Tag-Archiv für » Kairo «

Schweine im Versteck

Samstag, 2. Mai 2009 15:38

Vorgestern war ich mit Julia Gerlach bei den Müllsammlern im Kairoer informellen Viertel “Manshiet Nasr”. Dort ziehen sie nämlich Schweine, und da wegen der Schweinegrippe alle Schweine geschlachtet werden sollen, schien mir das der richtige Ort für eine Recherche. Julia hatte ausserdem einen Interviewtermin mit dem wichtigsten Priester des Müllviertels - Abuna Samaan - organisiert. Ein Grund mehr, dorthin zu gehen.

In Kairo wird kaum noch über etwas anderes als die Schweinegrippe gesprochen. Die Vogelgrippe hat den Ägyptern angeblich schon mächtig zugesetzt, und nun - so meinen einige - komme noch die Plage der Schweinegrippe auf sie zu!

Bei einem religiösen Volk wie dem ägyptischen gelangen rasch Begriffe wie ”Gott”, “Sünde” und ”Sühne” in die Diskussion. Also ähnlich wie bei den frommen Israelis, die sich weigerten, “Schweinegrippe” zu sagen, weil sie das Wort “Schwein” nicht in den Mund nehmen wollten. Die Ägypter tun sich hingegen keinen Zwang an und flüstern, sagen, schreien oder brüllen das Wort “Schweinegrippe”, dass es nur so eine Art hat. Halt, halt, halt - jetzt nicht zum Schluss kommen, dass die muslimischen Ägypter mit dem Wort Schwein oder mit dem Tier Schwein kein Problem hätten…

Auch von dem muslimischen Apotheker in meiner Strasse, den ich oft befrage, und mit dem ich ein bisschen befreundet bin, wollte ich wissen, was er zur Schweinegrippe meine. “Das Wort ist falsch”, erklärte er. Ich wollte gerade aufbrausen, da sagte er: “Das Schwein kann doch nichts für die Grippe, also darf man die neue Krankheit auch nicht nach ihm benennen.”

Klug, fand ich. Doch ehrlich gesagt, fand ich sonst keinen muslimischen Ägypter, der diese Ansicht vertrat. Fast mit Genuss (so schien es mir zunächst) wurde nämlich zum Schutz gegen die neuartige Grippe die Schlachtung aller Schweine angeordnet. Das sind nicht wenige. Angeblich gibt es in Ägypten 350 000 Schweine. Das wurde am Mittwoch bekannt und auch der Plan, dass die Schweine nach und nach in den grossen Schlachthöfen getötet würden, aber - sofern sie gesund seien - ihr Fleisch durchaus verkauft werden könne. Natürlich würden die Züchter später entschädigt werden.

Im Müllviertel war trotz des anscheinend so hervorragend organisierten Schlachtplans (oder vielleicht gerade deshalb) die Hölle los. Allerdings manifestierte die sich nicht in Aufruhr, sondern zumeist in Schweigen. Die Müllsammler, die meine Volontärin Magdalena im März so schön beschrieben hatte, flüsterten abwehrend: “Ich? Nein, ich habe keine Schweine.” Ich tippte darauf, dass sie sie versteckten und vor der Schlachtung retten wollten. Immerhin stehen im Müllviertel heute hohe Wohnblocks, und oft liegt noch im 3. oder 4. Stock zu sortierender Müll. Dort könnte man doch auch die Schweine hinbringen! Am Donnerstag waren sie (irgendwann bekamen Julia und ich so einen Stall zu sehen) allerdings noch im Erdgeschoss. Mir fiel auf, wie ruhig die Tiere waren. Als ob sie wüssten, dass der kleinste Quickser sie verraten könnte… bis das Futter kam. Das hatte ein junges Mädchen aus dem Abfallberg ‘rausgepult - also alles Fressbare von Reis über Fleischreste bis zu Kartoffelschalen. Als sie mit dem runden ”Tisht” auf dem Kopf in den Stall kam, ging das Grunzen los.

Genau wie Magdalena bewunderte ich die Müllsammler, die -sortiererinnen und die Schweine. Was wäre, wenn es die in Kairo nicht gäbe? Die Stadt würde elendiglich in ihrem Abfall untergehen!

Dann gingen Julia und ich zu Abuna Samaan. Der hatte x Telefonate zu erledigen, klar, an einem Tag wie diesem und nach der schockierenden Nachricht, alle Schweine sollten gekeult werden! Er tat mir leid, vor allem aber, weil er offensichtlich erkältet war und sich ständig die Nase putzen musste. Oder waren das die ersten Symptome der Schweinegrippe?

