Tag-Archiv für » Frauen «

Maissa Bey: „Die Algerier wissen heute: Der Islamismus ist nicht die Lösung“

Samstag, 19. Februar 2011 7:00

Die Schriftstellerin Maissa Bey (*1950) ist eine der wichtigsten Stimmen Algeriens. Sie hat zahlreiche Romane, Erzählungen und Theaterstücke verfasst. Ihre Novellensammlung „Nachts unterm Jasmin“ ist 2010 auf Deutsch erschienen. NEFAIS-Mitglied Martina Sabra hat Maissa Bey am 16.02.2011 in Mainz interviewt. Dabei nahm Maissa Bey auch zu den politischen Entwicklungen in Algerien Stellung. Das Interview wird hier in voller Länge dokumentiert. Übersetzung aus dem Französischen: Martina Sabra.

Maissa Bey, eines ihrer zentralen Themen ist die Situation der algerischen Frauen. Wann ist Ihnen selbst bewusst geworden, dass Sie diskriminiert wurden? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Ich habe als kleines Mädchen sehr früh die Unterschiede begriffen. Wir waren fünf Kinder - drei Jungen und zwei Mädchen - und die Jungen durften so vieles, was ich nicht durfte. Sie konnten draußen spielen, so oft und so lange sie wollten. Wir Mädchen dagegen mussten im Haus bleiben. Ich erlebte auch deutlich die Missachtung, wenn ein Mädchen geboren wurde. Zudem war meine Mutter Witwe, was die Situation noch schwieriger machte, denn wir hatten ja keinen Mann, der die „Ehre“ unserer Familie schützen konnte und wir wurden misstrauisch beäugt. Wir wohnten in einem großen Wohnblock, wo jeder jeden kannte. Meine Mutter hatte eine Riesenangst, dass die Leute mit dem Finger auf ihre Töchter zeigen könnten. Dadurch standen wir Mädchen sehr unter Druck. Aber ich muss sagen, dass meine Mutter uns trotz allem auch einen wichtigen Dienst erwiesen hat: Sie hat sehr darauf gedrängt, dass wir eine gute Ausbildung bekommen.

Sie waren eine exzellente Schülerin und haben dank Ihrer Noten als Zehnjährige ein Stipendium für das angesehenste französische Internat in Algerien erhalten.

Ich habe das Lycee Fromentin besucht, noch während der französischen Kolonialherrschaft. Da ich die Tochter eines “Märtyrers der Revolution war” und wir sehr wenig Geld hatten, fühlte ich mich am Anfang reichlich fremd an dieser Schule, die ja eigentlich den Töchtern der Reichen und Privilegierten vorbehalten war. Aber es war einfach so, dass gute Schülerinnen angenommen wurden, wohl auch, damit sich die Schule damit schmücken konnte. Die Zeit im Internat hat mein Menschenbild und mein Selbstverständnis als Frau entscheidend verändert. Das Lycee Fromentin war eine Mädchenschule. Fast alle meine Mitschülerinnen stammten aus französischen Familien oder waren Diplomatenkinder. Sie sahen das Leben ganz anders als ich, sie waren viel freier. Das gab mir den Mut, auch selbst mehr auszuprobieren, mich gegen die Zwänge aufzulehnen.

Ihr Vater - er war Grundschullehrer in der Provinz Sidi Bel Abbès - hat am Kampf für die Unabhängigkeit Algeriens teilgenommen (1954-1962). Als sie sechs Jahre alt waren, wurde er von den französischen Besatzern verhaftet und gefoltert. Sie sahen ihn nie wieder. Wie hat dieser frühe Verlust Ihr Leben geprägt?

Es war nicht nur der Verlust des Vaters. Es war auch der jähe Bruch mit der Kinderwelt. Als Sechsjährige musste ich mich mit Themen auseinandersetzen, für die ich viel zu jung war: Krieg, Folter, Rassenhass, das Gefühl, minderwertig zu sein, weil ich Araberin war. Die Erwachsenen konnten mir nicht helfen. Das führte dazu, dass ich mich in eine virtuelle Welt zurückzog – die Welt der Literatur. [...]

