Beitrags-Archiv für die Kategorie 'Kristinas Kolumne'

Victor Kocher ist tot

Dienstag, 22. März 2011 9:34

Victor und ich - wir waren wie die Tauben… naja, das ist übertrieben, aber wir haben uns gut verstanden. So gut, dass ich ein paar Erinnerungen an ihn aufschreiben möchte.

Unsere erste Begegnung fand in den frühen 1990er Jahren in Zürich statt. Wir lernten uns an einer Party kennen. Ich schwärmte von Kairo - er von der NZZ. Auf sein Anraten schrieb ich darin über das, was ich damals am meisten liebte, nämlich die ägyptischen Musiker/innen Mohammed Abdelwahhab, Umm Kulthum und Abdelhalim Hafez.

Später machte ich ein Volontariat unter ihm in der NZZ. Er war damals Redaktor. Das war, bevor er Nahostkorrespondent wurde. Ich habe viel von ihm gelernt. Am meisten gefiel mir sein Bezug zur deutschen Sprache. So korrigierte er das Wort „Rapport”. Er sagte, dazu gebe es das schöne deutsche Wort „Bericht” - es brauche kein Fremdwort.

Das habe ich - neben anderem - in Erinnerung behalten. Deutsch ist toll -finde ich auch. Einmal war er in Kairo. Dort zeigte ich ihm die islamische Altstadt. Victor und ich mochten Wohnhäuser, Brunnen und Moscheen aus anderen Zeiten. Darin fanden wir uns wieder. Es macht Spass, mit jemandem etwas zu tun, der auf der gleichen Wellenlänge ist.

Unser drittes gemeinsames Hobby war Arabisch. Wenn wir telefonierten, sprachen wir Arabisch. Er eher Libanesisch und ich eher Ägyptisch. Wir mussten immer viel lachen. Über die Ausdrücke und die Redewendungen. Es war immer lustig mit ihm.

Natürlich kritisierte er mich auch, schliesslich war ich seine Schülerin. So gefiel ihm mein Blog nicht besonders. Das schrieb er mir mal. Aber sehr freundlich. Er vergass nicht, hinzusetzen, dass ihm meine Artikel lieber seien… ein höflicher, ein lieber Mensch, dachte ich.

In Erinnerung ist mir auch unser vorletztes Korrespondententreffen in Zürich geblieben. Da wir Kollegen sind, gingen wir gleich aufeinander zu. Er roch mein Parfum, fragte, wie es heisse. Es gefiel ihm, und ich nannte seinen Namen. Ob Victor es gekauft hat, weiss ich nicht. Ich hatte es von meiner Schwester bekommen. Ich freute mich, dass er wahrnahm, wie fein und wohlduftend es ist!

Es tut mir sehr Leid um Victor! Er war ein guter, sehr kluger Mann.

Kristina Bergmann, März 2011

Thema: Allgemein, Kristinas Kolumne | Comments Off | Autor: Kristina Bergmann

Schweine im Versteck

Samstag, 2. Mai 2009 15:38

Vorgestern war ich mit Julia Gerlach bei den Müllsammlern im Kairoer informellen Viertel “Manshiet Nasr”. Dort ziehen sie nämlich Schweine, und da wegen der Schweinegrippe alle Schweine geschlachtet werden sollen, schien mir das der richtige Ort für eine Recherche. Julia hatte ausserdem einen Interviewtermin mit dem wichtigsten Priester des Müllviertels - Abuna Samaan - organisiert. Ein Grund mehr, dorthin zu gehen.

In Kairo wird kaum noch über etwas anderes als die Schweinegrippe gesprochen. Die Vogelgrippe hat den Ägyptern angeblich schon mächtig zugesetzt, und nun - so meinen einige - komme noch die Plage der Schweinegrippe auf sie zu!