Ich staunte, als Abuna Samaan dann erklärte, er fände die Entscheidung, alle Schweine zu erlegen, richtig. Ich dachte: Was soll er auch sagen, wenn nicht einmal der koptische Patriarch, Baba Shenuda, den Mund auftut, sondern die Entscheidung der Regierung schluckt! Dann meinte Abuna Samaan: “Natürlich verursachen nicht die Schweine die Grippe, das hat auch der Gesundheitsminister gesagt. Aber anders als in Europa herrscht hier keine Hygiene, sondern leben Schwein und Mensch auf engstem Raum zusammen. Wenn die Grippe im Viertel ausbricht, ist das unser Ende.”

Klang logisch, dennoch glaubte ich Abuna Samaan nicht. Die Müllsammler sind ja nicht freiwillig Müllsammler, sondern, weil ihnen in der ägyptischen Hierarchie nichts anderes übrig bleibt. Die meisten sind Analphabeten und kommen aus Oberägypten. Vermutlich stand ihnen das Wasser bis zum Hals, als sie sich entschieden, Müllsammler und -sortierer in Kairo zu werden.

Abuna Samaan schreckte mich aus meinen Gedanken auf: “Wir wollen hier raus. Und die Schweine sollen richtiges Futter kriegen und auf richtigen Farmen leben.” Schöner Traum, dachte ich. Schweine gibt es doch hier nur, weil sie Abfall in gutes Fleisch, also in bare Münze umwandeln. Doch zufälligigerweise ist das Schwein in den Augen der Muslime das ekelhafteste Tier überhaupt.

Oder doch nicht? Jedenfalls war da noch ein anderer Mann, Adel, der Obersekretär der Vereinigung der Müllsammler. Der Mann gefiel mir, war er doch direkt, offen und mit dem absurden Schlachtungsplan absolut nicht einverstanden. Noch mehr gefiel er mir, als er erzählte, er habe gerade in “Ezbet an-Nakhl” (auch so ein Müllviertel) beobachtet, wie die Polizei einen Schweinezüchter nach seinem Namen gefragt habe. Mohammed, habe der geantwortet. Was, du bist Muslim und ziehst Schweine, hätten die Polizisten empört geschrien. Was soll ich denn sonst machen, habe Mohammed ganz leise erwidert.

Plötzlich schien mir die ganze Angelegenheit noch absurder als vorher. Es gibt unendlich viele Arme in Ägypten, viel viel mehr als sich irgend jemand oder irgendeine Organsation vorstellen kann. Arme, die nicht von einem Dollar, sondern 10 Cent pro Tag oder noch weniger leben. Und die einen Job suchen, sei er noch so mickrig und mies. Darin sind die Ägypter und noch mehr die Oberägypter grosse Klasse. Sie können sogar Jobs erfinden!

Die Schweinezucht war bis anhin für arme Müllsammler keine schlechte Lösung ihres Geldproblems. Warum also nicht auch für Muslime, denen es ja keineswegs besser als den Christen geht? Wie bitte, der Islam verbietet das Essen von Schweinefleisch? Ich weiss, aber ziehen heisst noch lange nicht essen, oder? Höchstens in den Augen dieser extremistischen, pedantischen, prüden und besserwisserischen Muslimbrüder (die mit Abfall nur so um sich werfen, um sich nicht die Hände schmutzig zu machen). Und nun soll es also nach denen gehen, und alle Schweine müssen weg. Komisch, denn eigentlich ist ja die Regierung gegen die Muslimbrüder. Und will keinen Aufruhr unter den Christen. Warum also das Ganze?

Haben die Muslimbrüder inzwischen soviel Macht, dass sie eine solche Losung (Tötung aller Schweine) durchsetzen können? Oder ist diese Regierung schlauer als man meint und weiss, dass sie den Forderungen der aufgebrachten Muslimbrüder ruhig nachgeben kann, weil die Schlachtung eh nie durchgeführt werden wird? Wer weiss eine Antwort?

