Beitrags-Archiv für die Kategorie 'Notizen aus Mangalistan'

Maissa Bey: „Die Algerier wissen heute: Der Islamismus ist nicht die Lösung“

Samstag, 19. Februar 2011 7:00

Die Schriftstellerin Maissa Bey (*1950) ist eine der wichtigsten Stimmen Algeriens. Sie hat zahlreiche Romane, Erzählungen und Theaterstücke verfasst. Ihre Novellensammlung „Nachts unterm Jasmin“ ist 2010 auf Deutsch erschienen. NEFAIS-Mitglied Martina Sabra hat Maissa Bey am 16.02.2011 in Mainz interviewt. Dabei nahm Maissa Bey auch zu den politischen Entwicklungen in Algerien Stellung. Das Interview wird hier in voller Länge dokumentiert. Übersetzung aus dem Französischen: Martina Sabra.

Maissa Bey, eines ihrer zentralen Themen ist die Situation der algerischen Frauen. Wann ist Ihnen selbst bewusst geworden, dass Sie diskriminiert wurden? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Ich habe als kleines Mädchen sehr früh die Unterschiede begriffen. Wir waren fünf Kinder - drei Jungen und zwei Mädchen - und die Jungen durften so vieles, was ich nicht durfte. Sie konnten draußen spielen, so oft und so lange sie wollten. Wir Mädchen dagegen mussten im Haus bleiben. Ich erlebte auch deutlich die Missachtung, wenn ein Mädchen geboren wurde. Zudem war meine Mutter Witwe, was die Situation noch schwieriger machte, denn wir hatten ja keinen Mann, der die „Ehre“ unserer Familie schützen konnte und wir wurden misstrauisch beäugt. Wir wohnten in einem großen Wohnblock, wo jeder jeden kannte. Meine Mutter hatte eine Riesenangst, dass die Leute mit dem Finger auf ihre Töchter zeigen könnten. Dadurch standen wir Mädchen sehr unter Druck. Aber ich muss sagen, dass meine Mutter uns trotz allem auch einen wichtigen Dienst erwiesen hat: Sie hat sehr darauf gedrängt, dass wir eine gute Ausbildung bekommen.

Sie waren eine exzellente Schülerin und haben dank Ihrer Noten als Zehnjährige ein Stipendium für das angesehenste französische Internat in Algerien erhalten.

Ich habe das Lycee Fromentin besucht, noch während der französischen Kolonialherrschaft. Da ich die Tochter eines “Märtyrers der Revolution war” und wir sehr wenig Geld hatten, fühlte ich mich am Anfang reichlich fremd an dieser Schule, die ja eigentlich den Töchtern der Reichen und Privilegierten vorbehalten war. Aber es war einfach so, dass gute Schülerinnen angenommen wurden, wohl auch, damit sich die Schule damit schmücken konnte. Die Zeit im Internat hat mein Menschenbild und mein Selbstverständnis als Frau entscheidend verändert. Das Lycee Fromentin war eine Mädchenschule. Fast alle meine Mitschülerinnen stammten aus französischen Familien oder waren Diplomatenkinder. Sie sahen das Leben ganz anders als ich, sie waren viel freier. Das gab mir den Mut, auch selbst mehr auszuprobieren, mich gegen die Zwänge aufzulehnen.

Ihr Vater - er war Grundschullehrer in der Provinz Sidi Bel Abbès - hat am Kampf für die Unabhängigkeit Algeriens teilgenommen (1954-1962). Als sie sechs Jahre alt waren, wurde er von den französischen Besatzern verhaftet und gefoltert. Sie sahen ihn nie wieder. Wie hat dieser frühe Verlust Ihr Leben geprägt?

Es war nicht nur der Verlust des Vaters. Es war auch der jähe Bruch mit der Kinderwelt. Als Sechsjährige musste ich mich mit Themen auseinandersetzen, für die ich viel zu jung war: Krieg, Folter, Rassenhass, das Gefühl, minderwertig zu sein, weil ich Araberin war. Die Erwachsenen konnten mir nicht helfen. Das führte dazu, dass ich mich in eine virtuelle Welt zurückzog – die Welt der Literatur. [...]

Thema: Allgemein, Notizen aus Mangalistan | Comments Off | Autor: Martina Sabra

Tunesien - Chronik einer angekündigten Revolution

Samstag, 29. Januar 2011 8:05

Die Revolution im Urlaubsparadies Tunesien kam nur scheinbar überraschend. Wer in den letzten Jahren die gesellschaftliche und innenpolitische Entwicklung in Tunesien beobachtete, konnte die wachsende Unzufriedenheit und die sich anbahnende Revolte im Urlaubsparadies eigentlich kaum übersehen. Schon im Januar 2008 gingen im südwestlich gelegenen Gafsa Tausende auf die Straße, um gegen Korruption und soziale Ungerechtigkeit zu protestieren. Im Sommer desselben Jahres kam es in Südtunesien erneut zu massiven Protesten mit Toten und Verletzten; zeitweise waren ganze Regionen komplett von den Sicherheitskräften abgeriegelt, Ausländer mussten draußenbleiben. Ich war just in jenem Sommer 2008 für Recherchen in Tunesien unterwegs und erlebte die angespannte Situation hautnah mit. Zudem gab es in den letzten Jahren mehrmals bewaffnete Auseinandersetzungen mit islamistischen Terrorgruppen, teilweise nur wenige Kilometer von wichtigen touristischen Zentren wie Hammamet entfernt.

