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Eine Antwort auf Matthias Küntzel

Donnerstag, 21. Januar 2010 11:49

Auf eine von mir verfasste Rezension zu seinem Buch Die Deutschen und der Iran. Geschichte und Gegenwart einer verhängnisvollen Freundschaft, die am 10.1.2010 im Deutschlandradio Kultur gesendet wurde, reagierte Matthias Küntzel erbost. Er veröffentlichte sowohl auf der “Achse des Guten” als auch auf seiner Homepage eine Gegendarstellung. Zudem schrieb er den zuständigen Redakteur im Deutschlandradio Kultur an, der mich wiederum bat, Matthias Küntzel zu antworten. Diese Antwort möchte ich im folgenden öffentlich machen.

Sehr geehrter Herr Küntzel,

Der Redakteur der Sendung Lesart, die meine Besprechung Ihres Buches gesendet hat, bat mich, Ihnen zu schreiben, nachdem Sie ihn angeschrieben hatten. Dieser Aufforderung komme ich gerne nach. Sie schreiben in Ihrer Mail an den Redakteur:

Mein über 150 Bücher umfassendes Literaturverzeichnis, das jene “hervorragend recherchierte” Literatur natürlich einschließt, wird ebenso wenig erwähnt, wie meine Sammlung neuer Fundstücke aus Archiven in Washington D.C. und Berlin, auf die sich meine Arbeit ebenfalls und erklärtermaßen stützt.

Ihre Fundstücke in allen Ehren, aber ich meine die Sekundärliteratur, die Sie verwenden, wenn Sie iranische Geschichte referieren. Hier fehlen die einschlägigen Werke. Ich werde im Folgenden einige davon nennen, kann Ihnen aber gerne auch noch weitere nachliefern, wenn Sie dies wünschen. Ich wollte diesen Brief nur nicht noch weiter ausufern lassen.
Doch lassen Sie mich ein Beispiel geben, wo Sie sich auf unseriöse Literatur stützen: Amir Taheri, auf den Sie im wesentlichen Ihre Darstellung der Ideen und des Verhaltens von Khomeini stützen, ist in einer wissenschaftlichen Arbeit nicht zitierfähig. Vanessa Martin (Martin, Vanessa: Creating an Islamic State. Khomeini and the Making of a New Iran, London 2003) und Baqer Moin (Moin, Baqer: Khomeini. Life of the Ayatollah, London 1999), die die beiden Khomeini-Biographien verfasst haben, die als wissenschaftliche Standardwerke gelten, kommen bei Ihnen hingegen nicht vor. Sie aber gründen auf von Taheri erfundene Tatbestände große Teile Ihrer argumentativen Herleitung: Der Austausch zwischen Navvab Safavi und Khomeini gilt Ihnen als sehr wichtig: Sie schreiben:

Zu den Gesprächsthemen, über die Navvab und Khomeini ganze Nächte hindurch diskutierten, gehörte die ägyptische Muslimbruderschaft [...]. (Küntzel 101)

Dieser Satz geht - wie unschwer festzustellen ist auf Amir Taheris Khomeini-Biographie zurück. Dort heißt es:

Der Mann, der Khomeini mit dieser Bruderschaft in Kontakt brachte, war ein junger Mullah namens Mohammad Nawab-Safawi [...]. Die beiden Männer verbrachten viele Stunden, ins Gespräch vertieft, miteinander. (Taheri, Amir: Chomeini und die Islamische Revolution, Hamburg 1985, 116.)

