Sonntag, 25. Januar 2009 18:22
Der Gaza-Krieg in der deutschen Öffentlichkeit
Seit den fünfziger Jahren ist Deutschland aus historischen Gründen mit Israel solidarisch. Auch die öffentliche Meinung hatte immer eine entschieden pro-israelische Tendenz. Es gibt jedoch Indizien, dass sich dies seit einigen Jahren langsam ändert. Der folgende Beitrag analysiert die Ausgangsbedingungen und Verschiebungen in der medialen Darstellung des palästinensisch-israelischen Konflikts am Beispiel des jüngsten Gaza-Krieges.
Die Stellungnahme der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Beginn des Gaza-Krieges war überraschend einseitig: Ihr zufolge hatte allein die Hamas Schuld an diesem Krieg. Mit diesem Urteil blendete die Bundeskanzlerin die jahrelange Blockade des Gaza-Streifens durch Israel sowie die Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts völlig aus.
Überraschend war dieses Urteil aus zwei Gründen: Erstens weil es ist diplomatisch ungeschickt ist, und zweitens, weil es in seiner Einseitigkeit nicht die Meinungsvielfalt spiegelt, die in der deutschen Öffentlichkeit zu diesem Konflikt zu finden war.
Meine folgenden Ausführungen zu diesem Meinungsbild in der deutschen Öffentlichkeit können sich nicht auf Statistiken stützen, nicht auf eine wissenschaftliche Auswertung der Medien oder auf Umfragen. Dafür ist es noch zu früh, und ich bin kein Medienwissenschaftler. Wenn unser Ziel eine Bewertung dieser Berichterstattung ist, wäre uns aber selbst mit einer gründlichen Statistik vermutlich nur wenig geholfen. Zur Erläuterung das folgende Beispiel:
Obwohl vieles dafür spricht, dass die westliche und besonders die deutsche Öffentlichkeit mehrheitlich eine pro-israelische Haltung einnimmt, wird von Israel und seinen Freunden behauptet, dass die Medien mehrheitlich gegen Israel sind, dass der Kampf um die Gunst des Publikums im Westen für Israel verloren sei. Dasselbe gilt umgekehrt: Selbst wenn wir eine pro-palästinensische Tendenz in den westlichen Medien erkennen könnten, wären die Palästinenser und die Araber mit der Darstellung des Konflikts wahrscheinlich nicht zufrieden.
Beiderseitige Unzufriedenheit
Jede Seite wirft den Medien der nicht direkt betroffenen Staaten vor, das Bild zu verzerren. Der Grund für diesen Vorwurf ist leicht erklärt: Es liegt daran, dass keine Seite ihre eigene Sicht vollständig wiederfindet, dass sich keine Seite angemessen vertreten fühlt, weil wir in Europa und besonders in Deutschland natürlich unsere eigene Sicht auf den Konflikt haben. Daher hat jede der beiden Seiten das Gefühl, dass der Konflikt nicht gerecht gesehen wird.
Im Folgenden will ich versuchen, zu einer Bewertung jenseits des Vorwurfs der Einseitigkeit zu kommen. Dieser Vorwurf stimmt wahrscheinlich schon deshalb nicht, weil beide Seiten in diesem Konflikt den Medien Einseitigkeit vorwerfen. Die deutsche Bundeskanzlerin war einseitig. Die Medien nicht.
Wenn wir die öffentliche Meinung in Deutschland beurteilen wollen, ist es am sinnvollsten, die staatsnahen und mainstream Medien zum Maßstab zu nehmen. Das Meinungsbild hier entscheidet über die öffentliche Meinung in Deutschland insgesamt. Zu diesen Medien zähle ich die öffentlich-rechtlichen (von den Fernsehzuschauern und Radiohörern durch Gebühren mitfinanzierten) Rundfunkanstalten (ARD und ZDF), sowie ferner die großen (unabhängigen und nichtstaatlichen) Tageszeitungen und Medienkonzerne, einschließlich ihrer Aktivitäten im Internet, also zum Beispiel „Der Spiegel“ und Spiegel-Online. Das Privatfernsehen hat zwar noch mehr Zuschauer als das öffentliche, bringt jedoch nur sehr wenig politische Berichterstattung und bleibt im Rahmen dessen, was auch im öffentlich-rechtlichen TV zu sehen ist (ähnliches gilt meiner Ansicht nach für die Boulevard-Presse).