Wer Tunesien kannte, fragte sich längst, wie weit das Regime Ben Ali, das sich selbst als Garant der Stabilität und als Bollwerk gegen den angeblich drohenden Islamismus anpries, die Lage noch im Griff hatte. Zumal der Diktator zunehmend von seinem offiziell propagierten laizistischen und staatsfeministischen Kurs abrückte, um konservative und religiös-politische Kräfte zu binden. „Es ist ein schlechter Witz“, schrieb mir eine Freundin per email, „nach außen verkauft ZABA (Zein El Abdin Ben Ali) sich als Vorkämpfer gegen den Islamismus, aber gleichzeitig gründet er das offizielle islamische Radio Zitouna, er lässt mit viel Pomp eine Moschee zu seinen Ehren errichten, und jetzt wird hier auch noch die erste islamische Bank aufgemacht“.

Dass die langangestaute Wut der Tunesier zum Jahreswechsel 2010/2011 explodierte, hatte nicht nur soziale Gründe. Es stimmt, dass Hunderttausende junge Tunesier wütend waren, weil sie keinen Arbeitsplatz hatten oder weil ihre Jobs so schlecht bezahlt wurden, dass sie unmöglich eine Familie gründen konnten. Doch den meisten Menschen ging es um Wesentlicheres. Sie wollten sich nicht länger von einer mafiösen Clique drangsalieren und entmündigen lassen, auch wenn diese noch so sehr von der EU hofiert wurde.

Hinter den Kulissen des vermeintlichen Ferienparadieses Tunesien verbarg sich ein Polizeistaat, dessen Unterdrückungsmethoden in vielem denen der Stasi ähnelten. Einer Armee von rund 30 000 Mann standen rund 170 000 Polizeikräfte gegenüber. Der Sicherheitsapparat des Diktators Ben Ali und der ihm weitgehend hörigen Einheitspartei RCD (bei der letzten Parlamentswahl 84% der Stimmen) verfügte neben Willkürhaft und Folter über ein ganzes Arsenal mehr oder minder subtiler Methoden, um unliebsame Bürger zu terrorisieren.

Zu den weniger subtilen Methoden gehörten die totale Überwachung der Post und der Telekommunikation, das Blockieren von sozialen Netzwerken wie youtube und dailymotion sowie die Sperrung von Internetseiten zum Thema Menschenrechte. Die Manipulation ging soweit, dass Tunesier, die die offizielle Adresse von Amnesty International in ihren Browser eingaben, auf eine Seite mit dem gleichen Namen umgeleitet wurden, auf der die Menschenrechtssituation in Tunesien in den höchsten Tönen gelobt wurde. Natürlich immer Halbgott “ZABA” sei Dank.

Die subtileren Methoden zielten darauf, Angst zu verbreiten und das Vertrauen zwischen den Bürgern zu zerstören. Über diese Methoden wurde von kritischen Journalisten zwar immer wieder berichtet, doch die europäische Öffentlichkeit nahm sie nicht wirklich zur Kenntnis.

Die Spitzel des tunesischen Regimes, meist arbeitslose junge Männer, waren überall – am Arbeitsplatz, in der Schule, in Café, ja sogar in den eigenen vier Wänden. Als ich bei einer regimekritischen Freundin zu einer Party eingeladen war, erlebte ich, dass plötzlich Agenten vor der Tür standen und sich ungebeten in die Diele setzten. Sie wollten nicht nur kontrollieren, wer mitfeierte, sondern auch ihre Macht demonstrieren. Die konsternierte Gastgeberin und ihre Familie hatten keine andere Wahl als ruhig zu bleiben. Manche Methoden waren  an Niedertracht und Widerlichkeit kaum zu überbieten: Kellner in Cafés wurden unter Druck gesetzt, Regimegegner nicht zu bedienen oder sie sogar zu beschimpfen und vor die Tür zu setzen; Nachbarn wurden gezielt aufeinander gehetzt und zu Gewalt gegeneinander getrieben. Selbst Schulkinder wurden dazu gebracht, ihre Klassenkameraden zu mobben oder zu terrorisieren, wenn deren Eltern es wagten, die Diktatur zu kritisieren.

Das Regime, das sich nach außen konziliant gegenüber Israel gab, scheute auch nicht davor zurück, antijüdische Ressentiments zu schüren, um Oppositionelle mit jüdischem Hintergrund - wie zum Beispiel den Romanschriftsteller und Verleger Gilbert Naccache - zu diskreditieren.

Politisch war Widerstand gegen das Regime kaum möglich. Zwar kann man nicht sagen, dass die Gewerkschaftsbewegung UGTT und die Einheitspartei RCD total gleichgeschaltet waren. Es rumorte durchaus. Doch die meisten Tunesier hatten von Politik und Parteien ohnehin die Nase voll. Vor allem Tunesiens internetfreudige, gut ausgebildete Jugend erwartete längst nichts mehr von den Apparatschiks der RCD. Sie brachten ihren Frust auf ihre eigene Weise zum Ausdruck: durch Kampagnen wie „Sayeb Saleh - Nhar 3ala 3ammar“ gegen die Internetzensur, durch Flashmobs und vor allem durch den Rap. „Ich gehe nach Europa, und ich hole mir alles, was man mir hier geraubt hat“, sang der an sich eher brave, nicht offen regimekritische, aber sehr populäre Rapper Balti bereits 2007 vor tausenden Jugendlichen in Tunis. Die Behörden waren gegen diese Jugendbewegung letztlich machtlos. Rapper, die sich deutlich vom Regime distanzierten wie der ebenfalls populäre „El General“ wurden zwar immer mal wieder festgenommen, aber meist auch schnell wieder freigelassen – vielleicht aus Ignoranz, vielleicht aber aus Angst, dass genau die Revolte ausbrechen könnte, die jetzt das alte Regime weggefegt hat.

