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Herr Koch und Herr Lehmann

Samstag, 16. Mai 2009 16:33

Der Casus Kermani, oder was er uns sagt, ist noch viel schlimmer als nur peinlich, taktlos, dumm. Er hat in gewisser Weise System. Alle regen sich über die angeblich zu schnell beleidigten Muslime auf. Und es reden ja immer nur alle über den Islam, auch die deutschen Muslime. Nun kommt aber mal ein Muslim und sagt etwas zum Christentum. Das wird sofort als Grenzüberschreitung, Anmaßung, Sakrileg empfunden (umgekehrt haben wir keinerlei Gefühl dafür, was es heißt, daß wir ständig über den Islam reden - genau daran erkennt man die Hierarchien, erkennt, wer die Macht hat oder glaubt, sie oder das natürliche Anrecht darauf zu haben - “wir”: die deutschen Nichteinwanderer, Nichtmuslime). Das ist der eine Impuls. Dann gibt es den zweiten: Jetzt schlagen wir zurück. Was die Muslime können - für ihren Glauben streiten, empfindlich sein - das können wir schon lange. Und: Endlich haben wir eine Gelegenheit dazu. Sonst kriegen wir die von den Muslimen ja nicht, die reden einfach nicht über das Christentum. Nun hat es einer getan. Sofort wird die Gelegenheit genutzt, sich im Spiegelstadium mit den beleidigten Muslimen zu profilieren, auf die dümmste, undifferenzierteste Art. Natürlich, die Feuilletons sind jetzt alle pro Navid. Aber das sind die Intellektuellen, vielleicht nur eine optische Täuschung. Ich würde gerne den Briefkasten von Lehmann, Koch und Konsorten sehen. Oder doch lieber nicht: Denn was da an Zustimmung eintrudelt, dürfte einem den Magen umdrehen. Selbst dieser Skandal, überhaupt erst der Skandal und die Kritik an seinen Verursachern, dient deren Sache, der eigenen Profilierung, dem Marketing. Es ist sehr schwer, dieser Dynamik etwas entgegenzusetzen, außer der schonungslosen Analyse. Der Friedenspreis des Buchhandels für Navid, mit Roland Koch zwangsverdonnert in der Paulskirche, das wäre das einzige, was das wieder gutmachen könnte.

Stefan Weidner

Thema: Allgemein | Comments Off | Autor: Stefan Weidner

Christen in Syrien

Samstag, 21. März 2009 13:38

Der Kollege Yassin Musharbash hat kürzlich einen „Brief aus Damaskus“ geschrieben. Er schildert eine Szene aus dem Vorort Jaramana, wo sich irakische Flüchtlinge anfangen zu prügeln, nachdem der Strom ausgefallen ist. Da fiel mir mein letzter Besuch in Damaskus im Dezember 2006 ein, gerade recht zur Weihnachtszeit. Ich fuhr oft nach Jaramana, weil sich dort vor allen Dingen christliche Flüchtlinge aufhielten. Ich war mit Kai Wiedenhöfer unterwegs, einem sehr guten Fotografen. Wir sollten eine Geschichte über Christen in Syrien recherchieren. Geschickt hatte uns das Magazin Chrismon, das von der evangelischen Kirche finanziert wird. Vor unserer Reise hatten wir vorgeschlagen, lieber etwas über die irakischen Flüchtlinge zu machen, die damals zu Tausenden nach Syrien flohen. Aber es musste ein Artikel über syrische Christen sein, ich weiß nicht mehr genau warum. Das Skurrile war: Die syrischen Christen, die wir trafen, waren nationalistischer als viele andere Syrer, sie schimpften wie die Rohrspatzen auf den Westen und verwiesen auf das Schicksal ihrer irakischen Brüder, die nach dem Demokratiefeldzug der Amerikaner auf der Flucht vor dem Chaos im Irak seien. Die irakischen Christen konnten diesem Kreuzzug im übrigen auch nicht viel abgewinnen, unter Saddam Hussein ging es ihnen besser, wie sie sagten. So ist das leider mit Minderheiten in Diktaturen: Der Herrscher macht sie sich gefügig, indem er ihnen Privilegien zubilligt, die er anderen Gruppen verweigert. Nun ja.

