Beitrags-Archiv für die Kategorie 'Briefe'

Brief aus Beirut

Samstag, 2. Mai 2009 9:12

Viel ist in letzter Zeit über die “Dahiya” geschrieben worden. Dies ist der Sammelbegriff für die südlichen Vororte Beiruts, die sich in den letzten Jahren so verändert haben. Sie scheinen weniger revolutionär, äußerlich nicht mehr so islamisch-pedantisch und vor allem konsumfreudiger.

Frauen mit Kopftüchern sind dort zwar immer noch häufiger als in anderen Stadtteilen anzutreffen. Aber der Tschador scheint auf dem Tiefpunkt seiner Popularität angelangt zu sein. Als ich im Januar der Ashura-Prozession und der Hizbullah-Demo zugeschaut habe, haben mich die vielen Frauen und Mädchen ohne Kopfbedeckung überrascht. Die Atmosphäre war einem religiösen Volksfest ähnlicher als einer “Muqawama-Show”, die Israel das Fürchten lehren sollte. Und das auf dem Höhepunkt des Gaza-Krieges!

Westliches Fastfood in Form der KFC-Kette und Donut-Läden hat Einzug gehalten, Internetcafés mit allen seinen virtuellen Freiräumen auch. Die Einkaufszentren haben dort - wie in aller Welt - inzwischen auch die Beinamen “Plaza” oder “Laguna”.

Aber die “Dahiya” hat trotzdem noch ihre eigenen Gesetze. Nicht etwa Verkehrspolizisten, die dem Innenministerium unterstehen, versuchen, ins Dauerverkehrschaos in “Haret Hreik” oder in “Chiyah” ein wenig Ordnung zu bringen, sondern Männer in beiger Uniform mit einer Armbinde, auf der “Indibat” (Ordnung) steht. Sie sind von der Hizbullah eingesetzt. Bei Razzien sprechen sich die libanesischen Sicherheitskräfte mit Kollegen von der “Partei Gottes” ab. In Zeitungen erscheinen diese Aktionen am nächsten Tag als eine Form der gelungenen Zusammenarbeit und nicht als ein weiterer Beweis für die mangelnde Souveränität des libanesischen Staates.

Und ich als Journalistin würde mich davor hüten, auf offener Straße mit meinem Mikro Atmo aufzunehmen, eine Umfrage durchzuführen oder Bilder zu machen. In anderen Beiruter Stadtteilen hätte ich damit keine Probleme. Aber hier wären ziemlich schnell Ordnungskräfte der Hizbullah zur Stelle, die mir das strengstens verbieten würden, weil angeblich die Sicherheit der Partei gefährdet werden könnte. Ich muss erst bei Madame Wafa oder Madame Rana vom Pressebüro der Partei um Erlaubnis fragen. Das heißt, viele Papiere hinschicken, einige Tage warten, immer wieder telefonieren und nachhaken, bis dann von oben das OK kommt (bis jetzt).

Nach dem Krieg von 2006 und den verheerenden Bombardements der israelischen Luftwaffe, die in Beirut vor allem “Haret Hreik” zum Ziel hatten, versuchten Stadtplaner von der Amerikanischen Universität, eine breite Diskussion um den Wiederaufbau anzuregen. Staatliche Institutionen, die Hizbullah, die Amal-Partei, Stadtbehörden, Bewohner der betroffenen Gebiete, Architekten und alle interessierten Beiruter sollten Anteil daran nehmen, wie stadtplanerisch eingegriffen werden könne, damit sich die Wohnsituation und Lebensqualität der Menschen dort verbessern würde. Es hätte spannend und eventuell ein Vorbild für andere dichtbevölkerte Stadtteile werden können. Wie etwa ist es möglich, Flächen für Spielplätze und Grünanlagen zu gewinnen? Welche Straßen könnten verkehrsberuhigt werden?

Fast drei Jahre später sind die Ergebnisse ernüchternd. Außer einigen Zeitungsartikeln und wenigen öffentlichen Veranstaltungen, durch die ich im letzten Winter auf das Thema aufmerksam geworden bin, ist nichts gelaufen. Wahrscheinlich ist der Versuch, den Beirutern die “Dahiya” mit Hilfe der Diskussion über den Wiederaufbau Beiruts näher zu bringen, gescheitert. So werden die Vororte, obwohl an manchen Ecken schicker geworden und einige von auswärts dorthin gehen, um billig einzukaufen, weiter fast ausschließlich als Hizbullah-Gebiet wahrgenommen, das nicht so richtig zur übrigen Stadt gehört.

Mona Naggar

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Brief aus Damaskus

Freitag, 20. März 2009 11:29

Über den Zusammenhang von Stromausfall und Schlägereien

Plötzlich ging das Licht aus, und so weit ich es beurteilen konnte, gleich in ganz Jaramana, einer Art Elendsviertel vor den Toren von Damaskus. Stromausfall. Nur an einer Stelle am Ende der dunklen Strasse brannte Licht. Wie sich herausstellte, stammte es von einer Gaslaterne, die der Wirt in dem winzigen, von Christen betriebenen Wasserpfeifencafé angesteckt hatte.

Was macht der reisende Arabist also? Er bestellt sich eine Argilah und ein Glas Tee. Doch kaum hatte ich es mir gemütlich gemacht, fing draußen auf der dunklen Strasse eine Schlägerei an. Wer gegen wen?, fragte ich, als der Sohn oder Neffe oder Cousin oder was auch immer des Wirtes mit einer blutigen Nase zurück ins Café stürmte. Achselzucken. Ich fragte den Rest der Runde: Wer gegen wen? Schließlich bekam ich aus ihnen heraus, dass hier offenbar ein paar junge Iraker ein paar andere junger Iraker vermöbeln wollten. Beziehungsweise genau das taten.

Das Ganze dauerte nicht allzu lang und war wohl auch nicht besonders folgenschwer. Aber es hörte in just dem Moment auf, als der Strom wieder zu fließen begann. Das warf natürlich eine Frage auf: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Schlägereien und Stromausfall?

