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Tunesien - Chronik einer angekündigten Revolution

Samstag, 29. Januar 2011 8:05

Die Revolution im Urlaubsparadies Tunesien kam nur scheinbar überraschend. Wer in den letzten Jahren die gesellschaftliche und innenpolitische Entwicklung in Tunesien beobachtete, konnte die wachsende Unzufriedenheit und die sich anbahnende Revolte im Urlaubsparadies eigentlich kaum übersehen. Schon im Januar 2008 gingen im südwestlich gelegenen Gafsa Tausende auf die Straße, um gegen Korruption und soziale Ungerechtigkeit zu protestieren. Im Sommer desselben Jahres kam es in Südtunesien erneut zu massiven Protesten mit Toten und Verletzten; zeitweise waren ganze Regionen komplett von den Sicherheitskräften abgeriegelt, Ausländer mussten draußenbleiben. Ich war just in jenem Sommer 2008 für Recherchen in Tunesien unterwegs und erlebte die angespannte Situation hautnah mit. Zudem gab es in den letzten Jahren mehrmals bewaffnete Auseinandersetzungen mit islamistischen Terrorgruppen, teilweise nur wenige Kilometer von wichtigen touristischen Zentren wie Hammamet entfernt.

Wer Tunesien kannte, fragte sich längst, wie weit das Regime Ben Ali, das sich selbst als Garant der Stabilität und als Bollwerk gegen den angeblich drohenden Islamismus anpries, die Lage noch im Griff hatte. Zumal der Diktator zunehmend von seinem offiziell propagierten laizistischen und staatsfeministischen Kurs abrückte, um konservative und religiös-politische Kräfte zu binden. „Es ist ein schlechter Witz“, schrieb mir eine Freundin per email, „nach außen verkauft ZABA (Zein El Abdin Ben Ali) sich als Vorkämpfer gegen den Islamismus, aber gleichzeitig gründet er das offizielle islamische Radio Zitouna, er lässt mit viel Pomp eine Moschee zu seinen Ehren errichten, und jetzt wird hier auch noch die erste islamische Bank aufgemacht“.

Dass die langangestaute Wut der Tunesier zum Jahreswechsel 2010/2011 explodierte, hatte nicht nur soziale Gründe. Es stimmt, dass Hunderttausende junge Tunesier wütend waren, weil sie keinen Arbeitsplatz hatten oder weil ihre Jobs so schlecht bezahlt wurden, dass sie unmöglich eine Familie gründen konnten. Doch den meisten Menschen ging es um Wesentlicheres. Sie wollten sich nicht länger von einer mafiösen Clique drangsalieren und entmündigen lassen, auch wenn diese noch so sehr von der EU hofiert wurde.

Hinter den Kulissen des vermeintlichen Ferienparadieses Tunesien verbarg sich ein Polizeistaat, dessen Unterdrückungsmethoden in vielem denen der Stasi ähnelten. Einer Armee von rund 30 000 Mann standen rund 170 000 Polizeikräfte gegenüber. Der Sicherheitsapparat des Diktators Ben Ali und der ihm weitgehend hörigen Einheitspartei RCD (bei der letzten Parlamentswahl 84% der Stimmen) verfügte neben Willkürhaft und Folter über ein ganzes Arsenal mehr oder minder subtiler Methoden, um unliebsame Bürger zu terrorisieren.

Zu den weniger subtilen Methoden gehörten die totale Überwachung der Post und der Telekommunikation, das Blockieren von sozialen Netzwerken wie youtube und dailymotion sowie die Sperrung von Internetseiten zum Thema Menschenrechte. Die Manipulation ging soweit, dass Tunesier, die die offizielle Adresse von Amnesty International in ihren Browser eingaben, auf eine Seite mit dem gleichen Namen umgeleitet wurden, auf der die Menschenrechtssituation in Tunesien in den höchsten Tönen gelobt wurde. Natürlich immer Halbgott “ZABA” sei Dank.

Die subtileren Methoden zielten darauf, Angst zu verbreiten und das Vertrauen zwischen den Bürgern zu zerstören. Über diese Methoden wurde von kritischen Journalisten zwar immer wieder berichtet, doch die europäische Öffentlichkeit nahm sie nicht wirklich zur Kenntnis.