Wenn wir uns anschauen, wie sich der Gaza-Krieg in diesen staatsnahen und mainstream Medien von Ende September bis Ende Januar 2009 dargestellt hat, dürfen wir zunächst sagen: Er wurde sehr intensiv dargestellt! Ungefähr einen Monat lang war dieses Thema in allen Medien breit repräsentiert, es war unmöglich, nicht davon zu erfahren, nicht die Zahlen der Toten auf beiden Seiten zu kennen, und ebenso war es unmöglich, nicht davon zu erfahren, dass die Fakten unterschiedlich gedeutet werden und dass die Meinungen dazu weit auseinandergehen. Stellen wir uns einen imaginären Beobachter vor, der keine vorgefasste Meinung zu diesem Konflikt gehabt hätte und alle Zeitungen sowie Radio- und Fernsehberichterstattungen zum Konflikt verfolgt hätte: Ein solcher Beobachter müsste am Ende sehr verwirrt sein und wüsste wahrscheinlich nicht, was er denken und wie er darüber urteilen soll.
Vorgefasste Meinungen
Allerdings haben die meisten Menschen bereits eine vorgefasste Meinung. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, auf zwei Eigenschaften der Deutschen heutzutage hinzuweisen, die in der Beurteilung des Konflikts für uns eine große Rolle spielen. Zum einen wäre die tiefe Scham und historische Schuld der Deutschen gegenüber den Juden zu nennen; dieses Gefühl schlägt in der Beurteilung des Konflikts zum Vorteil Israels aus. Wir müssen jedoch bedenken, dass dieses Gefühl der Schuld mit den Jahren allmählich verblasst. In der jüngeren Generation ist das Verblassen des Schuldgefühls deutlich zu spüren. Diese Generation hat in den Medien und in der Politik jedoch noch nicht die Verantwortung.
Die zweite Eigenschaft, auf die ich hinweisen möchte, hat ebenfalls mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun: Es ist der weit verbreitete Pazifismus der Deutschen. Krieg und Gewaltanwendung gelten den meisten als schlechte und untaugliche Mittel zur Konfliktlösung. Dieser Pazifismus hat die Deutschen davon abgehalten, am Irak Krieg teilzunehmen. In Bezug auf Gaza wirkt sich dieser Pazifismus zum Nachteil Israels aus: Die rücksichtslose Anwendung von kriegerischen Mitteln schadet dem Ansehen Israels in Deutschland.
Zwei weitere Punkte müssen wir erwähnen, wenn wir die öffentliche Meinung in Deutschland zum Gaza-Krieg gerecht beurteilen wollen. Viele Menschen im Westen können sich mit Israel leichter identifizieren als mit den Arabern. Dafür gibt es mehrere verständliche Gründe: Israel wirkt, jedenfalls von außen, wie ein westlicher, europäischer Staat. Viele Israelis haben europäische Wurzeln, und zudem ist Israel ein Teil des geschichtlichen und religiösen Selbstverständnisses des Abendlands (was für den arabischen Nahen Osten so nicht ohne weiteres gilt). Jedes Kind im Westen kennt den Namen Israels schon aus der Bibel.
Diese insgesamt pro-israelische Grundstimmung in Deutschland und im Westen paart sich besonders seit dem 11.9.2001 mit Angst vor den Arabern und Muslimen im Allgemeinen. Der „gefühlten“ Nähe zu Israel steht eine „gefühlte“ Distanz zu Arabern und Muslimen gegenüber. Im Fall des Gaza-Krieges wirkt sich diese Angst vor allem auf die Wahrnehmung der Hamas aus. Durch alle Kommentare und Berichterstattungen in den mainstream Medien zieht sich der Grundton, dass die Hamas schlecht ist. Dies äußert sich vor allem in feststehenden Redewendungen. Die Nennung der Hamas wird häufig begleitet von Beiwörtern wie „die radikalislamische Hamas“ oder „die militante Hamas“ oder es ist die Rede von den „Hamas-Terroristen“. In vielen Kommentaren wird die Hamas daher auch mit den Taliban und Al-Qaida verglichen.