OK, es gab noch einen zweiten Grund für diese gewagte Arbeitshypothese. Weil ich so etwas Ähnliches schon einmal erlebt hatte, vor neun Jahren, als ich in Bir Zeit studierte. Bir Zeit ist ein kleines, schmuckes Dorf von 3000 Einwohnern in der Nähe von Ramallah, fast die Hälfte sind Studenten. Damals, ein paar Monate nach Beginn der Zweiten Intifada, hatte sich bei denen schon einiger Frust aufgestaut. Verständlicherweise. Die wichtigsten Strassen waren im Grunde permanent gesperrt, viele Studenten saßen in dem kleinen Kaff fest. An ordentliches Studieren war nicht zu denken, und sie bangten zusätzlich natürlich auch noch die ganze Zeit um ihre Verwandten. Es gab viele Tote in dieser Zeit.

Und kaum fiel eines Tages in Bir Zeit der Strom aus, da versammelten sich alle auf der Strasse – und ruckzuck kam es zu einer richtigen Massenschlägerei. Wie auf ein geheimes Kommando schnappten sich die Studenten Besenstile und Äste und was sonst zur Hiebwaffe improvisiert werden konnte, und schlugen aufeinander ein. Aber es schien scharf abgetrennte Fronten zu geben, allerdings durchschaute ich sie nicht. Wer gegen wen? Das war also auch dort die Frage.

Ich muss gestehen, dass ich von dem Schauspiel trotz einer grundsätzlichen Ablehnung von Gewalt einigermaßen fasziniert war. (Besonders brutal war das Ganze übrigens nicht.) Ich übersetzte damals für meine Magisterarbeit gerade das Tagebuch eines Mukhtars von Bir Zeit, der rund 150 Jahre früher gelebt hatte und ausführlich die Schlachten schilderte, an denen er damals im Rahmen des, tja, im Grunde Palästinensischen Bürgerkrieges teilnahm. Natürlich ging es damals nicht um Hamas und Fatah, sondern vor allem um die Konkurrenz zwischen jenen, die sich der Stammesallianz der Jamani zugehörig fühlten und den anderen, die sich der der Qais zurechneten. Die Osmanen nutzten das virtuos, um alle gegen alle auszuspielen.

Wie dem auch sei, ich sah mir die Schlägerei also an und – ich gebe es zu – zückte sogar meine Kamera. Doch dann kam mein Freund Tariq angerannt und riss mich weg von der Strasse. Renn! befahl er mir und zerrte mich hinter sich her in den Supermarkt seines Vaters. Ich fragte ihn, was das sollte. Willst du etwa auch eine aufs Maul kriegen? fragte er zurück. Natürlich nicht, sagte ich, aber was hab ich damit zu tun?

- Du, belehrte mich Tariq, bist doch ein Musharbash aus Salt, oder nicht?
- Ja, stimmt. (Salt liegt in Nordjordanien)
- Also, da draußen kloppen sich die aus Gaza mit denen aus Hebron. Alles klar?
- Hääh?
- Mann, ihr aus Salt steht traditionell auf der Seite von denen aus Hebron und die aus Gaza wissen das, und die von denen, die dich kennen, machen da eventuell keinen großen Unterschied, nur weil du bloß ein halber Jordanier bist und ein Austauschstudent.
- Ah, OK. So ist das. Danke!

Tja, so rettete mich Tariq vor neun Jahren möglicherweise vor einem Angriff aus Gaza. Und was hat das mit Stromausfällen zu tun? Wahrscheinlich gar nix, nur ein Zufall. Aber ich musste heute irgendwie dran denken.

Yassin Musharbash

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Brief aus dem Libanon

Freitag, 13. März 2009 14:10

Endlich war ich da. So lange hatte ich mir erhofft, den Libanon zu bereisen, und nun erfüllte ich mir diesen Wunsch. Eine Woche lang Land und Leute erkunden, Freunde treffen, Geschichten recherchieren. Aber vor allem: Mit eigenen Augen sehen, wie dieses Land aussieht, wie es riecht, wie es schmeckt.

Immer wieder hört man das Gleiche: Der Libanon ist grün, man kann am Morgen in den Bergen Ski fahren und am Nachmittag im Meer baden, und natürlich ist das Essen das beste in der Region. Nun wollte ich mir mein eigenes Bild machen.

Schon beim Anflug auf Beirut bestätigten sich die ersten beiden Libanon-Klischees. Aus dem linken Flugzeugfenster waren die grün leuchtenden, in höheren Lagen schneebedeckten Berge zu sehen, aus dem rechten Kabinenfenster sah ich das Meer. Die Sonne schien, als ich ankam, und ich konnte auf der Fahrt in die Innenstadt gar nicht genug vom Anblick der weißen Berggipfel bekommen. Unfassbar, dass es keine zwei Stunden Flugzeit von Kairo entfernt solch eine blühende Vegetation gibt, grüne Hügel so weit das Auge reicht und Berge, die von weitem weiß leuchten. Herrlich!

Und dann Beirut. Vielleicht hätte mich die Stadt nicht so begeistert, wäre ich gerade aus Deutschland eingeflogen. Aber aus dem 20 Millionen-Moloch Kairo kommend, fühlte ich mich regelrecht beschwingt, als ich durch die Straßen der libanesischen Hauptstadt lief. Saubere Bürgersteige, schicke Cafés und der Duft von Veilchen, die in Beeten die Gehwege des „Centre Ville” säumen.

Es hört sich banal an, aber für mich war es extrem erfrischend, mal wieder die normalen Freuden einer Stadt genießen zu können. Kairo ist heillos überfüllt, chaotisch, verstaubt und verdreckt. Entspannte Spaziergänge sind kaum möglich. Natürlich gibt es auch in Kairo grüne Ecken, aber sie haben keine Chance gegen den Wüstensand, der sich ebenmäßig überall in der Stadt verteilt.

Deshalb kam mir Beirut mit seinen gepflegten Plätzen, dem Pflanzenwuchs und dem Regen, durch den ich zwei Tage spazierte, fast wie ein Kurort vor.

