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Deutschland ist unsere Zukunft, der Irak unsere Erinnerung

Dienstag, 19. Mai 2009 11:58

In ihrer Heimat wurden sie verfolgt, gefoltert, bedroht und schließlich vertrieben. Jetzt wird für 2500 Flüchtlinge aus dem Irak Deutschland zu einer neuen Heimat. Sie alle landen zuerst im Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen, das nach dem Zweiten Weltkrieg Flüchtlinge aus dem Osten aufnahm und später Vertriebene aus der ganzen Welt.

Deutscher Landregen kann etwas sehr schönes sein. Wenn er sich allerdings über Tage hinweg zieht und der Himmel keine andere Farbe mehr als miesepetriges Grau zu bieten hat, kann der Landregen schnell auch das Gemüt verdunkeln.
Maged hingegen scheinen das eintönige Grau und die feuchte Kälte, die tief in die Glieder zieht, nichts auszumachen. Ganz im Gegenteil. Nur mit einem braunen Pyjama bekleidet und Plastiksandalen an den Füßen steht er unter dem Vordach der Baracke 6 in Friedland. Seinem Übergangszuhause. Sein Körper scheint nichts zu spüren von der Kälte oder dem Regen, denn seine Gedanken sind gerade nicht in Friedland. Sie beschäftigen sich mit essentielleren Fragen als dem Wetter. Wahrscheinlich surren sie nur so durch den Kopf des 70-jährigen Mannes mit den schlohweißen Haaren und den freundlichen Augen, denn als Amir Zaya durch den Regen auf ihn zukommt und ihm einen guten Morgen wünscht, sprudeln die Fragen nur so aus Maged heraus.

Maged ist einer von 2500 Irakern, die in Deutschland eine neue Heimat finden sollen. Sie gehören zu den etwa zwei Millionen Irakern, die aus Angst um ihr Leben nach Syrien oder Jordanien geflüchtet sind, aber weder dort bleiben noch in den Irak zurückkehren können. In den Nachbarstaaten des Irak fanden sie zwar Unterschlupf, allerdings ohne eine Perspektive, dort je ein normales Leben führen zu können. In Ländern wie Syrien oder Jordanien, wo die Iraker zwar geduldet sind aber weder arbeiten dürfen noch die Schulbildung ihrer Kinder gewährleistet ist, ist ihre Verelendung vorgezeichnet.
10 000 von ihnen dürfen nun in die Europäische Union kommen. 2500 davon nach Deutschland, von denen die Mehrheit Christen sind. Staffelweise werden sie nun nach Deutschland kommen, und alle werden sie ihre ersten Tage und Wochen im Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen verbringen, von wo sie dann an ihren neuen Wohnort verteilt werden.

Doch genau dieser neue Wohnort bereitet Maged Kopfzerbrechen. Eindringlich redet er auf Amir Zaya, den irakischen Übersetzer ein, und zieht ihn schlussendlich in die Baracke 6 hinein. Es muss dringend etwas geklärt werden. Die flache Baracke besteht aus einem tristen Gang, an dem rechts und links die Zimmer der Flüchtlinge liegen. An der Wand neben dem Zimmer Nummer 17, an die Mageds Name und die Anzahl der Familienangehörigen mit schwarzem Filzstift geschrieben steht, hängt eine ausgeblichene Deutschlandkarte, auf der die Grenzen aller Bundesländer eingezeichnet sind.
Maged erklärt sein Problem. Immer wieder. Denn er versteht nicht, wie das offensichtliche Missverständnis mit dem neuen Wohnort passiert sein kann. Nach Hamburg wollte er mit seiner Familie, in den Norden, denn zwei seiner Söhne leben schon seit etlichen Jahren in Dänemark. Dorthin waren sie mithilfe von Schmugglern geflüchtet, mittlerweile sind sie dänische Staatsangehörige. Da Dänemark den Rest der Familie, der nach Jordanien geflüchtet war, nicht aufnehmen wollte, empfiehl ihnen das UNHCR-Büro in Amman, einen Ausreiseantrag nach Deutschland zu stellen. Von Hamburg aus sind es nur ein paar Stunden mit dem Zug nach Dänemark, die Familie wäre also wieder so gut wie vereint gewesen. Doch nun das. „Ich habe gehört, sie wollen uns nach Weimar schicken“, sagt der 70-Jährige, und in seinem Gesicht spiegelt sich Verzweiflung. „Weimar, das ist hier irgendwo rechts unten auf der Karte“, und er schiebt sein Gesicht noch ein bisschen näher an das vergilbte Papier hinter Glas. Die gesamte Familie drängt sich mittlerweile um die Karte und Amir Zaya, der versucht, die Familie so gut es geht zu beruhigen und ihr Problem zu verstehen. „Wir wollen entweder nach Hamburg oder in den Westen, nach Düsseldorf oder Duisburg“, erklärt Ziad, der älteste Sohn. „Dort haben wir auch Verwandte.“ Der Gedanke, alleine in einem fremden Land in einer fremden Stadt, Stunden von den nächsten Angehörigen entfernt zu leben, versetzt die ganze Familie in Angst und Schrecken. „Gibt es da überhaupt Universitäten?“, fragt Maged. „Meine Kinder müssen doch was lernen, aus ihnen soll was werden.“