Kristina Bergmann

P.S. Inzwischen ist es Samstag Abend, und es ist viel passiert. Zum Beispiel heisst die neue Infektion nicht mehr Schweinegrippe. Aber die Ägypter nennen sie noch immer so. Die ägyptische Regierung will übrigens an dem idiotischen Erlegungsplan festhalten, obwohl die ganze Welt sie auslacht! Den ägyptischen Schweinezüchtern ist allerdings nicht zum Lachen zu Mute. Immerhin haben sie sich gewehrt - Bravo! Als im Norden der Hauptstadt Schweinefarmen geräumt werden sollten, haben die Züchter und Arbeiter die Polizisten mit Steinen beworfen. Wird die Regierung nun merken, dass ihr Plan nicht der Beruhigung dient, sondern der beste Weg zum Aufstand der Massen ist?

Thema: Kristinas Kolumne | Comments Off | Autor: Kristina Bergmann

Touristen oder tote Hose?

Montag, 23. März 2009 9:05

Gassen voller Menschen der unterschiedlichsten Nationalitäten, aufdringliche Verkäufer, die lautstark ihre Ware feilbieten und eine bunte Vielfalt orientalischer Produkte - das ist die Stimmung auf dem Khan al Khalili, dem beliebtesten Touristenbasar in der Kairoer Altstadt, so wie ich sie von vielen Besuchen kenne. Doch heute suche ich diese Atmosphäre vergeblich. Die Gassen liegen still und verlassen, kaum einen Touristen treffe ich auf meinem Weg. Viele kleine Geschäfte sind bereits geschlossen, andere Verkäufer löschen gerade das Licht und sperren ihre Läden ab. Dabei ist es erst 21 Uhr, eine Zeit, in der früher Hochbetrieb auf dem Khan al Khalili herrschte. Fast bittend fordern mich die übrigen, sonst vor Selbstbewusstsein strotzenden, forschen Verkäufer auf, einen Blick in ihre Läden zu werfen. Was ist hier passiert?

Es ist das noch nicht lange zurückliegende Bombenattentat auf dem Basar, aber auch die Weltwirtschaftskrise, die schuld an dem trostlosen Anblick sind. Eine Sprengstoffdetonation tötete am 22. Februar eine junge Französin und verletzte 20 weitere Menschen. Der Anschlag ist kein Einzelfall. Schon 2005 starben 3 Touristen auf dem Basar durch eine Bombe. Im April des selben Jahres explodierte außerdem eine Handgranate vor dem Ägyptischen Museum.

Peter Wirth, der Besitzer eines Hotels in der Oase Bahareya, leidet ebenfalls unter dem Einbruch. Für den April musste er einen Buchungsrückgang von 25 Prozent hinnehmen. Dabei habe es ihn, dank seiner zahlreichen Stammkunden, noch nicht mal besonders schlimm erwischt, während viele andere Unterkünfte in der Oase komplett leer stünden, ergänzt Wirth.

Auch die Hotels in Kairo sind nicht, wie gewöhnlich um die Osterzeit, restlos ausgebucht. Im Gegenteil scheinen sie sogar dankbar für jede spontane Reservierung zu sein. Offensichtlich machen Ägypten das Bombenattentat und die globale Wirtschaftskrise stark zu schaffen, denn sie nehmen dem Land die wichtigste Einnahmequelle, den Tourismus.

Betroffen von der Leere des Khan al Khalili suche ich das Gespräch mit den Geschäftsleuten. Ein Verkäufer von Schals und einheimischer Kleidung versucht mich zu beruhigen. Trotz des Attentats und der schwierigen wirtschaftlichen Lage kämen die Touristen weiterhin und seien kauffreudig. Das behauptet auch ein Wasserpfeifenhändler. Er erlebe keinen Rückgang im Geschäft, was wohl daran liege, dass sich die Polizeipräsenz auf dem Basar beträchtlich vermehrt habe, und die Fremden sich nun sicherer fühlten. Mein Freund Hassan, der Besitzer eines Schmuckladens, bezeichnet die Woche nach dem Anschlag sogar als die stärkste des Jahres. Er ist der Ansicht, dass die Menschen sich nicht mehr durch Bomben ängstigen ließen. Durch die vielen Anschläge überall auf der Welt seien sie mittlerweile abgehärtet. Natürlich habe er Angst gehabt und wäre am liebsten am Tag nach dem Attentat zu Hause geblieben. „Doch die Polizei rief uns an und forderte alle Verkäufer auf, ihre Läden zu öffnen”, sagt Hassan.