Beirut erinnert mich von der Architektur, die in den alten Strukturen noch zu erkennen ist, aber auch von der Vegetation her ein wenig an Südfrankreich. Südfrankreich mit Kriegsnarben. Zwar wird in Beirut, wie auch im Rest des Landes, kräftig gebaut, und viele alte Gebäude, die dem Krieg zum Opfer gefallen sind, müssen nun gläsernen, glänzenden, glatten Neubauten weichen. Dennoch sieht man überall noch Wände, die von Einschusslöchern durchsiebt sind und völlig ausgebrannte und zerbombte Häuser. Das sind traurige Überbleibsel eines grausamen und langen Bürgerkrieges, in dem etwa 100 000 Libanesen ums Leben kamen und rund 800 000 ins Ausland flohen.

Heute leben vier Millionen Menschen im Zedernstaat, die Exilgemeinde der Libanesen ist auf 16 Millionen angewachsen.

Überall auf dem Erdball sind sie verstreut, in Südamerika, Kanada, Europa, Australien. Sie haben sich dort eine neue Existenz aufgebaut, viele haben es zu Geld gebracht. Mein liebenswürdiger Taxifahrer Jean besaß einmal ein Restaurant, das während des Krieges zerstört wurde. Seitdem verdient er sein Geld damit, Menschen durch den Libanon zu fahren. Auf unserer Fahrt in den Süden des Landes führte Jean mehrere Telefonate. „Das Schöne am Libanon ist, dass man mit allem Geld verdienen kann”, sagte Jean zwischen zwei Gesprächen. Er suche gerade einen Käufer für eine Villa, die ein Bekannter für ein paar Millionen Dollar verkaufen wolle. Für Jean fällt dabei natürlich eine Vermittlungsgebühr ab.

Wir waren auf dem Weg nach Saida. Die Stadt liegt knapp 50 Kilometer südlich von Beirut und zählt zu den berühmten Orten des Altertums. Heute ist sie die drittgrößte Stadt im Libanon und Sitz der südlibanesischen Regierung. Auf dem Weg dorthin begegnete mir ein Phänomen, das ich auch in den anderen Teilen des Landes beobachten konnte: Überall wird gebaut. Die grünen Hänge sind übersät mit neuen, meist mehrstöckigen, weiß-getünchten Häusern.

An der Schnellstraße nach Saida liegt eine Siedlung, in der niemand zu wohnen scheint. Nur vor einem einzigen Balkon sah ich frische gewaschene Wäsche hängen. Die anderen Häuser schienen verlassen, der Ort wie eine Geisterstadt. Jean erklärte mir, dass früher Christen in diesem Dorf wohnten. Im Bürgerkrieg kämpften Drusen gegen sie, und das ganze Dorf wurde dem Erdboden gleich gemacht. Die Einwohner kamen um oder flohen ins Ausland. Viele dieser Exillibanesen bauen sich heute in ihrer alten Heimat wieder Häuser, kehren aber nur im Urlaub heim. So entsteht ein Meer von Ferienwohnungen im Libanon.

Auch die Lebensmittelindustrie hat sich auf die Auslandlibanesen eingestellt. Goodys, ein Feinkost-Supermarkt mit einer Filiale am Flughafen Beirut führt alle erdenklichen libanesischen Köstlichkeiten. Von Orangenblütenwasser über die verschiedenen typischen libanesischen Gewürze hin zu frischen Oliven und den berühmten libanesischen Süßigkeiten - es gibt nichts, was man hier nicht findet. Der Clou ist, dass alles schon reisegerecht abgepackt ist. Das Olivenöl steckt in einer leichten Plastikflasche, die so sicher verschweißt ist, dass man sie unbesorgt in den Koffer werfen kann. Die Oliven werden in eine Tupperdose gepackt - der Mann hinter der Theke weiß bei dem Satz „Es ist für die Reise” sofort Bescheid. Auch Thymian und Granatapfelessenz sind so verpackt, dass der Exillibanese ein Stück alte Heimat mitnehmen kann. In der Innenstadt und auch am Flughafen ist Goodys gut besucht.

Auch ich nehme zum Abschied eine Tasche voller Köstlichkeiten mit. Denn es stimmt, was man sagt: Das libanesische Essen ist besser als alles, was ich bisher gekostet habe. Dank Goodys kann ich nun wochenlang mein Essen mit libanesischen Zutaten verfeinern. Was übrigens ein weiteres Klischee bestätigt: Die Libanesen wissen, wie man Geschäfte macht.

Amira El Ahl

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Brief aus Gaza

Donnerstag, 19. Februar 2009 16:04

Raeds Geschichte

Am Ende habe ich es doch bis nach Gaza geschafft. Als ich Mitte Januar nach Israel reiste, um im ARD-Hörfunk-Studio in Tel Aviv auszuhelfen, war nicht klar, ob die israelische Regierung den Gazastreifen für Journalisten wieder öffnen würde. Seit Beginn der Militäroffensive hatten die ausländischen Reporter in Israel darauf gewartet, die Grenze passieren zu dürfen, um mit eigenen Augen das zu sehen, worüber sie drei Wochen lang täglich berichten mussten. Doch schließlich beugte sich die israelische Regierung dem Druck der internationalen Presse und der Entscheidung des Obersten Gerichts des Landes und ließ ausländische Journalisten – eine knappe Woche nach Beendigung der Kämpfe - wieder ohne Einschränkung nach Gaza. Und so konnte ich zum ersten Mal seit einem Jahr wieder in den kleinen elenden Landstrich einreisen, an den ich mein Herz gehängt habe.
Raed holte mich am Grenzübergang Erez ab. Raed, der Taxifahrer, Bodyguard und lokaler Mitarbeiter für ausländische Journalisten, ist über die vielen Jahre, in denen ich mit ihm gearbeitet habe, auch zu einem Freund geworden.
Er versuchte ein kleines Lächeln, das ihm jedoch nicht so richtig gelingen wollte. Wir stiegen in den klapprigen Mitsubishi, den er sich geliehen hatte, denn sein stolzes gelbes Taxi gibt es nicht mehr. Es lag plattgewalzt neben den Trümmern seines Hauses.