Doch die Familie muss sich gedulden. Die Iraker werden nach einem für sie undurchschaubaren System aufgeteilt, das die Behörden „Königsteiner Schlüssel“ nennen. Auf einer kleingedruckten Liste steht, wohin die Reise gehen wird für die irakischen Familien. Doch erst in einer Woche, punkt neun Uhr, wird ihnen ihr Schicksal mitgeteilt. Maged schüttelt resigniert den Kopf. Spannung ist gerade das letzte, was diese Menschen gebrauchen können. Aber er will sich nicht beschweren. Er ist glücklich, seine Familie endlich in Sicherheit zu wissen. Er will alles richtig machen in seiner neuen Heimat.

Deshalb erscheint der 70-Jährige auch kurze Zeit später in einem grauen Anzug und weißem Hemd in der Caritasberatungsstelle ein paar Häuser weiter. Dort findet ab zehn Uhr eine Informations-Veranstaltung zum Aufenthaltsrecht in Deutschland für die neu eingetroffenen Iraker statt. Hier erhoffen sich Maged und seine Landsleute Antworten auf ihre vielen Fragen, über ihr Schicksal, ihr neues Leben.
Auch George will alles richtig machen. Punkt zehn Uhr nimmt er in dem schmucklosen Raum, in dem überall alte Schwarzweißfotos von Kriegsrückkehrern aus dem zweiten Weltkrieg hängen, Platz. Auch seine Frau ist dabei. Mit ihr und den beiden Söhnen wohnt er gleich gegenüber von Maged in Baracke 6.

Auf Zuspätkommer wird – da beginnt schon die erste Lektion im Deutschtum - keine Rücksicht genommen. Schließlich müssen Regeln eingehalten werden. Schon für die, die pünktlich da waren und gebannt jedem Wort folgen, das der junge Herr von der Caritas und sein palästinensischer Übersetzer hervorbringen, ist das, was sie hören, ein Wirrwarr aus Paragrafen und deutscher Bürokratie, das einen deutschen Muttersprachler überfordern könnte - nur das es für diese Menschen hier um ihre Zukunft geht. Ihre womöglich letzte Chance auf ein Leben in Sicherheit und Stabilität. Da will man alles verstehen, da will man alles richtig machen. Doch das Bombardement aus kompliziertem Behördendeutsch, verwirrenden Gesetzen und deutscher Bürokratie scheint auch den konzentriertesten Zuhörer nur noch mehr zu verwirren.

In anderthalb Stunden versuchen die Mitarbeiter der Caritas die Neuankömmlinge so gut es geht über das deutsche Aufenthaltsrecht aufzuklären, und das Wirrwarr in ihren Köpfen zu lichten. Sie klären die Iraker unter anderem über ihre Rechte in Deutschland auf. Das sie zum Beispiel arbeiten dürfen, wie sie ihre Aufenthaltsgenehmigung, die ab sofort für drei Jahre gilt, verlängern können und wie sie später auch eine permanente Aufenthaltsgenehmigung erhalten können. Doch immer wieder rumort es im Saal, die Iraker haben hunderte von Fragen, vor allem als es um das Thema Reisen in die Heimat geht. „Es ist bis jetzt nicht klar, wie das geht, und ob die deutsche Botschaft ihnen dort vor Ort im Notfall helfen kann“, sagt Thomas Heck, Leiter der Caritasstelle in Friedland. Deshalb rät er auch von Reisen in den Irak, aber auch nach Syrien und Jordanien vorerst ab.  Aber eine Information lässt die Anwesenden kollektiv aufatmen: Sie können ihren Flüchtlingsstatus gar nicht verlieren, da sie in Deutschland gar keinen haben. Was im Umkehrschluss für all diese Menschen bedeutet, dass die deutsche Regierung sie nicht in den Irak abschieben kann, wenn sie der Meinung ist, dass es keinen Grund mehr für eine Flucht aus dem Heimatland gibt. Denn zurück wollen und können sie nicht mehr, soviel ist den meisten hier klar.