Bei einem religiösen Volk wie dem ägyptischen gelangen rasch Begriffe wie ”Gott”, “Sünde” und ”Sühne” in die Diskussion. Also ähnlich wie bei den frommen Israelis, die sich weigerten, “Schweinegrippe” zu sagen, weil sie das Wort “Schwein” nicht in den Mund nehmen wollten. Die Ägypter tun sich hingegen keinen Zwang an und flüstern, sagen, schreien oder brüllen das Wort “Schweinegrippe”, dass es nur so eine Art hat. Halt, halt, halt - jetzt nicht zum Schluss kommen, dass die muslimischen Ägypter mit dem Wort Schwein oder mit dem Tier Schwein kein Problem hätten…

Auch von dem muslimischen Apotheker in meiner Strasse, den ich oft befrage, und mit dem ich ein bisschen befreundet bin, wollte ich wissen, was er zur Schweinegrippe meine. “Das Wort ist falsch”, erklärte er. Ich wollte gerade aufbrausen, da sagte er: “Das Schwein kann doch nichts für die Grippe, also darf man die neue Krankheit auch nicht nach ihm benennen.”

Klug, fand ich. Doch ehrlich gesagt, fand ich sonst keinen muslimischen Ägypter, der diese Ansicht vertrat. Fast mit Genuss (so schien es mir zunächst) wurde nämlich zum Schutz gegen die neuartige Grippe die Schlachtung aller Schweine angeordnet. Das sind nicht wenige. Angeblich gibt es in Ägypten 350 000 Schweine. Das wurde am Mittwoch bekannt und auch der Plan, dass die Schweine nach und nach in den grossen Schlachthöfen getötet würden, aber - sofern sie gesund seien - ihr Fleisch durchaus verkauft werden könne. Natürlich würden die Züchter später entschädigt werden.

Im Müllviertel war trotz des anscheinend so hervorragend organisierten Schlachtplans (oder vielleicht gerade deshalb) die Hölle los. Allerdings manifestierte die sich nicht in Aufruhr, sondern zumeist in Schweigen. Die Müllsammler, die meine Volontärin Magdalena im März so schön beschrieben hatte, flüsterten abwehrend: “Ich? Nein, ich habe keine Schweine.” Ich tippte darauf, dass sie sie versteckten und vor der Schlachtung retten wollten. Immerhin stehen im Müllviertel heute hohe Wohnblocks, und oft liegt noch im 3. oder 4. Stock zu sortierender Müll. Dort könnte man doch auch die Schweine hinbringen! Am Donnerstag waren sie (irgendwann bekamen Julia und ich so einen Stall zu sehen) allerdings noch im Erdgeschoss. Mir fiel auf, wie ruhig die Tiere waren. Als ob sie wüssten, dass der kleinste Quickser sie verraten könnte… bis das Futter kam. Das hatte ein junges Mädchen aus dem Abfallberg ‘rausgepult - also alles Fressbare von Reis über Fleischreste bis zu Kartoffelschalen. Als sie mit dem runden ”Tisht” auf dem Kopf in den Stall kam, ging das Grunzen los.

Genau wie Magdalena bewunderte ich die Müllsammler, die -sortiererinnen und die Schweine. Was wäre, wenn es die in Kairo nicht gäbe? Die Stadt würde elendiglich in ihrem Abfall untergehen!

Dann gingen Julia und ich zu Abuna Samaan. Der hatte x Telefonate zu erledigen, klar, an einem Tag wie diesem und nach der schockierenden Nachricht, alle Schweine sollten gekeult werden! Er tat mir leid, vor allem aber, weil er offensichtlich erkältet war und sich ständig die Nase putzen musste. Oder waren das die ersten Symptome der Schweinegrippe?

Ich staunte, als Abuna Samaan dann erklärte, er fände die Entscheidung, alle Schweine zu erlegen, richtig. Ich dachte: Was soll er auch sagen, wenn nicht einmal der koptische Patriarch, Baba Shenuda, den Mund auftut, sondern die Entscheidung der Regierung schluckt! Dann meinte Abuna Samaan: “Natürlich verursachen nicht die Schweine die Grippe, das hat auch der Gesundheitsminister gesagt. Aber anders als in Europa herrscht hier keine Hygiene, sondern leben Schwein und Mensch auf engstem Raum zusammen. Wenn die Grippe im Viertel ausbricht, ist das unser Ende.”