In Kürze werden die ersten christlichen Flüchtlinge aus dem Irak in Deutschland erwartet. Das soll wohl die Humanität der deutschen Regierung zum Ausdruck bringen, nach dem Motto: „Wir stehen auf der Seite unserer christlichen Brüder, aber Muslime sollen lieber im Nahen Osten bleiben, da gehören sie doch hin.“ Na gut, vielleicht etwas böse, aber in etwa stimmt das so. Trotzdem: Ahlan wa sahlan, ya masihiyun al-irak!

Chrismon hat unsere Geschichte über die syrische Christen übrigens nie gedruckt, warum weiß ich bis heute nicht. Das war rausgeschmissenes Geld, wenn ihr mich fragt, und wir haben uns umsonst in Damaskus Weihnachten um die Ohren geschlagen. War aber trotzdem nett. Hier ist die Geschichte, weltexklusiv auf nefais.net:

Eine Oase des Friedens

Christen in Syrien

Syrien ist eine Oase des Friedens, ein Land, in dem sich alle mögen und Präsident Bashar al-Assad nur das Beste für sein Volk will. Das zumindest sagt Nicola Kassab, und er meint es kein bisschen ironisch: „Warum soll man seinen Präsidenten nicht lieben?“ Eine rhetorische Frage. Nicola Kassab sitzt in seinem Juweliergeschäft im Goldbasar von Damaskus, einer Kammer von acht Quadtratmetern, im Schaufenster hängt der Schmuck wie Lametta vom Weihnachtsbaum und neben Nicola ein Bild von Bashar al-Assad. Das machen hier alle so. Nichts Besonderes also. Oder doch? Nicola Kassab, 63 Jahr alt, ist Christ. Er gehört damit einer aussterbenden Minderheit im Nahen Osten an. Im Irak wird es bald keine Christen mehr geben, sie flüchten in Scharen vor dem alltäglichen Terror, selbst in Palästina, der Heimat Jesu, leben nur noch ein paar Tausend. Der Exodus der orientalischen Christen scheint unaufhaltsam. Ausgerechnet Syrien, ein Land mit schlechtem Ruf im Westen, soll eine Ausnahme sein?

Wir haben die Familie Kassab über alte Freunde kontaktiert, wir wollten wissen, was es bedeutet, Araber und Christ zu sein. Passt das überhaupt zusammen? Schließlich ist der Islam die „Religion der Araber“, der Koran in ihrer Sprache herabgesandt worden. Möglichst ehrlich sollten die Antworten sein, deswegen schlugen wir vor, die richtigen Namen zu verschleiern. Das Angebot hätten wir uns sparen können. Die Kassabs reden frisch von der Leber weg, als gäbe es keine Geheimpolizei. Was sie erzählen, entspricht jedoch nicht dem Erwarteten. Nicola und seine Familie schimpfen auf Amerika, sie verteidigen den Islam, manche finden sogar Hassan Nasrallah toll, den Führer der schiitischen Hizbullah.

Viele Christen in Damaskus denken so oder ähnlich, das zeigt sich nach vierzehn Tagen Recherche. Manche gehen noch weiter, wie Bischof Ghattas, der Vertreter des griechisch-orthodoxen Patriarchen. Die westlichen Christen, sagt er, seien eine größere Bedrohung für die Ostkirchen als der Islam. Er schießt damit eine unverhohlene Breitseite gegen George Bush, den wiedergeborenen Christen aus Texas, der behauptet, er wolle den Nahen Osten demokratisieren und vor dem fanatischen Islam retten. Die syrischen Christen winken jedoch dankend ab. Nach einem Weihnachtsmahl mit der Familie Kassab wird klar warum.

