Kairos traurige Ämter
Sonntag, 1. Februar 2009 13:34
Vor ein paar Tagen war ich auf einem Amt. In Kairo ist das eine Tortur, und ich musste mich lange selbst zu dem Gang überreden.
Zum Glück stehe ich jeden Morgen früh auf, da der Schulbus meines Sohnes Marwan schon um sieben Uhr kommt. Nachdem Marwan ihn wohlbehalten bestiegen hatte, machte ich mich ausgehfertig, und fuhr mit dem Taxi zum «murur». So heisst das Verkehrsamt hier, oder vielmehr wird es der Einfachheit halber so, nämlich «Verkehr», genannt.
Dort wollte ich ein paar Zettel mit den Eigenschaften meines Autos ausfüllen und abstempeln lassen. Die Sache ist nämlich die: Ich habe ein Auto, aber das steht seit August 2008 (das sind jetzt fünf Monate) in der Garage. Es ist nicht auf mich, sondern meinen Ex-Mann zugelassen. Ja, ich weiss, es war ein Fehler, das so regeln, aber nach unserer Trennung war ich naiv. Damals, vor dreieinhalb Jahren (2005), hatte mein Ex gesagt: «Wir wollen nicht so bescheuert wie andere Paare, die sich trennen, sein. Wir bleiben Freunde. Deshalb werde ich dein Auto auf meinen Namen zulassen. Für mich als Ägypter ist das viel einfacher.»
Das stimmte - für mich als Ausländerin hätte damals die Anmeldung eines Wagens auf meinen Namen einen «Wahnsinnsaufwand» bedeutet. Aber es kam, wie es kommen musste, und nach drei Jahren, also im August 2008, war die Zulassung abgelaufen. Ich versuchte, meinen Ex-Mann dazu zu bringen, das notwendige Papier zu erneuern. Aus Zeitgründen (angeblich) tat er das aber nicht. Jetzt, knapp ein halbes Jahr später, hat mein Ex-Mann mir ausrichten lassen, dass er mir das Auto «verkaufen» wolle. Dann solle ich damit machen, was ich wolle.
Hört sich eigentlich gut an, doch in Ägypten herrscht die absolute Bürokratie, und was einfach scheint, wird kompliziert gemacht. Als ich verstand, welche Papiere besorgt werden müssten, um den «Verkauf» abzuwickeln, schwirrte mir der Kopf. Ich schaffte Klarheit in meinen Gedanken und ging zum «murur». Eben dort wollte ich im Vorfeld des Verkaufs die Zettel, die später dafür nötig wären, abstempeln lassen.
Doch auf dem Verkehrsamt schauten mich die Beamten mitleidig an, als ich die leeren Formulare verlangte. Schliesslich knallte sie einer auf den Tisch. «Da hamse Sie», sagte er, «Aber abstempeln? Also das schaffen Sie nie!» Das dürfe nämlich nur der Besitzer des Wagens, sagte er. Ich schnaubte und ging zum «Pascha», zum Chefpolizisten.
«Halt!» schrie seine Sekretärin, als ich gerade die Klinke zu dessen Bürotür herunterdrücken wollte, ob ich eigentlich übergeschnappt sei? Nur sie dürfe dort hinein, rief sie und knackte elegant ein paar Sonnenblumenkerne. Die Schalen spuckte sie gekonnt in einen Aschenbecher.
Dann nahm sie die leeren Formulare und die abgelaufene Zulassung und ging mit verachtungsvoller Miene ins Büro des Paschas. Nach genau einer Minute stand sie wieder vor mir.
«Das geht nicht, Madame, das darf nur ihr Ex-Mann. Und sagen Sie ihm, wenn er komme, solle er seine Identitätskarte mitbringen! Ihnen können wir leider nicht vertrauen - vielleicht sind Sie ja eine Diebin und wollen dem armen Kerl das Auto stehlen!»
Ich nahm die Zettel und ging mit hoch gereckter Nase hinaus. Meine Wut schluckte ich tapfer hinunter. Diebin, dachte ich, so eine bodenlose Frechheit! Das Auto hatte vor dreieinhalb Jahren ich ganz allein bezahlt. Und jetzt war ich nur zum Verkehrsamt gegangen, um meinem Ex-Mann die Umschreibung leichter zu machen! Sie ist - wie oben erwähnt - aufwendig und erfordert Gänge auf mehrere Ämter, das Einholen zahlreicher Stempel und entsprechend viel Energie.
Als ich wieder daheim war, steckte ich die Formulare und die abgelaufene Zulassung in ein Couvert und schickte alles dem Vater meines Sohnes. Per SMS bat ich ihn, die Zulassung zu besorgen, auch wenn es Mühe mache. Das Auto würden wir, also unser Sohn und ich, vor allem dazu brauchen, um zum Fussballclub zu fahren. Der liegt ausserhalb des Molochs Kairo und dorthin fahren keine Busse.
Trotz meiner Erklärung sehe ich schwarz. Ja, ich vermute, das Auto wird ungebraucht in der Garage (wo es jetzt steht) verrotten. Das ist schade - vor allem für meinen Sohn, der so gerne in jenen Fussballclub gehen würde. Aber die Zeit vergeht, die Trennung wird länger und länger, und Marwan wird grösser und selbständiger. Kurz, ganz langsam nähere ich mich dem Ende des Tunnels, in dem ich mich jetzt befinde. Ob es dahinter hell und schön ist, weiss ich nicht. Ich bin mir aber sicher, dass ich der klaustrophobischen Enge irgendwann entkommen werde.
Kristina Bergmann
Thema: Kristinas Kolumne | Comments Off | Autor: Kristina Bergmann