Auch für George und seine Familie gibt es kein zurück mehr. Der 58-Jährige sitzt an einem kleinen Holztisch in seinem Zimmer und schaut auf den Regen, der ans Fenster platscht. Die Heizung ist bis zum Anschlag aufgedreht, es ist stickig im Zimmer, aber die Familie scheint es nicht zu bemerken. Seine Söhne tragen dicke Wollpullis, seine Frau Nada hat auch hier drin ihre Jacke an. Das deutsche Wetter ist gewöhnungsbedürftig, aber die Familie scheint das nicht im Geringsten zu stören. „Deutschland ist ein guter Ort“, sagt George, und seine grünen Augen strahlen. In den Irak wollen sie nicht mehr zurück. „Wir wären Fremde in unserem Land.“ Es muss ihm das Herz brechen, so von seiner Heimat zu sprechen. Immer noch lebt Familie dort, Freunde, Nachbarn.
„Aber unsere Kinder waren dort in Gefahr, jeden Tag.“ Nada erzählt, wie die Terroristen Kinder auf dem Weg zur Schule in Autos zogen, um dann bis zu 20 000 Dollar Lösegeld von den verzweifelten Eltern zu fordern. „Wir Mütter haben uns zusammengetan, um unsere Kinder im Pulk zur Schule zu bringen, aber das ist doch auf Dauer kein Leben“, erzählt Nada, deren Gesicht von tiefen, schwarzen Ringen unter den Augen gezeichnet ist. Schließlich floh die Familie nach Jordanien, immer in der Hoffnung, bald wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können. „Aber dort wurde es jeden Tag nur noch schlimmer“, sagt George. Als das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen ihnen anbot, sich für die Ausreise nach Deutschland zu bewerben, war das ein Rettungsring für die Familie, für den sie ewig dankbar sein werden. „In Jordanien waren wir nichts, dort gibt es keine Zukunft für meine Kinder.“

In Deutschland wollen sie ein neues Leben beginnen, das Land soll zu ihrer zweiten Heimat werden. Das einzige Problem sieht George in der Sprache, die für ihn noch so fremd klingt. Auf dem Tisch liegt ein kleines Wörterbuch Deutsch-Arabisch. Darin sind viele lustige, bunte Bilder von Möhren, Autos und Gießkannen abgebildet, mit dem jeweiligen deutschen und arabischen Wort darunter. George will vorbereitet sein auf seinen ersten Deutschunterricht. „Die Sprache ist das Tor zum Leben“, sagt George, und er ist fest entschlossen, dieses Tor weit aufzustoßen. Alle Flüchtlinge werden einen Integrationskurs absolvieren, in dem sie Praktisches und Wissen über Deutschland vermittelt bekommen, aber vor allem die Sprache lernen sollen. „In sechs Monaten will ich den Kurs beenden und Arbeit finden“, sagt George. Darauf richtet er jetzt all seine Energie. Er ist ehrgeizig und fest entschlossen, in Deutschland heimisch zu werden. Um zu beweisen, wie ernst es ihm ist, zieht er unter der Bettdecke einer der Etagenbetten noch ein elektronisches Wörterbuch hervor.
„Ich will Deutsch lernen, um schnell Arbeit zu finden und meine Kinder ernähren zu können“, sagt George. Er will es schaffen, auch wenn der Weg schwer werden sollte. „Ich weiß, dass wir hier auf einem niedrigeren sozialen Niveau leben werden als im Irak“, sagt der gelernte Steuerberater. „Aber dafür werden wir in Sicherheit leben, unsere Kinder werden in einer gesunden, stabilen Gesellschaft aufwachsen, das ist für uns das wichtigste.“ Sie wünschen sich so sehr, in diesem Land glücklich zu werden.

Vor dem Fenster, an dem die dicken Regentropfen abperlen, steht eine kleine irakische Flagge, die auch in ihrem neuen zu Hause in Berlin einen besonderen Platz einnehmen wird. „All unsere Erinnerungen sind im Irak“, sagt George zum Abschied, „aber Deutschland ist unsere Zukunft.“

Amira El Ahl

Thema: Allgemein | Comments Off | Autor: Amira El Ahl

Brief aus Köln

Donnerstag, 23. April 2009 18:15

Gruppenbild mit irakischen Flüchtlingen
… und die Rettung der katholischen Kirche

1

Vorletzte Woche wurde ich in Essen Zeugin einer denkwürdigen Rettungsaktion. Irakische Flüchtlinge ersparten den „Päpstlichen“ eine weitere Niederlage. Oder anders ausgedrückt: Das Bistum Essen schenkte den Glaubensbrüdern aus dem Zweistromland mal eben kurz eine Kirche. Es gab einen feierlichen Gottesdienst, flankiert von Rostbratwurst, Fassbier und levantinischen Dabke-Kreistänzen unterm Kreuz. Jetzt echt: Die Mischung hatte was.
Aber ich sollte kurz erklären, wie es dazu kam. Von den Hunderttausenden chaldäisch-katholischen Christen, die in den letzten Jahren aus dem Irak geflüchtet sind, haben sich rund 6500 in Deutschland niedergelassen. Die meisten scheinen wie ich eine Vorliebe für Essen zu haben, denn dort allein leben über 1000 chaldäische Katholiken. Diese Gemeinde, die einen eigenen irakischen Priester aus Bagdad hat, konnte für ihre Gottesdienste und ihre sozialen Aktivitäten jahrelang die Räume einer deutschen katholischen Gemeinde in Essen mitnutzen. Dort gab es Platz, weil auch in Essen immer weniger Menschen zur Kirche gehen, geschweige denn dafür bezahlen wollen. Mit der Konsequenz, dass schon mehrfach Gemeinden fusioniert und Kirchengebäude stillgelegt werden mussten.
Auch die Kirche in Essen-Katernberg-Beisen stand auf der Abschussliste. Der Unterhalt war zu teuer geworden, die Gemeinde zu klein. Da kam dem Ruhrbistum die rettende Idee: Warum sollte man das Gotteshaus nicht den Chaldäern überlassen? Und so geschah es. Mitte März 2009 konnten die lokalen und regionalen Medien zur feierlichen Übergabe nach Essen-Katernberg-Beisen eingeladen werden.
Die irakischen Christen sind froh über die neuen Räume. Ihnen war der Unterschlupf bei den deutschen Glaubensbrüdern und Schwestern nämlich zu eng geworden. Doch die eigentliche Gewinnerin bei diesem Akt scheinbar selbstloser Nächstenliebe ist die katholische Kirche. Denn die chaldäischen Katholiken bekommen nur den Priester bezahlt. Den teuren Unterhalt des Kirchengebäudes und des Pfarrhauses muss die chaldäische Gemeinde tragen. Gleichzeitig können die „Päpstlichen“ sich glücklich schätzen, die Niederlage der Stilllegung einer ihrer Kirchen verhindert zu haben. Herzlichen Glückwunsch! Mabruk!