Warum konnte sich der Diktator Ben Ali trotz der schwelenden Unzufriedenheit der Tunesier solange an der Macht halten? Dafür gab es innenpolitische und außenpolitische Gründe. Innenpolitisch spielte – wie in allen totalitären Regimen – ganz sicher die Angst eine Rolle: aber nicht nur. Fakt ist, dass lange Zeit beträchtliche Teile der tunesischen Bevölkerung (und nicht nur RCD-Parteimitglieder) den autoritären Modernisierungskurs unter Ben Ali tolerierten. Um das zu verstehen, muss man sich die Situation vergegenwärtigen, in der der Diktator 1987 an die Macht kam. Tunesien erlebte damals nach 31 Jahren Einparteienregime unter dem vergreisten Staatspräsidenten Bourguiba eine Periode extremer Instabilität. Die Wirtschaft lag am Boden, politisch kochte es, bei Demonstrationen linker und islamistischer Regimegegner wurden hunderte Menschen erschossen. Islamisten forderten offen die Abschaffung der Gleichberechtigung der Frauen – ein Fortschritt, auf den auch viele konservative Tunesier stolz sind – sowie eine Islamisierung des öffentlichen Lebens. Als der Ex-Militär und Geheimdienstmann Ben Ali in dieser Situation unblutig putschte, waren viele weltlich und liberal gesonnene Tunesier insgeheim froh, dass die Islamisten verfolgt wurden, auch wenn dabei die Menschenrechte auf der Strecke blieben. Zudem machte sich Ben Ali schon bald nach der sogenannten „Jasminrevolution“ (so hiess der Putsch vom 7. November 1987 in Tunesien) daran, den gesamten Staats- und Parteiapparat mit neuen, jungen Leuten zu besetzen, die vorher keine Chance gehabt hatten. Der Politikwissenschaftler Steffen Erdle hat diesen Prozess in seinem Buch „Ben Ali’s New Tunisia“ detailliert beschrieben.

Wegen seiner harten Hand gegenüber der islamischen Opposition hatte das Regime Ben Ali außenpolitisch von Anfang an gute Karten. Die Politik der Europäischen Union war geprägt von einer Mischung aus wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen auf der einen sowie blanker Ignoranz auf der anderen Seite. Manche Politiker glaubten, dass Araber und Muslime aufgrund ihrer Religion und Kultur ohnehin demokratieunfähig seien. Andere hielten Tunesien schon deshalb für ein demokratisches Land, weil es eine flächendeckende Wasserversorgung gab, weil man in den Urlaubsorten bayrische Bierkneipen besuchen konnte und weil die Mehrheit der tunesischen Frauen keinen Schleier trug. “Es gibt bei den Europäern die fatale Tendenz, die Existenz einer modernen Infrastruktur und eine wenn auch nur scheinbare Liberalität des öffentlichen Lebens mit Demokratie zu verwechseln“, sagte mir ein tunesischer Freund.

Die EU hat am tunesischen Volk manches gutzumachen, doch leider hat sie sich auch nach dem Sturz des Diktators Ben Ali nicht mit Ruhm bekleckert. Das Europäische Parlament lehnte es eine Woche nach der Revolution ab, sich ohne Wenn und Aber hinter die Forderungen des Volkes zu stellen. Ein entsprechender Entschließungsantrag der Grünen und der Sozialisten wurde abgeschmettert. Und als wäre das nicht genug, stufte die internationale Rating-Agentur Moody’s das Rating von Tunesien herunter. In den Augen vieler Tunesier war das eine Ohrfeige: Nachdem sie es endlich geschafft haben, die Clique zu vertreiben, die das Land jahrelang ausgeraubt hat und nachdem sie auf dem besten Wege sind, eine Demokratie nach europäischem Vorbild zu werden, bestraft der Westen sie, indem er ihm höhere Zinsen für Kredite aufdrückt – Zinsen, die für die Tunesier in Zukunft weniger Sozialleistungen und höhere Steuern bedeuten werden.

Wie sollen wir all die Jahre des Schweigens und der Zensur hinter uns lassen“?, schrieb die tunesische Journalistin Asma Drissi kurz nach dem Sturz des Diktators auf facebook. „Ich stelle mir diese Frage immer wieder. Seit über zehn Jahren arbeite ich bei der Zeitung und ich war doch nie frei, über das zu schreiben, was in meinem Land geschah. Nun sitze ich hier, nach der Revolution, in der Redaktion. Mein Kopf ist leer und mein Herz fühlt sich riesig an. Ich weiss nicht, was ich schreiben soll. Ich weiss nur, dass ich alles tun will, damit unser demokratisches Projekt gelingt.“

Tunesien hat einen langen Weg in Richtung Demokratie vor sich, aber die hochgebildete und zivilisierte Bevölkerung hat das Potential, diese Herausforderung gut zu bewältigen. Ob sie dazu unbedingt einen tunesischen Vaclav Havel braucht? Und wenn es auch ohne ginge? Fakt ist, dass die EU und allen voran Frankreich und Deutschland jetzt die Chance haben, ihre Fehler der Vergangenheit gutzumachen. Sie täten gut daran, diese Chance zu nutzen. Deutschland und Frankreich müssen darauf drängen, dass sich die EU ohne Wenn und Aber hinter diejenigen Kräfte stellt, die einen wirklichen Neuanfang wollen. Gerade Deutschland mit seinen Erfahrungen aus zwei Diktaturen kann für die Tunesier auf ihrem Weg zur Demokratie ein interessantes Beispiel sein.

