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Neuanfang

Dienstag, 20. Januar 2009 21:48

Ich fange hiermit mit dem Blog von vorne an. Folgendes möchte ich mit dem Blog bezwecken: Ich möchte versuchen, Ereignisse in der islamischen Welt – und damit meine ich auch Länder mit islamischen Minderheiten wie Deutschland – aus einer bestimmten Perspektive zu betrachten, die diese Ereignisse idealerweise in einem anderen Licht erscheinen lassen, als das in vielen Medien in Deutschland der Fall ist. Diese Perspektive ergibt sich aus einer langjährigen Erfahrung mit und in den betreffenden Ländern, vor allen Dingen der arabischen Welt.

Ich bin, wie möglicherweise andere Mitglieder in diesem Netzwerk auch, häufig unglücklich über die Art und Weise, wie über Islam und Muslime in deutschen Medien berichtet wird. Das ist keine Radikalkritik, denn meinem Eindruck nach hat sich die Berichterstattung in den vergangenen zwanzig Jahren um einiges verbessert (der Golfkrieg 1991 war in dieser Hinsicht wohl ein Wendepunkt, ich werde darauf später zurückkommen). Trotzdem ist sachliche Kritik nötig und muss erlaubt sein, sie ist konstruktiv gemeint; denn weitere Veränderungen sind nötig. Ich werde das am Donnerstag anhand einiger Beispiele zur Berichterstattung über den Gazakrieg zu illustrieren versuchen.

Wer sich ein wenig mit der deutschen Medienszene auskennt, wird bei einem Blick auf die Mitglieder dieses Netzwerkes erkennen: Hier sind so gut wie alle namhaften Journalisten und Publizisten vertreten, die sich im deutschsprachigen Raum professionell mit der islamischen Welt beschäftigen.

Der wichtigste Teil der Arbeit dieses Netzwerkes findet noch im Verborgenen statt: Es ist die interne Diskussionsgruppe, an der alle hier erwähnten Islamwissenschaftler, Iranisten und Turkologen teilnehmen. Ich würde diese Diskussionsrunde als eine Art internen Think Tank bezeichnen, der sich für mich persönlich als höchst inspirierend erwiesen hat. Ich denke und hoffe, und das ist an dieser Stelle meine persönliche Meinung, von diesen internen Diskussionsrunden sollten künftig auch die Besucher dieser Webseite profitieren.

Bislang gibt es außer meinem den Blog „Kristinas Kolumne“ (Kristina Bergmann) sowie den Blog „Hörfenster“ (Tobias Mayer). Idealerweise stelle ich mir eine gegenseitige öffentliche Kommunikation vor, das heißt, ein Blogger wird bei Gelegenheit auf den anderen Bezug nehmen und auf die betreffenden Beiträge der anderen hinweisen. Damit würden die Blogs nicht isoliert nebeneinander stehen, sondern miteinander kommunizieren. Das könnte sich für die Leser als interessant erweisen, weil sie zumindest teilweise an den oben genannten Diskussionen des internen Think Tanks teilhaben könnten. Für uns selber, die Blogger, dürfte das eine weitere, zu den Diskussionen des internen Think Tanks hinzukommende Inspiration sein.

Die Sprache dieses Blogs wird nüchtern und sachlich sein, auch wenn die Texte in Ich-Form verfasst sein werden. Für ironische, möglicherweise polemische, hoffentlich aber witzige Beiträge werde ich die Rubrik „Briefe“ benutzen, in der in lockerer Folge die Mitglieder des Netzwerkes in sehr persönlicher Form über ihre Arbeit berichten (bislang gibt es drei Briefe). Die Leser können hier also am Journalistenalltag teilhaben, geschrieben von Leuten, die die ganze islamische Welt bereisen oder bereist haben. Ich denke, all das zusammen genommen wird diese Webseite zu einem Fundus an Erfahrung und Wissen machen, die im deutschsprachigen Raum ihresgleichen sucht.

So, genug der einleitenden Worte. Ich werde also am Donnerstag mit einem Beitrag starten, der sich mit einigen Beispielen der Medienberichterstattung während des Gazakrieges beschäftigen wird. Viel Spaß bei der Lektüre.

Albrecht Metzger

Thema: Herr Metzger räumt auf | Comments Off | Autor: Albrecht Metzger

VG Wort - Zum Geleit

Samstag, 17. Januar 2009 20:11

Dieser Artikel beginnt mit einem Pixel. Man kann ihn nicht sehen, denn er ist durchsichtig, aber er ist da. Genau genommen handelt es sich um ein Bild, von der Größe eines Pixels im Quadrat. Dieses Bild steht vor dem ersten Wort - und es ist eine Laune des Schicksals, dass das Hörfenster-Blog ausgerechnet mit einem schnöden, dazu noch unsichtbaren Pixel beginnt. Aber mich trägt keine Schuld, es geht nicht anders. Und warum noch eine ausschweifende Erklärung dieses winzigen Phänomens? Weil das der Grund ist, dass dieser erste Beitrag mindestens 1800 Anschläge haben muss.