2

Gestern war ich mal wieder eingeladen: Diesmal zum Gruppenbild mit irakischen Flüchtlingen. Nordrhein-Westfalens Integrationsminister Armin Laschet wollte in der Landeshauptstadt und Karnevalsmetropole Düsseldorf die frisch eingetroffenen irakischen Kontingentflüchtlinge öffentlichkeitswirksam begrüßen. Wir JournalistInnen waren aufgefordert worden, den Akt beispielloser Großzügigkeit in unserer Berichterstattung gebührend zu berücksichtigen.
Wirklich bewundernswert, dass Deutschland mit seinen 80 Millionen Einwohnern die Integration von insgesamt 2500 Menschen stemmt! Das ist doch was. Besonders beeindruckend wirkt die Zahl, wenn man weiss, dass das Mini-Königreich Jordanien mit seinen 6 Millionen Einwohnern und sein Nachbar Syrien mit 21 Millionen seit Jahren je eine knappe Million Irak-Flüchtlinge beherbergen.
Rund 80 000 Menschen aus dem Irak leben bisher in Deutschland, davon über 10 000 mit „ungeklärtem Aufenthaltstitel“. Als ich die Details über die geplante Luxus-Integration der Kontingentflüchtlinge las – „Alles eingetütet“, verlautbarten Kommunen und Kirchen, inklusive Sprachkursen, freier Wahl des Wohnortes, Arbeitserlaubnis und Kindergartenplätzen – als ich das las, musste ich an die irakischstämmigen Familien denken, die ich in den letzten Jahren im Rahmen mancher Reportagen im Rheinland und im Ruhrpott besucht habe. Immer wieder traf ich dabei verzweifelte, frustrierte Menschen. Manche hingen seit Jahren in der Asylschleife fest, wollten gern arbeiten, durften es aber nicht, und waren in die Sozialhilfe gezwungen worden.
Ich traf kurdisch-irakische Mädels, die hier in den Kindergarten und zur Schule gegangen waren, die in der örtlichen Fussballmannschaft kickten, und die nicht wussten, ob sie vielleicht vor dem Schulabschluss abgeschoben würden. Nach dem Sturz von Saddam Hussein 2003 wurde es noch schlimmer: Rund 20 000 bereits bundesweit anerkannte politische Flüchtlinge erhielten sogenannte Widerrufsandrohungen, Schreiben, in denen sie gefragt wurden, ob sie nach dem Ende der Diktatur nicht zurück in die Heimat reisen könnten. In einigen Fällen verschickten die Beamten in ihrem Übereifer nicht nur diese Briefe, sondern stoppten auch gleich alle laufenden Verfahren, die zur Arbeitserlaubnis, Einbürgerung oder sonst etwas hätten führen können. 14 000 Menschen sollen damals eine Aufforderung zur „freiwilligen Ausreise“ erhalten haben.
Als besonders krass habe ich eine fünfköpfige Familie in Bottrop in Erinnerung, die ich zuhause besuchte, und die mich in ihren halben Meter Aktenordner schauen ließ. Das Ehepaar war mit seinen drei Kindern seit sieben Jahren in Deutschland, sie hatten eine Wohnung, einen Job, ein Auto vor der Tür, und die beiden Großen gingen zum Gymnasium. 2005 hatte der Vater den ersten Brief vom Amt bekommen, mit der Aufforderung, in den Irak zu gehen, wenn er dort nicht mehr bedroht sei. Als ich das Ehepaar 2007 wiedertraf, waren dem Vater gerade die Arbeitsgenehmigung und der Pass entzogen worden. Er konnte nicht abgeschoben werden, aber er konnte sich auch nicht mehr aus seinem Viertel in Bottrop wegbewegen, geschweige denn arbeiten. In derselben Woche starb die Schwester der Frau in Bagdad bei einer Schießerei an einem Checkpoint.
Zwar wurde im Juli 2007 im Rahmen der sogenannten Altfallregelung ein Bleiberecht für lange in Deutschland lebende Flüchtlinge aus dem Irak verabschiedet. Damit konnte auch die genannte Bottroper Familie bleiben. Doch die Jahre, die sie in ständiger Angst vor der Abschiebung leben mussten, gibt der Bottroper Familie niemand zurück. Und viele Iraker, die nicht unter die Altfallregelung fielen, befinden sich immer noch im Schwebezustand der „Duldung“ – sprich: keine Arbeitserlaubnis, kein Studium, keine Zukunftsperspektive. Selbst Leute, die schon jahrelang hier gelebt haben und gut etabliert sind, müssen teure Anwälte engagieren, um aus diesem aufenthaltsrechtlichen Jammertal wieder rauszukommen.
Es heißt, dass seit 2003 insgesamt viertausend Asylbewerber „freiwillig“ aus Deutschland in den Irak zurückgegangen seien. Angesichts der vielen Beschränkungen, denen ein Teil der Flüchtlinge hier immer noch unterworfen ist, fragt man sich, wie „freiwillig“ sie tatsächlich gegangen sind.
Eine “neue Willkommenskultur” hat Herr Laschet den Flüchtlingen bei ihrem Termin in Düsseldorf angeboten. Die nur noch geduldeten, von Abschiebung bedrohten irakischen Flüchtlinge in NRW haben es sicher mit Interesse vernommen. Wenn Herr Laschet diese Menschen in sein Luxus-Integrationsprogramm mit aufnehmen würde, könnte ich es mir noch mal überlegen mit dem Fototermin in Düsseldorf.