Thema: Allgemein, Notizen aus Mangalistan | Comments Off | Autor: Martina Sabra

Zum Internationalen Frauentag

Freitag, 6. März 2009 9:09

Frauen in Arabien. ARABIEN. Wo liegt das? In Saudi-Arabien? Arabia Felix? Mann, Mann. Der Deutschlandfunk ist mein Lieblingssender. Aber konnte nicht irgendjemand den Onlinern von Big Mama rechtzeitig mitteilen, dass „Arabien“ auf keiner realen Landkarte existiert? Dass die arabische Halbinsel und Marokko ungefähr so viel gemeinsam haben wie Granada und Gdansk? Und dass ein PR-Text wie der, mit dem der Sender heute ein Feature zum Thema Frauenrechte ankündigt, in die Kategorie „Heiße Schnecken unter Schleiern“ gehört? Wahrscheinlich wird die Sendung gar nicht übel sein. Aber warum diese platte Ankündigung?
„Ya Habibti, nimm’s locker“, sagt mein Nachbar Monty trocken. Monty lebt wie ich in Mangalistan, einem ganz besonderen Stadtteil Kölns, über den ich in diesem Blog demnächst mehr erzählen werde. Monty ist cool, und sehr geduldig. Außerdem ist Monty Palästinenser und somit daran gewöhnt, dass in den Medien regelmäßig gefühlte neunundneunzig Prozent Blödsinn über sein Völkchen und dessen Probleme verbreitet werden. Auch wenn Palästina zum hundertmillionsten Mal fälschlicherweise unter „Arabien“ subsumiert wird; auch wenn zum hundertzwanzigmillionsten Mal behauptet wird, die Palis seien selbst schuld, wenn israelische Bulldozer ihnen die Häuser unterm Hintern wegreißen: Monty denkt langfristig. „Nichts ist ewig. Und was kümmert es die stolze Eiche, wenn sich das Borstvieh an ihr reibt?“
Hmmm. Klingt arg nach Galgenhumor. Ich weiß, dass Du manchmal nur noch schlafen willst, weil Du die Ohnmacht nicht aushältst, Monty. Aber irgendwie hast Du auch Recht. Man sollte sich nicht über FRAUEN in ARABIEN aufregen, sondern sich inspirieren lassen. Wie wäre es, wenn ich mich ab sofort „Tubantin“ nennen würde? Das klingt viel exotischer als „Deutsche“ und ein bisschen Historie wabert auch mit. Denn nicht nur der Name des Fussballclubs FC Twente - nein, auch der Name meiner niederländisch-deutschen Sippe väterlicherseits geht mit allergrösster Wahrscheinlichkeit auf die Tubanten zurück. Selbige waren laut Tacitus Stammeskrieger aus Ostholland, die sich zu Beginn unserer Zeitrechnung wacker mit den Römern kloppten. Also: Keine Scheu vor Klischees! Unsere LeserInnen kapieren das sonst nicht! Nenn mich Tubantin!

Wenn Ihr trotz allem immer noch nicht die Nase voll habt vom Thema „Frauen in Arabien“: Eine dreiteilige Publikationsreihe, zu der ich jüngst auch beitragen durfte, informiert en détail und ohne Anspruch auf Vollständigkeit über die rechtliche Diskriminierung und über Gegenstrategien von Frauen in ausgewählten Ländern der Region Nahost/Nordafrika: Auf dem Weg zu einer verbesserten Rechtswirklichkeit, Strategien und Instrumente gegen rechtliche Diskriminierungen von Frauen in der arabischen Welt (Studie der gtz).

Bis denn

Martina Sabra

Thema: Notizen aus Mangalistan | Comments Off | Autor: Martina Sabra

Brief aus Kairo

Freitag, 16. Januar 2009 15:25

Mach mich nicht an

Kürzlich habe ich Noha Rushdi besucht. Waaas, Ihr wisst nicht, wer das ist? Naja, ausserhalb Ägyptens ist Noha vermutlich gar nicht bekannt…

Hier wird sie stark beachtet, und deshalb war ich erstaunt, sofort einen Termin bei ihr zu bekommen. Wenn in Ägypten jemand nämlich ein klein wenig berühmt ist, nimmt er das Telefon kaum noch selbst ab und vertagt Rendez-vous’ auf kommendes Jahr. Noha wollte mich hingegen gleich sehen. Noch dazu in Maadi (in dem Kairoer Vorort, wo ich wohne).

Noha war bei ihrer Mutter. Sie ist 27 Jahre alt und lebt sonst allein. Klingt normal, ist es aber in Ägypten nicht. Dort bleibt man bei seinen Eltern, bis man heiratet. Noha tickt aber anders. Sie wohnt nicht nur unverheiratet in einer eigenen Wohnung, sondern auch ein ganzes Stück von ihrer Mutter und ihrem Vater entfernt.