Laut Taheri haben diese Gespräche in Najaf stattgefunden, was so nicht sein kann, da Khomeini sich zu dem Zeitpunkt, den Taheri nennt, in Qom befand. Sie verlegen den Ort des Zusammentreffens der beiden Männer nach Qom, aber über die Möglichkeit eines dortigen Zusammentreffens der beiden Männer schreibt der Mann, der den einschlägigen Aufsatz über Safavi geschrieben hat, Sohrab Behdad:

It is not known if there was a direct connection between Khomeini and Navvab Safavi. One account suggests that there could have been such a connection because at the time of the publication of Kash al-Asrar Khomeini was an instructor at Ghom seminary and Navvab Safavi was a student there. Others have expressed doubt about the existence of such a connection. The assassination attempt on Kasravi took place only a few months after Navvab Safavi left Najaf. There is no evidence that Navvab Safavi was ever a student at the Qom seminary. (Behdad, Sohrab: „Islamic Utopia in Pre-Revolutionary Iran: Navvab Safavi and the Fada’ian-e Eslam”, in: Middle Eastern Studies 33 (1997), 40-65 (44).)

Die Verbindung zwischen Navvab Safavi und Khomeini ist absolut zentral in Ihrem Buch, da Sie Grundlage Ihrer Argumentation ist, dass eine enge Verbindung zwischen Khomeini und den Muslimbrüdern und den Attentätern vom 11. September besteht. Sie schreiben:

Auch hinsichtlich der Parole «Ihr lebt das Leben, wie lieben den Tod!», die erst nach dem 11. September die Weltöffentlichkeit aufschrecken sollte, herrschte Einigkeit. Solange die Muslime ihre Liebe zum Leben nicht durch die im Koran geforderte Liebe zum Tod ersetzten, sei ihre Zukunft hoffnungslos, klagte Hassan al-Banna in einem berühmt gewordenen Aufsatz von 1938. Dieses Postulat fiel bei Navvab und Khomeini auf fruchtbaren Boden. (Küntzel 103)

Angesichts Ihrer Argumentation, die doch lautet, dass Iran so gefährlich sei, weil dem Regime ähnlich wie den Selbstmordattentätern vom 9/11 ihr eigenes Leben nichts gilt, da diese sich aus derselben Quelle speisen, nämlich den Muslimbrüdern, halte ich es nicht für unwichtig, zweifelsfrei belegen zu können, ob diese Inspiration so überhaupt stattgefunden hat. Und hier rächt sich eben, dass Sie nicht die einschlägige Literatur zum Thema beachten, sondern sich weitgehend auf Amir Taheri stützen, den ehemaligen Chefredakteur der Zeitschrift Keyhan, die alles andere als ein unabhängiges Blatt war, sondern absolut schahtreu. Taheris Objektivität hat beispielsweise auch Shaul Bakhash, Professor in den USA und einer der wichtigsten Kenner der Materie, angezweifelt. Er ist Autor eines weiteren Standardwerkes mit dem Titel The Reign of the Ayatollahs und hat für die Zeitschrift The New Republic die Anmerkungen in Taheris Buch: Nest of Spies untersucht. Dabei stellte er nicht existierende Quellen sowie bei verwendeten Quellen eine verzerrte Anwendung derselben fest. Dasselbe lässt sich für Taheris Khomeini-Biographie nachweisen.
Lassen Sie uns noch einmal zu dem Abschnitt kommen, den ich aus Ihrem Buch zitiere:

Als Mossadegh 1953 mit dem Gedanken spielte, das Frauenwahlrecht einzuführen, schlug sich Khomeini auf die Seite des Schahs, um Mossadegh, den Frevler, zu stürzen. Als später der Schah das Frauenwahlrecht einführte, wandte sich Khomeini abrupt auch von ihm ab und propagierte seinen Sturz (Küntzel 110).

In ihrer Erwiderung auf meine Kritik, dass Khomeini Mossadegh nicht gestürzt habe, schreiben Sie:

Es stimmt, dass die Diskussion um den Anteil der religiösen Führer und Sekten am Sturz von Mosaddegh im deutschen Sprachraum noch nicht angekommen ist und mein Buch hier Neuland betritt.

