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Herr Koch und Herr Lehmann

Samstag, 16. Mai 2009 16:33

Der Casus Kermani, oder was er uns sagt, ist noch viel schlimmer als nur peinlich, taktlos, dumm. Er hat in gewisser Weise System. Alle regen sich über die angeblich zu schnell beleidigten Muslime auf. Und es reden ja immer nur alle über den Islam, auch die deutschen Muslime. Nun kommt aber mal ein Muslim und sagt etwas zum Christentum. Das wird sofort als Grenzüberschreitung, Anmaßung, Sakrileg empfunden (umgekehrt haben wir keinerlei Gefühl dafür, was es heißt, daß wir ständig über den Islam reden - genau daran erkennt man die Hierarchien, erkennt, wer die Macht hat oder glaubt, sie oder das natürliche Anrecht darauf zu haben - “wir”: die deutschen Nichteinwanderer, Nichtmuslime). Das ist der eine Impuls. Dann gibt es den zweiten: Jetzt schlagen wir zurück. Was die Muslime können - für ihren Glauben streiten, empfindlich sein - das können wir schon lange. Und: Endlich haben wir eine Gelegenheit dazu. Sonst kriegen wir die von den Muslimen ja nicht, die reden einfach nicht über das Christentum. Nun hat es einer getan. Sofort wird die Gelegenheit genutzt, sich im Spiegelstadium mit den beleidigten Muslimen zu profilieren, auf die dümmste, undifferenzierteste Art. Natürlich, die Feuilletons sind jetzt alle pro Navid. Aber das sind die Intellektuellen, vielleicht nur eine optische Täuschung. Ich würde gerne den Briefkasten von Lehmann, Koch und Konsorten sehen. Oder doch lieber nicht: Denn was da an Zustimmung eintrudelt, dürfte einem den Magen umdrehen. Selbst dieser Skandal, überhaupt erst der Skandal und die Kritik an seinen Verursachern, dient deren Sache, der eigenen Profilierung, dem Marketing. Es ist sehr schwer, dieser Dynamik etwas entgegenzusetzen, außer der schonungslosen Analyse. Der Friedenspreis des Buchhandels für Navid, mit Roland Koch zwangsverdonnert in der Paulskirche, das wäre das einzige, was das wieder gutmachen könnte.

Stefan Weidner

Thema: Allgemein | Comments Off | Autor: Stefan Weidner

Neuanfang

Dienstag, 20. Januar 2009 21:48

Ich fange hiermit mit dem Blog von vorne an. Folgendes möchte ich mit dem Blog bezwecken: Ich möchte versuchen, Ereignisse in der islamischen Welt – und damit meine ich auch Länder mit islamischen Minderheiten wie Deutschland – aus einer bestimmten Perspektive zu betrachten, die diese Ereignisse idealerweise in einem anderen Licht erscheinen lassen, als das in vielen Medien in Deutschland der Fall ist. Diese Perspektive ergibt sich aus einer langjährigen Erfahrung mit und in den betreffenden Ländern, vor allen Dingen der arabischen Welt.

Ich bin, wie möglicherweise andere Mitglieder in diesem Netzwerk auch, häufig unglücklich über die Art und Weise, wie über Islam und Muslime in deutschen Medien berichtet wird. Das ist keine Radikalkritik, denn meinem Eindruck nach hat sich die Berichterstattung in den vergangenen zwanzig Jahren um einiges verbessert (der Golfkrieg 1991 war in dieser Hinsicht wohl ein Wendepunkt, ich werde darauf später zurückkommen). Trotzdem ist sachliche Kritik nötig und muss erlaubt sein, sie ist konstruktiv gemeint; denn weitere Veränderungen sind nötig. Ich werde das am Donnerstag anhand einiger Beispiele zur Berichterstattung über den Gazakrieg zu illustrieren versuchen.