Während der Dauer der israelischen Offensive hatte ich keinen Kontakt zu Raed. Über gemeinsame Freunde erfuhr ich, dass er lebt, und dass er sich mit seiner Familie in Sicherheit bringen konnte.
Erst am Tag nach dem Beginn des Waffenstillstands konnten wir wieder telefonisch miteinander sprechen. Als ich ihn erreichte, stand er gerade auf den Trümmern seines Hauses in Jebalya. Er war fassungslos. „Mein Haus ist weg“, sagte er. „Es ist weg, einfach weg. Es ist nichts mehr da.“ Und verzweifelt fügte er hinzu: „Kannst Du uns helfen? Bitte, kannst Du uns ein Zelt schicken?“
Raeds Haus war zerstört, das Haus seiner Eltern und seines Bruders auch. Sein Taxi war von einem israelischen Panzer zermalmt worden. Das alles wusste ich schon aus unseren Telefongesprächen und von den Beschreibungen meiner Kollegen, die vor mir in Jebalya waren und Raed und seine Familie besucht hatten. Trotzdem war ich auf den Anblick, der sich mir bot, als wir in das Viertel Abed Rabbo in Jebalya fuhren, nicht vorbereitet. Es sah wie nach einem Erdbeben aus. Links und rechts der Staubpiste, die einmal eine Straße gewesen war, gab es nur noch Ruinen. Überall liefen Menschen herum, ziellos, wie in Trance. Manche suchten in den Trümmern ihrer Häuser nach noch verwertbaren Gegenständen, andere schichteten die wenigen unbeschädigten Steine auf, die man wieder verwenden können würde. In den Ruinen hatten die Obdachlosen sich notdürftig Hütten gebaut, in denen sie Schutz suchten vor der nächtlichen Kälte. Gott sei Dank ist dieser Winter trocken.
Auch Raed hat zusammen mit seinen Brüdern eine kleine Hütte gebaut.
Dort, auf den Ruinen seines Hauses, erzählte er mir seine Geschichte. „Am Tag, an dem der Krieg ausbrach, arbeitete ich für das australische Fernsehen. Ich war früh aufgebrochen und hatte einen Kameramann abgeholt, um zu drehen. Am Abend kehrte ich nach Hause zurück. Überall um mich herum schlugen die Raketen ein, es war kein Mensch mehr auf den Straßen. Drei Tage verbrachten wir in unserem Haus, meine Frau, unsere sieben Kinder und ich. Wir hatten weder Strom, noch fliessend Wasser. Nach drei Tagen war auch das Wasser in den Flaschen aufgebraucht. Wir wussten nicht mehr, was wir tun sollten. Da kam meine Mutter und rief uns zu sich. Wir liefen schnell hinüber in das Haus meiner Eltern.“
Raed zeigte auf das Trümmerfeld nebenan. Dort stand früher das zweistöckige Haus seines Vaters.
Im Februar 2007, wenige Monate nach einem fatalen israelischen Raketenangriff, bei dem 18 von Raeds Angehörigen getötet worden waren, war die Familie vom benachbarten Beit Hanoun hierher gezogen. Raeds Vater Majdi baute ein neues Haus und auch Raed und seine Brüder investierten ihre Ersparnisse, um eine Heimat zu finden und ein neues Leben zu beginnen. „Es war so schön hier, in unserem Viertel“, erzählte Raed. „Wir hatten Bäume und Blumen und eine schöne Straße. Wirklich, es war schön bei uns.“
Trostlos stapfte er nun durch die Trümmer seines Hauses. Hier war nichts mehr zu retten. Zerbröselnder Beton unter unseren Füßen, dazwischen verbogene Eisenstangen, Kleiderfetzen und Reste von Munition. Raed zog ein zerfetztes rosa Kleidchen zwischen den Betonbrocken hervor. „Schau mal“, sagte er. „Das hatte ich für meine kleine Tochter gekauft. Sie trug es so gern.“ Ein bisschen weiter weg ragte ein zerbeultes weißes Blech aus den Trümmern hervor. „Das war unsere Waschmaschine. Es war ein gutes Gerät, mit Trockner. Wo soll ich nun eine neue Waschmaschine herbekommen?“ Und schließlich fand er sogar das schwarze Plastikmäppchen, in dem seine Autopapiere waren. Es war leer und zerrissen, aber er drückte es an sich wie einen Schatz.
„Elf Tage hielten wir hier die Offensive aus, erst in meinem Haus, dann im Haus meiner Eltern“, fuhr Raed fort. „Wir trauten uns kaum, aufzustehen, denn uns gegenüber hatte sich eine israelische Einheit verschanzt. Sie hatte einen Scharfschützen auf dem Dach platziert, der uns unter Beschuss nahm. Elf Tage lagen wir auf dem Boden, es war die längste Zeit meines Lebens, es war wie elftausend Tage. Nein, es waren elftausend Jahre. Elftausend Jahre Angst.“
Doch irgendwann ging es nicht mehr. Als die Truppen begannen, das Haus mit Granatfeuer zu belegen, beschloss die Familie zu fliehen.
„Wir liefen mit einer weissen Fahne und mit erhobenen Händen hinaus. Wir hatten nicht einmal Zeit, Schuhe anzuziehen oder irgendetwas einzupacken.“ Nur die Männer hatten ihre Ausweise dabei, die sie nun in die Höhe hielten.
Die Familie floh in eine UN-Schule. Dort verbrachte sie die Zeit bis zum Ende des Krieges. Es waren weitere traumatische Tage unter Bomben und Raketenbeschuss, ohne Privatsphäre und ohne echten Schutz. Denn auch die Schulen der UNRWA blieben nicht von israelischen Angriffen verschont.

Als die Kämpfe vorüber waren, kehrte Raed in sein Viertel Abed Rabbo in Jebalya zurück. Doch er erkannte es nicht mehr wieder. Wo sich vorher die Häuser aneinander gereiht hatten, erstreckte sich jetzt ein endloses Trümmerfeld.
Und nun? Nun wohnen die Frauen und Kinder der Großfamilie verstreut bei den Verwandten, die es nicht so schlimm getroffen hat. Die Männer halten Wache auf dem Grundstück und warten. Worauf? Dass sie ihre Häuser wieder aufbauen können. Doch dafür brauchen sie Baumaterial, Zement, Stahl und Sand. Und das kommt nicht. Israel und Ägypten halten die Grenzen geschlossen. Nur humanitäre Nothilfe wird – in beschränktem Umfang - in das Gefängnis Gazastreifen eingelassen.
Ich aber musste dieses Gefängnis wieder verlassen. Als ich den Grenzübergang Erez zurück nach Israel passierte, fragte ich mich, wann ich wohl das nächste Mal nach Gaza kommen würde. Vielleicht sollte dies ja das letzte Mal gewesen sein. Denn anders als in jedem Hochsicherheitsgefängnis dieser Welt gibt es für Gaza keine geregelten Besuchszeiten.