Es ist der 25. Dezember 2006. Syrien hat rund 20 Millionen Einwohner, nur zehn Prozent davon sind Christen. Trotzdem ist heute offizieller Feiertag. Die Gassen der Altstadt sind bedrohlich leer, in den Ecken stehen Männer in teuren Anzügen, lässig spielen sie mit ihrer AK-47. Geheimdienst. Präsident Assad kommt zum Weihnachtsgottesdienst ins Patriarchat der Griechisch-Orthodoxen Kirche, es herrscht Alarmstufe eins. Das Patriarchat liegt an der Geraden Straße, hier soll Paulus von Ananias getauft worden sein. Vom Saulus zum Paulus. Fast 2000 Jahre ist das her. Syrien ist urchristliches Land, das heutige Regime betont das, wo es nur kann. Am 26. Dezember erscheint auf der ersten Seite der staatlichen Zeitungen ein riesiges Foto: der schmalbrüstige Präsident umringt von zwei Dutzend Priestern und Imamen mit Bärten bis zum Bauchnabel. „Das ist Syrien“, steht als Überschrift. Seht her, bei uns herrscht Religionsfrieden, lautet die Botschaft.

Nicola Kassab ist griechisch-orthodox, seine Frau Amira, geborene Safar, war ursprünglich syrisch-katholisch, konvertierte aber nach der Heirat zur Konfession ihre Mannes. Am 25. Dezember besucht das Ehepaar Amiras Eltern. Sie wohnen in einem gutbürgerlichen Stadtteil von Damaskus. Auf dem Tisch dampfen die Porzellanplatten, es gibt Rindfleisch mit Kartoffelpüree und Huhn mit Reis, dazu Tabboule, arabischer Salat aus gehackter Petersilie, Bourghol und Tomaten. Nach dem Essen wechselt die Weihnachtsgesellschaft in den Salon und trinkt Tee. Alle paar Minuten klingelt das Telefon, Verwandte aus Übersee rufen an und wünschen ein frohes Fest, außerdem Freunde und Nachbarn. Nicola Kassab klappt fast triumphierend sein Mobiltelefon zusammen, nachdem er einen der vielen Glückwunsche entgegen genommen hat. „Das war einer meiner Kunden“, sagt er. „Ein Muslim!“ 90 Prozent seiner Kunden seien Muslime, das zeige doch schon, wie gut man sich verstünde.

Die Beziehungen zu den Muslimen ist ein zentrales Thema in der Runde. Jeder wehrt sich gegen den Vorwurf, der Islam unterdrücke andere religiöse Minderheiten. „Wir leben seit Jahrhunderten zusammen, der Islam ist tolerant gegenüber den Christen“, sagt Amira Kassab. „Ich meine nicht den Islam im Jemen oder in Saudi-Arabien, das ist alles Müll, sondern hier in Syrien.“

Das Szenario ist leicht skurril. Ein deutscher Reporter sitzt in einer Gruppe syrischer Christen, die ihm mit Vehemenz die religiöse Toleranz des Islams einzubläuen versuchen. Fast so, als wären sie Mitglieder der Muslimbruderschaft. Dennoch hat das nichts mit Gehirnwäsche zu tun. Im Vergleich zu anderen arabischen Ländern bietet Syrien den Christen tatsächlich eine relativ gesicherte Existenz. Sie werden nicht einfach nur geduldet, sondern sind ein fester Bestandteil der Gesellschaft. Das fängt bei der Bildung an. Laut einer Studie der Universität Rostock sind die syrischen Schulbücher beispielhaft im Nahen Osten, wenn es um die Behandlung religiöser Minderheiten geht. Ihre Geschichte, vor allem die der Christen, nimmt einen breiten Raum ein, anders als in anderen arabischen Ländern. Anders als in Ägypten können die Kirchen in Syrien problemlos Land erwerben, und wenn die Gotteshäuser in Damaskus oder Aleppo zerfallen und einen neuen Anstrich brauchen, werden sie selbstverständlich repariert. Der ägyptische Staat verlangte dafür bis vor kurzem eine Genehmigung, die aus reiner Schikane oft nicht erteilt wurde. Das hat sich mittlerweile auch geändert, aber für den Bau einer neuen Kirche bedarf es immer noch der Zustimmung des ägyptischen Präsidenten.

Die syrischen Christen verhalten sich nicht wie eine unterdrückte Minderheit, die froh sein kann, überhaupt noch da zu sein, sondern sie treten selbstbewusst auf und können bisweilen aufmüpfig werden. Beim letzten Ramadan zum Beispiel. Da beschwerte sich eine christliche Gemeinde in Damaskus über die lauten Gebete, die ständig aus den Mikrofonen der Nachbarschaftsmoschee schallten. Prompt reduzierten die Imame den Sound.