Die Spitzel des tunesischen Regimes, meist arbeitslose junge Männer, waren überall – am Arbeitsplatz, in der Schule, in Café, ja sogar in den eigenen vier Wänden. Als ich bei einer regimekritischen Freundin zu einer Party eingeladen war, erlebte ich, dass plötzlich Agenten vor der Tür standen und sich ungebeten in die Diele setzten. Sie wollten nicht nur kontrollieren, wer mitfeierte, sondern auch ihre Macht demonstrieren. Die konsternierte Gastgeberin und ihre Familie hatten keine andere Wahl als ruhig zu bleiben. Manche Methoden waren  an Niedertracht und Widerlichkeit kaum zu überbieten: Kellner in Cafés wurden unter Druck gesetzt, Regimegegner nicht zu bedienen oder sie sogar zu beschimpfen und vor die Tür zu setzen; Nachbarn wurden gezielt aufeinander gehetzt und zu Gewalt gegeneinander getrieben. Selbst Schulkinder wurden dazu gebracht, ihre Klassenkameraden zu mobben oder zu terrorisieren, wenn deren Eltern es wagten, die Diktatur zu kritisieren.

Das Regime, das sich nach außen konziliant gegenüber Israel gab, scheute auch nicht davor zurück, antijüdische Ressentiments zu schüren, um Oppositionelle mit jüdischem Hintergrund - wie zum Beispiel den Romanschriftsteller und Verleger Gilbert Naccache - zu diskreditieren.

Politisch war Widerstand gegen das Regime kaum möglich. Zwar kann man nicht sagen, dass die Gewerkschaftsbewegung UGTT und die Einheitspartei RCD total gleichgeschaltet waren. Es rumorte durchaus. Doch die meisten Tunesier hatten von Politik und Parteien ohnehin die Nase voll. Vor allem Tunesiens internetfreudige, gut ausgebildete Jugend erwartete längst nichts mehr von den Apparatschiks der RCD. Sie brachten ihren Frust auf ihre eigene Weise zum Ausdruck: durch Kampagnen wie „Sayeb Saleh - Nhar 3ala 3ammar“ gegen die Internetzensur, durch Flashmobs und vor allem durch den Rap. „Ich gehe nach Europa, und ich hole mir alles, was man mir hier geraubt hat“, sang der an sich eher brave, nicht offen regimekritische, aber sehr populäre Rapper Balti bereits 2007 vor tausenden Jugendlichen in Tunis. Die Behörden waren gegen diese Jugendbewegung letztlich machtlos. Rapper, die sich deutlich vom Regime distanzierten wie der ebenfalls populäre „El General“ wurden zwar immer mal wieder festgenommen, aber meist auch schnell wieder freigelassen – vielleicht aus Ignoranz, vielleicht aber aus Angst, dass genau die Revolte ausbrechen könnte, die jetzt das alte Regime weggefegt hat.

Warum konnte sich der Diktator Ben Ali trotz der schwelenden Unzufriedenheit der Tunesier solange an der Macht halten? Dafür gab es innenpolitische und außenpolitische Gründe. Innenpolitisch spielte – wie in allen totalitären Regimen – ganz sicher die Angst eine Rolle: aber nicht nur. Fakt ist, dass lange Zeit beträchtliche Teile der tunesischen Bevölkerung (und nicht nur RCD-Parteimitglieder) den autoritären Modernisierungskurs unter Ben Ali tolerierten. Um das zu verstehen, muss man sich die Situation vergegenwärtigen, in der der Diktator 1987 an die Macht kam. Tunesien erlebte damals nach 31 Jahren Einparteienregime unter dem vergreisten Staatspräsidenten Bourguiba eine Periode extremer Instabilität. Die Wirtschaft lag am Boden, politisch kochte es, bei Demonstrationen linker und islamistischer Regimegegner wurden hunderte Menschen erschossen. Islamisten forderten offen die Abschaffung der Gleichberechtigung der Frauen – ein Fortschritt, auf den auch viele konservative Tunesier stolz sind – sowie eine Islamisierung des öffentlichen Lebens. Als der Ex-Militär und Geheimdienstmann Ben Ali in dieser Situation unblutig putschte, waren viele weltlich und liberal gesonnene Tunesier insgeheim froh, dass die Islamisten verfolgt wurden, auch wenn dabei die Menschenrechte auf der Strecke blieben. Zudem machte sich Ben Ali schon bald nach der sogenannten „Jasminrevolution“ (so hiess der Putsch vom 7. November 1987 in Tunesien) daran, den gesamten Staats- und Parteiapparat mit neuen, jungen Leuten zu besetzen, die vorher keine Chance gehabt hatten. Der Politikwissenschaftler Steffen Erdle hat diesen Prozess in seinem Buch „Ben Ali’s New Tunisia“ detailliert beschrieben.