Die Gegensätzlichkeit zwischen diesen Aussagen und der Situation, wie ich sie auf dem Khan al Khalili wahrgenommen habe, verwirrt mich. Ich bin ratlos, weiß nicht, was ich glauben soll. Bin ich es, welche die Lage falsch einschätzt, oder haben mir die Shopbesitzer unrealistische Antworten gegeben? Eigentlich möchte ich meinen Eindrücken vertrauen und mir eingestehen, dass die Touristen nun wegbleiben. Den Verkäufern auf dem Khan al Khalili fällt das offensichtlich schwer. Mir scheint, als sei die Furcht vor einer ungewissen Zukunft der Grund für ihr Verhalten. Anstatt sich dem Rückgang der Besucher zu stellen, versuchen die Verkäufer, die Krise zu ignorieren. Sie hoffen einfach auf eine Verbesserung der Lage und scheinen keinen anderen Lösungsweg zu sehen, als ihren Kopf in den ägyptischen Sand zu stecken.

Magdalena Suerbaum

Magdalena Suerbaum ist im März 2009 Volontärin bei Kristina Bergmann (NZZ) in Kairo. In der Gastrubrik von NEFAIS.net berichtet sie während dieser Zeit aus Kairo.

Thema: Gastbeiträge | Comments Off | Autor: Gast

Kairos Müllpyramiden

Sonntag, 15. März 2009 16:15

Meine Erkundungstour durch Kairo soll mich heute nicht zu den berühmten und beliebten Orten der Millionenstadt führen. Gegenüber der von vielen Touristen besuchten Zitadelle, die am östlichen Rand der ägyptischen Hauptstadt thront, biege ich ab und entferne mich von den vielbefahrenen lauten Straßen. Der Weg wird enger und zusehends verschmutzter.

Ich trete durch ein Tor und stehe in einer fremden neuen Welt: „Manshiet Nasser“. Die vertrauten Gerüche Kairos sind nun von einem anderen überlagert: dem Müllmief. Die Abfallpyramiden sind allgegenwärtig, sie türmen sich am Straßenrand, vor den Häusern und sogar in den Häusern auf. Sie verströmen einen schwer auszuhaltenden Gestank von Fäulnis und Verwesung. Entgeistert bewege ich mich vorwärts durch das bunte Treiben. Der Weg ist mittlerweile nicht mehr befestigt und sehr schmal, trotzdem wird er stark genutzt. Der Verkehr besteht aus Pickups, hoch beladen mit Müllsäcken, oder Eselskarren, die ebenfalls Abfall transportieren.

Ein Blick in die Häuser lässt mich erstarren, in den dunklen Räumen hocken Menschen mitten im Unrat. Sie sortieren den Kehricht, der von den Müllmännern nachts in Kairo gesammelt wird. 80 Tonnen Müll sollen sie täglich nach Manshiet Nasser bringen. Ich sehe ungeheure Müllmassen in diesem Viertel und glaube die Zahl. Alle Bewohner der abgeschirmten Gegend scheinen sich an der Abfallentsorgung zu beteiligen. Mitten in einem Haufen aus Bananenschalen und anderen organischen Resten sitzt eine Frau im Alter meiner Großmutter. Routiniert sucht sie Wiederverwertbares und Futterreste für ihre Tiere aus dem Müllberg heraus. Mich beeindruckt die Disziplin, mit der sie sich weder von den Ausdünstungen, noch vom vergammelten Zustand des Abfalls irritieren lässt. Mir dreht sich allein beim Hinsehen der Magen um.

Auch die ganz Kleinen unterstützen ihre Familien. Ich erkenne einen Jungen, der höchstens im Kindergartenalter sein kann. Er sitzt neben seinem Vater und zerbricht mit ihm Plastik in kleine Stücke. Vor ihm liegt bereits ein großer Haufen. Das Augenmerk der Müllmenschen ist auch auf Papier, Blech und Glas gerichtet, denn diese Materialien lassen sich recyceln. Der Verkauf der sortierten Ware stellt die Haupteinnahmequelle der Menschen in Manshiet Nasser dar.

Viele Kinder begegnen mir auf meinem Weg durch den Müll. Ob sie wohl zur Schule gehen? Oder werden sie ihr ganzes Leben im Müllviertel verbringen, das seit 40 Jahren besteht? An vielen Häusern kann ich Heiligenbilder und Kreuze erkennen. Dort wohnen die christlichen Kopten, welche die Mehrheit der Müllmenschen ausmachen. In den Hinterhöfen halten sie vor allem Schweine, aber auch Ziegen, die von Bioabfällen leben.