Wer sich ein wenig mit der deutschen Medienszene auskennt, wird bei einem Blick auf die Mitglieder dieses Netzwerkes erkennen: Hier sind so gut wie alle namhaften Journalisten und Publizisten vertreten, die sich im deutschsprachigen Raum professionell mit der islamischen Welt beschäftigen.

Der wichtigste Teil der Arbeit dieses Netzwerkes findet noch im Verborgenen statt: Es ist die interne Diskussionsgruppe, an der alle hier erwähnten Islamwissenschaftler, Iranisten und Turkologen teilnehmen. Ich würde diese Diskussionsrunde als eine Art internen Think Tank bezeichnen, der sich für mich persönlich als höchst inspirierend erwiesen hat. Ich denke und hoffe, und das ist an dieser Stelle meine persönliche Meinung, von diesen internen Diskussionsrunden sollten künftig auch die Besucher dieser Webseite profitieren.

Bislang gibt es außer meinem den Blog „Kristinas Kolumne“ (Kristina Bergmann) sowie den Blog „Hörfenster“ (Tobias Mayer). Idealerweise stelle ich mir eine gegenseitige öffentliche Kommunikation vor, das heißt, ein Blogger wird bei Gelegenheit auf den anderen Bezug nehmen und auf die betreffenden Beiträge der anderen hinweisen. Damit würden die Blogs nicht isoliert nebeneinander stehen, sondern miteinander kommunizieren. Das könnte sich für die Leser als interessant erweisen, weil sie zumindest teilweise an den oben genannten Diskussionen des internen Think Tanks teilhaben könnten. Für uns selber, die Blogger, dürfte das eine weitere, zu den Diskussionen des internen Think Tanks hinzukommende Inspiration sein.

Die Sprache dieses Blogs wird nüchtern und sachlich sein, auch wenn die Texte in Ich-Form verfasst sein werden. Für ironische, möglicherweise polemische, hoffentlich aber witzige Beiträge werde ich die Rubrik „Briefe“ benutzen, in der in lockerer Folge die Mitglieder des Netzwerkes in sehr persönlicher Form über ihre Arbeit berichten (bislang gibt es drei Briefe). Die Leser können hier also am Journalistenalltag teilhaben, geschrieben von Leuten, die die ganze islamische Welt bereisen oder bereist haben. Ich denke, all das zusammen genommen wird diese Webseite zu einem Fundus an Erfahrung und Wissen machen, die im deutschsprachigen Raum ihresgleichen sucht.

So, genug der einleitenden Worte. Ich werde also am Donnerstag mit einem Beitrag starten, der sich mit einigen Beispielen der Medienberichterstattung während des Gazakrieges beschäftigen wird. Viel Spaß bei der Lektüre.

Albrecht Metzger

Thema: Herr Metzger räumt auf | Comments Off | Autor: Albrecht Metzger

Namen sind Zufall

Donnerstag, 15. Januar 2009 10:49

Ich heisse Kristina. Mit K, i, i und a. Das ist ungewöhnlich, und deshalb diktiere ich meinen Namen oft. Für meine Mutter war das die «schwedische Schreibweise», und die fand sie besonders chic. Manche kapieren’s dennoch nicht und schreiben Christina, Kristine, und in der Schweiz nennen mich ein paar Kollegen «Chch-ri-schtiina». Ich widerspreche nicht, denn jeder muss selbst wissen, was er tut.

Würde ich mich statt mit i mit y schreiben, wäre ich vermutlich in Polen geboren. Das wäre nicht sooo unwahrscheinlich, immerhin stammen viele meiner Vorfahren von dort. Die meisten waren Ostdeutsche, einige hatten aber auch polnisches oder gar russisches Blut. Das hört man aus dem Namen meiner Grossmutter mütterlicherseits - «Baldin» - heraus. Sie heiratete einen «Helmchen» - toller Name - auch damals, weswegen meine Mutter und ihre Zwillingsschwester von ihren Mitschülern nur Helmchen 1 und 2 genannt wurden.