Bettina Marx

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Grenzerfahrungen

Freitag, 6. Februar 2009 16:27

Brief aus Kairo

Eben rief ein alter Bekannter an: Ahmed Mansur. Er klang müde und zerknirscht. Er habe aufgegeben, sagte er. Eine Woche Rafah, das sei genug. „Jeden Tag sahen wir Journalisten-Kollegen die Grenze nach Gaza passieren, nur mein Kollege Ghassan Ben Giddo und ich, wir durften nicht durch. Und dass, obwohl wir die gleichen Papiere hatten wie alle anderen“. Es frustrierte ihn besonders, dass er die Behörden nicht einmal dazu brachte, ihm eine offizielle Begründung für das Ausreiseverbot zu geben. Dabei ist Mansur doch für seine geschickten Fragen bekannt. In seiner Sendung „Ohne Grenzen“ grillt der Al-Dschasira-Moderator Woche für Woche die Mächtigen der Region, und so manchen entlockte er Dinge, die diese wohl lieber nicht gesagt hätten. Das Schweigen des Grenzoffiziers war insofern eine zusätzliche Niederlage.
Auch wenn Mansur die Antwort nicht gesagt bekam, so lag sie auf der Hand:
Das offizielle Ägypten ist sauer auf Al-Dschasira. Schließlich wies der Sender in den Tagen des Krieges von Gaza immer und immer wieder darauf hin, dass sich die ägyptische Regierung zu wenig für die Palästinenser einsetze, und dass sie mit der Schließung der Grenze zum Gazastreifen das Leiden der Menschen dort verstärke. Dass die Rolle Ägyptens von den Demonstranten in der ganzen Region so sehr kritisiert wurde, war sicherlich Al-Dschasiras Verdienst. Was andere Journalisten als albern belächelten, nämlich dass der Al-Dschasira-Korrespondent Ahmed Mansur auf dem Dach der EBU in Ägyptisch-Rafah in voller Kriegsmontur, inklusive Stahlhelm und Schutzweste, stand, fanden staatsnahe Kollegen gar nicht witzig. Er suggeriere den Zuschauern, dass auch Ägypten Kriegsgebiet sei, und das sei Meinungsmache, lautete die Kritik einer Journalistin der ägyptischen Tageszeitung Al-Ahram.
Die israelische Regierung reagierte noch allergischer auf Al-Dschasira. Sie hat jetzt einen neuen Boykott gegen den Sender und seine Reporter verhängt. Den Journalisten, die keinen israelischen Pass haben, soll das Visum nicht mehr verlängert werden, Al-Dschasira wird nicht mehr zu offiziellen Pressekonferenzen zugelassen, und nur noch einige ausgewählte Regierungssprecher stehen für Interviews zur Verfügung. Dem Sender wird schon länger vorgeworfen, einseitig für die Hamas Partei zu ergreifen. Ausserdem ist der Boykott eine Reaktion darauf, dass das israelische Handelsbüro in Qatar von dessen Regierung - die ja auch Al-Dschasira finanziert - geschlossen wurde.
Sicherlich war es den ägyptischen Beamten darüber hinaus eine besondere Freude, gerade Ahmed Mansur den Ausreisestempel zu verweigern. Er steht wie kaum ein anderer für die - sagen wir es höflich - engagierte Linie von Al-Dschasira. Er ist dafür bekannt, dass er mutig ist, und dass er eine Meinung hat. „Ich halte objektiven Journalismus für eine Illusion. Ich habe als Journalist die Pflicht, mich auf die Seite der Schwächeren zu stellen. Ich muss die Verbrechen benennen, sonst mache ich mich zum Mittäter“, sagte er vor einiger Zeit, als wir uns in Berlin trafen. Ahmed Mansur ist einer der „Gründe“, wieso Al-Dschasira seit Jahren kein Büro mehr in Bagdad hat.
Er berichtete als einziger ausländischer Journalist von den Kämpfen in Falludscha im Frühjahr 2004, und die Art zu berichteten ging auch vielen seiner größten Fans zu weit. „Auch Freunde sagten mir hinterher, dass sie verstehen könnten, dass ich sehr emotional auf das Schreckliche, was ich dort gesehen habe, reagierte, aber ich sei doch etwas weit gegangen“, räumt er selbst ein. Seine Live-Kommentare wurden von vielen Zuschauern als Aufrufe zum Dschihad verstanden. Kurz danach wurde das Al-Dschasira-Büro in Bagdad geschlossen. In der Folge wurden in Washington Pläne geschmiedet, den Sender in Qatar zu bombardieren. Ahmed Mansur ist zudem eine der „Ursachen“, dass dem Sender Nähe zur Muslimbruderschaft nachgesagt wird. Er steht mit seiner Parteinahme und seiner panarabisch-, populär-, islamisch-, regierungskritischen Linie für das, was derzeit wohl Mainstream des politischen Teils der sogenannten Arabischen Strasse ist. Mansur spiegelt die Stimmung wieder, die er selbst mitprägt.
Ein anderer Journalist hat sich Ahmed Mansurs Rafah-Erfahrung der vergangenen Woche erspart: Magdy Hussein, Chefredakteur der verbotenen ägyptischen Zeitung „Al-Shaab“ und Autor der nicht ganz seriösen Wochenzeitung „Sawt al-Umma“, hatte sich auf eigene Faust nach Gaza aufgemacht. „Er wusste, dass er keine Aus- und Einreisegenehmigung bekommen würde, deswegen hatte er sie gar nicht beantragt“, sagt Sawt al-Umma-Chef Abdel Halim Qandil. Ob Magdy Hussein tatsächlich durch einen der Schmugglertunnel gekrabbelt ist, wie ihm vorgeworfen wird, oder ob er eine Lücke im Grenzzaun fand, wie er selbst sagt, ist unklar. Sicher ist, dass er am Ende seiner Reise vergangene Woche am Grenzübergang Rafah eintraf und bei der Einreise nach Ägypten verhaftet wurde. Seit gestern steht er vor dem Militärgericht.
Es verwundert nicht, dass die ägyptische Regierung mit Ahmed Mansur und Magdy Hussein ein Hühnchen rupfen will. Auch Magdy Hussein steht für scharfe Kritik an der Regierung und populistische Berichte. Was allerdings erstaunt, ist, dass Kairo so ungeschickt ist, es wirklich zu tun. Eigene Erfahrungen und die der Amtskollegen in den Nachbarstaaten haben doch gezeigt, dass diese Art Drangsalierung von Journalisten nur dazu führt, dass sie mehr Gehör finden und an Glaubwürdigkeit gewinnen. Ahmed Mansur zumindest wird seine Sendung nächste Woche aus Kairo statt aus Gaza moderieren, und ein gutes Thema hat er auch schon. „Eigentlich wollte ich über die Situation in Gaza sprechen, aber jetzt werde ich mich wohl auf die Rolle Ägyptens konzentrieren“, sagt er und klingt gar nicht mehr so frustriert.