Klang logisch, dennoch glaubte ich Abuna Samaan nicht. Die Müllsammler sind ja nicht freiwillig Müllsammler, sondern, weil ihnen in der ägyptischen Hierarchie nichts anderes übrig bleibt. Die meisten sind Analphabeten und kommen aus Oberägypten. Vermutlich stand ihnen das Wasser bis zum Hals, als sie sich entschieden, Müllsammler und -sortierer in Kairo zu werden.

Abuna Samaan schreckte mich aus meinen Gedanken auf: “Wir wollen hier raus. Und die Schweine sollen richtiges Futter kriegen und auf richtigen Farmen leben.” Schöner Traum, dachte ich. Schweine gibt es doch hier nur, weil sie Abfall in gutes Fleisch, also in bare Münze umwandeln. Doch zufälligigerweise ist das Schwein in den Augen der Muslime das ekelhafteste Tier überhaupt.

Oder doch nicht? Jedenfalls war da noch ein anderer Mann, Adel, der Obersekretär der Vereinigung der Müllsammler. Der Mann gefiel mir, war er doch direkt, offen und mit dem absurden Schlachtungsplan absolut nicht einverstanden. Noch mehr gefiel er mir, als er erzählte, er habe gerade in “Ezbet an-Nakhl” (auch so ein Müllviertel) beobachtet, wie die Polizei einen Schweinezüchter nach seinem Namen gefragt habe. Mohammed, habe der geantwortet. Was, du bist Muslim und ziehst Schweine, hätten die Polizisten empört geschrien. Was soll ich denn sonst machen, habe Mohammed ganz leise erwidert.

Plötzlich schien mir die ganze Angelegenheit noch absurder als vorher. Es gibt unendlich viele Arme in Ägypten, viel viel mehr als sich irgend jemand oder irgendeine Organsation vorstellen kann. Arme, die nicht von einem Dollar, sondern 10 Cent pro Tag oder noch weniger leben. Und die einen Job suchen, sei er noch so mickrig und mies. Darin sind die Ägypter und noch mehr die Oberägypter grosse Klasse. Sie können sogar Jobs erfinden!

Die Schweinezucht war bis anhin für arme Müllsammler keine schlechte Lösung ihres Geldproblems. Warum also nicht auch für Muslime, denen es ja keineswegs besser als den Christen geht? Wie bitte, der Islam verbietet das Essen von Schweinefleisch? Ich weiss, aber ziehen heisst noch lange nicht essen, oder? Höchstens in den Augen dieser extremistischen, pedantischen, prüden und besserwisserischen Muslimbrüder (die mit Abfall nur so um sich werfen, um sich nicht die Hände schmutzig zu machen). Und nun soll es also nach denen gehen, und alle Schweine müssen weg. Komisch, denn eigentlich ist ja die Regierung gegen die Muslimbrüder. Und will keinen Aufruhr unter den Christen. Warum also das Ganze?

Haben die Muslimbrüder inzwischen soviel Macht, dass sie eine solche Losung (Tötung aller Schweine) durchsetzen können? Oder ist diese Regierung schlauer als man meint und weiss, dass sie den Forderungen der aufgebrachten Muslimbrüder ruhig nachgeben kann, weil die Schlachtung eh nie durchgeführt werden wird? Wer weiss eine Antwort?

Kristina Bergmann

P.S. Inzwischen ist es Samstag Abend, und es ist viel passiert. Zum Beispiel heisst die neue Infektion nicht mehr Schweinegrippe. Aber die Ägypter nennen sie noch immer so. Die ägyptische Regierung will übrigens an dem idiotischen Erlegungsplan festhalten, obwohl die ganze Welt sie auslacht! Den ägyptischen Schweinezüchtern ist allerdings nicht zum Lachen zu Mute. Immerhin haben sie sich gewehrt - Bravo! Als im Norden der Hauptstadt Schweinefarmen geräumt werden sollten, haben die Züchter und Arbeiter die Polizisten mit Steinen beworfen. Wird die Regierung nun merken, dass ihr Plan nicht der Beruhigung dient, sondern der beste Weg zum Aufstand der Massen ist?

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Was Neues mit den Türken?

Dienstag, 10. Februar 2009 15:29

Der «Ehrenmord-Tatort» war durchaus wert, gesehen zu werden. Eigentlich war er wie alle «Tatorte»: Angenehm anspruchsvoll und spannend und bis zum Schluss blieb unklar, wer eigentlich der Mörder war, und als es endlich rauskam, war es überraschend und logisch zugleich.