NEFAIS-Mitglied Martina Sabra begleitete von 1995 bis 2004 im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung Anti-Gewalt-Projekte der regimekritischen tunesischen Frauenorganisation ATFD. Von 2005 bis 2010 war sie mehrmals für journalistische Recherchen in Tunesien, unter anderem im Auftrag des Studienkreises für Tourismus e.V. (www.sympathiemagazin.de). Sie hat die jüngste Ausgabe des SympathieMagazins „Tunesien Verstehen“ redaktionell betreut.

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Zum Fest Pralinen statt Pest

Donnerstag, 9. September 2010 12:35

Ich hatte schon vor Erscheinen des Sarrazin-Buches das Gefühl, dass zu dem Thema alles gesagt war. Doch dann haben mich dieser Beitrag im Deutschlandradio und die Nachdenkseiten doch noch überrascht.

Ich habe das Buch übrigens gelesen - es war wirklich keine Bereicherung. Besonders ärgerlich fand ich, dass der Verlag mir nicht nur eine umweltschonende PDF-Version zugeschickt hat, sondern auch eine Hard Cover Version, die ich auf keinen Fall im Regal stehen haben wollte. Sollten Sie selbige auch zuhause liegen haben und sich nun fragen, was Sie mit dem Haufen Papier anfangen sollen, hier ein paar Vorschläge: Sie könnten einen Locher nehmen und lustigen Konfetti daraus stanzen. Oder praktische Papierhüte für die nächste Wohnungsrenovierung falten. Oder Papierschiffchen fürs Badefest mit den lieben Kleinen. Vielleicht halten Sie es aber auch mit Montalbans Krimiheld Carvalho und benutzen es zum Kaminanheizen.

Oder machen Sie es noch anders. Wählen Sie Pralinen statt Pest. Werfen Sie das Buch einfach in den Altpapiercontainer. Nutzen Sie die gesparte Zeit und gehen Sie in den nächsten Supermarkt. Kaufen Sie eine dicke Kiste Pralinen - vielleicht besser die ohne Alkohol - und schenken Sie sie ihren muslimischen Nachbarn zum Fest des Fastenbrechens. Das beginnt nämlich heute. Ach so, Sie haben keine muslimischen Nachbarn? Dann futtern Sie die Pralinen selbst und freuen Sie sich einfach mit. RAMADAN MUBARAK!

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Niebel ante Gaza

Sonntag, 20. Juni 2010 12:17

Rumms - das hat gesessen: Die israelische Regierung hat dem deutschen Entwicklungsminister Dirk Niebel am 20. Juni die Einreise nach Gaza untersagt. Mit deutschen Geldern errichtete Kläranlagen besichtigen? Kommt nicht in die Tüte. Da half es offenbar auch nichts, dass Niebel Vize der Deutsch-Israelischen Gesellschaft ist. Interessieren würde mich, ob  die Affäre sich auf Deutschlands Zusammenarbeit mit dem internationalen Kooperationszentrum des israelischen Aussenministeriums “Mashav” auswirkt. Die sollte ja eigentlich intensiviert werden. Pikante Entwicklung!

Interessant übrigens auch, wie unterschiedlich die Perspektiven ausfallen können. “Niebel legt sich mit Israel an”, titelte ein deutsches Leitmedium. Auf wessen Konto geht der “diplomatische Eklat” denn nun?

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Gaza, wo lag das noch mal?

Montag, 31. Mai 2010 10:09

3.6.2010

Rifat Audeh, der Kollege von den Amman Filmmakers (s. das Statement von Hazim Bitar in meinem Beitrag vom 31.5.) ist wohlbehalten nach Amman zurückgekehrt. Mehr hier

31.5.2010

Seit Monaten gab es in deutschen Medien kaum noch Berichte über die Entwicklungen in Gaza/Palästina. Auch die Auseinandersetzungen um die Hilfslieferungen auf Zypern in den Tagen vor dem Massaker waren in den deutschen Medien kein Thema. Das wundert kaum, angesichts der unglaublich hasserfüllten Hetzkampagnen sogenannter “Israelfreunde” gegen unabhängige, kritische Journalisten und angesichts der Tatsache, dass der Axel Springer Verlag seine MitarbeiterInnen bei der “Bild” und der “Welt” per Redaktionsstatut auf bedingungslose Solidarität mit Israel verpflichtet. Beide Blätter zusammen haben eine Auflage von über drei Millionen und erreichen täglich schätzungsweise 11 Millionen LeserInnen in Deutschland (nur Print, online nicht mitgerechnet). Da haben engagierte Informationsdienste wie EI oder bittere Zitronen kaum eine Chance.

Wären die KollegInnen hierzulande unabhängig, hätten sie die öffentliche Aufmerksamkeit statt auf Lenas Liedchen zwischendurch auch einmal in Richtung östliches Mittelmeer gelenkt: vielleicht wäre die internationale Gemeinschaft etwas früher aufgewacht und vielleicht hätte das sinnlose Töten verhindert werden können. Doch Leitmedien wie die “Welt” konzentrierten sich stattdessen darauf, Henning Mankell als Islamistenfreund und als Antisemiten zu brandmarken. Ein bodenloser Quatsch, aber anscheinend marktfähig. Peinlich, peinlich.