Julia Gerlach

PS. Ich persönlich bin den ägyptischen Beamten regelrecht dankbar. Nun kann ich mit Ahmed Mansur Tee trinken. Über die Objektivität im Journalismus lässt sich schließlich nach jedem Krieg immer wieder neu diskutieren. Nach dem im Gazastreifen ganz besonders.

Thema: Briefe | Comments Off | Autor: Julia Gerlach

Brief aus Gaza

Freitag, 23. Januar 2009 11:30

Muhammads Geschichte

„Ich fahr dich nur, weil du Ausländerin bist, Araber chauffiere ich nicht mehr“, sagt Muhammad und schaut finster unter seiner schwarzen Wollmütze hervor. Der magere Mann mit dem dunklen Schnurrbart arbeitet als Fahrer und Kameramann für Al-Jazeera. Es ist elf Uhr abends, Gaza-Stadt ist stockdunkel. Vielleicht hat er Mitleid mit einer blonden Journalistin, die in ihr Hotel will. Als wir im Auto sitzen, frage ich ihn, warum er so schlecht gelaunt sei. (Dumme Frage, denke ich sofort, er arbeitet seit drei Wochen rund um die Uhr, seine Stadt liegt in Trümmern, vermutlich hat er auch Verwandte verloren). Doch Muhammad fängt anders an: „Die Araber haben uns im Stich gelassen“, sagt er, „Alle. Wenn sie reagiert hätten, wäre das Ganze hier nicht passiert. Aber sie haben zugesehen, drei Wochen lang. Die ganze Welt hat zugesehen. Wir Palästinenser in Gaza stehen völlig allein da.“

Muhammad fährt einen Moment lang schweigend weiter, vorbei an der zerschossenen Feuerwache, vorbei an eingestürzten Regierungsgebäuden. „Ist das eine Stadt?“, fragt er dann, „Das ist eine Geisterstadt. Schau dir das an: Alles stockdunkel, niemand auf der Straße. Ich werde verrückt, glaube ich. Sie haben uns die Seele zerstört, das ist es: Meine Seele ist kaputt“.

Wie es ihm ergangen sei, erkundige ich mich vorsichtig, seiner Familie? „Alle leben, Gott sei Dank. Ich habe sieben Kinder. In einer Nacht, das weiß ich noch, saßen wir zusammen in der Küche. Mein Haus hat dünne Asbestwände, die Küche ist der einzig gemauerte Raum, dort haben wir Schutz gesucht. Einen Keller oder so etwas gibt es nicht.“

Muhammad lacht im Nachhinein über seine Naivität: „Solche Wände!“, sagt er und zeigt mir 10 Zentimeter mit den Fingern, „Als hätten uns die schützen können. Wir haben die ganze Nacht nicht geschlafen. Meine Kinder haben gezittert. Stell dir vor, gestern hat jemand neben mir eine Coladose aufgemacht, und ich bin zusammengezuckt. Wie soll es da meiner Tochter gehen, sie ist anderthalb! Die Kinder kommen jede Nacht zu uns, alle, sie wollen nicht alleine schlafen, sie haben zuviel Angst. Sie glauben nicht, dass es jetzt vorbei ist.“

„Was war das für ein Krieg!“, fährt Muhammad fort. „So etwas hat es hier noch nie gegeben, noch nicht mal 1948. Und wogegen? Gegen ein paar Hamaskämpfer, die ein Gewehr auf der Schulter tragen? Was soll so ein Gewehr wohl gegen F16 Kampfflugzeuge ausrichten? Und dann die Sache mit den Raketen. Raketen! Das sind Plastikrohre mit etwas Sprengstoff drin. Feuerwerk. So etwas schießt man normalerweise zu Sylvester. Sie haben ja noch nicht mal was ausgerichtet! Aber nein, die Hamas muss sie abfeuern. Ich hätte hingehen und sie anschreien sollen: Hört auf mit dem Quatsch, die zerstören uns! Aber dann hätten sie mich erschossen. Und nun haben wir die Quittung: Alles ist kaputt. Unsere Seelen sind kaputt.“

„Ich kenne einen Jungen, ein Baby, er ist sechs Monate alt und hat als einziger seine ganze Familie überlebt. Wie wollen die Israelis ihm eines Tages gegenübertreten? Was wächst da für eine Generation heran?“

„Drei Wochen lang hatten wir kaum Wasser zu trinken, kein Essen, wie sollte ich meine Kinder ernähren? Wie soll ich sie jetzt erziehen, in die Schule schicken, etwas lernen lassen? Heute Morgen rief mich meine Frau an und sagte: Ich will Brot backen aber es gibt keinen Strom. Warte, hab ich geantwortet, vielleicht kommt er. Nach einer Stunde war er immer noch nicht da. Die Kinder sind hungrig, hat sie gesagt, was soll ich machen? Nimm den alten Gasofen, habe ich geantwortet und mach ein Holzfeuer darin (Kochgas gibt es seit Beginn der Blockade vor 18 Monaten nicht mehr). So hat sie dann Brot gebacken. Stell dir das vor. Was ist das für ein Leben? Ist das ein Leben?“

Muhammad zeigt mir einen Flüchtlingspass der UNRWA. Muhammad Rida, geb. 1973, und seine sieben Kinder sind darin aufgelistet. Muhammads Vorfahren waren vor 60 Jahren aus dem heutigen Israel in den Gazastreifen geflohen. Seitdem gelten sie als Flüchtlinge. „Ich will keine Unterstützung der UN, kein Mehl oder Öl, ich will leben! In Frieden leben. Ist das zuviel verlangt?“, fragt Muhammad.