Als ich klingelte, machte die Mutter auf. Auch die lebt allein und ist von ihrem palästinensischem Mann geschieden. Sie ist Ägypterin, wirkte auf mich mit ihrem straff zurück gekämmten Haar und ihrer scharfen Nase aber wie eine Spanierin. Sie war sehr freundlich und brachte mich in Nohas früheres Kinderzimmer. Die Arme lag mit einer Erkältung im Bett.

Noha Rushdi krank im Bett (Bild: Kristina Bergmann)

Schnupfen und Husten, die Noha ganz schön krächzen liessen, waren nicht der Hauptgrund für ihre Heimkehr. «Meine Mutter hat Angst um mich. Vielleicht habe ich selbst auch Angst. Jedenfalls bleibe ich ein paar Tage hier», sagte Noha und zog verlegen die Schultern hoch.

Die junge Regisseurin hat gerade einen Prozess gewonnen. Und zwar gegen einen Anmacher. Zum ersten Mal in Ägypten bekam damit eine Frau, die gegen einen handgreiflichen Buhler vor Gericht zog, recht. Der Mann, ein Fahrer, musste ins Gefängnis und eine Strafe zahlen.

Die Geschichte von Noha stand in allen Zeitungen, und ich kenne sie. Trotzdem liess ich sie mir nochmal erzählen. Nicht zuletzt, weil es gut tut, einen dieser vielen miesen Lüstlinge bestraft zu wissen…

«Ich war auf der Strasse, hatte beide Hände mit meinem Computer und Taschen voll, als mich plötzlich ein Pick-up an die Hauswand drückte, der Fahrer seine Hand aus dem Fenster streckte und brutal in meine Brust kniff. Dann fuhr er weiter und lächelte mir triumphierend aus dem Rückspiegel zu. Das wirkte auf mich wie ein Signal. Ich liess alles fallen und rannte hinter ihm her. Ich sprang auf die Kühlerhaube. Er fuhr rückwärts, um mich abzuschütteln. Ich fiel runter und klammerte mich an den Türgriff des Pick-ups - bis der Fahrer endlich anhielt», erzählte Noha mit heiserer Stimme.

Anschliessend hätten sich Leute um die beiden gesammelt. Sie wollten helfen und würden den Typen verprügeln, wenn Noha das wünsche, hätten sie gesagt und die Ärmel hochgekrempelt. Nein, habe Noha geantwortet, sie wolle zur Polizei und den Fahrer anzeigen. Warum, wieso, das bringe doch nichts, habe das Publikum gebrüllt. Doch Noha blieb hart. Ein einziger junger Mann habe sie verstanden und ihr geholfen, den Grobian zur Polizeiwache zu zerren.

Der Polizist habe zuallererst gefragt, wo ihr Vater sei, fuhr Noha grinsend fort. Eine Frau, noch dazu eine junge, zähle in Ägypten nicht als vollwertiger Mensch und könne nach Volksmeinung allein kein Protokoll abgeben. Noha liess ihren Vater kommen. Offenbar weiss sie, was in Ägypten geht und was nicht und auch, was sie will.

Schliesslich kam es zum Prozess. Weder Nohas Eltern, noch ihre Freunde und Sympathisanten hatten für möglich gehalten, dass Noha den gewinnen könnte. Und dass der Anmacher so streng bestraft würde. «Das ist wie ein Traum», sagte ihre Mutter zu mir. Doch die Rache an Noha würde fürchterlich sein, meinte sie nachdenklich.

«Was war denn das Schlimmste bei der ganzen Sache», fragte ich Noha, während ich auf ihrem Bett sass. Am meisten habe sie geärgert, dass ihr nur einer half, den Fahrer zur Polizei zu schleppen, antwortete Noha. Und dass die übrigen Passanten gesagt hätten: Ach komm Mädchen, Anmache ist doch normal, nimm’s nicht so tragisch!

Die erkältete Noha seufzte, strich sich die Haare aus dem Gesicht, legte die Hände auf die Bettdecke und hustete.

Danach verabschiedete ich mich. Ich war von Noha, aber auch von ihrer Mutter beeindruckt. Die beiden sind toll. Ich selbst finde im Nachhinein am schlimmsten, dass letztere recht behalten sollte. Eine Anwältin kippte am folgenden Tag nämlich um und erklärte, Noha sei gar nicht angemacht worden. In Wahrheit sei sie eine Palästinenserin ohne Pass, die Ägypten nur schlecht machen wolle. Vermutlich habe Noha den armen Fahrer drangsaliert; man müsse sie deshalb so schnell wie möglich ausweisen. Am Nil habe DIE jedenfalls nichts zu suchen.

Kristina Bergmann

Thema: Briefe | Comments Off | Autor: Kristina Bergmann