Die meisten MedienmacherInnen hierzulande stecken den Kopf in den Sand, statt professionell und realitätsnah über den Nahostkonflikt zu berichten. Die totale israelische Nachrichtensperre wird bislang weitgehend kommentarlos hingenommen, das Schicksal hunderter ENTFÜHRTER Menschen provoziert auch nach zwei Tagen so gut wie keine offiziellen Proteste. Kritische Nachfragen der Medien an israelische Offizielle oder Korrespondenten? Fehlanzeige.

Immerhin - einige sehr mutige KollegInnen widersetzen sich der kollektiven intellektuellen Selbstaufgabe. Chapeau!

Meine Anteilnahme und mein Mitgefühl gelten den Angehörigen derer, die für die Menschenrechte der PalästinenserInnen ihr Leben gelassen haben. Meinen Respekt zolle ich denen, die ihr Leben und ihre körperliche Unversehrtheit für die Freiheit der Menschen in Gaza riskiert haben.  Man sollte nun auch darüber nachdenken, wie man den Opfern und ihren Angehörigen praktisch helfen kann.

Und dann sollte man mit dem Sammeln für das nächste Schiff beginnen.

Martina Sabra

P.S. Der Filmemacher Hazim Bitar aus Jordanien sandte mir heute folgendes statement. Einer seiner Kollegen befand sich auf dem angegriffenen Schiff. Ich bin gespannt, was aus ihm geworden ist.

May 31, 2010

Friends,

Our deepest sympathies and sincere condolences to the families and loved ones of the humanitarian aid workers whose lives were cut short by Israeli piracy this morning in international waters outside the shores of the besieged Gaza strip. Nothing we say can express our horror at this crime.

We have lost contact with a fellow filmmaker from the Cooperative, who was on board the raided flotilla. Our heart goes out to his family in these difficult times.

We stand in solidarity with those courageous humanitarian aid workers who put their lives in harm’s way to bring humanitarian relief to the Palestinians of Gaza. We pray for the safe and speedy return of the remaining hostages who were captured and taken to Israel.

The civilized world must live up to its declared values not just in words but deeds to protect the lives of humanitarian aid workers everywhere and to bring an end to the siege which transformed Gaza into the largest open air prison for 1.5 million Palestinians. This comes after an Israeli invasion of Gaza which killed over 1400 Palestinians, most of them women and children.

From the Filmmakers of the Amman Filmmakers Cooperative

http://JordanianFilms.com


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Auszeichnung für Frauenorganisation in Marokko

Dienstag, 17. November 2009 12:54

Gute Nachrichten über die Beziehungen zwischen der islamischen und der westlichen Welt sind derzeit rar. Um so überraschter war ich, dass eine christliche US-amerikanische Stiftung jüngst zum ersten Mal eine Muslimin mit einem bedeutenden Preis geehrt hat. Der mit insgesamt 1,2 Millionen US-Dollar dotierte “Opus Prize” wird seit 2004 in den USA alljährlich an Persönlichkeiten verliehen, die sich auf religiöser Grundlage humanitär engagieren. Die Gründerin der marokkanischen Frauenorganisation “Solidarité Féminine“, die Sozialarbeiterin und Menschenrechtsaktivistin Aicha Chenna aus Casablanca wurde am 4.11.2009 in Minneapolis für ihre Arbeit mit unverheirateten Müttern und deren Kindern mit dem Hauptpreis in Höhe von insgesamt einer Million US-Dollar ausgezeichnet. Mit dem Geld soll nun eine Stiftung für Frauensolidarität gegründet werden. Ich habe aus Anlass der Preisverleihung eine Reportage für den Deutschlandfunk gemacht (Sendung Tag für Tag, 5.11.2009). Mit etwas Glück findet man die audiofile noch unter www.dradio.de.

Für diejenigen, die gleich an dieser Stelle mehr zum Thema lesen möchten, hier einige Eindrücke aus Casablanca zusammengefasst:

Mitten in Casablanca liegt der Hammam von Solidarité Féminine, ein hochmordenes Badehaus mit Frisiersalon und Fitness-Studio. An der Kasse begrüßt Nawal ihre Kundinnen gut gelaunt. So fröhlich war sie nicht immer: Als sie vor drei Jahren von ihrer Schwangerschaft erfuhr, war der Schock riesig. “Schwanger sein und nicht verheiratet, das ist h’chouma, eine Schande, und so ziemlich das Schlimmste, was einer jungen Frau in Marokko passieren kann”, erzählt die 20jährige. “Die Leute behandeln einen, als hätte man die Pest.”

Eine Abtreibung kam für Nawal nicht in Frage, trotz der harten Konsequenzen: Sie wurde vom Gymnasium geworfen. Weil das marokkanische Gesetz außereheliche sexuelle Beziehungen als Prostitution wertet, drohten ihr außerdem bis zu sechs Monate Gefängnis.

Doch die alleinstehende werdende Mutter fand Hilfe: Christliche Nonnen in Casablanca gaben Nawal den Tipp, sich an Solidarité Féminine zu wenden. Dort fand Nawal zum ersten Mal ein offenes Ohr für ihre Probleme. Die Sozialarbeiterinnen des Vereins sorgten durch ihre Kontakte zu den Behörden dafür, dass die drohende Haftstrafe in ein Bußgeld umgewandelt wurde. Sie halfen Nawal auch, ein Zimmer zu finden. Nach der Entbindung konnte die damals Siebzehnjährige eine Ausbildung zur Friseurin und Masseurin machen. Ihr kleiner Sohn wurde währenddessen im Betriebskindergarten von Solidarité Féminine betreut.