Etwas war jedoch ganz anders als in den meisten Krimis: Es ging um Türken und ihre Familienehre. Der «Tatort» hat sich schon mehrmals mit der Thematisierung von Migranten und ihren Problemen in die Nesseln gesetzt. Auch diesmal wird es bald Proteste hageln.

Dabei haben sich die beiden Autorinnen um Differenziertheit bemüht. Es geht nicht um einen «normalen Ehrenmord» in einer «typischen türkischen Familie». Im Gegenteil: Die vorkommende türkische Familie ist wohlhabend und geschäftstüchtig. Das lässt darauf schliessen, dass man inzwischen in Deutschland gemerkt hat, dass es «die Türken» gar nicht gibt, sondern es sich um unterschiedliche Personen handelt, die in voneinander getrennten Schichten leben. Eines der Opfer ist eine türkische Anwältin, noch dazu eine Lesbe. Wie bitte, das sei übertrieben und provozierend? Naja, wie man’s nimmt. Kürzlich hat «Arte» einen Dokumentarfilm über muslimische Homosexuelle gesendet, und ein Pärchen waren türkische Lesbierinnen. Das gibt es also - wie auf der ganzen Welt halt.

Auch das andere Opfer war besonders, und gleichzeitig in Deutschland vermutlich längst Alltag: eine hübsche junge unverschleierte türkische Ärztin. Sie und ihre Landsleute sprachen übrigens hervorragend Deutsch.

Die beiden Kommissare, eine Frau und ein Mann, bemühten sich, abseits aller Vorurteile zu untersuchen. Doch trotz der Spannung, des objektiven Einsatzes der Polizisten und der Vielfalt der Protagonisten gab es auch Klischees. Und zwar auf türkischer Seite. Das verwunderte mich. Ich kenne die Türken in Deutschland allerdings kaum und kann deshalb nicht beurteilen, ob sie tatsächlich so konservativ-traditionell wie in «Familiendarstellung» argumentieren: «Wir haben halt Werte», «Bei uns zählt die Familie noch» etc. Und wenn das so ist, hat sich dann Seyran Ates (eine der Autorinnen) bemüht, möglichst ehrlich und letzlich ehrlicher als die deutsche Schreiberin zu sein?

Mir fiel auf, dass auf türkischer Seite Dinge vorkamen, die den Vorstellungen, die Deutsche von Türken haben, entsprechen. So mokierte man sich in der türkischen Familie mehrmals über die Türkischkenntnisse des Kommissars. Und ärgerte sich darüber, dass die Polizisten ganz konventionell einen Bruder der einen Toten als Mörder verdächtigten. Weiter wurde der nicht mehr jungfräulichen Braut das Hymen geflickt…

Vielleicht sind das gar keine Vorurteile und die Darstellung entspricht der Realität. In Ägypten ist die Reparatur des Jungfernhäutchens jedenfalls gang und gäbe. Der «Brauch» ist dermassen üblich, dass sich der Grossmufti bemüssigt fühlte, die Operation abzusegnen. Ein beratender Scheich, den ich zu der (Un-)sitte befragte, meinte: «Unsere Gesellschaft ist nicht reif, die Wahrheit, nämlich dass die meisten Mädchen heute nicht mehr Jungfrau sind, zu ertragen.» Und zum Schutz der jungen Frauen sei es deshalb besser, den Eingriff beim Arzt zu erlauben…

Es könnte sein, dass die ägyptische Gesellschaft und die türkische (egal ob in Deutschland oder in der Türkei) an der gleichen Krankheit leiden. Nämlich, dass sie Veränderungen und Modernisierungen nicht ertragen können und sich krampfhaft an die Traditionen klammern, die ihnen Sicherheit und die Verwirklichung eines einfachen Traums vom Glück zu versprechen scheinen.