Dass es der israelischen Diplomatie gelungen ist, die europäische Union dazu zu bewegen, die Hamas auf die Liste der Terrororganisationen setzen zu lassen, erweist als sich als großer israelischer Propagandaerfolg. Das Ergebnis die erwähnte Spracheregelung, sobald die Hamas erwähnt wird, das Ergebnis ist aber auch eine Lähmung der europäischen Diplomatie, die mit der Hamas nicht verhandeln darf, weil sie auf der Liste der terroristischen Organisationen steht.
Eine weitere Besonderheit der westlichen Medien wirkt sich unbeabsichtigt ebenfalls positiv für die Wahrnehmung Israels aus: In unseren Medien werden keine Leichen gezeigt, keine Opfer, keine Schwerverletzten. Dies geschieht aus Gründen der Pietät. Wenn es aber über 1400 palästinensische Opfer gibt und nur 13 israelische, profitiert von dieser Pietät natürlich die stärkere Seite: Auf beiden Seiten werden die Opfer unsichtbar, aber auf der einen sind es hundert Mal so viele wie auf der anderen.
Schlechte Voraussetzung, positive Entwicklung
Wir können also zusammenfassen, dass die Grundvoraussetzungen für eine pro-palästinensische oder auch nur ausgeglichene Wahrnehmung des israelisch-palästinensischen Konflikts in Deutschland schlecht sind. Angesichts dessen scheint mir jedoch, dass die Darstellung des Gaza-Kriegs in den deutschen Medien eine für die palästinensische Sache positive Entwicklung aufweist. Seit ich persönlich diesen Konflikt verfolge, also seit rund 20 Jahren, habe ich selten so viele Israel-kritische Stimmen gehört wie in den drei Wochen des Gaza-Krieges und danach. Es war unmöglich, diese Israel-kritischen Stimmen zu überhören.
Ich möchte zwei Beispiele geben, eins vom Anfang des Krieges, das andere aus den Tagen danach. Beide stammen aus dem Ersten Deutschen Fernsehen der ARD, dem ältesten und einem der wichtigsten staatsnahen Fernsehsender in Deutschland. An einem der ersten Tage des Krieges, nachdem Angela Merkel ihr eingangs erwähntes einseitiges Statement pro Israel äußerte, lud der Sender den Islamwissenschaftler Udo Steinbach als Kommentator ein. Steinbach vertritt eine entschieden pro-palästinensische Haltung. Er kritisierte die deutsche Regierung, verteidigte die Hamas und verurteilte den israelischen Angriff. Zur besten Sendezeit hörten die Zuschauer in den Nachrichten über den Konflikt als erstes eine klare, pro-palästinensische Stellungnahme.
Aber das deutsche Fernsehen wäre nicht das deutsche Fernsehen, wenn es diese pro-palästinensische Meinung eines Fachmanns ohne Widerspruch hingenommen hätte. Direkt in Anschluss an das Interview mit Steinbach brachte der Sender einen Kommentar von einem Redakteur des Senders, der eindeutig pro-israelisch war. Die Zuschauer standen also vor der Wahl, dem Fachmann Steinbach zu glauben oder der „offiziellen“ Sichtweise des öffentliche-rechtlichen Senders (ARD), welche sich im Kommentar ausdrückte. Der Zuschauer, der nicht schon vorher eine klare Meinung hatte, musste zwangsläufig verwirrt werden.
Dasselbe Phänomen ließ sich kurz nach dem Krieg in einer populären Polit-Talkshow, mit dem Namen „Hart aber fair“ beobachten. Unter dem Thema: „Blutige Trümmer in Gaza - wie weit geht unsere Solidarität mit Israel“ wurde über den Gaza-Krieg diskutiert. Auffällig war, dass von den fünf eingeladenen Diskussionsteilnehmern drei eine pro-palästinensische Position vertraten. Dennoch kann man nicht sagen, dass die Diskussion mit dem Ergebnis endete, dass der israelische Angriff zu verurteilen ist. Vielmehr zeigte sich die gleiche Verwirrung wie bereits am Anfang des Gaza-Krieges: Alle redeten durcheinander, die Diskussionsteilnehmer schrien sich gegenseitig an. Am Ende konnte sich jeder Zuschauer in seiner vorgefassten Meinung bestätigt fühlen; aus der emotional geführten Diskussion konnte man nicht lernen.
