser in Gaza stehen völlig allein da.“

Muhammad fährt einen Moment lang schweigend weiter, vorbei an der zerschossenen Feuerwache, vorbei an eingestürzten Regierungsgebäuden. „Ist das eine Stadt?“, fragt er dann, „Das ist eine Geisterstadt. Schau dir das an: Alles stockdunkel, niemand auf der Straße. Ich werde verrückt, glaube ich. Sie haben uns die Seele zerstört, das ist es: Meine Seele ist kaputt“.

Wie es ihm ergangen sei, erkundige ich mich vorsichtig, seiner Familie? „Alle leben, Gott sei Dank. Ich habe sieben Kinder. In einer Nacht, das weiß ich noch, saßen wir zusammen in der Küche. Mein Haus hat dünne Asbestwände, die Küche ist der einzig gemauerte Raum, dort haben wir Schutz gesucht. Einen Keller oder so etwas gibt es nicht.“

Muhammad lacht im Nachhinein über seine Naivität: „Solche Wände!“, sagt er und zeigt mir 10 Zentimeter mit den Fingern, „Als hätten uns die schützen können. Wir haben die ganze Nacht nicht geschlafen. Meine Kinder haben gezittert. Stell dir vor, gestern hat jemand neben mir eine Coladose aufgemacht, und ich bin zusammengezuckt. Wie soll es da meiner Tochter gehen, sie ist anderthalb! Die Kinder kommen jede Nacht zu uns, alle, sie wollen nicht alleine schlafen, sie haben zuviel Angst. Sie glauben nicht, dass es jetzt vorbei ist.“

„Was war das für ein Krieg!“, fährt Muhammad fort. „So etwas hat es hier noch nie gegeben, noch nicht mal 1948. Und wogegen? Gegen ein paar Hamaskämpfer, die ein Gewehr auf der Schulter tragen? Was soll so ein Gewehr wohl gegen F16 Kampfflugzeuge ausrichten? Und dann die Sache mit den Raketen. Raketen! Das sind Plastikrohre mit etwas Sprengstoff drin. Feuerwerk. So etwas schießt man normalerweise zu Sylvester. Sie haben ja noch nicht mal was ausgerichtet! Aber nein, die Hamas muss sie abfeuern. Ich hätte hingehen und sie anschreien sollen: Hört auf mit dem Quatsch, die zerstören uns! Aber dann hätten sie mich erschossen. Und nun haben wir die Quittung: Alles ist kaputt. Unsere Seelen sind kaputt.“

„Ich kenne einen Jungen, ein Baby, er ist sechs Monate alt und hat als einziger seine ganze Familie überlebt. Wie wollen die Israelis ihm eines Tages gegenübertreten? Was wächst da für eine Generation heran?“

„Drei Wochen lang hatten wir kaum Wasser zu trinken, kein Essen, wie sollte ich meine Kinder ernähren? Wie soll ich sie jetzt erziehen, in die Schule schicken, etwas lernen lassen? Heute Morgen rief mich meine Frau an und sagte: Ich will Brot backen aber es gibt keinen Strom. Warte, hab ich geantwortet, vielleicht kommt er. Nach einer Stunde war er immer noch nicht da. Die Kinder sind hungrig, hat sie gesagt, was soll ich machen? Nimm den alten Gasofen, habe ich geantwortet und mach ein Holzfeuer darin (Kochgas gibt es seit Beginn der Blockade vor 18 Monaten nicht mehr). So hat sie dann Brot gebacken. Stell dir das vor. Was ist das für ein Leben? Ist das ein Leben?“

Muhammad zeigt mir einen Flüchtlingspass der UNRWA. Muhammad Rida, geb. 1973, und seine sieben Kinder sind darin aufgelistet. Muhammads Vorfahren waren vor 60 Jahren aus dem heutigen Israel in den Gazastreifen geflohen. Seitdem gelten sie als Flüchtlinge. „Ich will keine Unterstützung der UN, kein Mehl oder Öl, ich will leben! In Frieden leben. Ist das zuviel verlangt?“, fragt Muhammad.

Esther Saoub

Weiterführende Links:
Esther Saoub über ihren Aufenthalt in Gaza:
» Audiodatei auf tagesschau.de (DLF 23.1.2009)
Esther Saoub berichtet aus Gaza:
» Texte auf tagesschau.de (21.1.2009, 22.1.2009)

Thema: Briefe | Comments Off | Autor: Esther Saoub