Die beiden Mordopfer in dem «Tatort», nämlich die fortschrittliche Ärztin und die Anwältin, machten überdeutlich, dass die Moderne unter den Türken längst eingezogen ist. Und dass sich Hinterwäldler endlich damit auseinandersetzen müssen! In diesem «Tatort» war die Mörderin eine Frau, die sich ebenso wie manche Männer an die alte, scheinbar heile Welt klammerte. Das gibt es auch, und längst nicht immer sind Männer an der Starrheit verschiedener Gesellschaften schuld. So haben in Afrika Frauen die Genitalverstümmelung junger Mädchen fest in der Hand.

Es ist immer ein Trugschluss, wenn eine oder einer glaubt, sie oder er könnten die Vergangenheit mit Gewalt festhalten. Und so war es nur folgerichtig, als die Kommissarin die Mörderin fragte: «Mädchen, in was hast du dich da verrannt?»

Kristina Bergmann

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Kairos traurige Ämter

Sonntag, 1. Februar 2009 13:34

Vor ein paar Tagen war ich auf einem Amt. In Kairo ist das eine Tortur, und ich musste mich lange selbst zu dem Gang überreden.

Zum Glück stehe ich jeden Morgen früh auf, da der Schulbus meines Sohnes Marwan schon um sieben Uhr kommt. Nachdem Marwan ihn wohlbehalten bestiegen hatte, machte ich mich ausgehfertig, und fuhr mit dem Taxi zum «murur». So heisst das Verkehrsamt hier, oder vielmehr wird es der Einfachheit halber so, nämlich «Verkehr», genannt.

Dort wollte ich ein paar Zettel mit den Eigenschaften meines Autos ausfüllen und abstempeln lassen. Die Sache ist nämlich die: Ich habe ein Auto, aber das steht seit August 2008 (das sind jetzt fünf Monate) in der Garage. Es ist nicht auf mich, sondern meinen Ex-Mann zugelassen. Ja, ich weiss, es war ein Fehler, das so regeln, aber nach unserer Trennung war ich naiv. Damals, vor dreieinhalb Jahren (2005), hatte mein Ex gesagt: «Wir wollen nicht so bescheuert wie andere Paare, die sich trennen, sein. Wir bleiben Freunde. Deshalb werde ich dein Auto auf meinen Namen zulassen. Für mich als Ägypter ist das viel einfacher.»

Das stimmte - für mich als Ausländerin hätte damals die Anmeldung eines Wagens auf meinen Namen einen «Wahnsinnsaufwand» bedeutet. Aber es kam, wie es kommen musste, und nach drei Jahren, also im August 2008, war die Zulassung abgelaufen. Ich versuchte, meinen Ex-Mann dazu zu bringen, das notwendige Papier zu erneuern. Aus Zeitgründen (angeblich) tat er das aber nicht. Jetzt, knapp ein halbes Jahr später, hat mein Ex-Mann mir ausrichten lassen, dass er mir das Auto «verkaufen» wolle. Dann solle ich damit machen, was ich wolle.

Hört sich eigentlich gut an, doch in Ägypten herrscht die absolute Bürokratie, und was einfach scheint, wird kompliziert gemacht. Als ich verstand, welche Papiere besorgt werden müssten, um den «Verkauf» abzuwickeln, schwirrte mir der Kopf. Ich schaffte Klarheit in meinen Gedanken und ging zum «murur». Eben dort wollte ich im Vorfeld des Verkaufs die Zettel, die später dafür nötig wären, abstempeln lassen.

Doch auf dem Verkehrsamt schauten mich die Beamten mitleidig an, als ich die leeren Formulare verlangte. Schliesslich knallte sie einer auf den Tisch. «Da hamse Sie», sagte er, «Aber abstempeln? Also das schaffen Sie nie!» Das dürfe nämlich nur der Besitzer des Wagens, sagte er. Ich schnaubte und ging zum «Pascha», zum Chefpolizisten.

«Halt!» schrie seine Sekretärin, als ich gerade die Klinke zu dessen Bürotür herunterdrücken wollte, ob ich eigentlich übergeschnappt sei? Nur sie dürfe dort hinein, rief sie und knackte elegant ein paar Sonnenblumenkerne. Die Schalen spuckte sie gekonnt in einen Aschenbecher.

Dann nahm sie die leeren Formulare und die abgelaufene Zulassung und ging mit verachtungsvoller Miene ins Büro des Paschas. Nach genau einer Minute stand sie wieder vor mir.