Martina Sabra (4. April 2009)

Thema: Briefe, Notizen aus Mangalistan | Comments Off | Autor: Martina Sabra

Christen in Syrien

Samstag, 21. März 2009 13:38

Der Kollege Yassin Musharbash hat kürzlich einen „Brief aus Damaskus“ geschrieben. Er schildert eine Szene aus dem Vorort Jaramana, wo sich irakische Flüchtlinge anfangen zu prügeln, nachdem der Strom ausgefallen ist. Da fiel mir mein letzter Besuch in Damaskus im Dezember 2006 ein, gerade recht zur Weihnachtszeit. Ich fuhr oft nach Jaramana, weil sich dort vor allen Dingen christliche Flüchtlinge aufhielten. Ich war mit Kai Wiedenhöfer unterwegs, einem sehr guten Fotografen. Wir sollten eine Geschichte über Christen in Syrien recherchieren. Geschickt hatte uns das Magazin Chrismon, das von der evangelischen Kirche finanziert wird. Vor unserer Reise hatten wir vorgeschlagen, lieber etwas über die irakischen Flüchtlinge zu machen, die damals zu Tausenden nach Syrien flohen. Aber es musste ein Artikel über syrische Christen sein, ich weiß nicht mehr genau warum. Das Skurrile war: Die syrischen Christen, die wir trafen, waren nationalistischer als viele andere Syrer, sie schimpften wie die Rohrspatzen auf den Westen und verwiesen auf das Schicksal ihrer irakischen Brüder, die nach dem Demokratiefeldzug der Amerikaner auf der Flucht vor dem Chaos im Irak seien. Die irakischen Christen konnten diesem Kreuzzug im übrigen auch nicht viel abgewinnen, unter Saddam Hussein ging es ihnen besser, wie sie sagten. So ist das leider mit Minderheiten in Diktaturen: Der Herrscher macht sie sich gefügig, indem er ihnen Privilegien zubilligt, die er anderen Gruppen verweigert. Nun ja.

In Kürze werden die ersten christlichen Flüchtlinge aus dem Irak in Deutschland erwartet. Das soll wohl die Humanität der deutschen Regierung zum Ausdruck bringen, nach dem Motto: „Wir stehen auf der Seite unserer christlichen Brüder, aber Muslime sollen lieber im Nahen Osten bleiben, da gehören sie doch hin.“ Na gut, vielleicht etwas böse, aber in etwa stimmt das so. Trotzdem: Ahlan wa sahlan, ya masihiyun al-irak!

Chrismon hat unsere Geschichte über die syrische Christen übrigens nie gedruckt, warum weiß ich bis heute nicht. Das war rausgeschmissenes Geld, wenn ihr mich fragt, und wir haben uns umsonst in Damaskus Weihnachten um die Ohren geschlagen. War aber trotzdem nett. Hier ist die Geschichte, weltexklusiv auf nefais.net:

Eine Oase des Friedens

Christen in Syrien

Syrien ist eine Oase des Friedens, ein Land, in dem sich alle mögen und Präsident Bashar al-Assad nur das Beste für sein Volk will. Das zumindest sagt Nicola Kassab, und er meint es kein bisschen ironisch: „Warum soll man seinen Präsidenten nicht lieben?“ Eine rhetorische Frage. Nicola Kassab sitzt in seinem Juweliergeschäft im Goldbasar von Damaskus, einer Kammer von acht Quadtratmetern, im Schaufenster hängt der Schmuck wie Lametta vom Weihnachtsbaum und neben Nicola ein Bild von Bashar al-Assad. Das machen hier alle so. Nichts Besonderes also. Oder doch? Nicola Kassab, 63 Jahr alt, ist Christ. Er gehört damit einer aussterbenden Minderheit im Nahen Osten an. Im Irak wird es bald keine Christen mehr geben, sie flüchten in Scharen vor dem alltäglichen Terror, selbst in Palästina, der Heimat Jesu, leben nur noch ein paar Tausend. Der Exodus der orientalischen Christen scheint unaufhaltsam. Ausgerechnet Syrien, ein Land mit schlechtem Ruf im Westen, soll eine Ausnahme sein?

