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Kairos Müllpyramiden

Sonntag, 15. März 2009 16:15

Meine Erkundungstour durch Kairo soll mich heute nicht zu den berühmten und beliebten Orten der Millionenstadt führen. Gegenüber der von vielen Touristen besuchten Zitadelle, die am östlichen Rand der ägyptischen Hauptstadt thront, biege ich ab und entferne mich von den vielbefahrenen lauten Straßen. Der Weg wird enger und zusehends verschmutzter.

Ich trete durch ein Tor und stehe in einer fremden neuen Welt: „Manshiet Nasser“. Die vertrauten Gerüche Kairos sind nun von einem anderen überlagert: dem Müllmief. Die Abfallpyramiden sind allgegenwärtig, sie türmen sich am Straßenrand, vor den Häusern und sogar in den Häusern auf. Sie verströmen einen schwer auszuhaltenden Gestank von Fäulnis und Verwesung. Entgeistert bewege ich mich vorwärts durch das bunte Treiben. Der Weg ist mittlerweile nicht mehr befestigt und sehr schmal, trotzdem wird er stark genutzt. Der Verkehr besteht aus Pickups, hoch beladen mit Müllsäcken, oder Eselskarren, die ebenfalls Abfall transportieren.

Ein Blick in die Häuser lässt mich erstarren, in den dunklen Räumen hocken Menschen mitten im Unrat. Sie sortieren den Kehricht, der von den Müllmännern nachts in Kairo gesammelt wird. 80 Tonnen Müll sollen sie täglich nach Manshiet Nasser bringen. Ich sehe ungeheure Müllmassen in diesem Viertel und glaube die Zahl. Alle Bewohner der abgeschirmten Gegend scheinen sich an der Abfallentsorgung zu beteiligen. Mitten in einem Haufen aus Bananenschalen und anderen organischen Resten sitzt eine Frau im Alter meiner Großmutter. Routiniert sucht sie Wiederverwertbares und Futterreste für ihre Tiere aus dem Müllberg heraus. Mich beeindruckt die Disziplin, mit der sie sich weder von den Ausdünstungen, noch vom vergammelten Zustand des Abfalls irritieren lässt. Mir dreht sich allein beim Hinsehen der Magen um.

Auch die ganz Kleinen unterstützen ihre Familien. Ich erkenne einen Jungen, der höchstens im Kindergartenalter sein kann. Er sitzt neben seinem Vater und zerbricht mit ihm Plastik in kleine Stücke. Vor ihm liegt bereits ein großer Haufen. Das Augenmerk der Müllmenschen ist auch auf Papier, Blech und Glas gerichtet, denn diese Materialien lassen sich recyceln. Der Verkauf der sortierten Ware stellt die Haupteinnahmequelle der Menschen in Manshiet Nasser dar.

Viele Kinder begegnen mir auf meinem Weg durch den Müll. Ob sie wohl zur Schule gehen? Oder werden sie ihr ganzes Leben im Müllviertel verbringen, das seit 40 Jahren besteht? An vielen Häusern kann ich Heiligenbilder und Kreuze erkennen. Dort wohnen die christlichen Kopten, welche die Mehrheit der Müllmenschen ausmachen. In den Hinterhöfen halten sie vor allem Schweine, aber auch Ziegen, die von Bioabfällen leben.

Bald stelle ich fest, dass das Leben im Abfallquartier wie in jedem anderen Teil Kairos ist. Es gibt Bäckereien, Handyläden und gutbesuchte Schischa-Cafés. Die Vorstellung, dass man dort sitzt und einen Tee genießen kann, scheint mir abwegig. Ich könnte den widerlichen Gestank des Mülls, die Rattenkadaver am Straßenrand oder den totgefahrenen, blutüberströmten Hund mitten auf dem Weg nicht einfach ignorieren. Doch den Menschen hier scheint das möglich zu sein: Einige Kinder spielen ausgelassen auf einer ausrangierten Schaukel, die großen Mädchen lauschen der Musik aus ihren Handys, tuscheln und kichern. Das Leben der Bewohner spielt sich im Müll ab, sie arbeiten, lieben, gebären, erkranken und sterben im Müll.

Während ich, immer noch benommen, zurück auf den großen Straßen Kairos den plötzlich frisch erscheinenden Duft von Abgasen und Staub einsauge, wird mir eins klar: Die Menschen in Manshiet Nasser haben meine Hochachtung für das, was sie jeden Tag leisten.