Bald stelle ich fest, dass das Leben im Abfallquartier wie in jedem anderen Teil Kairos ist. Es gibt Bäckereien, Handyläden und gutbesuchte Schischa-Cafés. Die Vorstellung, dass man dort sitzt und einen Tee genießen kann, scheint mir abwegig. Ich könnte den widerlichen Gestank des Mülls, die Rattenkadaver am Straßenrand oder den totgefahrenen, blutüberströmten Hund mitten auf dem Weg nicht einfach ignorieren. Doch den Menschen hier scheint das möglich zu sein: Einige Kinder spielen ausgelassen auf einer ausrangierten Schaukel, die großen Mädchen lauschen der Musik aus ihren Handys, tuscheln und kichern. Das Leben der Bewohner spielt sich im Müll ab, sie arbeiten, lieben, gebären, erkranken und sterben im Müll.

Während ich, immer noch benommen, zurück auf den großen Straßen Kairos den plötzlich frisch erscheinenden Duft von Abgasen und Staub einsauge, wird mir eins klar: Die Menschen in Manshiet Nasser haben meine Hochachtung für das, was sie jeden Tag leisten.

Magdalena Suerbaum

Magdalena Suerbaum ist im März 2009 Volontärin bei Kristina Bergmann (NZZ) in Kairo. In der Gastrubrik von NEFAIS.net berichtet sie während dieser Zeit aus Kairo. Im Müllviertel war sie dreimal - vielleicht mehr als jeder andere Journalist am Nil.

Thema: Gastbeiträge | Comments Off | Autor: Gast

Kairos traurige Ämter

Sonntag, 1. Februar 2009 13:34

Vor ein paar Tagen war ich auf einem Amt. In Kairo ist das eine Tortur, und ich musste mich lange selbst zu dem Gang überreden.

Zum Glück stehe ich jeden Morgen früh auf, da der Schulbus meines Sohnes Marwan schon um sieben Uhr kommt. Nachdem Marwan ihn wohlbehalten bestiegen hatte, machte ich mich ausgehfertig, und fuhr mit dem Taxi zum «murur». So heisst das Verkehrsamt hier, oder vielmehr wird es der Einfachheit halber so, nämlich «Verkehr», genannt.

Dort wollte ich ein paar Zettel mit den Eigenschaften meines Autos ausfüllen und abstempeln lassen. Die Sache ist nämlich die: Ich habe ein Auto, aber das steht seit August 2008 (das sind jetzt fünf Monate) in der Garage. Es ist nicht auf mich, sondern meinen Ex-Mann zugelassen. Ja, ich weiss, es war ein Fehler, das so regeln, aber nach unserer Trennung war ich naiv. Damals, vor dreieinhalb Jahren (2005), hatte mein Ex gesagt: «Wir wollen nicht so bescheuert wie andere Paare, die sich trennen, sein. Wir bleiben Freunde. Deshalb werde ich dein Auto auf meinen Namen zulassen. Für mich als Ägypter ist das viel einfacher.»

Das stimmte - für mich als Ausländerin hätte damals die Anmeldung eines Wagens auf meinen Namen einen «Wahnsinnsaufwand» bedeutet. Aber es kam, wie es kommen musste, und nach drei Jahren, also im August 2008, war die Zulassung abgelaufen. Ich versuchte, meinen Ex-Mann dazu zu bringen, das notwendige Papier zu erneuern. Aus Zeitgründen (angeblich) tat er das aber nicht. Jetzt, knapp ein halbes Jahr später, hat mein Ex-Mann mir ausrichten lassen, dass er mir das Auto «verkaufen» wolle. Dann solle ich damit machen, was ich wolle.

Hört sich eigentlich gut an, doch in Ägypten herrscht die absolute Bürokratie, und was einfach scheint, wird kompliziert gemacht. Als ich verstand, welche Papiere besorgt werden müssten, um den «Verkauf» abzuwickeln, schwirrte mir der Kopf. Ich schaffte Klarheit in meinen Gedanken und ging zum «murur». Eben dort wollte ich im Vorfeld des Verkaufs die Zettel, die später dafür nötig wären, abstempeln lassen.