Erstens habe ich nicht behauptet, dass die religiösen Führer keinen Anteil am Sturz Mossadeghs hatten. Natürlich hatten sie, Behbahani und Kashani nämlich, zu dem übrigens auch die einschlägige Literatur in ihrem Buch fehlt (Richard, Yann: „Base idéologique du conflit entre Mosaddeq et l’âyatollâh Kâshâni”, in: Digard, Jean-Pierre (ed.): Le Cuisinier et le philosophe: Hommage à Maxime Rodinson, Paris 1982, 263-274; ders.: „Ayatollah Kashani: Precursor of the Islamic Republic?”, in: Keddie (1983), 101-124.) Und wieso ist das noch nicht angekommen im deutschen Sprachraum? Es steht doch in jedem Artikel über Mossadegh, dass Kashani ihn gestürzt hat. Und die Behbahani-Dollars sind schon fast zu einem geflügelten Wort geworden. Ich bestreite im übrigen auch nicht, dass Khomeini nicht auf der Seite Mossadeghs stand, sondern gegen ihn war. Mossadegh war Säkularist und deshalb sah Khomeini in ihm aus seiner Perspektive eine Gefahr. Aber Khomeini hat nicht mit dem Schah kooperiert, um Mossadegh zu stürzen. Als jemand, der Iran regelmäßig besucht, weiß ich darüber hinaus durchaus, wie die Islamische Republik mit Mossadegh umgeht. Und auch hier irren sie, wenn sie in Ihrer Erwiderung auf meine Kritik schreiben - und mich implizit als einen Bewunderer Khomeinis hinstellen:

Es ist verständlich, dass Khomeinis Bewunderer gerade hier besonders empfindlich reagieren, besagt doch der antiimperialistische Mythos, dass die beiden Helden Mossadegh und Khomeini in ihrem Widerstand gegen den Schah fast schon in Eins zu setzen sind.