Mittlerweile leitet Nawal selbst junge Mütter an, die neu zu Solidarité Féminine kommen. “Für mich ist Solidarité Féminine wie eine Familie, und Aicha ist die Mutter”, erklärt sie.

Es sind solche Erfolgsgeschichten, die Aicha Chenna Kraft geben, weiterzumachen. 1985 gründete die gelernte Krankenschwester den Verein Solidarité Féminine – die erste Organisation für ledige Mütter in der islamischen Welt. Den Anstoß gab damals ihre Arbeit beim marokkanischen Sozialministerium. Fast täglich hatte Chenna dort mit Frauen zu tun, die ihre Babies zur Adoption freigaben, weil sie sich nicht in der Lage sahen, sie durchzubringen oder weil sie die “Schande” fürchteten. “Dabei waren die meisten Frauen für ihre Situation nicht selbst verantwortlich”, erzählt Aicha Chenna. “Viele unverheiratete Mütter kommen aus extrem armen Familien vom Land und sind teilweise mit sieben, acht Jahren als Haushaltshilfen in die Stadt verkauft worden. Die meisten können weder lesen noch schreiben, und viele werden extrem ausgebeutet und misshandelt. Sie fallen leicht auf den Erstbesten herein, der ihnen verspricht, sie herauszuholen. Werden sie dann schwanger, weist die Gesellschaft sie zurück. Diese Heuchelei finde ich unerträglich.”

Aicha Chenna hörte in Gesprächen immer wieder, dass betroffene Frauen ihre Kinder eigentlich gern behalten hätten. Doch um sich selbst und ihre Kinder über Wasser halten zu können, brauchten die Frauen ein Einkommen. Die Gründerinnen von Solidarité Féminine sannen auf eine Lösung: Warum sollten die Frauen nicht zunächst mit dem, was sie am besten konnten, Geld verdienen? Mit Kochen und Hauswirtschaft?

Gesagt, getan: 1986 eröffnete Solidarité Féminine in einem Arbeiterviertel von Casablanca die erste Garküche Marokkos, die ausschließlich von ledigen Müttern betrieben wurde. In den folgenden Jahren kamen zahlreiche weitere einkommenschaffende Projekte hinzu. Mittlerweile betreibt Solidarité Féminine vier Kioske, zwei Garküchen, einen Cateringservice, den Hammam mit Wellness-Zentrum sowie eine Schneiderei-Werkstatt. Außerdem gehören zwei Kinderkrippen zum Angebot. Gänzlich selbsttragend ist das Projekt allerdings noch nicht. Nach wie vor ist “SolFem” auf externe finanzielle Hilfe angewiesen. Unter anderem unterstützen Oxfam-Intermon und die feministische Schweizer Organsation Christlicher Friedensdienst (CFD) Aktivitäten von SolFem. Aicha Chenna hofft, dass der Geldsegen im Zusammenhang mit dem Opus-Preis der Organisation helfen werde, mehr auf eigenen Füßen zu stehen. “Am liebsten würde ich eine Stiftung gründen, für Frauensolidarität”, erzählt sie.

Solidarité Féminine wurde oft gelobt, aber auch hart attackiert. Konservative Kräfte behaupteten, Solidarité Féminine würde die Prostitution fördern und den Islam ruinieren. Freitagsprediger in Moscheen sprachen offene Drohungen aus. Doch Aicha Chenna lässt sich nicht einschüchtern. Die mehrfache Großmutter, die bereits vor Jahren nach Mekka pilgerte und die von Freunden deshalb auch „Hajja“, genannt wird, ist zugleich tiefreligiös und liberal. „Weltlich im Kopf und muslimisch im Herzen“ lautet ihr persönliches Motto. Dass die mittlerweile 68jährige nun für ihre jahrzehntelange, oft sehr harte Pionierarbeit mit den Schwächsten der Gesellschaft den hochdotierten Opus-Preis erhalten hat, ist nicht nur für Solidarité Féminine und alle ledigen Mütter in Marokko eine Ermutigung. Die Ehrung ist auch eine wichtige Botschaft gegen religiöse Intoleranz.

Martina Sabra

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Brief aus Köln

Donnerstag, 23. April 2009 18:15

Gruppenbild mit irakischen Flüchtlingen
… und die Rettung der katholischen Kirche