Syrien ist das Herz des arabischen Nationalismus, und die Christen waren immer ein wichtiger Teil dieser Bewegung. Michel Aflaq zum Beispiel, ein syrischer Christ, gehört zu den Mitbegründern der Baath-Partei, die heute berechtigterweise in die Nähe des Faschismus gerückt wird. Die Gräueltaten im Irak, wo die Partei Jahrzehnte lange regierte, lassen keinen anderen Schluss zu. Auch in Syrien hat das Baath-Regime, das seit 1963 an der Macht ist, seine Leichen im Keller. Doch die Baath-Ideologie hatte ursprünglich etwas Fortschrittliches: Sie fasste alle Araber ungeachtet ihrer Religion unter einem Dach zusammen, das verbindende Glied sollte die arabische Sprache und Kultur sein, nicht der Islam. Dieses nationalistische Erbe lebt unter den Christen in Syrien bis heute fort. Für den westlichen Beobachter manchmal in verstörender Weise.

Im Teesalon von Amira Kassabs Eltern erreicht die Diskussion mittlerweile fiebrige Temperaturen. Amiras Bruder Rami Safar hat sein rhetorisches Gewicht in die Runde geworfen, er ist ein selbst selbsterklärter Nationalist. Rami arbeitet in der Juwelierbranche, wie sein Schwager Nicola. Er hat einen buschigen Schnurrbart und lacht herzlich viel; wenn es um Israel geht, versteht er jedoch keinen Spaß. Mehrfach hat ihn der arabische Satellitensender al-Jazira um Interviews für Sendungen über den Goldhandel gebeten, doch er lehnte jedes Mal ab. „Al-Jazira hat Israelis im Programm, sie haben sogar schon Schimon Peres interviewt, den früheren Ministerpräsidenten. Sie schleichen sich in dein Gehirn ein und verändern dein Denken.“ Den einzigen Satellitensender, dem Rami ein Interview geben würde ist al-Manar – und der gehört der libanesischen Hizbullah, der schiitischen Partei Gottes. Seit dem Krieg im Sommer 2006, als die Hizbullah fünf Wochen lang den Angriffen der israelischen Armee standhielt, ist Rami Safar ein Fan von Hassan Nasrallah, dem Führer der Partei. Er kramt sein Mobiltelefon aus der Tasche und zeigt den Hintergrund – es ist ein Bild von Nasrallah, dem Mann mit der Hornbrille und dem schwarzen Turban.

Im Libanon spielen die Christen eine prominente Rolle, es ist das einzige arabische Land, in dem sie nicht die Minderheit sind. Außerdem herrscht hier Meinungsfreiheit und ein weltoffenes Klima. Dennoch stimmt in dieser Runde niemand ein Loblied auf den Nachbarn an. Zu viel politisches Chaos, zu viel Unsicherheit, zudem bekämpfen sich die Christen dort gegenseitig. „Ich interessiere mich nicht für Politik“, sagt Rami Safar, „ich will in Sicherheit leben, meinem Beruf nachgehen und ein angenehmes Leben führen, das ist mir wichtig. Abgesehen davon gibt es heutzutage in Syrien so viel Meinungsfreiheit wie nie zuvor. Vor zehn Jahren hätten wir nicht so offen mit ihnen geredet.“

Das stimmt wohl, doch immer noch werden Oppositionelle nur für ihre Worte ins Gefängnis geworfen. „Wer sich korrekt verhält, kommt auch nicht in den Knast“, erwidert Amira. „Alle Christen denken hier so.“

Alle? Nicht ganz. Ein paar Unbeugsame gibt es, die sich weigern, Lobeshymnen auf Präsident Assad zu singen. Akram al-Bunni zum Beispiel. Er ist Christ und verbachte 17 Jahre in syrischen Gefängnissen, wegen Mitgliedschaft in einer verbotenen kommunistischen Partei. Seit 2002 ist er wieder auf freiem Fuß. Heute lebt Akram al-Bunni in einer bescheidenen Wohnung weitab vom Stadtzentrum, wenn er aufsteht und durchs Fenster schaut, blickt er geradewegs auf die Polizeihochschule, ein lang gezogenes graues Gemäuer. Derzeit sitzt sein Bruder Anwar im Gefängnis, ein bekannter Menschenrechtsaktivist. Er hatte ein Manifest unterschrieben, in dem Präsident Assad aufgefordert wird, mehr Demokratie zuzulassen.