Erstens bin ich kein Bewunderer Khomeinis. Zweitens setzt noch nicht einmal der „antiimperialistische Mythos” der Islamischen Republik Iran Mossadegh und Khomeini in Eins. Die Propaganda des iranischen Regimes besagt vielmehr, dass es Kashani war, der maßgeblich für die Verstaatlichung des Erdöls verantwortlich war und dem somit das anti-imperialistische Verdienst zukommt: Die Islamische Republik tut sich bis heute extrem schwer mit dem Andenken an Mosaddeq (Siehe dazu: Kermani, Navid: „Wo geht es nach Ahmadabad? Die Islamische Republik tilgt die Erinnerung an Mohammad Mossadegh, den ersten demokratisch gewählten Ministerpräsidenten des Landes“. In der Süddeutsche Zeitung vom 26./27.9.2009 erschienen unter dem Titel „Der Löwe mit dem türkisfarbenen Pontiac”).
Ervand Abrahamian beschreibt diesen Umgang mit Mosaddeq: Schulbücher würden ihm nicht mehr als zwei Seiten widmen, ebensoviel wie Safavi und verglichen mit vier Seiten, die der Anti-Konstitutionalist Fazlollah Nuri (1842-1909) bekommt. In den Schulbüchern wird Kashani als der wahre Führer der Nationalisierungskampagne dargestellt und Mosaddeq als sein „hanger-on”, sein Trittbrettfahrer, wie Abrahamian formuliert (Abrahamian, Ervand: Khomeinism. Essays on the Islamic Republic, Berkeley 1993, 105).
Nun einige Erläuterungen zu der Frage, warum Khomeini sich nicht eingemischt hat - und zwar weder für noch gegen Mossadegh. In den fünfziger Jahren war Qom ein Ort, der jeder praktischen Einmischung in die Politik denkbar fern stand. Seit dem Winter 1944/45 lehrt dort Borujerdi (1875-1961), und seit 1946 ist er marja-e taqlid, Quelle der Nachahmung, also die oberste religiöse Autorität und er herrschte in Qom wie der Papst im Vatikan, wie Hamid Dabashi es formuliert hat. Er verbietet es den Geistlichen Qoms, sich in die Politik einzumischen. Wer sich nicht daran hielt, musste die Hochschule verlassen. Für diese Nichteinmischung wurde Borujerdi von Mohammad Reza Pahlavi mit einer weniger anti-klerikalen Politik belohnt, als sein Vater sie betrieben hatte. Großer Widerstand gegen das Gebot der Nicht-Einmischung, das Borujerdi erlassen hatte, regte sich unter den Geistlichen und den Theologie-Studenten in der Tat im Zuge der Ereignisse um die Verstaatlichung des iranischen Erdöls im Jahre 1951, als es zu Spannungen zwischen Mosaddeq und dem Schah kam. Einige Geistliche mit niederem geistlichen Rang erließen Rechtsgutachten, die die Verstaatlichung guthießen. Auch Abo l-Qasem Kashani unterstützte Mosaddeq, und so mancher Student wollte sich ihm anschließen. Khomeini kannte Kashani gut und sympathisierte mit ihm. Doch wer als Geistlicher trotz des Verbotes von Borujerdi politisch aktiv wurde, hatte mit der Ächtung durch das Qomer Establishment zu rechnen. Borujerdi soll zwar in privaten Gesprächen positiv über Mosaddeq gesprochen haben, doch er setzte sich nicht direkt für ihn ein. Borujerdi sah nämlich u.a. in den feda’iyan-e eslam unter Navvab Safavi, die Kashani und somit eine Zeitlang indirekt Mossadegh unterstützten, eine Gefahr: Borujerdi kritisierte Kashani wegen dieser Zusammenarbeit aufs Schärfste und lehnte das Wirken, speziell die Gewalt, und die Ideen der feda’iyan-e eslam ab. Borujerdi war vor allem gegenüber Safavis Idee eines islamischen Staates negativ eingestellt: Auf die Frage, warum er einer Herrschaft der Geistlichkeit gegenüber negativ eingestellt sei, sagte er, der Schah wendet sich mit Waffen wie Kanonen und Gewehren gegen das Volk, und gegen diese Waffen kann das Volk sich wehren. Aber wenn die Geistlichen an seiner Stelle sitzen, sind ihre Waffen gegen das Volk der Glaube und die Glaubensüberzeugungen des Volkes. Und dann hat das Volk keine Chance (Tabataba’i, Sadeq: Khaterat-e siyasi-ye ejtema’i (Politisch-gesellschaftliche Memoiren), Teheran 2009, 27). Letztlich dürfte sich Khomeini der Autorität Borujerdis vor allem deswegen gebeugt haben, weil er einer Bewegung, die ohne die Unterstützung des obersten religiösen Autorität, also Borujerdi, würde auskommen müssen, keine großen Chancen beimaß. Außerdem wird er es nicht gewagt haben, sich Borujerdi zu widersetzen, da dieser über zwei Jahrzehnte hinweg sein Mentor war. Khomeini war Borujerdi sehr verbunden, seine Tochter hatte in die Familie eingeheiratet, und er zollte Borujerdi hohen Respekt.

