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Brief aus Damaskus

Freitag, 20. März 2009 11:29

Über den Zusammenhang von Stromausfall und Schlägereien

Plötzlich ging das Licht aus, und so weit ich es beurteilen konnte, gleich in ganz Jaramana, einer Art Elendsviertel vor den Toren von Damaskus. Stromausfall. Nur an einer Stelle am Ende der dunklen Strasse brannte Licht. Wie sich herausstellte, stammte es von einer Gaslaterne, die der Wirt in dem winzigen, von Christen betriebenen Wasserpfeifencafé angesteckt hatte.

Was macht der reisende Arabist also? Er bestellt sich eine Argilah und ein Glas Tee. Doch kaum hatte ich es mir gemütlich gemacht, fing draußen auf der dunklen Strasse eine Schlägerei an. Wer gegen wen?, fragte ich, als der Sohn oder Neffe oder Cousin oder was auch immer des Wirtes mit einer blutigen Nase zurück ins Café stürmte. Achselzucken. Ich fragte den Rest der Runde: Wer gegen wen? Schließlich bekam ich aus ihnen heraus, dass hier offenbar ein paar junge Iraker ein paar andere junger Iraker vermöbeln wollten. Beziehungsweise genau das taten.

Das Ganze dauerte nicht allzu lang und war wohl auch nicht besonders folgenschwer. Aber es hörte in just dem Moment auf, als der Strom wieder zu fließen begann. Das warf natürlich eine Frage auf: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Schlägereien und Stromausfall?

OK, es gab noch einen zweiten Grund für diese gewagte Arbeitshypothese. Weil ich so etwas Ähnliches schon einmal erlebt hatte, vor neun Jahren, als ich in Bir Zeit studierte. Bir Zeit ist ein kleines, schmuckes Dorf von 3000 Einwohnern in der Nähe von Ramallah, fast die Hälfte sind Studenten. Damals, ein paar Monate nach Beginn der Zweiten Intifada, hatte sich bei denen schon einiger Frust aufgestaut. Verständlicherweise. Die wichtigsten Strassen waren im Grunde permanent gesperrt, viele Studenten saßen in dem kleinen Kaff fest. An ordentliches Studieren war nicht zu denken, und sie bangten zusätzlich natürlich auch noch die ganze Zeit um ihre Verwandten. Es gab viele Tote in dieser Zeit.

Und kaum fiel eines Tages in Bir Zeit der Strom aus, da versammelten sich alle auf der Strasse – und ruckzuck kam es zu einer richtigen Massenschlägerei. Wie auf ein geheimes Kommando schnappten sich die Studenten Besenstile und Äste und was sonst zur Hiebwaffe improvisiert werden konnte, und schlugen aufeinander ein. Aber es schien scharf abgetrennte Fronten zu geben, allerdings durchschaute ich sie nicht. Wer gegen wen? Das war also auch dort die Frage.

Ich muss gestehen, dass ich von dem Schauspiel trotz einer grundsätzlichen Ablehnung von Gewalt einigermaßen fasziniert war. (Besonders brutal war das Ganze übrigens nicht.) Ich übersetzte damals für meine Magisterarbeit gerade das Tagebuch eines Mukhtars von Bir Zeit, der rund 150 Jahre früher gelebt hatte und ausführlich die Schlachten schilderte, an denen er damals im Rahmen des, tja, im Grunde Palästinensischen Bürgerkrieges teilnahm. Natürlich ging es damals nicht um Hamas und Fatah, sondern vor allem um die Konkurrenz zwischen jenen, die sich der Stammesallianz der Jamani zugehörig fühlten und den anderen, die sich der der Qais zurechneten. Die Osmanen nutzten das virtuos, um alle gegen alle auszuspielen.

Wie dem auch sei, ich sah mir die Schlägerei also an und – ich gebe es zu – zückte sogar meine Kamera. Doch dann kam mein Freund Tariq angerannt und riss mich weg von der Strasse. Renn! befahl er mir und zerrte mich hinter sich her in den Supermarkt seines Vaters. Ich fragte ihn, was das sollte. Willst du etwa auch eine aufs Maul kriegen? fragte er zurück. Natürlich nicht, sagte ich, aber was hab ich damit zu tun?

- Du, belehrte mich Tariq, bist doch ein Musharbash aus Salt, oder nicht?
- Ja, stimmt. (Salt liegt in Nordjordanien)
- Also, da draußen kloppen sich die aus Gaza mit denen aus Hebron. Alles klar?
- Hääh?
- Mann, ihr aus Salt steht traditionell auf der Seite von denen aus Hebron und die aus Gaza wissen das, und die von denen, die dich kennen, machen da eventuell keinen großen Unterschied, nur weil du bloß ein halber Jordanier bist und ein Austauschstudent.
- Ah, OK. So ist das. Danke!

Tja, so rettete mich Tariq vor neun Jahren möglicherweise vor einem Angriff aus Gaza. Und was hat das mit Stromausfällen zu tun? Wahrscheinlich gar nix, nur ein Zufall. Aber ich musste heute irgendwie dran denken.

Yassin Musharbash

Thema: Briefe | Comments Off | Autor: Yassin Musharbash