«Das geht nicht, Madame, das darf nur ihr Ex-Mann. Und sagen Sie ihm, wenn er komme, solle er seine Identitätskarte mitbringen! Ihnen können wir leider nicht vertrauen - vielleicht sind Sie ja eine Diebin und wollen dem armen Kerl das Auto stehlen!»

Ich nahm die Zettel und ging mit hoch gereckter Nase hinaus. Meine Wut schluckte ich tapfer hinunter. Diebin, dachte ich, so eine bodenlose Frechheit! Das Auto hatte vor dreieinhalb Jahren ich ganz allein bezahlt. Und jetzt war ich nur zum Verkehrsamt gegangen, um meinem Ex-Mann die Umschreibung leichter zu machen! Sie ist - wie oben erwähnt - aufwendig und erfordert Gänge auf mehrere Ämter, das Einholen zahlreicher Stempel und entsprechend viel Energie.

Als ich wieder daheim war, steckte ich die Formulare und die abgelaufene Zulassung in ein Couvert und schickte alles dem Vater meines Sohnes. Per SMS bat ich ihn, die Zulassung zu besorgen, auch wenn es Mühe mache. Das Auto würden wir, also unser Sohn und ich, vor allem dazu brauchen, um zum Fussballclub zu fahren. Der liegt ausserhalb des Molochs Kairo und dorthin fahren keine Busse.

Trotz meiner Erklärung sehe ich schwarz. Ja, ich vermute, das Auto wird ungebraucht in der Garage (wo es jetzt steht) verrotten. Das ist schade - vor allem für meinen Sohn, der so gerne in jenen Fussballclub gehen würde. Aber die Zeit vergeht, die Trennung wird länger und länger, und Marwan wird grösser und selbständiger. Kurz, ganz langsam nähere ich mich dem Ende des Tunnels, in dem ich mich jetzt befinde. Ob es dahinter hell und schön ist, weiss ich nicht. Ich bin mir aber sicher, dass ich der klaustrophobischen Enge irgendwann entkommen werde.

Kristina Bergmann

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Sammeln und nicht berühmt werden

Sonntag, 18. Januar 2009 15:36

Je älter ich werde, desto mehr packt mich die Sammelleidenschaft. Inzwischen habe ich schon eine ganze Menge Zusammenstellungen. Ich sammle zum Beispiel Schals. Und Kissen. Sogar meinen Sohn belästige ich mit meinem Tick: «Du magst doch Katzen», habe ich zu ihm gesagt, «Also sammelst du jetzt mal welche aus Stein….».

Mein tollster Schatz ist eine Fotosammlung. Auf die Idee kam ich, als ich bei Ali Semman eingeladen war. Der war damals der Vorsitzende des «Interfaith-Committee» der Azhar-Universität. So nannte Semman seinen Arbeitsort, und ich habe keine gute Übersetzung gefunden. Im Prinzip geht es dort darum, die verschiedenen Religionen unter einen Hut zu kriegen.

Jedenfalls war ich bei Semman zum Frühstück eingeladen. Er selbst ist ein interessanter Mann, der seinen Vorsatz durchaus zu leben versucht. Er ist Ägypter und mit einer französisch-christlichen Modeschöpferin verheiratet. Ausserdem hat einen Sohn, ich glaube, aus einer früheren Ehe. Damals lebte der in New York und wollte eine Jüdin heiraten. In Ägypten ist das Sprengstoff. Ich hoffe, der alte Semman hat das niemandem in seinem Interfaith-Committee erzählt…

Nachdem er viel Orangensaft getrunken hatte, stand Semman auf und führte mich zu einem Glastisch. Darauf steht seine Fotosammlung, rund zwanzig Bilder, auf denen er mit jeweils einem berühmten Menschen zu sehen ist. Und was für Menschen! Nasser, Sadat, Clinton, der alte Bush usw. Als ich nach Hause ging, war ich tief beeindruckt. Dann dachte ich: Was Semman macht, kann ich schon lange!