Zum Thema Frauenwahlrecht:
Ab dem Jahre 1961 (nachdem sein Mentor gestorben war, dem er zu Gehorsam verpflichtet war) kritisierte Khomeini dann offen Mohammad Reza Pahlavi. Bis heute ist sich die Sekundärliteratur nicht einig darüber, was genau die Punkte waren, die Khomeini am Schah kritisierte. Uneinigkeit besteht vor allem in der Frage, ob Khomeini gegen die Landreform des Schahs war und gegen das Frauenwahlrecht, das dieser einführen wollte. Laut Hamid Algar sei die Kritik an der Landreform und am Frauenwahlrecht nicht in dem Ausmaß entscheidend gewesen, wie es in der iranischen Presse jener Zeit dargestellt wurde, um ihn als reaktionären Geistlichen zu diskreditieren. Er will nachweisen, dass es Khomeini weit mehr um die ungerechte Herrschaft ging als um die Reformen, die der Schah eingeleitet hatte bzw. einleiten wollte, und mit dem Argument, der Kampf gegen die Ungerechtigkeit sei „one of the fundamental and most pervasive characteristics of Ithna‛ashari Shi‛i Islam” belegen, dass die Verletzung der Verfassung, der Ausverkauf an den Westen und die autokratische Herrschaft des Schahs der wirkliche Anlass für den Protest Khomeinis gewesen seien (Algar, Hamid: „The Oppositional Role of the ‛Ulama in Twentieth-Century Iran”, in: Keddie, Nikki (ed.): Scholars, Saints, and Sufis - Muslim Religious Institutions in the Middle East since 1500, Berkeley 1972, 231-255 (231)).
Dass Khomeini ein großer Gegner der Landreform war, behauptet auch ein Teil der Sekundärliteratur (Gheissari, Ali & Vali Nasr: Democracy in Iran. History and the Quest for Liberty, Oxford 2006, xiii.). Aber das dürfte daran liegen, dass ihm dies von der Schah-Regierung bei seiner Verhaftung vorgeworfen wurde (Fischer, Michael: Iran. From Religious Dispute to Revolution, Cambridge 1980, 123.). Laut Azar Tabari hingegen, die der Ansicht ist, jedwede Opposition des Klerus sei in der Geschichte immer aus seinem reaktionären Charakter geboren worden, ging es Khomeini in erster Linie um das Wahlgesetz für Frauen vom 7.10.1962 (Tabari, Azar: „The Role of the Clergy in Modern Iranian Politics,” in: Keddie, Nikki R. (ed.): Religion and Politics in Iran, New Haven & London 1983, 47-72 (72)).
Vanessa Martin beschreibt darüber hinaus aber vier Punkte, die in Khomeinis Reden aus dieser Zeit immer wieder zur Sprache kamen und über die weitgehende Einigkeit innerhalb der Sekundärliteratur herrscht: die zunehmende staatliche Kontrolle vor allem in der Rechtsprechung; die Zunahme der Säkularisierung und damit einhergehende Schwächung des Islams; die Zunahme der staatlichen Repression und der Einfluss der USA auf die Politik der Regierung. Zudem war Khomeini nicht einverstanden damit, dass der Schah junge Studienabgänger moderner Universitäten auf die Dörfer schickte, um die Alphabetisierung voranzutreiben. Denn dies förderte in seinen Augen eine säkulare Bildung. Grundsätzlich ging es ihm also vor allem um die Zunahme der Kontrolle durch den säkularen, verwestlichten Staat und um den ausländischen Einfluss (Martin (2003), 22.)
Sie jedoch reduzieren den Konflikt zwischen dem Schah und Khomeini auf die Frauenemanzipation - und das ist nicht seriös. (Dasselbe machen sie auch mit dem Konflikt zwischen Kashani und Mossadegh und auch das stimmt nicht). Deshalb heißt es bei Ihnen:

Für Khomeini war aber die gerade beginnende Frauenemanzipation ein Dorn im Fleisch (Küntzel 111).

Oder:

Am 1. Februar 1979 kam Khomeini, frenetisch gefeiert, nach Iran zurück. Noch im selben Monat ließ er seiner Wut über die Befreiung der Frau, die ihn 1953 zum Antipoden Mossadeghs und 1963 zum Antipoden Reza Schahs [Sie meinen vermutlich Mohammad Reza Schah, Reza Schah war sein 1963 bereits verstorbener Vater. Hilfreich wäre es übrigens auch, nicht Khamenei mit Khatami zu verwechseln wie auf Seite 144.] werden ließ, freien Lauf (Küntzel 122).

