Brief aus Beirut
Samstag, 2. Mai 2009 9:12
Viel ist in letzter Zeit über die “Dahiya” geschrieben worden. Dies ist der Sammelbegriff für die südlichen Vororte Beiruts, die sich in den letzten Jahren so verändert haben. Sie scheinen weniger revolutionär, äußerlich nicht mehr so islamisch-pedantisch und vor allem konsumfreudiger.
Frauen mit Kopftüchern sind dort zwar immer noch häufiger als in anderen Stadtteilen anzutreffen. Aber der Tschador scheint auf dem Tiefpunkt seiner Popularität angelangt zu sein. Als ich im Januar der Ashura-Prozession und der Hizbullah-Demo zugeschaut habe, haben mich die vielen Frauen und Mädchen ohne Kopfbedeckung überrascht. Die Atmosphäre war einem religiösen Volksfest ähnlicher als einer “Muqawama-Show”, die Israel das Fürchten lehren sollte. Und das auf dem Höhepunkt des Gaza-Krieges!
Westliches Fastfood in Form der KFC-Kette und Donut-Läden hat Einzug gehalten, Internetcafés mit allen seinen virtuellen Freiräumen auch. Die Einkaufszentren haben dort - wie in aller Welt - inzwischen auch die Beinamen “Plaza” oder “Laguna”.
Aber die “Dahiya” hat trotzdem noch ihre eigenen Gesetze. Nicht etwa Verkehrspolizisten, die dem Innenministerium unterstehen, versuchen, ins Dauerverkehrschaos in “Haret Hreik” oder in “Chiyah” ein wenig Ordnung zu bringen, sondern Männer in beiger Uniform mit einer Armbinde, auf der “Indibat” (Ordnung) steht. Sie sind von der Hizbullah eingesetzt. Bei Razzien sprechen sich die libanesischen Sicherheitskräfte mit Kollegen von der “Partei Gottes” ab. In Zeitungen erscheinen diese Aktionen am nächsten Tag als eine Form der gelungenen Zusammenarbeit und nicht als ein weiterer Beweis für die mangelnde Souveränität des libanesischen Staates.
Und ich als Journalistin würde mich davor hüten, auf offener Straße mit meinem Mikro Atmo aufzunehmen, eine Umfrage durchzuführen oder Bilder zu machen. In anderen Beiruter Stadtteilen hätte ich damit keine Probleme. Aber hier wären ziemlich schnell Ordnungskräfte der Hizbullah zur Stelle, die mir das strengstens verbieten würden, weil angeblich die Sicherheit der Partei gefährdet werden könnte. Ich muss erst bei Madame Wafa oder Madame Rana vom Pressebüro der Partei um Erlaubnis fragen. Das heißt, viele Papiere hinschicken, einige Tage warten, immer wieder telefonieren und nachhaken, bis dann von oben das OK kommt (bis jetzt).
Nach dem Krieg von 2006 und den verheerenden Bombardements der israelischen Luftwaffe, die in Beirut vor allem “Haret Hreik” zum Ziel hatten, versuchten Stadtplaner von der Amerikanischen Universität, eine breite Diskussion um den Wiederaufbau anzuregen. Staatliche Institutionen, die Hizbullah, die Amal-Partei, Stadtbehörden, Bewohner der betroffenen Gebiete, Architekten und alle interessierten Beiruter sollten Anteil daran nehmen, wie stadtplanerisch eingegriffen werden könne, damit sich die Wohnsituation und Lebensqualität der Menschen dort verbessern würde. Es hätte spannend und eventuell ein Vorbild für andere dichtbevölkerte Stadtteile werden können. Wie etwa ist es möglich, Flächen für Spielplätze und Grünanlagen zu gewinnen? Welche Straßen könnten verkehrsberuhigt werden?
Fast drei Jahre später sind die Ergebnisse ernüchternd. Außer einigen Zeitungsartikeln und wenigen öffentlichen Veranstaltungen, durch die ich im letzten Winter auf das Thema aufmerksam geworden bin, ist nichts gelaufen. Wahrscheinlich ist der Versuch, den Beirutern die “Dahiya” mit Hilfe der Diskussion über den Wiederaufbau Beiruts näher zu bringen, gescheitert. So werden die Vororte, obwohl an manchen Ecken schicker geworden und einige von auswärts dorthin gehen, um billig einzukaufen, weiter fast ausschließlich als Hizbullah-Gebiet wahrgenommen, das nicht so richtig zur übrigen Stadt gehört.
Mona Naggar
Thema: Briefe | Comments Off | Autor: Mona Naggar