Verwirrung allenthalben
Die Verwirrung in diesen Sendungen spiegelt die Verwirrung der Medienmacher im Allgemeinen wieder. Die Verantwortlichen in den Medien wissen offensichtlich selber nicht mehr, welches Bild sie vermitteln wollen, welches Bild das richtige ist. Das deutet darauf hin, dass in den deutschen Medien und in der Öffentlichkeit insgesamt die Sympathien nicht mehr eindeutig pro Israel sind.
Das Ergebnis dieser Verwirrung ist der Verzicht auf ein klares Urteil. Ohne ein klares Urteil, ohne eine klare Änderung der öffentlichen Meinung, wird aber nur der status quo, die bestehende Politik und Situation unterstützt. Als in jeder Hinsicht stärkere Partei profitiert davon Israel. Wenn trotz aller Diskussionen am Ende doch alles gleich bleibt, bleibt die Überlegenheit Israels bestehen, und die deutsche und europäische Politik (incl. Bundeskanzlerin) braucht ihre Position nicht zu ändern.
Wenn wir die Wirkung dieser Verwirrung beurteilen wollen, müssen wir einen weiteren Punkt bedenken: Viele Menschen in Deutschland glauben durchaus, dass der Gaza-Krieg in der brutalen Form, in der er geführt wurde, unangemessen oder falsch war. Israel zu kritisieren, bedeutet in Deutschland jedoch nicht, eine direkte Sympathie mit den Palästinensern zu empfinden. Das liegt nicht zuletzt an dem erwähnten negativen Image des Islams und der Araber im Allgemeinen. Und weil wie gesagt die Hamas in Europa von den meisten Menschen (wie von der Politik) für eine Terrororganisation gehalten wird, hat die Machtübernahme der Hamas die Sympathie für die Palästinenser zusätzlich erschwert.
Ich vermute daher, dass die Kritik an Israel und das Mitleid mit den Palästinensern nicht politisch motiviert sind, sondern humanitär. In der deutschen Öffentlichkeit wird das Leiden der Zivilbevölkerung in Gaza beklagt, aber nur selten wird die Situation politisch analysiert. Viele Deutschen sind für die Palästinenser als Menschen, aber nur wenige für die palästinensische Sache. Diese Trennung zwischen den Menschen und ihren Anliegen ist ein Paradox, eine Abstraktion, die uns nur im sicheren Mitteleuropa schlüssig vorkommt. In Wirklichkeit hängt beides untrennbar zusammen.
Stellen wir uns aber jetzt vor, die Palästinenser oder die Araber insgesamt würden eine geschicktere Öffentlichkeitsarbeit machen. Stellen wir uns weiter vor, sie hätten eine bessere Diplomatie und wären weniger zerstritten; stellen wir ebenfalls vor, die Palästinenser und die Araber insgesamt hätten eine gemeinsame und realistische Strategie zur Lösung dieses Konflikts; nun, in einem solchen Fall könnte Israel mit seiner gegenwärtigen Politik den Kampf um die Sympathie der deutschen und europäischen Öffentlichkeit verlieren; und dann wäre es nur eine Frage der Zeit, bis die israelische Politik die bedingungslose Unterstützung durch die europäischen Regierungen verliert.
Trotz der erwähnten, wesentlich besseren Grundvoraussetzungen für Israel hat die Berichterstattung über den Gaza-Krieg in Deutschland gezeigt, dass sich in den Medien etwas bewegt. Obwohl die genannte Verwirrung vorerst Israel nützt, ist sie als ein Fortschritt zu werten: Noch vor wenigen Jahren gab es keine Verwirrung, weil die Verantwortlichen in den öffentlich-rechtlichen Medien zu wissen glaubten, welche Position in diesem Konflikt einzunehmen war: eine pro-israelische. Diese Zeit ist vorbei. Ich glaube daher, dass es sich für die Palästinenser und Araber lohnt, den Kampf um die öffentliche Meinung in Europa mit einer größeren Entschiedenheit als bisher aufzunehmen: Sofern palästinensische Sache gerecht ist, besteht die Hoffnung, dass auch die israelisch-palästinensische Auseinandersetzung eines Tages so wahrgenommen wird, wie es die Tatsachen gebieten.
© Stefan Weidner