Natürlich war Khomeini kein Freund der Frauenemanzipation, das behauptet niemand, aber sie stellen die Sachlage unzutreffend dar. Das meinte ich mit dem Satz: „Küntzel aber lässt alles weg, was nicht zu seinem Geschichtsbild und seiner Agenda passt,” der sich an meine Ausführungen daran anschließt, dass Sie die iranische Geschichte unrichtig darlegen. Denn Überspitzungen bzw. Fehler dieser Art - wie auch die Behauptung, Ahmadinejad sei bei der Besetzung der US-Botschaft dabei gewesen sind, was auch schon seit Jahren widerlegt ist (auch im Zusammenhang mit Ahmadinejad habe ich das einschlägige Buch vermisst: Naji, Kasra: Ahmadinejad. The Secret History of Iran’s Radical Leader, London 2008.), machen Sie leider unglaubwürdig. Damit erweisen Sie der Diskussion, die absolut überfällig ist, einen Bärendienst. Das war mein wesentlicher Kritikpunkt, denn Sie mögen sich erinnern, ich habe Ihnen mehrfach darin zugestimmt, dass die Frage, die Sie aufwerfen richtig und interessant ist. Ich finde das Verhältnis zwischen Deutschland und Iran auch problematisch. Ich schreibe in der Rezension:

Dabei ist die grundsätzliche Frage, die er stellt, ja richtig. [...] Aber sicher ist es eine interessante Frage, warum Deutschland diese außergewöhnlich guten Beziehungen nie genutzt hat, um Druck auf die iranische Führung auszuüben: in Menschenrechtsfragen, bei der Mykonos-Affäre, bei der Rushdie-Affäre, nach den Wahlen im Sommer und in der Atomfrage. Das ist sicher ein großer Fehler der Bundespolitik.

Und meine Argumentation geht dann folgendermaßen weiter:

Küntzel liegt in einigen Fällen so nachweislich falsch, dass es dem Leser schwer fällt, ihm da Glauben zu schenken, wo er Recht haben könnte. Das ist schade, denn das Thema, das Küntzel hier zum ersten Mal bearbeitet, ist wirklich interessant und viele Fragen sind offen. Aber wenn er behauptet, dass Ahmadinejad im Jahre 1979 an der Besetzung der Teheraner US-Botschaft beteiligt gewesen sein soll, obschon selbst der amerikanische Geheimdienst bereits vor Jahren erklärt hat, dass dem nicht so war, dann macht er sich einfach unglaubwürdig.

Noch einige Anmerkungen und Fragen zu den weiteren Punkten, die Sie aufgelistet haben, zu denen ich gerne Stellung nehme bzw. gerne Stellung nehmen würde, denn wo soll ich Sie falsch zitiert haben? Da komme ich leider nicht weiter.
Sie schreiben, ich würde insinuieren, dass Sie behaupteten, „die Iraner seien ein Volk von Antisemiten und Hitlerverehrern”. Finden Sie nicht, Sie legen das nahe, wenn Sie gleich den ersten Satz in Ihrem ersten Teil mit den Worten beginnen:

Wer als Deutscher nach Iran kommt, fühlt sich zuweilen wie im falschen Film. Es kommt vor, dass man mit dem erhobenen Arm begeistert begrüßt wird und an die deutsch-iranische Zusammenarbeit während der Nazi-Zeit erinnert wird (Küntzel 17).