Das ist nämlich der Mindestumfang für einen bei der „Verwertungsgesellschaft WORT“ meldefähigen Internet-Text, um bei der Tantiemen-Ausschüttung im nächsten Jahr berücksichtigt zu werden. Aber nicht nur das: Der Artikel muss auch noch 1500-mal angeklickt werden (ob man ihn liest, ist zweitrangig), genauer: von 1500 verschiedenen Seitenbesuchern. So will es die VG Wort. Bei jedem Klick macht das 1-Pixel-Bild oben dann selbständig bei der VG Wort Meldung.

Und wenn das Ende Dezember geschafft ist, dann bekomme ich im Oktober 2010 ein paar Euro von der VG Wort für diesen Text. Letztes Jahr waren es 30, aber ich befürchte, je mehr Leute dieses Verfahren kapieren, desto kleiner ist der Kuchenkrümel, der abfällt…

Uninteressant bis hierhin? Es musste geschrieben werden. Denn was jetzt kommt, hätte es allein nie auf 1800 Anschläge gebracht.

Zur Sache: Hörfenster, das ist der Name meiner Homepage, schon seit einigen Jahren. Ich fand den Namen schön. Und er passt zu dem, was ich mache: Radio. Im Mittelalter gab es „Hörfenster“ in Synagogen, kleine Fenster zwischen Männer- und Frauen-Betraum. In Synagogen betete man zu dieser Zeit - wie in Moscheen heute noch - getrennt. Die alte Synagoge von Speyer hatte so ein Hörfenster.

Hörfenster der alten Synagoge in Speyer

Hörfenster der alten Synagoge in Speyer

Heutzutage schaut man den lieben langen Tag durch ein Fenster namens „Monitor“, vielleicht 19’’ groß, klickt auf einen Link und manchmal - auf wundersame Weise - hört man auch die Welt da draußen. So wird das World Wide Web zum „Hörfenster“.

Diese Art von Hörfenster möchte ich öffnen.

Das erste Hörfenster wird sich mit dem letzten deutschen Siedler in Aserbaidschan beschäftigen, er hieß Viktor Klein. Als ich ihn vor einigen Jahren besuchte, war er im Vollrausch. Es wurde das beklemmendste Interview, das ich je geführt habe. Die ersten Worte, die er nach meinen bohrenden Fragen herauspresste, waren: „Zu was brauchen Sie das alles? Alle sind gestorben.“ Und das in einem Alt-Württemberger Dialekt aus dem 19. Jahrhundert.

Hier die ganze Geschichte.

Tobias Mayer

[2619 Anschläge]