Wegen seiner harten Hand gegenüber der islamischen Opposition hatte das Regime Ben Ali außenpolitisch von Anfang an gute Karten. Die Politik der Europäischen Union war geprägt von einer Mischung aus wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen auf der einen sowie blanker Ignoranz auf der anderen Seite. Manche Politiker glaubten, dass Araber und Muslime aufgrund ihrer Religion und Kultur ohnehin demokratieunfähig seien. Andere hielten Tunesien schon deshalb für ein demokratisches Land, weil es eine flächendeckende Wasserversorgung gab, weil man in den Urlaubsorten bayrische Bierkneipen besuchen konnte und weil die Mehrheit der tunesischen Frauen keinen Schleier trug. “Es gibt bei den Europäern die fatale Tendenz, die Existenz einer modernen Infrastruktur und eine wenn auch nur scheinbare Liberalität des öffentlichen Lebens mit Demokratie zu verwechseln“, sagte mir ein tunesischer Freund.

Die EU hat am tunesischen Volk manches gutzumachen, doch leider hat sie sich auch nach dem Sturz des Diktators Ben Ali nicht mit Ruhm bekleckert. Das Europäische Parlament lehnte es eine Woche nach der Revolution ab, sich ohne Wenn und Aber hinter die Forderungen des Volkes zu stellen. Ein entsprechender Entschließungsantrag der Grünen und der Sozialisten wurde abgeschmettert. Und als wäre das nicht genug, stufte die internationale Rating-Agentur Moody’s das Rating von Tunesien herunter. In den Augen vieler Tunesier war das eine Ohrfeige: Nachdem sie es endlich geschafft haben, die Clique zu vertreiben, die das Land jahrelang ausgeraubt hat und nachdem sie auf dem besten Wege sind, eine Demokratie nach europäischem Vorbild zu werden, bestraft der Westen sie, indem er ihm höhere Zinsen für Kredite aufdrückt – Zinsen, die für die Tunesier in Zukunft weniger Sozialleistungen und höhere Steuern bedeuten werden.

Wie sollen wir all die Jahre des Schweigens und der Zensur hinter uns lassen“?, schrieb die tunesische Journalistin Asma Drissi kurz nach dem Sturz des Diktators auf facebook. „Ich stelle mir diese Frage immer wieder. Seit über zehn Jahren arbeite ich bei der Zeitung und ich war doch nie frei, über das zu schreiben, was in meinem Land geschah. Nun sitze ich hier, nach der Revolution, in der Redaktion. Mein Kopf ist leer und mein Herz fühlt sich riesig an. Ich weiss nicht, was ich schreiben soll. Ich weiss nur, dass ich alles tun will, damit unser demokratisches Projekt gelingt.“

Tunesien hat einen langen Weg in Richtung Demokratie vor sich, aber die hochgebildete und zivilisierte Bevölkerung hat das Potential, diese Herausforderung gut zu bewältigen. Ob sie dazu unbedingt einen tunesischen Vaclav Havel braucht? Und wenn es auch ohne ginge? Fakt ist, dass die EU und allen voran Frankreich und Deutschland jetzt die Chance haben, ihre Fehler der Vergangenheit gutzumachen. Sie täten gut daran, diese Chance zu nutzen. Deutschland und Frankreich müssen darauf drängen, dass sich die EU ohne Wenn und Aber hinter diejenigen Kräfte stellt, die einen wirklichen Neuanfang wollen. Gerade Deutschland mit seinen Erfahrungen aus zwei Diktaturen kann für die Tunesier auf ihrem Weg zur Demokratie ein interessantes Beispiel sein.

