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Brief aus London

Donnerstag, 27. November 2008 17:14

Zuerst ein Ratschlag für Reisende mit knappem Budget: Ryanair ist günstig, aber haltet Euch fern von Flügen, die um 6:25 Uhr von London Stansted abgehen. Ihr werden sie bestimmt verpassen! Und wenn Ihr Pech habt wie ich, müsst ihr Euch den Weg zurück in die Innenstadt mühsam erschnorren. Aber dazu später mehr.
Ich fahre also am 6. November nach London, um Anatol Lieven zu treffen.
Lieven war Jahre lang Korrespondent für verschiedene britische Zeitungen in Moskau, im Laufe seiner Karriere ist er außerdem zum Fachmann für Afghanistan und Pakistan geworden. Weil er viele Bücher geschrieben hat, ist er heute Professor am King´s College in London. So geht das in England.
Anatol Lieven hat deutsche Wurzeln, er stammt aus dem Baltikum, wo seine Vorfahren -  sämtlich Militärs - 200 Jahre in russischen Diensten waren, davor 200 Jahre bei den Schweden. Anatol Lieven hat einen Sinn für Genealogien, beste Voraussetzungen also, um über die archaische Welt der Stämme im Nordwesten Pakistans zu forschen. Deswegen bin ich hier, denn da will ich auch hin - in das „Herz der Finsternis“, wie der BND die afghanisch-pakistanische Grenzgegend nennt, wo sich Osama bin Laden und andere böse Geister verstecken sollen. Hier haben pakistanische Taliban das Sagen. Anatol Lieven spricht heute über diese Region, in der er sich im Sommer sechs Wochen aufgehalten hat (http://www.icsr.info/node/22824). Apropos BND: Vor dem Vortrag läuft mir eine Frau über den Weg, die ich das letzte Mal vor zehn Jahren in Beirut gesehen habe. Sie arbeitet heute in der Botschaft, sie „macht Politik“, wie sie sagt. Das ist neudeutsch für BND.
Sie ist ungefähr die 99. Islamwissenschaftlerin, die ich kenne, die mittlerweile im Auftrag des Staates dem Terror auf der Spur ist. Bin gespannt, wo die alle landen werden, wenn in zehn Jahren die chinesische Mafia die größte Bedrohung für die Sicherheit Deutschlands sein wird.
Anatol Lieven redet gerne, und ich höre gerne zu. Ein ideales Paar.
Stützpunkt seiner Forschungsreise war Peschawar, die letzte Stadt vor den Tribal Areas, wo Männer ohne Waffen totale Pfeifen sind. Etwas mulmig sei ihm gewesen, sagt, er, aber sein journalistischer Instinkt habe ihm gesagt, er müsse direkt mit den Leuten reden, wenn er über das Land schreiben wolle.
Am Ende des Vortrags frage ich ihn, was er von der Idee hält, mich nach Waziristan durchzuschlagen, der südlichsten Region der Tribal Areas, wo das Herz besonders finster schlägt, und sich die Ausbildungslager von al-Qaida befinden sollen. „Don´t got, if you want to come back in one piece“, sagt Anatol.
Wir treffen uns am nächsten Tag zum Tee und tauschen Gedanken aus. Das heißt, Anatol redet, und ich überlege, was ich mit dem Gesagten anfangen kann. Er hat eine Anfrage bei der pakistanischen Armee laufen, er will sich embedden lassen, um tiefer in die Tribal Areas vordringen zu können. Genial.
Wie wär´s, wenn ich mich da anschließen würde? „Yes, let´s do that“, sagt Anatol. Der Gedanke daran wirkt wie Baldrian auf meine Seele: Wenn die Taliban nach Geiseln suchen, nehmen sie bestimmt zuerst den Briten.
Guten Mutes für eine erfolgreiche Reise begebe ich mich am nächsten Morgen zum Bahnhof Liverpool Street. Von hier fährt der Zug nach Stansted, der erste um 4:40 Uhr, planmäßige Ankunft ist 5:25 Uhr, mein Flug geht eine Stunde später. Kein Grund zur Sorge also - denke ich, bis eine Ansage über den Lautsprecher kommt, noch ehe der Zug überhaupt losgefahren ist: „We are sorry for the delay, we will keep you informed.“ Weiß der Himmel, was um diese Uhrzeit eine Verspätung verursachen kann. Irgendwann setzt sich der Zug doch in Bewegung und zuckelt wie auf Kaffeefahrt durch die Landschaft.
Kurz vor sechs kommen wir an, ich hechte aus dem Abteil, rase die Treppe zum Flughafen hoch und stehe am Ende vor einem geschlossenen Schalter. Ich muss umbuchen. Lässig greife ich nach meiner Brieftasche. Sie ist nicht am Platz.
Wie vom Hafer gestochen durchwühle ich meinen Rucksack, ein, zwei, drei Mal.
Die Brieftasche ist weg. Ich habe exakt 95 Pence in meiner rechten Hosentasche, in der linken finde ich drei Euro und ein paar Cent. Das reicht in London fürs Urinal. Stuck in Stansted.
Ich muss versuchen, ohne Ticket nach London zurückzukommen, um mir von Freunden Geld zu leihen. Zu meinem Erstaunen glaubt mir der Schaffner meine Geschichte, ich darf mitfahren. Am Ziel bin ich deswegen noch lange nicht:
Von der Liverpool Street muss ich eine halbe Stunde mit der U-Bahn fahren, und in die Underground komme ich ohne Ticket gar nicht rein. Aber meine diplomatischen Geschicke wirken Wunder: Der Station Manager, ein Mann mit pakistanischem Namen, öffnet mir die Schleusen und lässt mich in die U-Bahn.
Hut ab vor diesen Briten! In Deutschland hätte ich mit Sicherheit zehn Sonderbeförderungsabschlagsformulare ausfüllen müssen.
In den nächsten Tagen verfolge ich intensiv die pakistanische Presse. Die Lage in den Tribal Areas spitzt sich zu: Die US-Army feuert von Westen Raketen über die Grenze, die pakistanische Armee dringt von Osten vor. The Taliban are not amused. Aus Rache lassen sie in Peschawar die Puppen tanzen:
Zuerst wird ein iranischer Diplomat entführt, dann ein amerikanischer Entwicklungshelfer erschossen, einen Tag später jagen bewaffnete Männer einen japanischen Journalisten durch die Stadt, der nur mit Glück leicht verletzt entkommt. Am 18. November schreibt die pakistanische Daily News:
“Peshawar will become off-limits to foreign journalists, as the enemy is unknown and you don’t know who wants to kill you. In such a situation, it is difficult for journalists to work.”
Diplomatisches Geschick hilft da vermutlich wenig. Zeit, die Notbremse zu ziehen. Bin gespannt, ob Anatol Lieven trotzdem fährt. Die Briten sind zäh.

Albrecht Metzger

Thema: Briefe | Comments Off | Autor: Albrecht Metzger