Thema: Hörfenster | Comments Off | Autor: Tobias Mayer

Brief aus London

Donnerstag, 27. November 2008 17:14

Zuerst ein Ratschlag für Reisende mit knappem Budget: Ryanair ist günstig, aber haltet Euch fern von Flügen, die um 6:25 Uhr von London Stansted abgehen. Ihr werden sie bestimmt verpassen! Und wenn Ihr Pech habt wie ich, müsst ihr Euch den Weg zurück in die Innenstadt mühsam erschnorren. Aber dazu später mehr.
Ich fahre also am 6. November nach London, um Anatol Lieven zu treffen.
Lieven war Jahre lang Korrespondent für verschiedene britische Zeitungen in Moskau, im Laufe seiner Karriere ist er außerdem zum Fachmann für Afghanistan und Pakistan geworden. Weil er viele Bücher geschrieben hat, ist er heute Professor am King´s College in London. So geht das in England.
Anatol Lieven hat deutsche Wurzeln, er stammt aus dem Baltikum, wo seine Vorfahren -  sämtlich Militärs - 200 Jahre in russischen Diensten waren, davor 200 Jahre bei den Schweden. Anatol Lieven hat einen Sinn für Genealogien, beste Voraussetzungen also, um über die archaische Welt der Stämme im Nordwesten Pakistans zu forschen. Deswegen bin ich hier, denn da will ich auch hin - in das „Herz der Finsternis“, wie der BND die afghanisch-pakistanische Grenzgegend nennt, wo sich Osama bin Laden und andere böse Geister verstecken sollen. Hier haben pakistanische Taliban das Sagen. Anatol Lieven spricht heute über diese Region, in der er sich im Sommer sechs Wochen aufgehalten hat (http://www.icsr.info/node/22824). Apropos BND: Vor dem Vortrag läuft mir eine Frau über den Weg, die ich das letzte Mal vor zehn Jahren in Beirut gesehen habe. Sie arbeitet heute in der Botschaft, sie „macht Politik“, wie sie sagt. Das ist neudeutsch für BND.
Sie ist ungefähr die 99. Islamwissenschaftlerin, die ich kenne, die mittlerweile im Auftrag des Staates dem Terror auf der Spur ist. Bin gespannt, wo die alle landen werden, wenn in zehn Jahren die chinesische Mafia die größte Bedrohung für die Sicherheit Deutschlands sein wird.
Anatol Lieven redet gerne, und ich höre gerne zu. Ein ideales Paar.
Stützpunkt seiner Forschungsreise war Peschawar, die letzte Stadt vor den Tribal Areas, wo Männer ohne Waffen totale Pfeifen sind. Etwas mulmig sei ihm gewesen, sagt, er, aber sein journalistischer Instinkt habe ihm gesagt, er müsse direkt mit den Leuten reden, wenn er über das Land schreiben wolle.
Am Ende des Vortrags frage ich ihn, was er von der Idee hält, mich nach Waziristan durchzuschlagen, der südlichsten Region der Tribal Areas, wo das Herz besonders finster schlägt, und sich die Ausbildungslager von al-Qaida befinden sollen. „Don´t got, if you want to come back in one piece“, sagt Anatol.
Wir treffen uns am nächsten Tag zum Tee und tauschen Gedanken aus. Das heißt, Anatol redet, und ich überlege, was ich mit dem Gesagten anfangen kann. Er hat eine Anfrage bei der pakistanischen Armee laufen, er will sich embedden lassen, um tiefer in die Tribal Areas vordringen zu können. Genial.
Wie wär´s, wenn ich mich da anschließen würde? „Yes, let´s do that“, sagt Anatol. Der Gedanke daran wirkt wie Baldrian auf meine Seele: Wenn die Taliban nach Geiseln suchen, nehmen sie bestimmt zuerst den Briten.
Guten Mutes für eine erfolgreiche Reise begebe ich mich am nächsten Morgen zum Bahnhof Liverpool Street. Von hier fährt der Zug nach Stansted, der erste um 4:40 Uhr, planmäßige Ankunft ist 5:25 Uhr, mein Flug geht eine Stunde später. Kein Grund zur Sorge also - denke ich, bis eine Ansage über den Lautsprecher kommt, noch ehe der Zug überhaupt losgefahren ist: „We are sorry for the delay, we will keep you informed.“ Weiß der Himmel, was um diese Uhrzeit eine Verspätung verursachen kann. Irgendwann setzt sich der Zug doch in Bewegung und zuckelt wie auf Kaffeefahrt durch die Landschaft.
Kurz vor sechs kommen wir an, ich hechte aus dem Abteil, rase die Treppe zum Flughafen hoch und stehe am Ende vor einem geschlossenen Schalter. Ich muss umbuchen. Lässig greife ich nach meiner Brieftasche. Sie ist nicht am Platz.
Wie vom Hafer gestochen durchwühle ich meinen Rucksack, ein, zwei, drei Mal.
Die Brieftasche ist weg. Ich habe exakt 95 Pence in meiner rechten Hosentasche, in der linken finde ich drei Euro und ein paar Cent. Das reicht in London fürs Urinal. Stuck in Stansted.
Ich muss versuchen, ohne Ticket nach London zurückzukommen, um mir von Freunden Geld zu leihen. Zu meinem Erstaunen glaubt mir der Schaffner meine Geschichte, ich darf mitfahren. Am Ziel bin ich deswegen noch lange nicht:
Von der Liverpool Street muss ich eine halbe Stunde mit der U-Bahn fahren, und in die Underground komme ich ohne Ticket gar nicht rein. Aber meine diplomatischen Geschicke wirken Wunder: Der Station Manager, ein Mann mit pakistanischem Namen, öffnet mir die Schleusen und lässt mich in die U-Bahn.
Hut ab vor diesen Briten! In Deutschland hätte ich mit Sicherheit zehn Sonderbeförderungsabschlagsformulare ausfüllen müssen.
In den nächsten Tagen verfolge ich intensiv die pakistanische Presse. Die Lage in den Tribal Areas spitzt sich zu: Die US-Army feuert von Westen Raketen über die Grenze, die pakistanische Armee dringt von Osten vor. The Taliban are not amused. Aus Rache lassen sie in Peschawar die Puppen tanzen:
Zuerst wird ein iranischer Diplomat entführt, dann ein amerikanischer Entwicklungshelfer erschossen, einen Tag später jagen bewaffnete Männer einen japanischen Journalisten durch die Stadt, der nur mit Glück leicht verletzt entkommt. Am 18. November schreibt die pakistanische Daily News:
“Peshawar will become off-limits to foreign journalists, as the enemy is unknown and you don’t know who wants to kill you. In such a situation, it is difficult for journalists to work.”
Diplomatisches Geschick hilft da vermutlich wenig. Zeit, die Notbremse zu ziehen. Bin gespannt, ob Anatol Lieven trotzdem fährt. Die Briten sind zäh.

Albrecht Metzger

Thema: Briefe | Comments Off | Autor: Albrecht Metzger