Magdalena Suerbaum

Magdalena Suerbaum ist im März 2009 Volontärin bei Kristina Bergmann (NZZ) in Kairo. In der Gastrubrik von NEFAIS.net berichtet sie während dieser Zeit aus Kairo. Im Müllviertel war sie dreimal - vielleicht mehr als jeder andere Journalist am Nil.

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Brief aus Gaza

Donnerstag, 19. Februar 2009 16:04

Raeds Geschichte

Am Ende habe ich es doch bis nach Gaza geschafft. Als ich Mitte Januar nach Israel reiste, um im ARD-Hörfunk-Studio in Tel Aviv auszuhelfen, war nicht klar, ob die israelische Regierung den Gazastreifen für Journalisten wieder öffnen würde. Seit Beginn der Militäroffensive hatten die ausländischen Reporter in Israel darauf gewartet, die Grenze passieren zu dürfen, um mit eigenen Augen das zu sehen, worüber sie drei Wochen lang täglich berichten mussten. Doch schließlich beugte sich die israelische Regierung dem Druck der internationalen Presse und der Entscheidung des Obersten Gerichts des Landes und ließ ausländische Journalisten – eine knappe Woche nach Beendigung der Kämpfe - wieder ohne Einschränkung nach Gaza. Und so konnte ich zum ersten Mal seit einem Jahr wieder in den kleinen elenden Landstrich einreisen, an den ich mein Herz gehängt habe.
Raed holte mich am Grenzübergang Erez ab. Raed, der Taxifahrer, Bodyguard und lokaler Mitarbeiter für ausländische Journalisten, ist über die vielen Jahre, in denen ich mit ihm gearbeitet habe, auch zu einem Freund geworden.
Er versuchte ein kleines Lächeln, das ihm jedoch nicht so richtig gelingen wollte. Wir stiegen in den klapprigen Mitsubishi, den er sich geliehen hatte, denn sein stolzes gelbes Taxi gibt es nicht mehr. Es lag plattgewalzt neben den Trümmern seines Hauses.