NEFAIS-Mitglied Martina Sabra begleitete von 1995 bis 2004 im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung Anti-Gewalt-Projekte der regimekritischen tunesischen Frauenorganisation ATFD. Von 2005 bis 2010 war sie mehrmals für journalistische Recherchen in Tunesien, unter anderem im Auftrag des Studienkreises für Tourismus e.V. (www.sympathiemagazin.de). Sie hat die jüngste Ausgabe des SympathieMagazins „Tunesien Verstehen“ redaktionell betreut.

Thema: Allgemein, Notizen aus Mangalistan | Kommentare (0) | Autor: Martina Sabra

Umm Kulthum, Mohammed Abdel Wahhab und Farid Al-Atrash im Film

Sonntag, 19. September 2010 17:59

Liebe Nefais-Leserinnen und Leser,

Während die anderen sich noch am Kampf der Kulturen abarbeiten (gähn), sind wir schon einen Schritt weiter.  Vive la différence! An dieser Stelle steht meine west-östliche Schatzkiste, in der immer mal wieder neue Hinweise auf Zeugnisse fruchtbarer Begegnungen zwischen Orient und Okzident zu finden sein werden.  Ich hoffe, Ihr lasst Euch inspirieren! Vorschläge, die die Sammlung bereichern, sind herzlich willkommen.

Simone Bittons ägyptische Musiker-Trilogie jetzt auf DVD

Gute Nachrichten für Fans von Umm Kulthum und von gehaltvollen historischen Filmdokumentationen an der Schnittstelle zwischen Kultur und Politik! Simone Bitton hat ihr Versprechen gehalten und ihren höchst sehenswerten Dokumentarfilm über die berühmte ägyptische Sängerin Umm Kulthum nun auf DVD veröffentlicht - zu kaufen im Dreierpack mit zwei weiteren schönen Dokumentationen über Mohammed Abdel Wahhab und über Farid Al-Atrash, Komponist, Sänger und Bruder der legendären Sängerin Asmahan. Sprachen: Französisch, Arabisch. Untertitel: Englisch. Für das französische Original des Films über Umm Kulthum hat Sapho die Texte eingesprochen. Ein Muss für Umm-Kulthum-Fans und ein Topp-Tipp für die Geschenkevorratskiste!

Thema: Allgemein, West-östliche Schatzkiste | Comments Off | Autor: Martina Sabra

Duke Ellingtons Orient-Tour

Sonntag, 6. Dezember 2009 12:49

Duke Ellington und der Nahe Ferne Osten


Mein Klavierlehrer hat eine gewisse Vorliebe für orientalische Skalen und Rhytmen. Als er mir kürzlich eine seiner neuen Kompositionen vorspielte, musste ich an die “Far East Suite” von Duke Ellington denken - ein Album, das korrekterweise eigentlich “Middle East Suite” heissen müsste, denn es ist inspiriert von der großen Orient-Tour, die Ellington in den 1960er Jahren unter anderem nach Beirut, Bagdad, Teheran und Kabul führte. Beim Diskutieren stellten wir verwundert fest, dass mein Lehrer zwar Duke Ellingtons Musik gut kannte, von der Suite aber noch nie etwas gehört hatte. Ich fragte daraufhin noch einige andere Musiker im Bekanntenkreis - dito!  Auch Kölns größter Plattenladen hat das Album offenbar nicht im ständigen Programm. Dabei gehört die Far East Suite zum Schönsten, was Duke Ellington aufgenommen hat, und sie klingt auch nach über 40 Jahren immer noch unglaublich elegant, kosmopolitisch und zeitgemäß. Mein Favourite ist Mount Harissa.  Also, liebe Nefais-LeserInnen, hört mal rein! Oder beglückt Eure Lieben zu Weihnachten mit “Dukient”.

Die “Far East Suite” gibt es als CD im Internet ab 4,50 Euro. Von Deutschland aus ist die Bestellung zur Zeit über Großbritannien am günstigsten.

Thema: Allgemein, West-östliche Schatzkiste | Comments Off | Autor: Martina Sabra