Die andere Grossmutter kam aus Breslau, war angeblich «das hübscheste Mädchen der Stadt» und hiess Steinberg. Sie heiratete einen Bergmann. Aha, denkt jetzt der Leser, eine logische Geschichte. Wäre sie wohl, wenn der Grossvater nicht ein Adoptivkind gewesen wäre, ein uneheliches noch dazu. Ob er also ein echter Bergmann war, ist schwer zu sagen. Sein Adoptivvater, ein Off’zier (so sagten die damals in Breslau), hiess jedenfalls so.

Alle Grosseltern zogen irgendwann vom Osten nach Berlin, das war damals das grosse Ziel und die schöne neue Welt. Als der Krieg kam (der Zweite), musste Grossvater Bergmann seine Mutter ausfindig machen, zwecks Bescheinigung, dass die nicht jüdisch war… Er fand sie in Hamburg; sie war selbst unehelich, Magd und Polin und hiess Wilhelmine Czichotska. Immerhin war sie evangelisch… in der damaligen Zeit ein klarer Vorteil. Ich kann bis jetzt meinen Grossvater (längst tot) förmlich aufatmen hören.

Mit Nachnamen heisse ich nun Bergmann und bin oder war auch evangelisch. In Europa ist das (vielleicht) wurscht, aber in der arabischen Welt bis heute ein Plus. In Ägypten gibt es immerhin rund 10 Prozent Christen, und so befindet man sich in Gesellschaft. Allerdings kommen die Muslime mit den Kopten (also den ägyptischen Christen) nicht gerade sehr gut aus. Das geben sie natürlich nicht zu, stattdessen heisst es: «Wir sind alle Ägypter, und die Religionszugehörigkeit ist unwichtig». Eine ausländische Christin finden auch muslimische Ägypter  sehr viel vertrauenswürdiger als eine ausländische Jüdin. Die wäre dubios, und die würden sie als Spionin verdächtigen. Doch auch wenn Muslime und Christen hier eng beieinander leben, wissen sie recht wenig voneinander. Und so stolpern eine Menge Muslime über meinen Namen. Denen sage ich, dass er auf Arabisch etwa «Abdul-Mesih» bedeute. Dann lachen die Ägypter, denn das ist ein Männername.

Zum Glück nennen einen die Araber immer beim Vornamen. Denn «Bergmann» ist für sie nicht nur schwierig auszusprechen, sondern ist ihnen auch suspekt. Einige haben nämlich gehört, dass sich hinter jedem ausländischen Namen mit der Endung «-mann» ein Jude oder eine Jüdin verberge. In Libyen habe ich deshalb mal kein Visum bekommen. Die Beamten sagten mir auf den Kopf zu, ich sei Jüdin, klarer Fall, und Juden wollten sie in Libyen nicht.

Wenn ich solchen Schmarren höre, muss ich immer daran denken, mit welchem Stolz mein Grossvater unser Familienwappen in die Luft hob. Darauf ist ein «Bergmann» zu sehen, also einer, der in die Grube fährt. Auch Berge sind darauf. Mit unserer Herkunft habe beides vermutlich gar nichts zu tun, meint wiederum mein Vater. Und ob in der Vergangenheit in den Adern irgendeines Vorfahren nicht doch jüdisches Blut floss, weiss niemand genau. Will vermutlich auch keiner wissen. Als ich das mal meinem Exmann, einem Ägypter, andeutete, warnte mich der: «Sag das niemals laut in Kairo!» Er selbst heisst übrigens «Moussa» und so auch mein Sohn. Ich fand das immer sehr schön, denn Moussa, also Moses, war nicht nur Ägypter, sondern vereint auch Juden, Christen und Muslime. Oder sehe ich das falsch?

Kristina Bergmann

Thema: Kristinas Kolumne | Comments Off | Autor: Kristina Bergmann