Während der Dauer der israelischen Offensive hatte ich keinen Kontakt zu Raed. Über gemeinsame Freunde erfuhr ich, dass er lebt, und dass er sich mit seiner Familie in Sicherheit bringen konnte.
Erst am Tag nach dem Beginn des Waffenstillstands konnten wir wieder telefonisch miteinander sprechen. Als ich ihn erreichte, stand er gerade auf den Trümmern seines Hauses in Jebalya. Er war fassungslos. „Mein Haus ist weg“, sagte er. „Es ist weg, einfach weg. Es ist nichts mehr da.“ Und verzweifelt fügte er hinzu: „Kannst Du uns helfen? Bitte, kannst Du uns ein Zelt schicken?“
Raeds Haus war zerstört, das Haus seiner Eltern und seines Bruders auch. Sein Taxi war von einem israelischen Panzer zermalmt worden. Das alles wusste ich schon aus unseren Telefongesprächen und von den Beschreibungen meiner Kollegen, die vor mir in Jebalya waren und Raed und seine Familie besucht hatten. Trotzdem war ich auf den Anblick, der sich mir bot, als wir in das Viertel Abed Rabbo in Jebalya fuhren, nicht vorbereitet. Es sah wie nach einem Erdbeben aus. Links und rechts der Staubpiste, die einmal eine Straße gewesen war, gab es nur noch Ruinen. Überall liefen Menschen herum, ziellos, wie in Trance. Manche suchten in den Trümmern ihrer Häuser nach noch verwertbaren Gegenständen, andere schichteten die wenigen unbeschädigten Steine auf, die man wieder verwenden können würde. In den Ruinen hatten die Obdachlosen sich notdürftig Hütten gebaut, in denen sie Schutz suchten vor der nächtlichen Kälte. Gott sei Dank ist dieser Winter trocken.
Auch Raed hat zusammen mit seinen Brüdern eine kleine Hütte gebaut.
Dort, auf den Ruinen seines Hauses, erzählte er mir seine Geschichte. „Am Tag, an dem der Krieg ausbrach, arbeitete ich für das australische Fernsehen. Ich war früh aufgebrochen und hatte einen Kameramann abgeholt, um zu drehen. Am Abend kehrte ich nach Hause zurück. Überall um mich herum schlugen die Raketen ein, es war kein Mensch mehr auf den Straßen. Drei Tage verbrachten wir in unserem Haus, meine Frau, unsere sieben Kinder und ich. Wir hatten weder Strom, noch fliessend Wasser. Nach drei Tagen war auch das Wasser in den Flaschen aufgebraucht. Wir wussten nicht mehr, was wir tun sollten. Da kam meine Mutter und rief uns zu sich. Wir liefen schnell hinüber in das Haus meiner Eltern.“
Raed zeigte auf das Trümmerfeld nebenan. Dort stand früher das zweistöckige Haus seines Vaters.
Im Februar 2007, wenige Monate nach einem fatalen israelischen Raketenangriff, bei dem 18 von Raeds Angehörigen getötet worden waren, war die Familie vom benachbarten Beit Hanoun hierher gezogen. Raeds Vater Majdi baute ein neues Haus und auch Raed und seine Brüder investierten ihre Ersparnisse, um eine Heimat zu finden und ein neues Leben zu beginnen. „Es war so schön hier, in unserem Viertel“, erzählte Raed. „Wir hatten Bäume und Blumen und eine schöne Straße. Wirklich, es war schön bei uns.“
Trostlos stapfte er nun durch die Trümmer seines Hauses. Hier war nichts mehr zu retten. Zerbröselnder Beton unter unseren Füßen, dazwischen verbogene Eisenstangen, Kleiderfetzen und Reste von Munition. Raed zog ein zerfetztes rosa Kleidchen zwischen den Betonbrocken hervor. „Schau mal“, sagte er. „Das hatte ich für meine kleine Tochter gekauft. Sie trug es so gern.“ Ein bisschen weiter weg ragte ein zerbeultes weißes Blech aus den Trümmern hervor. „Das war unsere Waschmaschine. Es war ein gutes Gerät, mit Trockner. Wo soll ich nun eine neue Waschmaschine herbekommen?“ Und schließlich fand er sogar das schwarze Plastikmäppchen, in dem seine Autopapiere waren. Es war leer und zerrissen, aber er drückte es an sich wie einen Schatz.
„Elf Tage hielten wir hier die Offensive aus, erst in meinem Haus, dann im Haus meiner Eltern“, fuhr Raed fort. „Wir trauten uns kaum, aufzustehen, denn uns gegenüber hatte sich eine israelische Einheit verschanzt. Sie hatte einen Scharfschützen auf dem Dach platziert, der uns unter Beschuss nahm. Elf Tage lagen wir auf dem Boden, es war die längste Zeit meines Lebens, es war wie elftausend Tage. Nein, es waren elftausend Jahre. Elftausend Jahre Angst.“
Doch irgendwann ging es nicht mehr. Als die Truppen begannen, das Haus mit Granatfeuer zu belegen, beschloss die Familie zu fliehen.
„Wir liefen mit einer weissen Fahne und mit erhobenen Händen hinaus. Wir hatten nicht einmal Zeit, Schuhe anzuziehen oder irgendetwas einzupacken.“ Nur die Männer hatten ihre Ausweise dabei, die sie nun in die Höhe hielten.
Die Familie floh in eine UN-Schule. Dort verbrachte sie die Zeit bis zum Ende des Krieges. Es waren weitere traumatische Tage unter Bomben und Raketenbeschuss, ohne Privatsphäre und ohne echten Schutz. Denn auch die Schulen der UNRWA blieben nicht von israelischen Angriffen verschont.

Als die Kämpfe vorüber waren, kehrte Raed in sein Viertel Abed Rabbo in Jebalya zurück. Doch er erkannte es nicht mehr wieder. Wo sich vorher die Häuser aneinander gereiht hatten, erstreckte sich jetzt ein endloses Trümmerfeld.
Und nun? Nun wohnen die Frauen und Kinder der Großfamilie verstreut bei den Verwandten, die es nicht so schlimm getroffen hat. Die Männer halten Wache auf dem Grundstück und warten. Worauf? Dass sie ihre Häuser wieder aufbauen können. Doch dafür brauchen sie Baumaterial, Zement, Stahl und Sand. Und das kommt nicht. Israel und Ägypten halten die Grenzen geschlossen. Nur humanitäre Nothilfe wird – in beschränktem Umfang - in das Gefängnis Gazastreifen eingelassen.
Ich aber musste dieses Gefängnis wieder verlassen. Als ich den Grenzübergang Erez zurück nach Israel passierte, fragte ich mich, wann ich wohl das nächste Mal nach Gaza kommen würde. Vielleicht sollte dies ja das letzte Mal gewesen sein. Denn anders als in jedem Hochsicherheitsgefängnis dieser Welt gibt es für Gaza keine geregelten Besuchszeiten.

Bettina Marx

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Was Neues mit den Türken?

Dienstag, 10. Februar 2009 15:29

Der «Ehrenmord-Tatort» war durchaus wert, gesehen zu werden. Eigentlich war er wie alle «Tatorte»: Angenehm anspruchsvoll und spannend und bis zum Schluss blieb unklar, wer eigentlich der Mörder war, und als es endlich rauskam, war es überraschend und logisch zugleich.

