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Brief aus Köln

Sonntag, 4. Januar 2009 11:55

Die Welt, in der ich lebe, täglich den Rhein überquere und wieder zurückfahre, lässt sich treffend mit dem Wort Parallelwelt umreissen. Die andere Wirklichkeit, die eigentliche,  kommt gelegentlich zu einem Besuch vorbei. In ihrer Welt geht es um Residenzpflicht, um Stundenlöhne, die eher Minutentarife sind, und um existentielle Nöte, die ich aus Nachkriegsschilderungen kenne.

Eine alte afghanische Freundin sass auf der Bank in meiner Küche, sie hatte ihre Tochter seit über 12 Jahren nicht gesehen, ihr Mann sogar noch länger.
Während wir über ihr Kind sprachen, sah ich durch das Küchenfenster, wie mein ältester Sohn gerade ein Tor schoss, was den Mittleren wenig amüsierte, wollte er seinerzeit nämlich dringend Torwart werden. Meine Freundin war vor vielen Jahren nach Deutschland geflohen, die Tochter wollte damals nicht mit. Ums Verrecken nicht. Die Mutter kam um vor Sehnsucht. Alle Ärzte hatte sie schon nach der Ursache ihres Schmerzes suchen lassen: am Handgelenk, südlich des Bauchnabels, später im Knie. Nichts zu finden. Das Kind war weg, der Schmerz blieb. Noch ein Tor fiel derweil im Garten.
Als nun nach dem Bleiberechtskompromiss im vergangenen Jahr (den man rückblickend gar nicht mehr so nennen kann) Grund zu der Hoffnung bestand, dass sie einen Aufenthaltstitel bekommen könnte, übernahm die Sehnsucht die heimische Finanzplanung. Sie fragte mich ohne die üblichen silbenreichen Höflichkeitsfloskeln, ob ich ihr 7.000 Euro leihen könnte. Sie brauche über 10.000 Euro, um die Tochter aus Afghanistan herzuholen. Sie habe schon jemanden, nennen wir ihn Transportunternehmer, kontaktiert. Ein sicherer Weg, mit Erfolgsgarantie. Ein optimaler Paketpreis, schwärmte sie, was blieb ihr auch anderes übrig.

Was sollte ich machen? Ihr Mann arbeitet in einem Kiosk. Der Stundenlohn ist symbolisch, vier Euro.  Als Geduldeter konnte er sich gegen diese Bezahlung nicht wehren, und das wusste sein afghanischer Chef, der selber mal geduldet war. Meine Freundin hatte jüngst all ihr Geld einer anderen Familie geliehen, die ihre kranke Mutter herschleusen wollte. 3000 Euro. Keine Ahnung, welchen Opa sie für dieses Geld umgelegt hatte. Ihr gesamter Freundeskreis, die Geduldeten, sind alle  verschuldet, leihen sich ständig gegenseitig Geld und werden dabei selber mal, wie eine Freundin von ihr, zum Subschlepper. Auch meine Freundin selbst ist verschuldet und jetzt brauchte sie also noch einmal 10.000 Euro. Im Garten sah es nach einem Streit zwischen Torwart und Stürmer aus. Sie ist Mutter, ich auch. Also sagte ich zu.  Dass ich nun wahlweise „Fluchthelferin“, wie die Flüchtlingsszene es nennt, oder Menschenhändler, wie die Innenministerien diese Tätigkeit umschreiben, werden würde, fand ich zweitrangig.
Als ich meine heimischen Finanzberater konsultierte, rieten die mir, ich solle ihr nur soviel geben, wie ich ihr auch schenken würde. Ich verliere mich in Details. Am Ende habe ich gezahlt. Keine 7000.

Der Transportunternehmer hielt sein Wort, nach einigen Wochen setzte er seine Maschine in Gang. Ich kann den genauen Weg nicht schildern, leuchtet vermutlich jedem ein. Die Tochter war etwa eine Woche unterwegs, was einer Expresszustellung gleich kommt. Als sie hier war, bin ich natürlich sofort hin, um zu erfahren, in wen ich investiert hatte und um die glücklichen Augen meiner Freundin zu sehen. Die Tochter, immer noch im Trancezustand, weil sie endlich ihre Familie wieder umarmen konnte, erzählte vergnügt von den deutschen Grenzbeamten. Sie hatten gefragt, warum im Pass stünde, sie habe blaue Augen, dabei seien sie ja braun. Das junge Mädchen begriff die Gefahr nicht und scherzte mit den Männern. Sie kannte bis dato nur hochbewaffnete Polizisten, die auch abdrückten, diese Deutschen fand sie nett. Dass sie, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, mit einem deutschen Pass reiste, verunsicherte sie nicht. Schließlich war sie der größten Gefahr in ihrer Heimat Afghanistan entkommen. Der Rest waren keine Hürden, sondern Schuhkisten für sie.
Noch etwas hat mich in ihren Schilderungen beeindruckt: Die Menschenhändler und die Schlepperringe bei der Flucht des Mädchens stellten sich vor allem in Form eines Schülers dar, der es durch Europa begleitete, um sich danach wieder in seiner deutschen Klasse zu setzen.

Ich hatte mir diese Menschenschlepper und die, die sie bezahlen, Gott weiss wie bewaffnet, bekifft und im Geld schwimmend vorgestellt. Und nun ist diese „organisierte Kriminalität“ so nah. Vielleicht gehör ich jetzt auch ein bisschen dazu, finanziell zumindest. Nur habe ich das Glück, aus der Parallelwelt zu kommen, wo Flucht nicht zwingend nötig ist, und wir frei reisen können,  von Schulden und Kioskvasallenschaft ganz zu schweigen.
Meine Freundin hat mir übrigens schon fast ein Drittel des Geldes zurückgezahlt, was das Scherzen über meinen neuen Nebenjob erleichtert.

Isabel Schayani

Thema: Briefe | Comments Off | Autor: Isabel Schayani