Was Sie dort beschreiben, sind Ausnahmen und es geht dabei nicht um Judenfeindschaft oder die Shoah, davon wissen die meisten nun wirklich kaum etwas. Weder die Shoah noch deren Leugnung kommt in iranischen Schulbüchern ausführlich zur Sprache. Und legen Sie nicht doch nahe, dass Iraner Hitlerverehrer und Antisemiten sind, wenn Sie in Ihrer Erwiderung auf meine Kritik schreiben:

Dabei ist das, was Frau Amirpur zu leugnen sucht, allen Eingeweihten bekannt. Exil-Iraner in Deutschland teilen mir bei meinen Lesungen immer neue Details hierüber mit. „Einmal Hitler!” - lautete beispielsweise die in aller Unschuld erteilte Order, die einer von ihnen seinem Friseur in Teheran zuzuwerfen pflegte, um die gewünschte Frisur zu erhalten. Auch heute noch können über Youtube jene denkwürdigen Bilder von Oktober 2004 abgerufen werden, als die deutsche Fußballnationalmannschaft im Teheraner Stadium stand und Hunderte Iraner beim Abspielen der vertrauten „Deutschland, Deutschland über alles” - Hymne aufstanden, um ihr den Hitlergruß darzubieten.

Oder wenn es in Ihrem Buch auf Seite 47 heißt:

Um jene vermeintliche Gemeinsamkeit zu unterstreichen, ließ der Schah Ende 1934 auf Veranlassung des persischen Botschafters in Berlin die bis dahin übliche internationale Landesbezeichnung „Persien” verbieten. Stattdessen sollte auch international die im Lande übliche Bezeichnung „Iran” [= Land der Arier] zur Anwendung kommen. Auf diese Weise wurde die bislang von ökonomischer Rationalität geprägte Zusammenarbeit um eine mythische Komponente erweitert und um das Gefühl einer ganz besonderen Zusammengehörigkeit ergänzt - ein Gefühl, das bis heute virulent geblieben ist.

Der Landesname bzw. die internationale Bezeichnung des Landes wurde nicht deswegen verändert, weil man die gemeinsamen arischen Wurzeln betonen wollte, sondern weil der Schah argumentierte, dass der Name auch international Verwendung finden sollte, den das Land nun mal hat, nämlich Iran wie es auf Persisch heißt. Er wollte damit in der Tat ein Gemeinschaftsgefühl stärken, aber das der Iraner untereinander, denn die anderen Völker des Vielvölkerstaates Iran fanden es nicht angemessen, dass das Land nur nach den fars, den Persern, die nur eine von vielen Volksgruppen sind, benannt werden sollte. Hinzu kommt: Wenn Ihnen ein Iraner sagt, wir beide sind Arier, dann ist das eher eine anti-islamische Äußerung als alles andere. Denn man will sich damit gemeinsam von den Arabern, den Semiten, absetzen, die es verbrochen haben - in den Augen vieler -, dass Iran heute islamisch ist und nicht mehr zoroastrisch. So ist das oft gemeint, wenn gesagt wird:

Sie sind Deutsche? Wie wunderbar, dann gehören wir zur selben Rasse (Ihr Zitat von Christiane Hoffmann auf Seit 47 Ihres Buches).

Das macht die Äußerung nicht intelligenter, aber Sie nehmen sie und die oben erzählte Geschichte von der Umbenennung Persiens in Iran als Beleg für eine Betonung des Ariertums, die - so kann man kaum anders schließen - eine antisemitische Komponente hat. Würden Sie Christiane Hoffmann angemessen zitieren, müssten in Ihrem Buch auch folgende Sätze stehen:

In den 2500 Jahren der Geschichte des Judentums in Iran gibt es keine dem deutschen oder auch dem osteuropäischen Antisemitismus vergleichbaren Phänomene. Zugleich zeigen manche der mit robustem Nationalismus gesegneten Iraner eine für europäische Sensoren erstaunliche Offenheit für rassistisches Denken. Gerade als Deutscher sieht man sich in Iran immer wieder begeisterten Umarmungen ausgesetzt, die mit der “gemeinsamen arischen Herkunft” begründet werden. “Sie sind Deutsche? Wie wunderbar, dann gehören wir zur selben Rasse.” Sympathien im persischen Kaiserreich für Hitler-Deutschland gründeten allerdings weniger in der Nähe zu dessen rassistischen Ideologien als in der alsbald enttäuschten Hoffnung, das Deutsche Reich möge Iran vor den Kolonialbestrebungen der Briten und Russen bewahren. (Siehe Sympathie für den Satan? - FAZ 7.2.2006).

