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Grenzerfahrungen

Freitag, 6. Februar 2009 16:27

Brief aus Kairo

Eben rief ein alter Bekannter an: Ahmed Mansur. Er klang müde und zerknirscht. Er habe aufgegeben, sagte er. Eine Woche Rafah, das sei genug. „Jeden Tag sahen wir Journalisten-Kollegen die Grenze nach Gaza passieren, nur mein Kollege Ghassan Ben Giddo und ich, wir durften nicht durch. Und dass, obwohl wir die gleichen Papiere hatten wie alle anderen“. Es frustrierte ihn besonders, dass er die Behörden nicht einmal dazu brachte, ihm eine offizielle Begründung für das Ausreiseverbot zu geben. Dabei ist Mansur doch für seine geschickten Fragen bekannt. In seiner Sendung „Ohne Grenzen“ grillt der Al-Dschasira-Moderator Woche für Woche die Mächtigen der Region, und so manchen entlockte er Dinge, die diese wohl lieber nicht gesagt hätten. Das Schweigen des Grenzoffiziers war insofern eine zusätzliche Niederlage.
Auch wenn Mansur die Antwort nicht gesagt bekam, so lag sie auf der Hand:
Das offizielle Ägypten ist sauer auf Al-Dschasira. Schließlich wies der Sender in den Tagen des Krieges von Gaza immer und immer wieder darauf hin, dass sich die ägyptische Regierung zu wenig für die Palästinenser einsetze, und dass sie mit der Schließung der Grenze zum Gazastreifen das Leiden der Menschen dort verstärke. Dass die Rolle Ägyptens von den Demonstranten in der ganzen Region so sehr kritisiert wurde, war sicherlich Al-Dschasiras Verdienst. Was andere Journalisten als albern belächelten, nämlich dass der Al-Dschasira-Korrespondent Ahmed Mansur auf dem Dach der EBU in Ägyptisch-Rafah in voller Kriegsmontur, inklusive Stahlhelm und Schutzweste, stand, fanden staatsnahe Kollegen gar nicht witzig. Er suggeriere den Zuschauern, dass auch Ägypten Kriegsgebiet sei, und das sei Meinungsmache, lautete die Kritik einer Journalistin der ägyptischen Tageszeitung Al-Ahram.
Die israelische Regierung reagierte noch allergischer auf Al-Dschasira. Sie hat jetzt einen neuen Boykott gegen den Sender und seine Reporter verhängt. Den Journalisten, die keinen israelischen Pass haben, soll das Visum nicht mehr verlängert werden, Al-Dschasira wird nicht mehr zu offiziellen Pressekonferenzen zugelassen, und nur noch einige ausgewählte Regierungssprecher stehen für Interviews zur Verfügung. Dem Sender wird schon länger vorgeworfen, einseitig für die Hamas Partei zu ergreifen. Ausserdem ist der Boykott eine Reaktion darauf, dass das israelische Handelsbüro in Qatar von dessen Regierung - die ja auch Al-Dschasira finanziert - geschlossen wurde.
Sicherlich war es den ägyptischen Beamten darüber hinaus eine besondere Freude, gerade Ahmed Mansur den Ausreisestempel zu verweigern. Er steht wie kaum ein anderer für die - sagen wir es höflich - engagierte Linie von Al-Dschasira. Er ist dafür bekannt, dass er mutig ist, und dass er eine Meinung hat. „Ich halte objektiven Journalismus für eine Illusion. Ich habe als Journalist die Pflicht, mich auf die Seite der Schwächeren zu stellen. Ich muss die Verbrechen benennen, sonst mache ich mich zum Mittäter“, sagte er vor einiger Zeit, als wir uns in Berlin trafen. Ahmed Mansur ist einer der „Gründe“, wieso Al-Dschasira seit Jahren kein Büro mehr in Bagdad hat.
Er berichtete als einziger ausländischer Journalist von den Kämpfen in Falludscha im Frühjahr 2004, und die Art zu berichteten ging auch vielen seiner größten Fans zu weit. „Auch Freunde sagten mir hinterher, dass sie verstehen könnten, dass ich sehr emotional auf das Schreckliche, was ich dort gesehen habe, reagierte, aber ich sei doch etwas weit gegangen“, räumt er selbst ein. Seine Live-Kommentare wurden von vielen Zuschauern als Aufrufe zum Dschihad verstanden. Kurz danach wurde das Al-Dschasira-Büro in Bagdad geschlossen. In der Folge wurden in Washington Pläne geschmiedet, den Sender in Qatar zu bombardieren. Ahmed Mansur ist zudem eine der „Ursachen“, dass dem Sender Nähe zur Muslimbruderschaft nachgesagt wird. Er steht mit seiner Parteinahme und seiner panarabisch-, populär-, islamisch-, regierungskritischen Linie für das, was derzeit wohl Mainstream des politischen Teils der sogenannten Arabischen Strasse ist. Mansur spiegelt die Stimmung wieder, die er selbst mitprägt.
Ein anderer Journalist hat sich Ahmed Mansurs Rafah-Erfahrung der vergangenen Woche erspart: Magdy Hussein, Chefredakteur der verbotenen ägyptischen Zeitung „Al-Shaab“ und Autor der nicht ganz seriösen Wochenzeitung „Sawt al-Umma“, hatte sich auf eigene Faust nach Gaza aufgemacht. „Er wusste, dass er keine Aus- und Einreisegenehmigung bekommen würde, deswegen hatte er sie gar nicht beantragt“, sagt Sawt al-Umma-Chef Abdel Halim Qandil. Ob Magdy Hussein tatsächlich durch einen der Schmugglertunnel gekrabbelt ist, wie ihm vorgeworfen wird, oder ob er eine Lücke im Grenzzaun fand, wie er selbst sagt, ist unklar. Sicher ist, dass er am Ende seiner Reise vergangene Woche am Grenzübergang Rafah eintraf und bei der Einreise nach Ägypten verhaftet wurde. Seit gestern steht er vor dem Militärgericht.
Es verwundert nicht, dass die ägyptische Regierung mit Ahmed Mansur und Magdy Hussein ein Hühnchen rupfen will. Auch Magdy Hussein steht für scharfe Kritik an der Regierung und populistische Berichte. Was allerdings erstaunt, ist, dass Kairo so ungeschickt ist, es wirklich zu tun. Eigene Erfahrungen und die der Amtskollegen in den Nachbarstaaten haben doch gezeigt, dass diese Art Drangsalierung von Journalisten nur dazu führt, dass sie mehr Gehör finden und an Glaubwürdigkeit gewinnen. Ahmed Mansur zumindest wird seine Sendung nächste Woche aus Kairo statt aus Gaza moderieren, und ein gutes Thema hat er auch schon. „Eigentlich wollte ich über die Situation in Gaza sprechen, aber jetzt werde ich mich wohl auf die Rolle Ägyptens konzentrieren“, sagt er und klingt gar nicht mehr so frustriert.

Julia Gerlach

PS. Ich persönlich bin den ägyptischen Beamten regelrecht dankbar. Nun kann ich mit Ahmed Mansur Tee trinken. Über die Objektivität im Journalismus lässt sich schließlich nach jedem Krieg immer wieder neu diskutieren. Nach dem im Gazastreifen ganz besonders.

Thema: Briefe | Comments Off | Autor: Julia Gerlach