Wir haben die Familie Kassab über alte Freunde kontaktiert, wir wollten wissen, was es bedeutet, Araber und Christ zu sein. Passt das überhaupt zusammen? Schließlich ist der Islam die „Religion der Araber“, der Koran in ihrer Sprache herabgesandt worden. Möglichst ehrlich sollten die Antworten sein, deswegen schlugen wir vor, die richtigen Namen zu verschleiern. Das Angebot hätten wir uns sparen können. Die Kassabs reden frisch von der Leber weg, als gäbe es keine Geheimpolizei. Was sie erzählen, entspricht jedoch nicht dem Erwarteten. Nicola und seine Familie schimpfen auf Amerika, sie verteidigen den Islam, manche finden sogar Hassan Nasrallah toll, den Führer der schiitischen Hizbullah.

Viele Christen in Damaskus denken so oder ähnlich, das zeigt sich nach vierzehn Tagen Recherche. Manche gehen noch weiter, wie Bischof Ghattas, der Vertreter des griechisch-orthodoxen Patriarchen. Die westlichen Christen, sagt er, seien eine größere Bedrohung für die Ostkirchen als der Islam. Er schießt damit eine unverhohlene Breitseite gegen George Bush, den wiedergeborenen Christen aus Texas, der behauptet, er wolle den Nahen Osten demokratisieren und vor dem fanatischen Islam retten. Die syrischen Christen winken jedoch dankend ab. Nach einem Weihnachtsmahl mit der Familie Kassab wird klar warum.

Es ist der 25. Dezember 2006. Syrien hat rund 20 Millionen Einwohner, nur zehn Prozent davon sind Christen. Trotzdem ist heute offizieller Feiertag. Die Gassen der Altstadt sind bedrohlich leer, in den Ecken stehen Männer in teuren Anzügen, lässig spielen sie mit ihrer AK-47. Geheimdienst. Präsident Assad kommt zum Weihnachtsgottesdienst ins Patriarchat der Griechisch-Orthodoxen Kirche, es herrscht Alarmstufe eins. Das Patriarchat liegt an der Geraden Straße, hier soll Paulus von Ananias getauft worden sein. Vom Saulus zum Paulus. Fast 2000 Jahre ist das her. Syrien ist urchristliches Land, das heutige Regime betont das, wo es nur kann. Am 26. Dezember erscheint auf der ersten Seite der staatlichen Zeitungen ein riesiges Foto: der schmalbrüstige Präsident umringt von zwei Dutzend Priestern und Imamen mit Bärten bis zum Bauchnabel. „Das ist Syrien“, steht als Überschrift. Seht her, bei uns herrscht Religionsfrieden, lautet die Botschaft.

Nicola Kassab ist griechisch-orthodox, seine Frau Amira, geborene Safar, war ursprünglich syrisch-katholisch, konvertierte aber nach der Heirat zur Konfession ihre Mannes. Am 25. Dezember besucht das Ehepaar Amiras Eltern. Sie wohnen in einem gutbürgerlichen Stadtteil von Damaskus. Auf dem Tisch dampfen die Porzellanplatten, es gibt Rindfleisch mit Kartoffelpüree und Huhn mit Reis, dazu Tabboule, arabischer Salat aus gehackter Petersilie, Bourghol und Tomaten. Nach dem Essen wechselt die Weihnachtsgesellschaft in den Salon und trinkt Tee. Alle paar Minuten klingelt das Telefon, Verwandte aus Übersee rufen an und wünschen ein frohes Fest, außerdem Freunde und Nachbarn. Nicola Kassab klappt fast triumphierend sein Mobiltelefon zusammen, nachdem er einen der vielen Glückwunsche entgegen genommen hat. „Das war einer meiner Kunden“, sagt er. „Ein Muslim!“ 90 Prozent seiner Kunden seien Muslime, das zeige doch schon, wie gut man sich verstünde.