Doch auf dem Verkehrsamt schauten mich die Beamten mitleidig an, als ich die leeren Formulare verlangte. Schliesslich knallte sie einer auf den Tisch. «Da hamse Sie», sagte er, «Aber abstempeln? Also das schaffen Sie nie!» Das dürfe nämlich nur der Besitzer des Wagens, sagte er. Ich schnaubte und ging zum «Pascha», zum Chefpolizisten.

«Halt!» schrie seine Sekretärin, als ich gerade die Klinke zu dessen Bürotür herunterdrücken wollte, ob ich eigentlich übergeschnappt sei? Nur sie dürfe dort hinein, rief sie und knackte elegant ein paar Sonnenblumenkerne. Die Schalen spuckte sie gekonnt in einen Aschenbecher.

Dann nahm sie die leeren Formulare und die abgelaufene Zulassung und ging mit verachtungsvoller Miene ins Büro des Paschas. Nach genau einer Minute stand sie wieder vor mir.

«Das geht nicht, Madame, das darf nur ihr Ex-Mann. Und sagen Sie ihm, wenn er komme, solle er seine Identitätskarte mitbringen! Ihnen können wir leider nicht vertrauen - vielleicht sind Sie ja eine Diebin und wollen dem armen Kerl das Auto stehlen!»

Ich nahm die Zettel und ging mit hoch gereckter Nase hinaus. Meine Wut schluckte ich tapfer hinunter. Diebin, dachte ich, so eine bodenlose Frechheit! Das Auto hatte vor dreieinhalb Jahren ich ganz allein bezahlt. Und jetzt war ich nur zum Verkehrsamt gegangen, um meinem Ex-Mann die Umschreibung leichter zu machen! Sie ist - wie oben erwähnt - aufwendig und erfordert Gänge auf mehrere Ämter, das Einholen zahlreicher Stempel und entsprechend viel Energie.

Als ich wieder daheim war, steckte ich die Formulare und die abgelaufene Zulassung in ein Couvert und schickte alles dem Vater meines Sohnes. Per SMS bat ich ihn, die Zulassung zu besorgen, auch wenn es Mühe mache. Das Auto würden wir, also unser Sohn und ich, vor allem dazu brauchen, um zum Fussballclub zu fahren. Der liegt ausserhalb des Molochs Kairo und dorthin fahren keine Busse.

Trotz meiner Erklärung sehe ich schwarz. Ja, ich vermute, das Auto wird ungebraucht in der Garage (wo es jetzt steht) verrotten. Das ist schade - vor allem für meinen Sohn, der so gerne in jenen Fussballclub gehen würde. Aber die Zeit vergeht, die Trennung wird länger und länger, und Marwan wird grösser und selbständiger. Kurz, ganz langsam nähere ich mich dem Ende des Tunnels, in dem ich mich jetzt befinde. Ob es dahinter hell und schön ist, weiss ich nicht. Ich bin mir aber sicher, dass ich der klaustrophobischen Enge irgendwann entkommen werde.

Kristina Bergmann

Thema: Kristinas Kolumne | Comments Off | Autor: Kristina Bergmann

Brief aus Kairo

Freitag, 16. Januar 2009 15:25

Mach mich nicht an

Kürzlich habe ich Noha Rushdi besucht. Waaas, Ihr wisst nicht, wer das ist? Naja, ausserhalb Ägyptens ist Noha vermutlich gar nicht bekannt…

Hier wird sie stark beachtet, und deshalb war ich erstaunt, sofort einen Termin bei ihr zu bekommen. Wenn in Ägypten jemand nämlich ein klein wenig berühmt ist, nimmt er das Telefon kaum noch selbst ab und vertagt Rendez-vous’ auf kommendes Jahr. Noha wollte mich hingegen gleich sehen. Noch dazu in Maadi (in dem Kairoer Vorort, wo ich wohne).

Noha war bei ihrer Mutter. Sie ist 27 Jahre alt und lebt sonst allein. Klingt normal, ist es aber in Ägypten nicht. Dort bleibt man bei seinen Eltern, bis man heiratet. Noha tickt aber anders. Sie wohnt nicht nur unverheiratet in einer eigenen Wohnung, sondern auch ein ganzes Stück von ihrer Mutter und ihrem Vater entfernt.

Als ich klingelte, machte die Mutter auf. Auch die lebt allein und ist von ihrem palästinensischem Mann geschieden. Sie ist Ägypterin, wirkte auf mich mit ihrem straff zurück gekämmten Haar und ihrer scharfen Nase aber wie eine Spanierin. Sie war sehr freundlich und brachte mich in Nohas früheres Kinderzimmer. Die Arme lag mit einer Erkältung im Bett.