Esther Saoub

Weiterführende Links:
Esther Saoub über ihren Aufenthalt in Gaza:
» Audiodatei auf tagesschau.de (DLF 23.1.2009)
Esther Saoub berichtet aus Gaza:
» Texte auf tagesschau.de (21.1.2009, 22.1.2009)

Thema: Briefe | Comments Off | Autor: Esther Saoub

Brief aus Kairo

Freitag, 16. Januar 2009 15:25

Mach mich nicht an

Kürzlich habe ich Noha Rushdi besucht. Waaas, Ihr wisst nicht, wer das ist? Naja, ausserhalb Ägyptens ist Noha vermutlich gar nicht bekannt…

Hier wird sie stark beachtet, und deshalb war ich erstaunt, sofort einen Termin bei ihr zu bekommen. Wenn in Ägypten jemand nämlich ein klein wenig berühmt ist, nimmt er das Telefon kaum noch selbst ab und vertagt Rendez-vous’ auf kommendes Jahr. Noha wollte mich hingegen gleich sehen. Noch dazu in Maadi (in dem Kairoer Vorort, wo ich wohne).

Noha war bei ihrer Mutter. Sie ist 27 Jahre alt und lebt sonst allein. Klingt normal, ist es aber in Ägypten nicht. Dort bleibt man bei seinen Eltern, bis man heiratet. Noha tickt aber anders. Sie wohnt nicht nur unverheiratet in einer eigenen Wohnung, sondern auch ein ganzes Stück von ihrer Mutter und ihrem Vater entfernt.

Als ich klingelte, machte die Mutter auf. Auch die lebt allein und ist von ihrem palästinensischem Mann geschieden. Sie ist Ägypterin, wirkte auf mich mit ihrem straff zurück gekämmten Haar und ihrer scharfen Nase aber wie eine Spanierin. Sie war sehr freundlich und brachte mich in Nohas früheres Kinderzimmer. Die Arme lag mit einer Erkältung im Bett.

Noha Rushdi krank im Bett (Bild: Kristina Bergmann)

Schnupfen und Husten, die Noha ganz schön krächzen liessen, waren nicht der Hauptgrund für ihre Heimkehr. «Meine Mutter hat Angst um mich. Vielleicht habe ich selbst auch Angst. Jedenfalls bleibe ich ein paar Tage hier», sagte Noha und zog verlegen die Schultern hoch.

Die junge Regisseurin hat gerade einen Prozess gewonnen. Und zwar gegen einen Anmacher. Zum ersten Mal in Ägypten bekam damit eine Frau, die gegen einen handgreiflichen Buhler vor Gericht zog, recht. Der Mann, ein Fahrer, musste ins Gefängnis und eine Strafe zahlen.

Die Geschichte von Noha stand in allen Zeitungen, und ich kenne sie. Trotzdem liess ich sie mir nochmal erzählen. Nicht zuletzt, weil es gut tut, einen dieser vielen miesen Lüstlinge bestraft zu wissen…

«Ich war auf der Strasse, hatte beide Hände mit meinem Computer und Taschen voll, als mich plötzlich ein Pick-up an die Hauswand drückte, der Fahrer seine Hand aus dem Fenster streckte und brutal in meine Brust kniff. Dann fuhr er weiter und lächelte mir triumphierend aus dem Rückspiegel zu. Das wirkte auf mich wie ein Signal. Ich liess alles fallen und rannte hinter ihm her. Ich sprang auf die Kühlerhaube. Er fuhr rückwärts, um mich abzuschütteln. Ich fiel runter und klammerte mich an den Türgriff des Pick-ups - bis der Fahrer endlich anhielt», erzählte Noha mit heiserer Stimme.

Anschliessend hätten sich Leute um die beiden gesammelt. Sie wollten helfen und würden den Typen verprügeln, wenn Noha das wünsche, hätten sie gesagt und die Ärmel hochgekrempelt. Nein, habe Noha geantwortet, sie wolle zur Polizei und den Fahrer anzeigen. Warum, wieso, das bringe doch nichts, habe das Publikum gebrüllt. Doch Noha blieb hart. Ein einziger junger Mann habe sie verstanden und ihr geholfen, den Grobian zur Polizeiwache zu zerren.

Der Polizist habe zuallererst gefragt, wo ihr Vater sei, fuhr Noha grinsend fort. Eine Frau, noch dazu eine junge, zähle in Ägypten nicht als vollwertiger Mensch und könne nach Volksmeinung allein kein Protokoll abgeben. Noha liess ihren Vater kommen. Offenbar weiss sie, was in Ägypten geht und was nicht und auch, was sie will.

Schliesslich kam es zum Prozess. Weder Nohas Eltern, noch ihre Freunde und Sympathisanten hatten für möglich gehalten, dass Noha den gewinnen könnte. Und dass der Anmacher so streng bestraft würde. «Das ist wie ein Traum», sagte ihre Mutter zu mir. Doch die Rache an Noha würde fürchterlich sein, meinte sie nachdenklich.

«Was war denn das Schlimmste bei der ganzen Sache», fragte ich Noha, während ich auf ihrem Bett sass. Am meisten habe sie geärgert, dass ihr nur einer half, den Fahrer zur Polizei zu schleppen, antwortete Noha. Und dass die übrigen Passanten gesagt hätten: Ach komm Mädchen, Anmache ist doch normal, nimm’s nicht so tragisch!

Die erkältete Noha seufzte, strich sich die Haare aus dem Gesicht, legte die Hände auf die Bettdecke und hustete.