Die Beziehungen zu den Muslimen ist ein zentrales Thema in der Runde. Jeder wehrt sich gegen den Vorwurf, der Islam unterdrücke andere religiöse Minderheiten. „Wir leben seit Jahrhunderten zusammen, der Islam ist tolerant gegenüber den Christen“, sagt Amira Kassab. „Ich meine nicht den Islam im Jemen oder in Saudi-Arabien, das ist alles Müll, sondern hier in Syrien.“

Das Szenario ist leicht skurril. Ein deutscher Reporter sitzt in einer Gruppe syrischer Christen, die ihm mit Vehemenz die religiöse Toleranz des Islams einzubläuen versuchen. Fast so, als wären sie Mitglieder der Muslimbruderschaft. Dennoch hat das nichts mit Gehirnwäsche zu tun. Im Vergleich zu anderen arabischen Ländern bietet Syrien den Christen tatsächlich eine relativ gesicherte Existenz. Sie werden nicht einfach nur geduldet, sondern sind ein fester Bestandteil der Gesellschaft. Das fängt bei der Bildung an. Laut einer Studie der Universität Rostock sind die syrischen Schulbücher beispielhaft im Nahen Osten, wenn es um die Behandlung religiöser Minderheiten geht. Ihre Geschichte, vor allem die der Christen, nimmt einen breiten Raum ein, anders als in anderen arabischen Ländern. Anders als in Ägypten können die Kirchen in Syrien problemlos Land erwerben, und wenn die Gotteshäuser in Damaskus oder Aleppo zerfallen und einen neuen Anstrich brauchen, werden sie selbstverständlich repariert. Der ägyptische Staat verlangte dafür bis vor kurzem eine Genehmigung, die aus reiner Schikane oft nicht erteilt wurde. Das hat sich mittlerweile auch geändert, aber für den Bau einer neuen Kirche bedarf es immer noch der Zustimmung des ägyptischen Präsidenten.

Die syrischen Christen verhalten sich nicht wie eine unterdrückte Minderheit, die froh sein kann, überhaupt noch da zu sein, sondern sie treten selbstbewusst auf und können bisweilen aufmüpfig werden. Beim letzten Ramadan zum Beispiel. Da beschwerte sich eine christliche Gemeinde in Damaskus über die lauten Gebete, die ständig aus den Mikrofonen der Nachbarschaftsmoschee schallten. Prompt reduzierten die Imame den Sound.

Syrien ist das Herz des arabischen Nationalismus, und die Christen waren immer ein wichtiger Teil dieser Bewegung. Michel Aflaq zum Beispiel, ein syrischer Christ, gehört zu den Mitbegründern der Baath-Partei, die heute berechtigterweise in die Nähe des Faschismus gerückt wird. Die Gräueltaten im Irak, wo die Partei Jahrzehnte lange regierte, lassen keinen anderen Schluss zu. Auch in Syrien hat das Baath-Regime, das seit 1963 an der Macht ist, seine Leichen im Keller. Doch die Baath-Ideologie hatte ursprünglich etwas Fortschrittliches: Sie fasste alle Araber ungeachtet ihrer Religion unter einem Dach zusammen, das verbindende Glied sollte die arabische Sprache und Kultur sein, nicht der Islam. Dieses nationalistische Erbe lebt unter den Christen in Syrien bis heute fort. Für den westlichen Beobachter manchmal in verstörender Weise.

Im Teesalon von Amira Kassabs Eltern erreicht die Diskussion mittlerweile fiebrige Temperaturen. Amiras Bruder Rami Safar hat sein rhetorisches Gewicht in die Runde geworfen, er ist ein selbst selbsterklärter Nationalist. Rami arbeitet in der Juwelierbranche, wie sein Schwager Nicola. Er hat einen buschigen Schnurrbart und lacht herzlich viel; wenn es um Israel geht, versteht er jedoch keinen Spaß. Mehrfach hat ihn der arabische Satellitensender al-Jazira um Interviews für Sendungen über den Goldhandel gebeten, doch er lehnte jedes Mal ab. „Al-Jazira hat Israelis im Programm, sie haben sogar schon Schimon Peres interviewt, den früheren Ministerpräsidenten. Sie schleichen sich in dein Gehirn ein und verändern dein Denken.“ Den einzigen Satellitensender, dem Rami ein Interview geben würde ist al-Manar – und der gehört der libanesischen Hizbullah, der schiitischen Partei Gottes. Seit dem Krieg im Sommer 2006, als die Hizbullah fünf Wochen lang den Angriffen der israelischen Armee standhielt, ist Rami Safar ein Fan von Hassan Nasrallah, dem Führer der Partei. Er kramt sein Mobiltelefon aus der Tasche und zeigt den Hintergrund – es ist ein Bild von Nasrallah, dem Mann mit der Hornbrille und dem schwarzen Turban.

Im Libanon spielen die Christen eine prominente Rolle, es ist das einzige arabische Land, in dem sie nicht die Minderheit sind. Außerdem herrscht hier Meinungsfreiheit und ein weltoffenes Klima. Dennoch stimmt in dieser Runde niemand ein Loblied auf den Nachbarn an. Zu viel politisches Chaos, zu viel Unsicherheit, zudem bekämpfen sich die Christen dort gegenseitig. „Ich interessiere mich nicht für Politik“, sagt Rami Safar, „ich will in Sicherheit leben, meinem Beruf nachgehen und ein angenehmes Leben führen, das ist mir wichtig. Abgesehen davon gibt es heutzutage in Syrien so viel Meinungsfreiheit wie nie zuvor. Vor zehn Jahren hätten wir nicht so offen mit ihnen geredet.“

Das stimmt wohl, doch immer noch werden Oppositionelle nur für ihre Worte ins Gefängnis geworfen. „Wer sich korrekt verhält, kommt auch nicht in den Knast“, erwidert Amira. „Alle Christen denken hier so.“