Etwas war jedoch ganz anders als in den meisten Krimis: Es ging um Türken und ihre Familienehre. Der «Tatort» hat sich schon mehrmals mit der Thematisierung von Migranten und ihren Problemen in die Nesseln gesetzt. Auch diesmal wird es bald Proteste hageln.

Dabei haben sich die beiden Autorinnen um Differenziertheit bemüht. Es geht nicht um einen «normalen Ehrenmord» in einer «typischen türkischen Familie». Im Gegenteil: Die vorkommende türkische Familie ist wohlhabend und geschäftstüchtig. Das lässt darauf schliessen, dass man inzwischen in Deutschland gemerkt hat, dass es «die Türken» gar nicht gibt, sondern es sich um unterschiedliche Personen handelt, die in voneinander getrennten Schichten leben. Eines der Opfer ist eine türkische Anwältin, noch dazu eine Lesbe. Wie bitte, das sei übertrieben und provozierend? Naja, wie man’s nimmt. Kürzlich hat «Arte» einen Dokumentarfilm über muslimische Homosexuelle gesendet, und ein Pärchen waren türkische Lesbierinnen. Das gibt es also - wie auf der ganzen Welt halt.

Auch das andere Opfer war besonders, und gleichzeitig in Deutschland vermutlich längst Alltag: eine hübsche junge unverschleierte türkische Ärztin. Sie und ihre Landsleute sprachen übrigens hervorragend Deutsch.

Die beiden Kommissare, eine Frau und ein Mann, bemühten sich, abseits aller Vorurteile zu untersuchen. Doch trotz der Spannung, des objektiven Einsatzes der Polizisten und der Vielfalt der Protagonisten gab es auch Klischees. Und zwar auf türkischer Seite. Das verwunderte mich. Ich kenne die Türken in Deutschland allerdings kaum und kann deshalb nicht beurteilen, ob sie tatsächlich so konservativ-traditionell wie in «Familiendarstellung» argumentieren: «Wir haben halt Werte», «Bei uns zählt die Familie noch» etc. Und wenn das so ist, hat sich dann Seyran Ates (eine der Autorinnen) bemüht, möglichst ehrlich und letzlich ehrlicher als die deutsche Schreiberin zu sein?

Mir fiel auf, dass auf türkischer Seite Dinge vorkamen, die den Vorstellungen, die Deutsche von Türken haben, entsprechen. So mokierte man sich in der türkischen Familie mehrmals über die Türkischkenntnisse des Kommissars. Und ärgerte sich darüber, dass die Polizisten ganz konventionell einen Bruder der einen Toten als Mörder verdächtigten. Weiter wurde der nicht mehr jungfräulichen Braut das Hymen geflickt…

Vielleicht sind das gar keine Vorurteile und die Darstellung entspricht der Realität. In Ägypten ist die Reparatur des Jungfernhäutchens jedenfalls gang und gäbe. Der «Brauch» ist dermassen üblich, dass sich der Grossmufti bemüssigt fühlte, die Operation abzusegnen. Ein beratender Scheich, den ich zu der (Un-)sitte befragte, meinte: «Unsere Gesellschaft ist nicht reif, die Wahrheit, nämlich dass die meisten Mädchen heute nicht mehr Jungfrau sind, zu ertragen.» Und zum Schutz der jungen Frauen sei es deshalb besser, den Eingriff beim Arzt zu erlauben…

Es könnte sein, dass die ägyptische Gesellschaft und die türkische (egal ob in Deutschland oder in der Türkei) an der gleichen Krankheit leiden. Nämlich, dass sie Veränderungen und Modernisierungen nicht ertragen können und sich krampfhaft an die Traditionen klammern, die ihnen Sicherheit und die Verwirklichung eines einfachen Traums vom Glück zu versprechen scheinen.

Die beiden Mordopfer in dem «Tatort», nämlich die fortschrittliche Ärztin und die Anwältin, machten überdeutlich, dass die Moderne unter den Türken längst eingezogen ist. Und dass sich Hinterwäldler endlich damit auseinandersetzen müssen! In diesem «Tatort» war die Mörderin eine Frau, die sich ebenso wie manche Männer an die alte, scheinbar heile Welt klammerte. Das gibt es auch, und längst nicht immer sind Männer an der Starrheit verschiedener Gesellschaften schuld. So haben in Afrika Frauen die Genitalverstümmelung junger Mädchen fest in der Hand.