1

Vorletzte Woche wurde ich in Essen Zeugin einer denkwürdigen Rettungsaktion. Irakische Flüchtlinge ersparten den „Päpstlichen“ eine weitere Niederlage. Oder anders ausgedrückt: Das Bistum Essen schenkte den Glaubensbrüdern aus dem Zweistromland mal eben kurz eine Kirche. Es gab einen feierlichen Gottesdienst, flankiert von Rostbratwurst, Fassbier und levantinischen Dabke-Kreistänzen unterm Kreuz. Jetzt echt: Die Mischung hatte was.
Aber ich sollte kurz erklären, wie es dazu kam. Von den Hunderttausenden chaldäisch-katholischen Christen, die in den letzten Jahren aus dem Irak geflüchtet sind, haben sich rund 6500 in Deutschland niedergelassen. Die meisten scheinen wie ich eine Vorliebe für Essen zu haben, denn dort allein leben über 1000 chaldäische Katholiken. Diese Gemeinde, die einen eigenen irakischen Priester aus Bagdad hat, konnte für ihre Gottesdienste und ihre sozialen Aktivitäten jahrelang die Räume einer deutschen katholischen Gemeinde in Essen mitnutzen. Dort gab es Platz, weil auch in Essen immer weniger Menschen zur Kirche gehen, geschweige denn dafür bezahlen wollen. Mit der Konsequenz, dass schon mehrfach Gemeinden fusioniert und Kirchengebäude stillgelegt werden mussten.
Auch die Kirche in Essen-Katernberg-Beisen stand auf der Abschussliste. Der Unterhalt war zu teuer geworden, die Gemeinde zu klein. Da kam dem Ruhrbistum die rettende Idee: Warum sollte man das Gotteshaus nicht den Chaldäern überlassen? Und so geschah es. Mitte März 2009 konnten die lokalen und regionalen Medien zur feierlichen Übergabe nach Essen-Katernberg-Beisen eingeladen werden.
Die irakischen Christen sind froh über die neuen Räume. Ihnen war der Unterschlupf bei den deutschen Glaubensbrüdern und Schwestern nämlich zu eng geworden. Doch die eigentliche Gewinnerin bei diesem Akt scheinbar selbstloser Nächstenliebe ist die katholische Kirche. Denn die chaldäischen Katholiken bekommen nur den Priester bezahlt. Den teuren Unterhalt des Kirchengebäudes und des Pfarrhauses muss die chaldäische Gemeinde tragen. Gleichzeitig können die „Päpstlichen“ sich glücklich schätzen, die Niederlage der Stilllegung einer ihrer Kirchen verhindert zu haben. Herzlichen Glückwunsch! Mabruk!

2

Gestern war ich mal wieder eingeladen: Diesmal zum Gruppenbild mit irakischen Flüchtlingen. Nordrhein-Westfalens Integrationsminister Armin Laschet wollte in der Landeshauptstadt und Karnevalsmetropole Düsseldorf die frisch eingetroffenen irakischen Kontingentflüchtlinge öffentlichkeitswirksam begrüßen. Wir JournalistInnen waren aufgefordert worden, den Akt beispielloser Großzügigkeit in unserer Berichterstattung gebührend zu berücksichtigen.
Wirklich bewundernswert, dass Deutschland mit seinen 80 Millionen Einwohnern die Integration von insgesamt 2500 Menschen stemmt! Das ist doch was. Besonders beeindruckend wirkt die Zahl, wenn man weiss, dass das Mini-Königreich Jordanien mit seinen 6 Millionen Einwohnern und sein Nachbar Syrien mit 21 Millionen seit Jahren je eine knappe Million Irak-Flüchtlinge beherbergen.
Rund 80 000 Menschen aus dem Irak leben bisher in Deutschland, davon über 10 000 mit „ungeklärtem Aufenthaltstitel“. Als ich die Details über die geplante Luxus-Integration der Kontingentflüchtlinge las – „Alles eingetütet“, verlautbarten Kommunen und Kirchen, inklusive Sprachkursen, freier Wahl des Wohnortes, Arbeitserlaubnis und Kindergartenplätzen – als ich das las, musste ich an die irakischstämmigen Familien denken, die ich in den letzten Jahren im Rahmen mancher Reportagen im Rheinland und im Ruhrpott besucht habe. Immer wieder traf ich dabei verzweifelte, frustrierte Menschen. Manche hingen seit Jahren in der Asylschleife fest, wollten gern arbeiten, durften es aber nicht, und waren in die Sozialhilfe gezwungen worden.
Ich traf kurdisch-irakische Mädels, die hier in den Kindergarten und zur Schule gegangen waren, die in der örtlichen Fussballmannschaft kickten, und die nicht wussten, ob sie vielleicht vor dem Schulabschluss abgeschoben würden. Nach dem Sturz von Saddam Hussein 2003 wurde es noch schlimmer: Rund 20 000 bereits bundesweit anerkannte politische Flüchtlinge erhielten sogenannte Widerrufsandrohungen, Schreiben, in denen sie gefragt wurden, ob sie nach dem Ende der Diktatur nicht zurück in die Heimat reisen könnten. In einigen Fällen verschickten die Beamten in ihrem Übereifer nicht nur diese Briefe, sondern stoppten auch gleich alle laufenden Verfahren, die zur Arbeitserlaubnis, Einbürgerung oder sonst etwas hätten führen können. 14 000 Menschen sollen damals eine Aufforderung zur „freiwilligen Ausreise“ erhalten haben.
Als besonders krass habe ich eine fünfköpfige Familie in Bottrop in Erinnerung, die ich zuhause besuchte, und die mich in ihren halben Meter Aktenordner schauen ließ. Das Ehepaar war mit seinen drei Kindern seit sieben Jahren in Deutschland, sie hatten eine Wohnung, einen Job, ein Auto vor der Tür, und die beiden Großen gingen zum Gymnasium. 2005 hatte der Vater den ersten Brief vom Amt bekommen, mit der Aufforderung, in den Irak zu gehen, wenn er dort nicht mehr bedroht sei. Als ich das Ehepaar 2007 wiedertraf, waren dem Vater gerade die Arbeitsgenehmigung und der Pass entzogen worden. Er konnte nicht abgeschoben werden, aber er konnte sich auch nicht mehr aus seinem Viertel in Bottrop wegbewegen, geschweige denn arbeiten. In derselben Woche starb die Schwester der Frau in Bagdad bei einer Schießerei an einem Checkpoint.
Zwar wurde im Juli 2007 im Rahmen der sogenannten Altfallregelung ein Bleiberecht für lange in Deutschland lebende Flüchtlinge aus dem Irak verabschiedet. Damit konnte auch die genannte Bottroper Familie bleiben. Doch die Jahre, die sie in ständiger Angst vor der Abschiebung leben mussten, gibt der Bottroper Familie niemand zurück. Und viele Iraker, die nicht unter die Altfallregelung fielen, befinden sich immer noch im Schwebezustand der „Duldung“ – sprich: keine Arbeitserlaubnis, kein Studium, keine Zukunftsperspektive. Selbst Leute, die schon jahrelang hier gelebt haben und gut etabliert sind, müssen teure Anwälte engagieren, um aus diesem aufenthaltsrechtlichen Jammertal wieder rauszukommen.
Es heißt, dass seit 2003 insgesamt viertausend Asylbewerber „freiwillig“ aus Deutschland in den Irak zurückgegangen seien. Angesichts der vielen Beschränkungen, denen ein Teil der Flüchtlinge hier immer noch unterworfen ist, fragt man sich, wie „freiwillig“ sie tatsächlich gegangen sind.
Eine “neue Willkommenskultur” hat Herr Laschet den Flüchtlingen bei ihrem Termin in Düsseldorf angeboten. Die nur noch geduldeten, von Abschiebung bedrohten irakischen Flüchtlinge in NRW haben es sicher mit Interesse vernommen. Wenn Herr Laschet diese Menschen in sein Luxus-Integrationsprogramm mit aufnehmen würde, könnte ich es mir noch mal überlegen mit dem Fototermin in Düsseldorf.