Alle? Nicht ganz. Ein paar Unbeugsame gibt es, die sich weigern, Lobeshymnen auf Präsident Assad zu singen. Akram al-Bunni zum Beispiel. Er ist Christ und verbachte 17 Jahre in syrischen Gefängnissen, wegen Mitgliedschaft in einer verbotenen kommunistischen Partei. Seit 2002 ist er wieder auf freiem Fuß. Heute lebt Akram al-Bunni in einer bescheidenen Wohnung weitab vom Stadtzentrum, wenn er aufsteht und durchs Fenster schaut, blickt er geradewegs auf die Polizeihochschule, ein lang gezogenes graues Gemäuer. Derzeit sitzt sein Bruder Anwar im Gefängnis, ein bekannter Menschenrechtsaktivist. Er hatte ein Manifest unterschrieben, in dem Präsident Assad aufgefordert wird, mehr Demokratie zuzulassen.

„Ja, viele Christen schätzen die Sicherheit hier“, sagt Akram, „aber es gibt auch viele, die gegen das Regime sind.“ Nicht unbedingt in Damaskus, wo es eine breite christliche Mittelschicht gebe, sondern in kleineren Städten wie Homs und Hamah, wo Akram al-Bunni ursprünglich herkommt. Er stammt aus einer ärmlichen Familie, nicht umsonst ist er schon in jungen Jahren zum Kommunist geworden. Als wir ihm erzählen, dass sich Nicola Kassab kürzlich ein neues Auto der Marke KIA für 22.000 Dollar gekauft hat, rollt er mit den Augen: „Das ist sehr viel für syrische Verhältnisse!“ Zum Vergleich: Ein Teppichhändler im Basar verdient umgerechnet 500 bis 700 Dollar im Monat, und das ist hier ein gutes Einkommen.

Der Klassenunterschied trennt die Bunnis von den Kassabs, er wiegt schwerer als die religiöse Zusammengehörigkeit. Doch eines verbindet die Familien: der Patriotismus. „Ich würde Syrien nie verlassen, das ist mein Land“, sagt Akram al-Bunni. „Ich will hier etwas verändern, was soll ich im Exil? Selbst wenn sie mich bedrohen und wieder ins Gefängnis stecken wollen: Ich bleibe hier!“ Er will ein demokratisches Syrien, in dem Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit herrschen. „Das ist auch besser für die Christen“, sagt Akram.

Demokratie – der Gedanke daran hinterlässt bei vielen syrischen Christen derzeit jedoch einen blutigen Geschmack im Mund. Vor vier Jahren stürzten die USA das Regime von Saddam Hussein und versprachen, aus dem Irak ein Musterbeispiel an Freiheit zu machen. Stattdessen versinkt das Land heute in einem Bürgerkrieg, in dem die Christen das schwächste Glied sind. Sie werden von sunnitischen und schiitischen Extremisten bedroht, ermordet und entführt, und keiner kann oder will sie schützen – auch nicht die Armee des wiedererweckten Christen George Bush. Deswegen fliehen die irakischen Christen in Scharen, das Nachbarland Syrien ist ihr erstes Ziel. In Jaramana, einem Vorort nördlich der Damaszener Altstadt, leben sie in herunter gekommenen Wohnungen und harren der Dinge. Alle träumen von Europa oder Amerika, doch niemand will sie.

Kurz vor unserer Abreise kehren wir in Nicoals Juweliergeschäft zurück, um uns zu verabschieden. Der Fernseher läuft, al-Jazira zeigt eine Sendung über Christen im Nahen Osten, eine Dokumentation der Hoffnungslosigkeit. Gestern hat die konservative Londoner Times einen Artikel veröffentlicht, indem sie behauptet, der Feldzug gegen den Irak habe die Lage der orientalischen Christen nur verschlimmert. Sie würden zu Sündenböcken der amerikanischen Politik gemacht. Auch die syrischen Christen fürchten sich davor, in diese Mühle zu geraten.

Rami Safar kommt herein, schaut auf den Fernseher und schüttelt den Kopf . „Wissen Sie was? Ich habe vor Jahren meinen Bruder in Amerika besucht, in Dallas. Eines abends gingen wir durch die Stadt, es war halb zehn. Plötzlich trafen wir auf eine Polizeisperre. Die Polizisten sagten uns, ab hier könnten sie nicht mehr für unsere Sicherheit garantieren, ab hier herrschen die Kriminellen.“ Rami kann seine Empörung nur schwer unterdrücken. „Die Amerikaner schicken eine Armee in den Irak und erschießen Leute, aber sie sind nicht in der Lage, ihre eigenen Bürger zu schützen. Das soll ein Vorbild sein?“

Im Schaufenster hängt der Goldschmuck wie Lametta vom Weihnachtsbaum. Nicola und seine Familie geht es gut, an Auswandern denkt keiner von ihnen, Rami Safar schon gar nicht. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt.

Albrecht Metzger

Thema: Herr Metzger räumt auf | Comments Off | Autor: Albrecht Metzger