Sammeln und nicht berühmt werden
Sonntag, 18. Januar 2009 15:36
Je älter ich werde, desto mehr packt mich die Sammelleidenschaft. Inzwischen habe ich schon eine ganze Menge Zusammenstellungen. Ich sammle zum Beispiel Schals. Und Kissen. Sogar meinen Sohn belästige ich mit meinem Tick: «Du magst doch Katzen», habe ich zu ihm gesagt, «Also sammelst du jetzt mal welche aus Stein….».
Mein tollster Schatz ist eine Fotosammlung. Auf die Idee kam ich, als ich bei Ali Semman eingeladen war. Der war damals der Vorsitzende des «Interfaith-Committee» der Azhar-Universität. So nannte Semman seinen Arbeitsort, und ich habe keine gute Übersetzung gefunden. Im Prinzip geht es dort darum, die verschiedenen Religionen unter einen Hut zu kriegen.
Jedenfalls war ich bei Semman zum Frühstück eingeladen. Er selbst ist ein interessanter Mann, der seinen Vorsatz durchaus zu leben versucht. Er ist Ägypter und mit einer französisch-christlichen Modeschöpferin verheiratet. Ausserdem hat einen Sohn, ich glaube, aus einer früheren Ehe. Damals lebte der in New York und wollte eine Jüdin heiraten. In Ägypten ist das Sprengstoff. Ich hoffe, der alte Semman hat das niemandem in seinem Interfaith-Committee erzählt…
Nachdem er viel Orangensaft getrunken hatte, stand Semman auf und führte mich zu einem Glastisch. Darauf steht seine Fotosammlung, rund zwanzig Bilder, auf denen er mit jeweils einem berühmten Menschen zu sehen ist. Und was für Menschen! Nasser, Sadat, Clinton, der alte Bush usw. Als ich nach Hause ging, war ich tief beeindruckt. Dann dachte ich: Was Semman macht, kann ich schon lange!
Grundstock meiner Sammlung wurde ein Bild von Arafat, dem früheren Präsidenten Palästinas, und mir. Im Jahre 2000 war ich nur einen Monat nach Beginn der 2. Intifada im Gazastreifen gewesen. Dort hatten eine Journalistengruppe und ich einen «Begrüssungstermin» mit Arafat. Er beantwortete ein paar Fragen und liess sich dann bereitwillig mit jedem von uns ablichten. Um mich legte der gute Mann sogar seinen Arm. Vielleicht, um zu überspielen, dass er kleiner als ich war? Jedenfalls war die Fotografin, die das Schwarz-Weiss-Bild entwickelte, so begeistert, dass sie es in einen Rahmen steckte und mir schenkte. Ich hing es - nicht minder enthusiastisch - an die Wand.

Inzwischen ist Arafat tot, und das steigert den Wert des Bildes enorm. Ausserdem ist meine Sammlung auf zehn Bilder angewachsen. Nicht übel sind folgende Fotos: Mohammed Tantauwi (der ägyptische Grossscheich) und ich und Baba Shenuda (der hiesige koptische Patriarch) und ich. Glanzpunkt der Zusammenstellung ist jedoch das Bild von Gamal Mubarak und mir. Der ist ja der Sohn des ägyptischen Präsidenten, Hosni Mubarak. Ich traf den Junior beim «Economic Forum» in Sharm ash-Sheikh. Nach einem «Business-Lunch» drängten viele Reporter auf das Podium, von wo aus Gamal gesprochen hatte. Ein Chinese drückte mir seine Kamera in die Hand und sagte, ich solle ihn und Gamal fotografieren. Ich reagierte blitzschnell und sagte: «Okay, aber nur, wenn Sie mich danach mit ihm knipsen.» Schliesslich wird Gamal vielleicht mal selbst Präsident… und das war nun eine einmalige Gelegenheit, ein Foto von ihm und mir zu bekommen. Wenn solche Leute nämlich mal an der Macht sind, sieht man sie nie wieder.
Der Chinese war fair - er machte nicht nur das Bild, sondern schickte es mir auch. Allerdings war seine Qualität erbärmlich. Mein Gesicht glänzte oder hatte seltsame Schlieren, und der Fotohändler brauchte eine Stunde, um aus dem miesen Bild eins zu machen, das man anschauen konnte. Vermutlich waren die chinesischen Kameras damals schlecht - heute sind sie Spitzenklasse!
Danach kam das Bild von Gamal und mir extra gross und in einem tollen Rahmen in die Mitte der Fotowand. Darüber hängt übrigens eins von Amr Khaled und mir, einem selbsternannten Prediger, den die arabischen Muslime über alles lieben, und der es zu grossem Ruhm gebracht hat.

Was fehlt, sind Frauen. Eigentlich habe ich nur ein einziges Bild, auf dem eine weibliche Berühmtheit zu sehen ist: das von Micheline Calmy-Rey und mir. Mit der Schweizer Aussenministerin war ich zusammen im Sudan, in Darfur.
Im kommenden Monat kommt zum Glück eine weitere Schweizer Ministerin nach Ägypten. Das ist Doris Leuthard, die Bundesrätin für Wirtschaft. Zu den Pressekonferenzen mit ihr muss ich unbedingt meinen Fotoapparat mitnehmen. Sie ist nämlich nicht nur eine Frau, sondern auch noch hübsch. Als Frau kann ich das ja ruhig schreiben, als Mann würde ich deshalb gleich als Macho bezeichnet werden.
Kristina Bergmann
Thema: Kristinas Kolumne | Comments Off | Autor: Kristina Bergmann