„Ja, viele Christen schätzen die Sicherheit hier“, sagt Akram, „aber es gibt auch viele, die gegen das Regime sind.“ Nicht unbedingt in Damaskus, wo es eine breite christliche Mittelschicht gebe, sondern in kleineren Städten wie Homs und Hamah, wo Akram al-Bunni ursprünglich herkommt. Er stammt aus einer ärmlichen Familie, nicht umsonst ist er schon in jungen Jahren zum Kommunist geworden. Als wir ihm erzählen, dass sich Nicola Kassab kürzlich ein neues Auto der Marke KIA für 22.000 Dollar gekauft hat, rollt er mit den Augen: „Das ist sehr viel für syrische Verhältnisse!“ Zum Vergleich: Ein Teppichhändler im Basar verdient umgerechnet 500 bis 700 Dollar im Monat, und das ist hier ein gutes Einkommen.

Der Klassenunterschied trennt die Bunnis von den Kassabs, er wiegt schwerer als die religiöse Zusammengehörigkeit. Doch eines verbindet die Familien: der Patriotismus. „Ich würde Syrien nie verlassen, das ist mein Land“, sagt Akram al-Bunni. „Ich will hier etwas verändern, was soll ich im Exil? Selbst wenn sie mich bedrohen und wieder ins Gefängnis stecken wollen: Ich bleibe hier!“ Er will ein demokratisches Syrien, in dem Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit herrschen. „Das ist auch besser für die Christen“, sagt Akram.

Demokratie – der Gedanke daran hinterlässt bei vielen syrischen Christen derzeit jedoch einen blutigen Geschmack im Mund. Vor vier Jahren stürzten die USA das Regime von Saddam Hussein und versprachen, aus dem Irak ein Musterbeispiel an Freiheit zu machen. Stattdessen versinkt das Land heute in einem Bürgerkrieg, in dem die Christen das schwächste Glied sind. Sie werden von sunnitischen und schiitischen Extremisten bedroht, ermordet und entführt, und keiner kann oder will sie schützen – auch nicht die Armee des wiedererweckten Christen George Bush. Deswegen fliehen die irakischen Christen in Scharen, das Nachbarland Syrien ist ihr erstes Ziel. In Jaramana, einem Vorort nördlich der Damaszener Altstadt, leben sie in herunter gekommenen Wohnungen und harren der Dinge. Alle träumen von Europa oder Amerika, doch niemand will sie.

Kurz vor unserer Abreise kehren wir in Nicoals Juweliergeschäft zurück, um uns zu verabschieden. Der Fernseher läuft, al-Jazira zeigt eine Sendung über Christen im Nahen Osten, eine Dokumentation der Hoffnungslosigkeit. Gestern hat die konservative Londoner Times einen Artikel veröffentlicht, indem sie behauptet, der Feldzug gegen den Irak habe die Lage der orientalischen Christen nur verschlimmert. Sie würden zu Sündenböcken der amerikanischen Politik gemacht. Auch die syrischen Christen fürchten sich davor, in diese Mühle zu geraten.

Rami Safar kommt herein, schaut auf den Fernseher und schüttelt den Kopf . „Wissen Sie was? Ich habe vor Jahren meinen Bruder in Amerika besucht, in Dallas. Eines abends gingen wir durch die Stadt, es war halb zehn. Plötzlich trafen wir auf eine Polizeisperre. Die Polizisten sagten uns, ab hier könnten sie nicht mehr für unsere Sicherheit garantieren, ab hier herrschen die Kriminellen.“ Rami kann seine Empörung nur schwer unterdrücken. „Die Amerikaner schicken eine Armee in den Irak und erschießen Leute, aber sie sind nicht in der Lage, ihre eigenen Bürger zu schützen. Das soll ein Vorbild sein?“

Im Schaufenster hängt der Goldschmuck wie Lametta vom Weihnachtsbaum. Nicola und seine Familie geht es gut, an Auswandern denkt keiner von ihnen, Rami Safar schon gar nicht. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt.