Noha Rushdi krank im Bett (Bild: Kristina Bergmann)

Schnupfen und Husten, die Noha ganz schön krächzen liessen, waren nicht der Hauptgrund für ihre Heimkehr. «Meine Mutter hat Angst um mich. Vielleicht habe ich selbst auch Angst. Jedenfalls bleibe ich ein paar Tage hier», sagte Noha und zog verlegen die Schultern hoch.

Die junge Regisseurin hat gerade einen Prozess gewonnen. Und zwar gegen einen Anmacher. Zum ersten Mal in Ägypten bekam damit eine Frau, die gegen einen handgreiflichen Buhler vor Gericht zog, recht. Der Mann, ein Fahrer, musste ins Gefängnis und eine Strafe zahlen.

Die Geschichte von Noha stand in allen Zeitungen, und ich kenne sie. Trotzdem liess ich sie mir nochmal erzählen. Nicht zuletzt, weil es gut tut, einen dieser vielen miesen Lüstlinge bestraft zu wissen…

«Ich war auf der Strasse, hatte beide Hände mit meinem Computer und Taschen voll, als mich plötzlich ein Pick-up an die Hauswand drückte, der Fahrer seine Hand aus dem Fenster streckte und brutal in meine Brust kniff. Dann fuhr er weiter und lächelte mir triumphierend aus dem Rückspiegel zu. Das wirkte auf mich wie ein Signal. Ich liess alles fallen und rannte hinter ihm her. Ich sprang auf die Kühlerhaube. Er fuhr rückwärts, um mich abzuschütteln. Ich fiel runter und klammerte mich an den Türgriff des Pick-ups - bis der Fahrer endlich anhielt», erzählte Noha mit heiserer Stimme.

Anschliessend hätten sich Leute um die beiden gesammelt. Sie wollten helfen und würden den Typen verprügeln, wenn Noha das wünsche, hätten sie gesagt und die Ärmel hochgekrempelt. Nein, habe Noha geantwortet, sie wolle zur Polizei und den Fahrer anzeigen. Warum, wieso, das bringe doch nichts, habe das Publikum gebrüllt. Doch Noha blieb hart. Ein einziger junger Mann habe sie verstanden und ihr geholfen, den Grobian zur Polizeiwache zu zerren.

Der Polizist habe zuallererst gefragt, wo ihr Vater sei, fuhr Noha grinsend fort. Eine Frau, noch dazu eine junge, zähle in Ägypten nicht als vollwertiger Mensch und könne nach Volksmeinung allein kein Protokoll abgeben. Noha liess ihren Vater kommen. Offenbar weiss sie, was in Ägypten geht und was nicht und auch, was sie will.

Schliesslich kam es zum Prozess. Weder Nohas Eltern, noch ihre Freunde und Sympathisanten hatten für möglich gehalten, dass Noha den gewinnen könnte. Und dass der Anmacher so streng bestraft würde. «Das ist wie ein Traum», sagte ihre Mutter zu mir. Doch die Rache an Noha würde fürchterlich sein, meinte sie nachdenklich.

«Was war denn das Schlimmste bei der ganzen Sache», fragte ich Noha, während ich auf ihrem Bett sass. Am meisten habe sie geärgert, dass ihr nur einer half, den Fahrer zur Polizei zu schleppen, antwortete Noha. Und dass die übrigen Passanten gesagt hätten: Ach komm Mädchen, Anmache ist doch normal, nimm’s nicht so tragisch!

Die erkältete Noha seufzte, strich sich die Haare aus dem Gesicht, legte die Hände auf die Bettdecke und hustete.

Danach verabschiedete ich mich. Ich war von Noha, aber auch von ihrer Mutter beeindruckt. Die beiden sind toll. Ich selbst finde im Nachhinein am schlimmsten, dass letztere recht behalten sollte. Eine Anwältin kippte am folgenden Tag nämlich um und erklärte, Noha sei gar nicht angemacht worden. In Wahrheit sei sie eine Palästinenserin ohne Pass, die Ägypten nur schlecht machen wolle. Vermutlich habe Noha den armen Fahrer drangsaliert; man müsse sie deshalb so schnell wie möglich ausweisen. Am Nil habe DIE jedenfalls nichts zu suchen.

Kristina Bergmann

Thema: Briefe | Comments Off | Autor: Kristina Bergmann