Grundstock meiner Sammlung wurde ein Bild von Arafat, dem früheren Präsidenten Palästinas, und mir. Im Jahre 2000 war ich nur einen Monat nach Beginn der 2. Intifada im Gazastreifen gewesen. Dort hatten eine Journalistengruppe und ich einen «Begrüssungstermin» mit Arafat. Er beantwortete ein paar Fragen und liess sich dann bereitwillig mit jedem von uns ablichten. Um mich legte der gute Mann sogar seinen Arm. Vielleicht, um zu überspielen, dass er kleiner als ich war? Jedenfalls war die Fotografin, die das Schwarz-Weiss-Bild entwickelte, so begeistert, dass sie es in einen Rahmen steckte und mir schenkte. Ich hing es - nicht minder enthusiastisch - an die Wand.

Inzwischen ist Arafat tot, und das steigert den Wert des Bildes enorm. Ausserdem ist meine Sammlung auf zehn Bilder angewachsen. Nicht übel sind folgende Fotos: Mohammed Tantauwi (der ägyptische Grossscheich) und ich und Baba Shenuda (der hiesige koptische Patriarch) und ich. Glanzpunkt der Zusammenstellung ist jedoch das Bild von Gamal Mubarak und mir. Der ist ja der Sohn des ägyptischen Präsidenten, Hosni Mubarak. Ich traf den Junior beim «Economic Forum» in Sharm ash-Sheikh. Nach einem «Business-Lunch» drängten viele Reporter auf das Podium, von wo aus Gamal gesprochen hatte. Ein Chinese drückte mir seine Kamera in die Hand und sagte, ich solle ihn und Gamal fotografieren. Ich reagierte blitzschnell und sagte: «Okay, aber nur, wenn Sie mich danach mit ihm knipsen.» Schliesslich wird Gamal vielleicht mal selbst Präsident… und das war nun eine einmalige Gelegenheit, ein Foto von ihm und mir zu bekommen. Wenn solche Leute nämlich mal an der Macht sind, sieht man sie nie wieder.

Der Chinese war fair - er machte nicht nur das Bild, sondern schickte es mir auch. Allerdings war seine Qualität erbärmlich. Mein Gesicht glänzte oder hatte seltsame Schlieren, und der Fotohändler brauchte eine Stunde, um aus dem miesen Bild eins zu machen, das man anschauen konnte. Vermutlich waren die chinesischen Kameras damals schlecht - heute sind sie Spitzenklasse!

Danach kam das Bild von Gamal und mir extra gross und in einem tollen Rahmen in die Mitte der Fotowand. Darüber hängt übrigens eins von Amr Khaled und mir, einem selbsternannten Prediger, den die arabischen Muslime über alles lieben, und der es zu grossem Ruhm gebracht hat.

Was fehlt, sind Frauen. Eigentlich habe ich nur ein einziges Bild, auf dem eine weibliche Berühmtheit zu sehen ist: das von Micheline Calmy-Rey und mir. Mit der Schweizer Aussenministerin war ich zusammen im Sudan, in Darfur.

Im kommenden Monat kommt zum Glück eine weitere Schweizer Ministerin nach Ägypten. Das ist Doris Leuthard, die Bundesrätin für Wirtschaft. Zu den Pressekonferenzen mit ihr muss ich unbedingt meinen Fotoapparat mitnehmen. Sie ist nämlich nicht nur eine Frau, sondern auch noch hübsch. Als Frau kann ich das ja ruhig schreiben, als Mann würde ich deshalb gleich als Macho bezeichnet werden.

Kristina Bergmann

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Namen sind Zufall

Donnerstag, 15. Januar 2009 10:49

Ich heisse Kristina. Mit K, i, i und a. Das ist ungewöhnlich, und deshalb diktiere ich meinen Namen oft. Für meine Mutter war das die «schwedische Schreibweise», und die fand sie besonders chic. Manche kapieren’s dennoch nicht und schreiben Christina, Kristine, und in der Schweiz nennen mich ein paar Kollegen «Chch-ri-schtiina». Ich widerspreche nicht, denn jeder muss selbst wissen, was er tut.