Albrecht Metzger

Thema: Herr Metzger räumt auf | Comments Off | Autor: Albrecht Metzger

Brief aus dem Libanon

Freitag, 13. März 2009 14:10

Endlich war ich da. So lange hatte ich mir erhofft, den Libanon zu bereisen, und nun erfüllte ich mir diesen Wunsch. Eine Woche lang Land und Leute erkunden, Freunde treffen, Geschichten recherchieren. Aber vor allem: Mit eigenen Augen sehen, wie dieses Land aussieht, wie es riecht, wie es schmeckt.

Immer wieder hört man das Gleiche: Der Libanon ist grün, man kann am Morgen in den Bergen Ski fahren und am Nachmittag im Meer baden, und natürlich ist das Essen das beste in der Region. Nun wollte ich mir mein eigenes Bild machen.

Schon beim Anflug auf Beirut bestätigten sich die ersten beiden Libanon-Klischees. Aus dem linken Flugzeugfenster waren die grün leuchtenden, in höheren Lagen schneebedeckten Berge zu sehen, aus dem rechten Kabinenfenster sah ich das Meer. Die Sonne schien, als ich ankam, und ich konnte auf der Fahrt in die Innenstadt gar nicht genug vom Anblick der weißen Berggipfel bekommen. Unfassbar, dass es keine zwei Stunden Flugzeit von Kairo entfernt solch eine blühende Vegetation gibt, grüne Hügel so weit das Auge reicht und Berge, die von weitem weiß leuchten. Herrlich!

Und dann Beirut. Vielleicht hätte mich die Stadt nicht so begeistert, wäre ich gerade aus Deutschland eingeflogen. Aber aus dem 20 Millionen-Moloch Kairo kommend, fühlte ich mich regelrecht beschwingt, als ich durch die Straßen der libanesischen Hauptstadt lief. Saubere Bürgersteige, schicke Cafés und der Duft von Veilchen, die in Beeten die Gehwege des „Centre Ville” säumen.

Es hört sich banal an, aber für mich war es extrem erfrischend, mal wieder die normalen Freuden einer Stadt genießen zu können. Kairo ist heillos überfüllt, chaotisch, verstaubt und verdreckt. Entspannte Spaziergänge sind kaum möglich. Natürlich gibt es auch in Kairo grüne Ecken, aber sie haben keine Chance gegen den Wüstensand, der sich ebenmäßig überall in der Stadt verteilt.

Deshalb kam mir Beirut mit seinen gepflegten Plätzen, dem Pflanzenwuchs und dem Regen, durch den ich zwei Tage spazierte, fast wie ein Kurort vor.

Beirut erinnert mich von der Architektur, die in den alten Strukturen noch zu erkennen ist, aber auch von der Vegetation her ein wenig an Südfrankreich. Südfrankreich mit Kriegsnarben. Zwar wird in Beirut, wie auch im Rest des Landes, kräftig gebaut, und viele alte Gebäude, die dem Krieg zum Opfer gefallen sind, müssen nun gläsernen, glänzenden, glatten Neubauten weichen. Dennoch sieht man überall noch Wände, die von Einschusslöchern durchsiebt sind und völlig ausgebrannte und zerbombte Häuser. Das sind traurige Überbleibsel eines grausamen und langen Bürgerkrieges, in dem etwa 100 000 Libanesen ums Leben kamen und rund 800 000 ins Ausland flohen.

Heute leben vier Millionen Menschen im Zedernstaat, die Exilgemeinde der Libanesen ist auf 16 Millionen angewachsen.

