„O Tannenbaum“ im Kaukasus
Mittwoch, 28. Januar 2009 9:16
„Zu was brauchen Sie das alles?“, platzte es aus Viktor Klein nach quälenden Minuten der Stille heraus. Alkohol hatte seine Zunge schwer gemacht. Das war im Herbst 2004.
Vor kurzem habe ich vom Tod Viktor Kleins erfahren. Er ist zwar schon Ende März 2007 gestorben, doch Nachrichten vom Süd-Kaukasus ins Ruhrgebiet brauchen etwas Zeit.
Als mich die Nachricht von seinem Ableben erreichte, kam alles wieder hoch: der Gestank nach verdorbenen Lebensmitteln im Haus, die Wodka-Fahne, das Zwielicht und die Beklemmungen beim Anhören des Interviews, als ich zurück in Deutschland war. Ich schäme mich heute noch, wie ich den armen Mann damals mit meinen Fragen belästigt habe: „Wie war das damals im Krieg? Die meisten Deutschen wurden ja deportiert.“ Aber der Reihe nach.
Die Anreise nach Xanlar (sprich: Chanlar, heute Göygöl), einer Kleinstadt in Aserbaidschan, die früher einmal Helenendorf hieß, hatte mich volle zwei Tage gekostet. Gut, ich war nicht nur wegen des „letzten Deutschen von Aserbaidschan“ - Viktor Klein war damals schon eine Berühmtheit - hierher gekommen, aber es klingt dramatischer. Also sieben Stunden Flug nach Baku (mit Zwischenlandung in Prag), am nächsten Tag sechs Stunden Busfahrt nach Gence, der zweitgrößten Stadt des Landes, dann ein Taxi hinauf nach Xanlar.
Ich war gut vorbereitet. In der Deutschen Botschaft in Baku sagte man mir, ich solle am Tag vor dem Besuch bei Herrn Klein den Bürgermeister (Rayon-Chef) von Xanlar anrufen, der würde jemanden zu ihm schicken, um meinen Besuch anzukündigen, denn Herr Klein würde schon mal einen über den Durst trinken; und wenn sich Besuch aus Deutschland ankündige, wäre er nicht gern derangiert.
So war also unsere erste Anlaufstelle in Xanlar nicht das Haus des „letzten Deutschen“, sondern das Büro des Bürgermeisters. Dort bekamen wir, mein Freund Mehdi und ich, nach ausführlichen hochformellen Willkommensbezeugungen eine Privatrede über die wirtschaftliche Entwicklung der Region, sodann eine laienhistorische Einführung in die Geschichte der deutschen Siedler in Aserbaidschan, bis der Bürgermeister endlich - vor dem vierten Tee - einen Mitarbeiter herbeirufen ließ. Dieser Mitarbeiter war der offizielle Viktor-Klein-Beauftragte, eine Art Mentor. Ihn hatte man auch am Tag zuvor zu Herrn Klein geschickt, um mich anzukündigen. Schließlich machten wir uns auf den Weg. Noch war ich guten Mutes.

Was für eine Idylle, dachte ich, ein hübsches Holzhaus mit Veranda unter Weinranken, ein großer Garten, schönes Wetter.
Der Viktor-Klein-Beauftragte klopfte an der Tür. Nichts rührte sich. Nach kurzer Pause ein zweites Mal - wieder Stille. Inzwischen hatte ich eine böse Ahnung. Der Viktor-Klein-Beauftragte gestand nun, dass er zwar am Vortag hier gewesen sei, Viktor aber nicht angetroffen habe. Owei.
Belustigt erzählte er mir nun die Episode vom Besuch des Deutschen Botschafters in Xanlar. Die Situation muss ähnlich gewesen sein wie an diesem Tag, jedenfalls hatte die deutschte Delegation seinerzeit kein Glück, was für alle eine große Enttäuschung gewesen sei. Heute aber sollte alles anders werden: Nach einer halben Stunde Klopfen, Rufen und Warten regte sich etwas im Haus. Schwere Schritte waren zu vernehmen, die Tür öffnete sich, ein zerknautschtes Gesicht blickte uns an.
Ein paar russische Worte gingen hin und her zwischen Viktor Klein und dem Viktor-Klein-Beauftragten. Offenbar wurde Herrn Klein klar gemacht, dass er aus dieser Nummer nicht mehr raus käme. Er ließ uns herein. Mit jedem Schritt in Richtung Stube roch es muffiger, fauliger, alkoholischer, einsamer, aber auch historischer. Wir betraten einen Raum, halb altdeutsches Stillleben, halb Elendsquartier. Noch konnte ich mich nicht festlegen, ob die verschimmelten Auberginen echt oder arrangiert waren (strenge Gerüche stören nach einer gewissen Zeit ja nicht mehr). Wir ließen uns nieder. Die ganze Stimmung war irgendwie verwackelt, was ich aber erst Wochen später begriff.