Es ist immer ein Trugschluss, wenn eine oder einer glaubt, sie oder er könnten die Vergangenheit mit Gewalt festhalten. Und so war es nur folgerichtig, als die Kommissarin die Mörderin fragte: «Mädchen, in was hast du dich da verrannt?»

Kristina Bergmann

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Grenzerfahrungen

Freitag, 6. Februar 2009 16:27

Brief aus Kairo

Eben rief ein alter Bekannter an: Ahmed Mansur. Er klang müde und zerknirscht. Er habe aufgegeben, sagte er. Eine Woche Rafah, das sei genug. „Jeden Tag sahen wir Journalisten-Kollegen die Grenze nach Gaza passieren, nur mein Kollege Ghassan Ben Giddo und ich, wir durften nicht durch. Und dass, obwohl wir die gleichen Papiere hatten wie alle anderen“. Es frustrierte ihn besonders, dass er die Behörden nicht einmal dazu brachte, ihm eine offizielle Begründung für das Ausreiseverbot zu geben. Dabei ist Mansur doch für seine geschickten Fragen bekannt. In seiner Sendung „Ohne Grenzen“ grillt der Al-Dschasira-Moderator Woche für Woche die Mächtigen der Region, und so manchen entlockte er Dinge, die diese wohl lieber nicht gesagt hätten. Das Schweigen des Grenzoffiziers war insofern eine zusätzliche Niederlage.
Auch wenn Mansur die Antwort nicht gesagt bekam, so lag sie auf der Hand:
Das offizielle Ägypten ist sauer auf Al-Dschasira. Schließlich wies der Sender in den Tagen des Krieges von Gaza immer und immer wieder darauf hin, dass sich die ägyptische Regierung zu wenig für die Palästinenser einsetze, und dass sie mit der Schließung der Grenze zum Gazastreifen das Leiden der Menschen dort verstärke. Dass die Rolle Ägyptens von den Demonstranten in der ganzen Region so sehr kritisiert wurde, war sicherlich Al-Dschasiras Verdienst. Was andere Journalisten als albern belächelten, nämlich dass der Al-Dschasira-Korrespondent Ahmed Mansur auf dem Dach der EBU in Ägyptisch-Rafah in voller Kriegsmontur, inklusive Stahlhelm und Schutzweste, stand, fanden staatsnahe Kollegen gar nicht witzig. Er suggeriere den Zuschauern, dass auch Ägypten Kriegsgebiet sei, und das sei Meinungsmache, lautete die Kritik einer Journalistin der ägyptischen Tageszeitung Al-Ahram.
Die israelische Regierung reagierte noch allergischer auf Al-Dschasira. Sie hat jetzt einen neuen Boykott gegen den Sender und seine Reporter verhängt. Den Journalisten, die keinen israelischen Pass haben, soll das Visum nicht mehr verlängert werden, Al-Dschasira wird nicht mehr zu offiziellen Pressekonferenzen zugelassen, und nur noch einige ausgewählte Regierungssprecher stehen für Interviews zur Verfügung. Dem Sender wird schon länger vorgeworfen, einseitig für die Hamas Partei zu ergreifen. Ausserdem ist der Boykott eine Reaktion darauf, dass das israelische Handelsbüro in Qatar von dessen Regierung - die ja auch Al-Dschasira finanziert - geschlossen wurde.
Sicherlich war es den ägyptischen Beamten darüber hinaus eine besondere Freude, gerade Ahmed Mansur den Ausreisestempel zu verweigern. Er steht wie kaum ein anderer für die - sagen wir es höflich - engagierte Linie von Al-Dschasira. Er ist dafür bekannt, dass er mutig ist, und dass er eine Meinung hat. „Ich halte objektiven Journalismus für eine Illusion. Ich habe als Journalist die Pflicht, mich auf die Seite der Schwächeren zu stellen. Ich muss die Verbrechen benennen, sonst mache ich mich zum Mittäter“, sagte er vor einiger Zeit, als wir uns in Berlin trafen. Ahmed Mansur ist einer der „Gründe“, wieso Al-Dschasira seit Jahren kein Büro mehr in Bagdad hat.
Er berichtete als einziger ausländischer Journalist von den Kämpfen in Falludscha im Frühjahr 2004, und die Art zu berichteten ging auch vielen seiner größten Fans zu weit. „Auch Freunde sagten mir hinterher, dass sie verstehen könnten, dass ich sehr emotional auf das Schreckliche, was ich dort gesehen habe, reagierte, aber ich sei doch etwas weit gegangen“, räumt er selbst ein. Seine Live-Kommentare wurden von vielen Zuschauern als Aufrufe zum Dschihad verstanden. Kurz danach wurde das Al-Dschasira-Büro in Bagdad geschlossen. In der Folge wurden in Washington Pläne geschmiedet, den Sender in Qatar zu bombardieren. Ahmed Mansur ist zudem eine der „Ursachen“, dass dem Sender Nähe zur Muslimbruderschaft nachgesagt wird. Er steht mit seiner Parteinahme und seiner panarabisch-, populär-, islamisch-, regierungskritischen Linie für das, was derzeit wohl Mainstream des politischen Teils der sogenannten Arabischen Strasse ist. Mansur spiegelt die Stimmung wieder, die er selbst mitprägt.
Ein anderer Journalist hat sich Ahmed Mansurs Rafah-Erfahrung der vergangenen Woche erspart: Magdy Hussein, Chefredakteur der verbotenen ägyptischen Zeitung „Al-Shaab“ und Autor der nicht ganz seriösen Wochenzeitung „Sawt al-Umma“, hatte sich auf eigene Faust nach Gaza aufgemacht. „Er wusste, dass er keine Aus- und Einreisegenehmigung bekommen würde, deswegen hatte er sie gar nicht beantragt“, sagt Sawt al-Umma-Chef Abdel Halim Qandil. Ob Magdy Hussein tatsächlich durch einen der Schmugglertunnel gekrabbelt ist, wie ihm vorgeworfen wird, oder ob er eine Lücke im Grenzzaun fand, wie er selbst sagt, ist unklar. Sicher ist, dass er am Ende seiner Reise vergangene Woche am Grenzübergang Rafah eintraf und bei der Einreise nach Ägypten verhaftet wurde. Seit gestern steht er vor dem Militärgericht.
Es verwundert nicht, dass die ägyptische Regierung mit Ahmed Mansur und Magdy Hussein ein Hühnchen rupfen will. Auch Magdy Hussein steht für scharfe Kritik an der Regierung und populistische Berichte. Was allerdings erstaunt, ist, dass Kairo so ungeschickt ist, es wirklich zu tun. Eigene Erfahrungen und die der Amtskollegen in den Nachbarstaaten haben doch gezeigt, dass diese Art Drangsalierung von Journalisten nur dazu führt, dass sie mehr Gehör finden und an Glaubwürdigkeit gewinnen. Ahmed Mansur zumindest wird seine Sendung nächste Woche aus Kairo statt aus Gaza moderieren, und ein gutes Thema hat er auch schon. „Eigentlich wollte ich über die Situation in Gaza sprechen, aber jetzt werde ich mich wohl auf die Rolle Ägyptens konzentrieren“, sagt er und klingt gar nicht mehr so frustriert.

