Kairos Müllpyramiden
Sonntag, 15. März 2009 16:15
Meine Erkundungstour durch Kairo soll mich heute nicht zu den berühmten und beliebten Orten der Millionenstadt führen. Gegenüber der von vielen Touristen besuchten Zitadelle, die am östlichen Rand der ägyptischen Hauptstadt thront, biege ich ab und entferne mich von den vielbefahrenen lauten Straßen. Der Weg wird enger und zusehends verschmutzter.
Ich trete durch ein Tor und stehe in einer fremden neuen Welt: „Manshiet Nasser“. Die vertrauten Gerüche Kairos sind nun von einem anderen überlagert: dem Müllmief. Die Abfallpyramiden sind allgegenwärtig, sie türmen sich am Straßenrand, vor den Häusern und sogar in den Häusern auf. Sie verströmen einen schwer auszuhaltenden Gestank von Fäulnis und Verwesung. Entgeistert bewege ich mich vorwärts durch das bunte Treiben. Der Weg ist mittlerweile nicht mehr befestigt und sehr schmal, trotzdem wird er stark genutzt. Der Verkehr besteht aus Pickups, hoch beladen mit Müllsäcken, oder Eselskarren, die ebenfalls Abfall transportieren.
Ein Blick in die Häuser lässt mich erstarren, in den dunklen Räumen hocken Menschen mitten im Unrat. Sie sortieren den Kehricht, der von den Müllmännern nachts in Kairo gesammelt wird. 80 Tonnen Müll sollen sie täglich nach Manshiet Nasser bringen. Ich sehe ungeheure Müllmassen in diesem Viertel und glaube die Zahl. Alle Bewohner der abgeschirmten Gegend scheinen sich an der Abfallentsorgung zu beteiligen. Mitten in einem Haufen aus Bananenschalen und anderen organischen Resten sitzt eine Frau im Alter meiner Großmutter. Routiniert sucht sie Wiederverwertbares und Futterreste für ihre Tiere aus dem Müllberg heraus. Mich beeindruckt die Disziplin, mit der sie sich weder von den Ausdünstungen, noch vom vergammelten Zustand des Abfalls irritieren lässt. Mir dreht sich allein beim Hinsehen der Magen um.
Auch die ganz Kleinen unterstützen ihre Familien. Ich erkenne einen Jungen, der höchstens im Kindergartenalter sein kann. Er sitzt neben seinem Vater und zerbricht mit ihm Plastik in kleine Stücke. Vor ihm liegt bereits ein großer Haufen. Das Augenmerk der Müllmenschen ist auch auf Papier, Blech und Glas gerichtet, denn diese Materialien lassen sich recyceln. Der Verkauf der sortierten Ware stellt die Haupteinnahmequelle der Menschen in Manshiet Nasser dar.
Viele Kinder begegnen mir auf meinem Weg durch den Müll. Ob sie wohl zur Schule gehen? Oder werden sie ihr ganzes Leben im Müllviertel verbringen, das seit 40 Jahren besteht? An vielen Häusern kann ich Heiligenbilder und Kreuze erkennen. Dort wohnen die christlichen Kopten, welche die Mehrheit der Müllmenschen ausmachen. In den Hinterhöfen halten sie vor allem Schweine, aber auch Ziegen, die von Bioabfällen leben.
Bald stelle ich fest, dass das Leben im Abfallquartier wie in jedem anderen Teil Kairos ist. Es gibt Bäckereien, Handyläden und gutbesuchte Schischa-Cafés. Die Vorstellung, dass man dort sitzt und einen Tee genießen kann, scheint mir abwegig. Ich könnte den widerlichen Gestank des Mülls, die Rattenkadaver am Straßenrand oder den totgefahrenen, blutüberströmten Hund mitten auf dem Weg nicht einfach ignorieren. Doch den Menschen hier scheint das möglich zu sein: Einige Kinder spielen ausgelassen auf einer ausrangierten Schaukel, die großen Mädchen lauschen der Musik aus ihren Handys, tuscheln und kichern. Das Leben der Bewohner spielt sich im Müll ab, sie arbeiten, lieben, gebären, erkranken und sterben im Müll.
Während ich, immer noch benommen, zurück auf den großen Straßen Kairos den plötzlich frisch erscheinenden Duft von Abgasen und Staub einsauge, wird mir eins klar: Die Menschen in Manshiet Nasser haben meine Hochachtung für das, was sie jeden Tag leisten.
Magdalena Suerbaum
Magdalena Suerbaum ist im März 2009 Volontärin bei Kristina Bergmann (NZZ) in Kairo. In der Gastrubrik von NEFAIS.net berichtet sie während dieser Zeit aus Kairo. Im Müllviertel war sie dreimal - vielleicht mehr als jeder andere Journalist am Nil.
Thema: Gastbeiträge | Comments Off | Autor: Gast