Der Viktor-Klein-Beauftragte unterrichtete Viktor Klein darüber, wer ich bin, woher ich komme und was ich wolle. Sofort begann ich ihn auszufragen, Recorder an: „Wie war das damals im Krieg? Die meisten Deutschen wurden ja deportiert.“ Stille, leerer Blick. Mir war schon klar, der Mann war nicht ganz nüchtern. Egal, dachte ich: „Wie war das damals?“ Nichts, kurzes Aufschauen, hilflose Augen. Die alte Standuhr tickte von Sekunde zu Sekunde lauter.
Nun kam mir die Erleuchtung: es musste so ein, dass er mich einfach nur nicht versteht! Ich wusste, seine Muttersprache war Schwäbisch, und zwar ein württembergisches Idiom aus dem 19. Jahrhundert. So packte ich also mein ganzes Schwäbisch aus. Mein Vater stammt aus der Bukovina, meine Großeltern sprachen auch so ähnlich wie die Kaukasus-Deutschen. Dazu habe ich zehn Jahre in Tübingen gelebt. Also formulierte ich meine Frage noch einmal in einem schwäbischen Kauderwelsch, von dem ich glaubte, er müsse es verstehen (dies hier im O-Ton zur Verfügung zu stellen ich aber nicht ertrage). Keine Antwort. Mir wurde heiß und kalt: Was wäre ein Hörfunkbeitrag ohne O-Ton wohl wert?
„Zu was brauchen Sie das alles? Alle sind gestorben“, lallte Viktor Klein plötzlich. Der „letzte Deutsche von Aserbaidschan“ war bei meinem hochexklusiven Interview nicht nur ein wenig angeschickert, sondern total betrunken. Aber Aufgeben gilt nicht, sprach ich mir Mut zu, und bohrte weiter. Seine zweite Antwort bestand aus nur einem Wort: „Rauschig“, betrunken. Es klang so abweisend wie erklärend.
Schließlich bot ich ihm an, er könne ruhig Russisch oder Azeri sprechen, das sei kein Problem für mich. Deutsch sprach er schon Jahre nicht mehr, denn alle Verwandten hatten schon lange das Land in Richtung Deutschland verlassen. Russisch war seine Schul- und Alltagssprache geworden (Azeri beherrschte er auch, aber das brauchte er nur für den Nachbarschafts-Smalltalk und um Kinder vom Hof zu scheuchen). „Das ist nicht der Grund, ich kann auch Deutsch sprechen!“, verzweifelte er, sichtlich angestrengt.
„Ein Schulfreund meines Vaters war Kommandeur im kaukasischen Heer. In der Kaiserzeit waren sie zusammen im Gymnasium. Der Mann half uns dabei, dass wir hier bleiben konnten.“ - Und wie sind die Nachbarn so? „Das sind keine Guten! Schlecht und falsch!“ Warum? „Was weiß ich.“ Den aserbaidschanischen Dörflern gegenüber war er feindlich gesinnt.
Zugegeben, mehr Diaspora geht kaum: als einziger, evangelischer - noch von den Sowjets verfolgter - Deutscher im Kaukasus unter muslimischen Aserbaidschanern. Da sind Bitterkeit und Alkoholismus zumindest erklärbar.
Schließlich setzte er sich einfach an sein verstimmtes Klavier und spielte drauf los: „O Tannenbaum, wie schön sind deine Blätter.“ Ich erfahre von seinem Mentor, dass Viktor am Konservatorium studiert habe, Gesang und Klavier.
Wir machten noch einen Spaziergang zum Friedhof. Das ganze Gelände war verwildert, fast alle Grabsteine umgestoßen. Als 1988 der Konflikt um Berg-Karabach ausbrach, wütete der aserbaidschanische Mob auf den armenischen Friedhöfen im ganzen Land. Da auch die deutschen Grabsteine Kreuze trugen, wurden auch sie nicht verschont. Dafür schämen sich die Aserbaidschaner heute noch - nur für die Schändung der deutschen Gräber, natürlich nicht für die der armenischen. Auf den deutschen Teil ihrer Geschichte sind die meisten Aserbaidschaner sonst recht stolz.
Versonnen betrachtete Viktor Klein einen deutschen Grabstein: „1845 sind die hierher gekommen, von Württemberg.“ Letzter O-Ton. Nun liegt er selbst dort begraben. Sein Haus hat er der Deutschen Botschaft vermacht, zur Nutzung als Museum.

Grab Viktor Klein in Xanlar (Bild: Benjamin Haerdle/n-ost)
Aus diesen O-Tönen ist nie ein Hörfunkbeitrag entstanden. Damals habe ich es nicht fertig gebracht, Viktor Klein in den Massenmedien bloßzustellen. Beschönigen wollte ich aber auch nichts. Und so gelangte Viktor Klein nicht in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Hören Sie zum Abschluss Viktor Kleins „Duett mit der Standuhr“.
Tobias Mayer
Thema: Hörfenster | Comments Off | Autor: Tobias Mayer