Julia Gerlach

PS. Ich persönlich bin den ägyptischen Beamten regelrecht dankbar. Nun kann ich mit Ahmed Mansur Tee trinken. Über die Objektivität im Journalismus lässt sich schließlich nach jedem Krieg immer wieder neu diskutieren. Nach dem im Gazastreifen ganz besonders.

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Brief aus Kairo

Freitag, 16. Januar 2009 15:25

Mach mich nicht an

Kürzlich habe ich Noha Rushdi besucht. Waaas, Ihr wisst nicht, wer das ist? Naja, ausserhalb Ägyptens ist Noha vermutlich gar nicht bekannt…

Hier wird sie stark beachtet, und deshalb war ich erstaunt, sofort einen Termin bei ihr zu bekommen. Wenn in Ägypten jemand nämlich ein klein wenig berühmt ist, nimmt er das Telefon kaum noch selbst ab und vertagt Rendez-vous’ auf kommendes Jahr. Noha wollte mich hingegen gleich sehen. Noch dazu in Maadi (in dem Kairoer Vorort, wo ich wohne).

Noha war bei ihrer Mutter. Sie ist 27 Jahre alt und lebt sonst allein. Klingt normal, ist es aber in Ägypten nicht. Dort bleibt man bei seinen Eltern, bis man heiratet. Noha tickt aber anders. Sie wohnt nicht nur unverheiratet in einer eigenen Wohnung, sondern auch ein ganzes Stück von ihrer Mutter und ihrem Vater entfernt.

Als ich klingelte, machte die Mutter auf. Auch die lebt allein und ist von ihrem palästinensischem Mann geschieden. Sie ist Ägypterin, wirkte auf mich mit ihrem straff zurück gekämmten Haar und ihrer scharfen Nase aber wie eine Spanierin. Sie war sehr freundlich und brachte mich in Nohas früheres Kinderzimmer. Die Arme lag mit einer Erkältung im Bett.