Überall auf dem Erdball sind sie verstreut, in Südamerika, Kanada, Europa, Australien. Sie haben sich dort eine neue Existenz aufgebaut, viele haben es zu Geld gebracht. Mein liebenswürdiger Taxifahrer Jean besaß einmal ein Restaurant, das während des Krieges zerstört wurde. Seitdem verdient er sein Geld damit, Menschen durch den Libanon zu fahren. Auf unserer Fahrt in den Süden des Landes führte Jean mehrere Telefonate. „Das Schöne am Libanon ist, dass man mit allem Geld verdienen kann”, sagte Jean zwischen zwei Gesprächen. Er suche gerade einen Käufer für eine Villa, die ein Bekannter für ein paar Millionen Dollar verkaufen wolle. Für Jean fällt dabei natürlich eine Vermittlungsgebühr ab.

Wir waren auf dem Weg nach Saida. Die Stadt liegt knapp 50 Kilometer südlich von Beirut und zählt zu den berühmten Orten des Altertums. Heute ist sie die drittgrößte Stadt im Libanon und Sitz der südlibanesischen Regierung. Auf dem Weg dorthin begegnete mir ein Phänomen, das ich auch in den anderen Teilen des Landes beobachten konnte: Überall wird gebaut. Die grünen Hänge sind übersät mit neuen, meist mehrstöckigen, weiß-getünchten Häusern.

An der Schnellstraße nach Saida liegt eine Siedlung, in der niemand zu wohnen scheint. Nur vor einem einzigen Balkon sah ich frische gewaschene Wäsche hängen. Die anderen Häuser schienen verlassen, der Ort wie eine Geisterstadt. Jean erklärte mir, dass früher Christen in diesem Dorf wohnten. Im Bürgerkrieg kämpften Drusen gegen sie, und das ganze Dorf wurde dem Erdboden gleich gemacht. Die Einwohner kamen um oder flohen ins Ausland. Viele dieser Exillibanesen bauen sich heute in ihrer alten Heimat wieder Häuser, kehren aber nur im Urlaub heim. So entsteht ein Meer von Ferienwohnungen im Libanon.

Auch die Lebensmittelindustrie hat sich auf die Auslandlibanesen eingestellt. Goodys, ein Feinkost-Supermarkt mit einer Filiale am Flughafen Beirut führt alle erdenklichen libanesischen Köstlichkeiten. Von Orangenblütenwasser über die verschiedenen typischen libanesischen Gewürze hin zu frischen Oliven und den berühmten libanesischen Süßigkeiten - es gibt nichts, was man hier nicht findet. Der Clou ist, dass alles schon reisegerecht abgepackt ist. Das Olivenöl steckt in einer leichten Plastikflasche, die so sicher verschweißt ist, dass man sie unbesorgt in den Koffer werfen kann. Die Oliven werden in eine Tupperdose gepackt - der Mann hinter der Theke weiß bei dem Satz „Es ist für die Reise” sofort Bescheid. Auch Thymian und Granatapfelessenz sind so verpackt, dass der Exillibanese ein Stück alte Heimat mitnehmen kann. In der Innenstadt und auch am Flughafen ist Goodys gut besucht.

Auch ich nehme zum Abschied eine Tasche voller Köstlichkeiten mit. Denn es stimmt, was man sagt: Das libanesische Essen ist besser als alles, was ich bisher gekostet habe. Dank Goodys kann ich nun wochenlang mein Essen mit libanesischen Zutaten verfeinern. Was übrigens ein weiteres Klischee bestätigt: Die Libanesen wissen, wie man Geschäfte macht.

Amira El Ahl

Thema: Briefe | Comments Off | Autor: Amira El Ahl

Namen sind Zufall

Donnerstag, 15. Januar 2009 10:49

Ich heisse Kristina. Mit K, i, i und a. Das ist ungewöhnlich, und deshalb diktiere ich meinen Namen oft. Für meine Mutter war das die «schwedische Schreibweise», und die fand sie besonders chic. Manche kapieren’s dennoch nicht und schreiben Christina, Kristine, und in der Schweiz nennen mich ein paar Kollegen «Chch-ri-schtiina». Ich widerspreche nicht, denn jeder muss selbst wissen, was er tut.