Martina Sabra (4. April 2009)

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Zum Internationalen Frauentag

Freitag, 6. März 2009 9:09

Frauen in Arabien. ARABIEN. Wo liegt das? In Saudi-Arabien? Arabia Felix? Mann, Mann. Der Deutschlandfunk ist mein Lieblingssender. Aber konnte nicht irgendjemand den Onlinern von Big Mama rechtzeitig mitteilen, dass „Arabien“ auf keiner realen Landkarte existiert? Dass die arabische Halbinsel und Marokko ungefähr so viel gemeinsam haben wie Granada und Gdansk? Und dass ein PR-Text wie der, mit dem der Sender heute ein Feature zum Thema Frauenrechte ankündigt, in die Kategorie „Heiße Schnecken unter Schleiern“ gehört? Wahrscheinlich wird die Sendung gar nicht übel sein. Aber warum diese platte Ankündigung?
„Ya Habibti, nimm’s locker“, sagt mein Nachbar Monty trocken. Monty lebt wie ich in Mangalistan, einem ganz besonderen Stadtteil Kölns, über den ich in diesem Blog demnächst mehr erzählen werde. Monty ist cool, und sehr geduldig. Außerdem ist Monty Palästinenser und somit daran gewöhnt, dass in den Medien regelmäßig gefühlte neunundneunzig Prozent Blödsinn über sein Völkchen und dessen Probleme verbreitet werden. Auch wenn Palästina zum hundertmillionsten Mal fälschlicherweise unter „Arabien“ subsumiert wird; auch wenn zum hundertzwanzigmillionsten Mal behauptet wird, die Palis seien selbst schuld, wenn israelische Bulldozer ihnen die Häuser unterm Hintern wegreißen: Monty denkt langfristig. „Nichts ist ewig. Und was kümmert es die stolze Eiche, wenn sich das Borstvieh an ihr reibt?“
Hmmm. Klingt arg nach Galgenhumor. Ich weiß, dass Du manchmal nur noch schlafen willst, weil Du die Ohnmacht nicht aushältst, Monty. Aber irgendwie hast Du auch Recht. Man sollte sich nicht über FRAUEN in ARABIEN aufregen, sondern sich inspirieren lassen. Wie wäre es, wenn ich mich ab sofort „Tubantin“ nennen würde? Das klingt viel exotischer als „Deutsche“ und ein bisschen Historie wabert auch mit. Denn nicht nur der Name des Fussballclubs FC Twente - nein, auch der Name meiner niederländisch-deutschen Sippe väterlicherseits geht mit allergrösster Wahrscheinlichkeit auf die Tubanten zurück. Selbige waren laut Tacitus Stammeskrieger aus Ostholland, die sich zu Beginn unserer Zeitrechnung wacker mit den Römern kloppten. Also: Keine Scheu vor Klischees! Unsere LeserInnen kapieren das sonst nicht! Nenn mich Tubantin!

Wenn Ihr trotz allem immer noch nicht die Nase voll habt vom Thema „Frauen in Arabien“: Eine dreiteilige Publikationsreihe, zu der ich jüngst auch beitragen durfte, informiert en détail und ohne Anspruch auf Vollständigkeit über die rechtliche Diskriminierung und über Gegenstrategien von Frauen in ausgewählten Ländern der Region Nahost/Nordafrika: Auf dem Weg zu einer verbesserten Rechtswirklichkeit, Strategien und Instrumente gegen rechtliche Diskriminierungen von Frauen in der arabischen Welt (Studie der gtz).

Bis denn

Martina Sabra

Thema: Notizen aus Mangalistan | Comments Off | Autor: Martina Sabra