Noha Rushdi krank im Bett (Bild: Kristina Bergmann)

Schnupfen und Husten, die Noha ganz schön krächzen liessen, waren nicht der Hauptgrund für ihre Heimkehr. «Meine Mutter hat Angst um mich. Vielleicht habe ich selbst auch Angst. Jedenfalls bleibe ich ein paar Tage hier», sagte Noha und zog verlegen die Schultern hoch.

Die junge Regisseurin hat gerade einen Prozess gewonnen. Und zwar gegen einen Anmacher. Zum ersten Mal in Ägypten bekam damit eine Frau, die gegen einen handgreiflichen Buhler vor Gericht zog, recht. Der Mann, ein Fahrer, musste ins Gefängnis und eine Strafe zahlen.

Die Geschichte von Noha stand in allen Zeitungen, und ich kenne sie. Trotzdem liess ich sie mir nochmal erzählen. Nicht zuletzt, weil es gut tut, einen dieser vielen miesen Lüstlinge bestraft zu wissen…

«Ich war auf der Strasse, hatte beide Hände mit meinem Computer und Taschen voll, als mich plötzlich ein Pick-up an die Hauswand drückte, der Fahrer seine Hand aus dem Fenster streckte und brutal in meine Brust kniff. Dann fuhr er weiter und lächelte mir triumphierend aus dem Rückspiegel zu. Das wirkte auf mich wie ein Signal. Ich liess alles fallen und rannte hinter ihm her. Ich sprang auf die Kühlerhaube. Er fuhr rückwärts, um mich abzuschütteln. Ich fiel runter und klammerte mich an den Türgriff des Pick-ups - bis der Fahrer endlich anhielt», erzählte Noha mit heiserer Stimme.

Anschliessend hätten sich Leute um die beiden gesammelt. Sie wollten helfen und würden den Typen verprügeln, wenn Noha das wünsche, hätten sie gesagt und die Ärmel hochgekrempelt. Nein, habe Noha geantwortet, sie wolle zur Polizei und den Fahrer anzeigen. Warum, wieso, das bringe doch nichts, habe das Publikum gebrüllt. Doch Noha blieb hart. Ein einziger junger Mann habe sie verstanden und ihr geholfen, den Grobian zur Polizeiwache zu zerren.

Der Polizist habe zuallererst gefragt, wo ihr Vater sei, fuhr Noha grinsend fort. Eine Frau, noch dazu eine junge, zähle in Ägypten nicht als vollwertiger Mensch und könne nach Volksmeinung allein kein Protokoll abgeben. Noha liess ihren Vater kommen. Offenbar weiss sie, was in Ägypten geht und was nicht und auch, was sie will.

Schliesslich kam es zum Prozess. Weder Nohas Eltern, noch ihre Freunde und Sympathisanten hatten für möglich gehalten, dass Noha den gewinnen könnte. Und dass der Anmacher so streng bestraft würde. «Das ist wie ein Traum», sagte ihre Mutter zu mir. Doch die Rache an Noha würde fürchterlich sein, meinte sie nachdenklich.

«Was war denn das Schlimmste bei der ganzen Sache», fragte ich Noha, während ich auf ihrem Bett sass. Am meisten habe sie geärgert, dass ihr nur einer half, den Fahrer zur Polizei zu schleppen, antwortete Noha. Und dass die übrigen Passanten gesagt hätten: Ach komm Mädchen, Anmache ist doch normal, nimm’s nicht so tragisch!

Die erkältete Noha seufzte, strich sich die Haare aus dem Gesicht, legte die Hände auf die Bettdecke und hustete.

Danach verabschiedete ich mich. Ich war von Noha, aber auch von ihrer Mutter beeindruckt. Die beiden sind toll. Ich selbst finde im Nachhinein am schlimmsten, dass letztere recht behalten sollte. Eine Anwältin kippte am folgenden Tag nämlich um und erklärte, Noha sei gar nicht angemacht worden. In Wahrheit sei sie eine Palästinenserin ohne Pass, die Ägypten nur schlecht machen wolle. Vermutlich habe Noha den armen Fahrer drangsaliert; man müsse sie deshalb so schnell wie möglich ausweisen. Am Nil habe DIE jedenfalls nichts zu suchen.

Kristina Bergmann

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Namen sind Zufall

Donnerstag, 15. Januar 2009 10:49

Ich heisse Kristina. Mit K, i, i und a. Das ist ungewöhnlich, und deshalb diktiere ich meinen Namen oft. Für meine Mutter war das die «schwedische Schreibweise», und die fand sie besonders chic. Manche kapieren’s dennoch nicht und schreiben Christina, Kristine, und in der Schweiz nennen mich ein paar Kollegen «Chch-ri-schtiina». Ich widerspreche nicht, denn jeder muss selbst wissen, was er tut.