Würde ich mich statt mit i mit y schreiben, wäre ich vermutlich in Polen geboren. Das wäre nicht sooo unwahrscheinlich, immerhin stammen viele meiner Vorfahren von dort. Die meisten waren Ostdeutsche, einige hatten aber auch polnisches oder gar russisches Blut. Das hört man aus dem Namen meiner Grossmutter mütterlicherseits - «Baldin» - heraus. Sie heiratete einen «Helmchen» - toller Name - auch damals, weswegen meine Mutter und ihre Zwillingsschwester von ihren Mitschülern nur Helmchen 1 und 2 genannt wurden.

Die andere Grossmutter kam aus Breslau, war angeblich «das hübscheste Mädchen der Stadt» und hiess Steinberg. Sie heiratete einen Bergmann. Aha, denkt jetzt der Leser, eine logische Geschichte. Wäre sie wohl, wenn der Grossvater nicht ein Adoptivkind gewesen wäre, ein uneheliches noch dazu. Ob er also ein echter Bergmann war, ist schwer zu sagen. Sein Adoptivvater, ein Off’zier (so sagten die damals in Breslau), hiess jedenfalls so.

Alle Grosseltern zogen irgendwann vom Osten nach Berlin, das war damals das grosse Ziel und die schöne neue Welt. Als der Krieg kam (der Zweite), musste Grossvater Bergmann seine Mutter ausfindig machen, zwecks Bescheinigung, dass die nicht jüdisch war… Er fand sie in Hamburg; sie war selbst unehelich, Magd und Polin und hiess Wilhelmine Czichotska. Immerhin war sie evangelisch… in der damaligen Zeit ein klarer Vorteil. Ich kann bis jetzt meinen Grossvater (längst tot) förmlich aufatmen hören.

Mit Nachnamen heisse ich nun Bergmann und bin oder war auch evangelisch. In Europa ist das (vielleicht) wurscht, aber in der arabischen Welt bis heute ein Plus. In Ägypten gibt es immerhin rund 10 Prozent Christen, und so befindet man sich in Gesellschaft. Allerdings kommen die Muslime mit den Kopten (also den ägyptischen Christen) nicht gerade sehr gut aus. Das geben sie natürlich nicht zu, stattdessen heisst es: «Wir sind alle Ägypter, und die Religionszugehörigkeit ist unwichtig». Eine ausländische Christin finden auch muslimische Ägypter  sehr viel vertrauenswürdiger als eine ausländische Jüdin. Die wäre dubios, und die würden sie als Spionin verdächtigen. Doch auch wenn Muslime und Christen hier eng beieinander leben, wissen sie recht wenig voneinander. Und so stolpern eine Menge Muslime über meinen Namen. Denen sage ich, dass er auf Arabisch etwa «Abdul-Mesih» bedeute. Dann lachen die Ägypter, denn das ist ein Männername.

Zum Glück nennen einen die Araber immer beim Vornamen. Denn «Bergmann» ist für sie nicht nur schwierig auszusprechen, sondern ist ihnen auch suspekt. Einige haben nämlich gehört, dass sich hinter jedem ausländischen Namen mit der Endung «-mann» ein Jude oder eine Jüdin verberge. In Libyen habe ich deshalb mal kein Visum bekommen. Die Beamten sagten mir auf den Kopf zu, ich sei Jüdin, klarer Fall, und Juden wollten sie in Libyen nicht.

Wenn ich solchen Schmarren höre, muss ich immer daran denken, mit welchem Stolz mein Grossvater unser Familienwappen in die Luft hob. Darauf ist ein «Bergmann» zu sehen, also einer, der in die Grube fährt. Auch Berge sind darauf. Mit unserer Herkunft habe beides vermutlich gar nichts zu tun, meint wiederum mein Vater. Und ob in der Vergangenheit in den Adern irgendeines Vorfahren nicht doch jüdisches Blut floss, weiss niemand genau. Will vermutlich auch keiner wissen. Als ich das mal meinem Exmann, einem Ägypter, andeutete, warnte mich der: «Sag das niemals laut in Kairo!» Er selbst heisst übrigens «Moussa» und so auch mein Sohn. Ich fand das immer sehr schön, denn Moussa, also Moses, war nicht nur Ägypter, sondern vereint auch Juden, Christen und Muslime. Oder sehe ich das falsch?

Kristina Bergmann

Thema: Kristinas Kolumne | Comments Off | Autor: Kristina Bergmann