Würde ich mich statt mit i mit y schreiben, wäre ich vermutlich in Polen geboren. Das wäre nicht sooo unwahrscheinlich, immerhin stammen viele meiner Vorfahren von dort. Die meisten waren Ostdeutsche, einige hatten aber auch polnisches oder gar russisches Blut. Das hört man aus dem Namen meiner Grossmutter mütterlicherseits - «Baldin» - heraus. Sie heiratete einen «Helmchen» - toller Name - auch damals, weswegen meine Mutter und ihre Zwillingsschwester von ihren Mitschülern nur Helmchen 1 und 2 genannt wurden.

Die andere Grossmutter kam aus Breslau, war angeblich «das hübscheste Mädchen der Stadt» und hiess Steinberg. Sie heiratete einen Bergmann. Aha, denkt jetzt der Leser, eine logische Geschichte. Wäre sie wohl, wenn der Grossvater nicht ein Adoptivkind gewesen wäre, ein uneheliches noch dazu. Ob er also ein echter Bergmann war, ist schwer zu sagen. Sein Adoptivvater, ein Off’zier (so sagten die damals in Breslau), hiess jedenfalls so.

Alle Grosseltern zogen irgendwann vom Osten nach Berlin, das war damals das grosse Ziel und die schöne neue Welt. Als der Krieg kam (der Zweite), musste Grossvater Bergmann seine Mutter ausfindig machen, zwecks Bescheinigung, dass die nicht jüdisch war… Er fand sie in Hamburg; sie war selbst unehelich, Magd und Polin und hiess Wilhelmine Czichotska. Immerhin war sie evangelisch… in der damaligen Zeit ein klarer Vorteil. Ich kann bis jetzt meinen Grossvater (längst tot) förmlich aufatmen hören.

Mit Nachnamen heisse ich nun Bergmann und bin oder war auch evangelisch. In Europa ist das (vielleicht) wurscht, aber in der arabischen Welt bis heute ein Plus. In Ägypten gibt es immerhin rund 10 Prozent Christen, und so befindet man sich in Gesellschaft. Allerdings kommen die Muslime mit den Kopten (also den ägyptischen Christen) nicht gerade sehr gut aus. Das geben sie natürlich nicht zu, stattdessen heisst es: «Wir sind alle Ägypter, und die Religionszugehörigkeit ist unwichtig». Eine ausländische Christin finden auch muslimische Ägypter  sehr viel vertrauenswürdiger als eine ausländische Jüdin. Die wäre dubios, und die würden sie als Spionin verdächtigen. Doch auch wenn Muslime und Christen hier eng beieinander leben, wissen sie recht wenig voneinander. Und so stolpern eine Menge Muslime über meinen Namen. Denen sage ich, dass er auf Arabisch etwa «Abdul-Mesih» bedeute. Dann lachen die Ägypter, denn das ist ein Männername.

Zum Glück nennen einen die Araber immer beim Vornamen. Denn «Bergmann» ist für sie nicht nur schwierig auszusprechen, sondern ist ihnen auch suspekt. Einige haben nämlich gehört, dass sich hinter jedem ausländischen Namen mit der Endung «-mann» ein Jude oder eine Jüdin verberge. In Libyen habe ich deshalb mal kein Visum bekommen. Die Beamten sagten mir auf den Kopf zu, ich sei Jüdin, klarer Fall, und Juden wollten sie in Libyen nicht.

Wenn ich solchen Schmarren höre, muss ich immer daran denken, mit welchem Stolz mein Grossvater unser Familienwappen in die Luft hob. Darauf ist ein «Bergmann» zu sehen, also einer, der in die Grube fährt. Auch Berge sind darauf. Mit unserer Herkunft habe beides vermutlich gar nichts zu tun, meint wiederum mein Vater. Und ob in der Vergangenheit in den Adern irgendeines Vorfahren nicht doch jüdisches Blut floss, weiss niemand genau. Will vermutlich auch keiner wissen. Als ich das mal meinem Exmann, einem Ägypter, andeutete, warnte mich der: «Sag das niemals laut in Kairo!» Er selbst heisst übrigens «Moussa» und so auch mein Sohn. Ich fand das immer sehr schön, denn Moussa, also Moses, war nicht nur Ägypter, sondern vereint auch Juden, Christen und Muslime. Oder sehe ich das falsch?

Kristina Bergmann

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