Würde ich mich statt mit i mit y schreiben, wäre ich vermutlich in Polen geboren. Das wäre nicht sooo unwahrscheinlich, immerhin stammen viele meiner Vorfahren von dort. Die meisten waren Ostdeutsche, einige hatten aber auch polnisches oder gar russisches Blut. Das hört man aus dem Namen meiner Grossmutter mütterlicherseits - «Baldin» - heraus. Sie heiratete einen «Helmchen» - toller Name - auch damals, weswegen meine Mutter und ihre Zwillingsschwester von ihren Mitschülern nur Helmchen 1 und 2 genannt wurden.

Die andere Grossmutter kam aus Breslau, war angeblich «das hübscheste Mädchen der Stadt» und hiess Steinberg. Sie heiratete einen Bergmann. Aha, denkt jetzt der Leser, eine logische Geschichte. Wäre sie wohl, wenn der Grossvater nicht ein Adoptivkind gewesen wäre, ein uneheliches noch dazu. Ob er also ein echter Bergmann war, ist schwer zu sagen. Sein Adoptivvater, ein Off’zier (so sagten die damals in Breslau), hiess jedenfalls so.

Alle Grosseltern zogen irgendwann vom Osten nach Berlin, das war damals das grosse Ziel und die schöne neue Welt. Als der Krieg kam (der Zweite), musste Grossvater Bergmann seine Mutter ausfindig machen, zwecks Bescheinigung, dass die nicht jüdisch war… Er fand sie in Hamburg; sie war selbst unehelich, Magd und Polin und hiess Wilhelmine Czichotska. Immerhin war sie evangelisch… in der damaligen Zeit ein klarer Vorteil. Ich kann bis jetzt meinen Grossvater (längst tot) förmlich aufatmen hören.

Mit Nachnamen heisse ich nun Bergmann und bin oder war auch evangelisch. In Europa ist das (vielleicht) wurscht, aber in der arabischen Welt bis heute ein Plus. In Ägypten gibt es immerhin rund 10 Prozent Christen, und so befindet man sich in Gesellschaft. Allerdings kommen die Muslime mit den Kopten (also den ägyptischen Christen) nicht gerade sehr gut aus. Das geben sie natürlich nicht zu, stattdessen heisst es: «Wir sind alle Ägypter, und die Religionszugehörigkeit ist unwichtig». Eine ausländische Christin finden auch muslimische Ägypter  sehr viel vertrauenswürdiger als eine ausländische Jüdin. Die wäre dubios, und die würden sie als Spionin verdächtigen. Doch auch wenn Muslime und Christen hier eng beieinander leben, wissen sie recht wenig voneinander. Und so stolpern eine Menge Muslime über meinen Namen. Denen sage ich, dass er auf Arabisch etwa «Abdul-Mesih» bedeute. Dann lachen die Ägypter, denn das ist ein Männername.

Zum Glück nennen einen die Araber immer beim Vornamen. Denn «Bergmann» ist für sie nicht nur schwierig auszusprechen, sondern ist ihnen auch suspekt. Einige haben nämlich gehört, dass sich hinter jedem ausländischen Namen mit der Endung «-mann» ein Jude oder eine Jüdin verberge. In Libyen habe ich deshalb mal kein Visum bekommen. Die Beamten sagten mir auf den Kopf zu, ich sei Jüdin, klarer Fall, und Juden wollten sie in Libyen nicht.

Wenn ich solchen Schmarren höre, muss ich immer daran denken, mit welchem Stolz mein Grossvater unser Familienwappen in die Luft hob. Darauf ist ein «Bergmann» zu sehen, also einer, der in die Grube fährt. Auch Berge sind darauf. Mit unserer Herkunft habe beides vermutlich gar nichts zu tun, meint wiederum mein Vater. Und ob in der Vergangenheit in den Adern irgendeines Vorfahren nicht doch jüdisches Blut floss, weiss niemand genau. Will vermutlich auch keiner wissen. Als ich das mal meinem Exmann, einem Ägypter, andeutete, warnte mich der: «Sag das niemals laut in Kairo!» Er selbst heisst übrigens «Moussa» und so auch mein Sohn. Ich fand das immer sehr schön, denn Moussa, also Moses, war nicht nur Ägypter, sondern vereint auch Juden, Christen und Muslime. Oder sehe ich das falsch?

Kristina Bergmann

Thema: Kristinas Kolumne | Comments Off | Autor: Kristina Bergmann