Danach verabschiedete ich mich. Ich war von Noha, aber auch von ihrer Mutter beeindruckt. Die beiden sind toll. Ich selbst finde im Nachhinein am schlimmsten, dass letztere recht behalten sollte. Eine Anwältin kippte am folgenden Tag nämlich um und erklärte, Noha sei gar nicht angemacht worden. In Wahrheit sei sie eine Palästinenserin ohne Pass, die Ägypten nur schlecht machen wolle. Vermutlich habe Noha den armen Fahrer drangsaliert; man müsse sie deshalb so schnell wie möglich ausweisen. Am Nil habe DIE jedenfalls nichts zu suchen.

Kristina Bergmann

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Brief aus Köln

Sonntag, 4. Januar 2009 11:55

Die Welt, in der ich lebe, täglich den Rhein überquere und wieder zurückfahre, lässt sich treffend mit dem Wort Parallelwelt umreissen. Die andere Wirklichkeit, die eigentliche,  kommt gelegentlich zu einem Besuch vorbei. In ihrer Welt geht es um Residenzpflicht, um Stundenlöhne, die eher Minutentarife sind, und um existentielle Nöte, die ich aus Nachkriegsschilderungen kenne.

Eine alte afghanische Freundin sass auf der Bank in meiner Küche, sie hatte ihre Tochter seit über 12 Jahren nicht gesehen, ihr Mann sogar noch länger.
Während wir über ihr Kind sprachen, sah ich durch das Küchenfenster, wie mein ältester Sohn gerade ein Tor schoss, was den Mittleren wenig amüsierte, wollte er seinerzeit nämlich dringend Torwart werden. Meine Freundin war vor vielen Jahren nach Deutschland geflohen, die Tochter wollte damals nicht mit. Ums Verrecken nicht. Die Mutter kam um vor Sehnsucht. Alle Ärzte hatte sie schon nach der Ursache ihres Schmerzes suchen lassen: am Handgelenk, südlich des Bauchnabels, später im Knie. Nichts zu finden. Das Kind war weg, der Schmerz blieb. Noch ein Tor fiel derweil im Garten.
Als nun nach dem Bleiberechtskompromiss im vergangenen Jahr (den man rückblickend gar nicht mehr so nennen kann) Grund zu der Hoffnung bestand, dass sie einen Aufenthaltstitel bekommen könnte, übernahm die Sehnsucht die heimische Finanzplanung. Sie fragte mich ohne die üblichen silbenreichen Höflichkeitsfloskeln, ob ich ihr 7.000 Euro leihen könnte. Sie brauche über 10.000 Euro, um die Tochter aus Afghanistan herzuholen. Sie habe schon jemanden, nennen wir ihn Transportunternehmer, kontaktiert. Ein sicherer Weg, mit Erfolgsgarantie. Ein optimaler Paketpreis, schwärmte sie, was blieb ihr auch anderes übrig.

Was sollte ich machen? Ihr Mann arbeitet in einem Kiosk. Der Stundenlohn ist symbolisch, vier Euro.  Als Geduldeter konnte er sich gegen diese Bezahlung nicht wehren, und das wusste sein afghanischer Chef, der selber mal geduldet war. Meine Freundin hatte jüngst all ihr Geld einer anderen Familie geliehen, die ihre kranke Mutter herschleusen wollte. 3000 Euro. Keine Ahnung, welchen Opa sie für dieses Geld umgelegt hatte. Ihr gesamter Freundeskreis, die Geduldeten, sind alle  verschuldet, leihen sich ständig gegenseitig Geld und werden dabei selber mal, wie eine Freundin von ihr, zum Subschlepper. Auch meine Freundin selbst ist verschuldet und jetzt brauchte sie also noch einmal 10.000 Euro. Im Garten sah es nach einem Streit zwischen Torwart und Stürmer aus. Sie ist Mutter, ich auch. Also sagte ich zu.  Dass ich nun wahlweise „Fluchthelferin“, wie die Flüchtlingsszene es nennt, oder Menschenhändler, wie die Innenministerien diese Tätigkeit umschreiben, werden würde, fand ich zweitrangig.
Als ich meine heimischen Finanzberater konsultierte, rieten die mir, ich solle ihr nur soviel geben, wie ich ihr auch schenken würde. Ich verliere mich in Details. Am Ende habe ich gezahlt. Keine 7000.

Der Transportunternehmer hielt sein Wort, nach einigen Wochen setzte er seine Maschine in Gang. Ich kann den genauen Weg nicht schildern, leuchtet vermutlich jedem ein. Die Tochter war etwa eine Woche unterwegs, was einer Expresszustellung gleich kommt. Als sie hier war, bin ich natürlich sofort hin, um zu erfahren, in wen ich investiert hatte und um die glücklichen Augen meiner Freundin zu sehen. Die Tochter, immer noch im Trancezustand, weil sie endlich ihre Familie wieder umarmen konnte, erzählte vergnügt von den deutschen Grenzbeamten. Sie hatten gefragt, warum im Pass stünde, sie habe blaue Augen, dabei seien sie ja braun. Das junge Mädchen begriff die Gefahr nicht und scherzte mit den Männern. Sie kannte bis dato nur hochbewaffnete Polizisten, die auch abdrückten, diese Deutschen fand sie nett. Dass sie, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, mit einem deutschen Pass reiste, verunsicherte sie nicht. Schließlich war sie der größten Gefahr in ihrer Heimat Afghanistan entkommen. Der Rest waren keine Hürden, sondern Schuhkisten für sie.
Noch etwas hat mich in ihren Schilderungen beeindruckt: Die Menschenhändler und die Schlepperringe bei der Flucht des Mädchens stellten sich vor allem in Form eines Schülers dar, der es durch Europa begleitete, um sich danach wieder in seiner deutschen Klasse zu setzen.

Ich hatte mir diese Menschenschlepper und die, die sie bezahlen, Gott weiss wie bewaffnet, bekifft und im Geld schwimmend vorgestellt. Und nun ist diese „organisierte Kriminalität“ so nah. Vielleicht gehör ich jetzt auch ein bisschen dazu, finanziell zumindest. Nur habe ich das Glück, aus der Parallelwelt zu kommen, wo Flucht nicht zwingend nötig ist, und wir frei reisen können,  von Schulden und Kioskvasallenschaft ganz zu schweigen.
Meine Freundin hat mir übrigens schon fast ein Drittel des Geldes zurückgezahlt, was das Scherzen über meinen neuen Nebenjob erleichtert.

Isabel Schayani

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