Gerade dieser Artikel erzählt im übrigen sehr viel über die Geschichte der Juden in Iran, Irans Haltung zu Israel, Ahmadinejads Agenda etc. Aber alles, was er erklärend liefert, lassen Sie weg.

Ich behaupte keineswegs, wie Ihre Autorin insinuiert, „dass Iran die Judenvernichtung plane”,

schreiben Sie in Ihrer Mail an den Redakteur im Deutschlandradio Kultur. Vertreten Sie nicht die Auffassung, Ahmadinejad würde den Angriff auf Israel wollen und planen? Wie darf ich dann den Text auf Seite 289 verstehen? Und viele weitere, die in eine ähnliche Richtung weisen? Seite 146 beispielsweise:

Was aber bedeuten Atomwaffen in den Händen derer, die den Tod auf dem Schlachtfeld als einen Sieg der Seele interpretieren?

Sie zitieren mich auch mit den folgenden Worten, mit denen ich das Berliner „Zentrum für Antisemitismusforschung” gegen den Vorwurf, zuwenig über Iran zu arbeiten, verteidigt haben soll: „Ich verstehe nicht so ganz, wo die Lücke da sein soll.” Auch hier wäre es angemessen, den Kontext darzustellen, denn es war meine Antwort auf Ihre Frage, warum es keine Beiträge vom Zentrum zu der Frage des Antisemitismus in Iran gebe und ich daraufhin auf die beiden Aufsätze von Henner Fürtig verwies, die von diesem in Auftrag gegeben worden sind und die Ihnen ja offensichtlich bekannt sind, da sie in Ihrem Literaturverzeichnis auftauchen. Und in der Tat sind diese beiden Aufsätze eine ausgezeichnete Aufarbeitung und Bestandsaufnahme (Fürtig, Henner: „Die Bedeutung der iranischen Revolution von 1979 als Ausgangspunkt für eine antijüdisch orientierte Islamisierung”, in: Benz, Wolfgang (Hg.): Jahrbuch für Antisemitismusforschung, Bd. 12, Berlin 2003, 73-98; ders.: „Iranischer Antisemitismus unter Ahmadinejad: alter Wein in neuen Schläuchen?”, in: Benz, Wolfgang & Juliane Wetzel (Hg.): Antisemitismus und radikaler Islamismus, Essen 2007, 103-127.).

Noch eine Bemerkung, da Ihr Artikel auf der Achse des Guten ja mit „Fachfrau für Übersetzungsfehler und andere Kleinigkeiten” überschrieben ist und Sie behaupten, Mariella Ourghi habe mich widerlegt. Das ist keineswegs der Fall. Ich würde das gerne erläutern, das ist aber etwas schwierig, da Sie kein Persisch können. Ich kann es aber gerne, wenn Sie wünschen, versuchen. Auch ist das Zitat, das Sie „auf der Achse” anführen und mir Ihrer Meinung nach „die Schamesröte ins Gesicht treiben sollte” sinnentstellend aus dem Zusammenhang gerissen, wie bei der Lektüre des gesamten Artikels ersichtlich ist.

Ich schätze das Anliegen Ihres Buches wert und dürfte in der Beurteilung der aktuellen innenpolitischen Verhältnisse und damit der Tyrannei der Islamischen Republik an vielen Punkten mit Ihnen übereinstimmen. Doch gerade wer die gegenwärtigen Zustände für unhaltbar hält - wie Sie und wie ich -, sollte bei der Beschreibung der Zusammenhänge um so präziser sein.

Mit den besten Grüßen,

Katajun Amirpur

Thema: Allgemein | Comments Off | Autor: Katajun Amirpur