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Opiumraucher und Champagnertrinker

Donnerstag, 10. Dezember 2009 14:55

Die Berge der saudischen Küste auf der anderen Seite des Golfes von Aqaba leuchten golden, wenn morgens über Dahab die Sonne aufgeht. In einem Quadrat aus ausgeblichenen Palmenstämmen liegen zwei junge Männer am Strand. Ein Joint wandert hin und her. Hinter ihnen auf der Promenade rattern die ersten Schiebewägen mit Sauerstoffflaschen. Taucher in Neoprenanzügen eilen nebenher. Dazwischen trabt ein Jogger in teurem Trainingsanzug und Goldkette.

Ein typisches Bild für Dahab, diesen kleinen Ort, in dem der Tourismus mit ein paar Hippies in Zelten am Strand begann. „Als ich vor 22 Jahren nach Dahab kam, haben wir hier noch neben den Beduinen am Strand gelebt. Hotels wie heute gab es nicht”, sagt Momo, eine deutsche Aussteigerin Ende 30, die in Dahab als Barkeeperin arbeitet. Heute ist der Massentourismus auch in Dahab angekommen. Und doch mischen sich hier die Schichten und die Arten des Tourismus’ auf erstaunliche Weise.

An der Lagune im Süden des Ortes haben sich die Luxusressorts angesiedelt. Das Swiss Inn und das Hilton bieten dem zahlungswilligen Touristen allen erdenklichen Luxus. Weiter nördlich, dort wo sich die Restaurants an der Küstenpromenade entlangziehen, findet man einfachere Hotels und unzählige Tauchschulen. Unter Tauchern heißt es, Dahab sei einer der besten Orte Ägyptens, um die Artenvielfalt des Roten Meeres zu bewundern. Die Riffe gelten als intakter als die in Sharm el-Sheikh oder Hurghada. Wohl auch, weil die großen Touristenmassen hier erst später eintrafen. Im Norden der Stadt, bei den Palmenstämmen am Strand, findet man noch ein paar der alten Camps, in denen man für wenige Euro ein Zimmer bekommt, und nachts bei Gitarre und Bier bis in die Morgenstunden unter den Sternen sitzt.

So trifft man in Dahab Erholungssuchende, Hippies, Backpacker und Sporttouristen, Opiumraucher und Champagnertrinker. Von der vormaligen Hippie-Aussteiger-Enklave ist allerdings außer den paar Camps im Norden Dahabs nicht mehr viel geblieben. Hauptsächlich lebt der Ort nun von Tauchern und Windsurfern. Dank der ganzjährig relativ starken Winde hier, hat sich der Ort einen guten Ruf in der Surferszene erworben. Und so findet man gerade im Süden am Strand der Lagune Surfschule neben Surfschule. Und das Blau des Meeres ist übersät mit kleinen Segeln, die hier im flachen Wasser kreuzen.

Es ist aber erstaunlicher Weise kein Nebeneinander der verschiedenen Tourismusarten sondern ein Miteinander. Das zeigt sich, wenn die Nacht hereinbricht. Im Rush, dem angesagtesten Club der kleinen Stadt, trifft sich, wer feiern will. Unter Palmen und neben einem kleinen Pool findet man hier junge Menschen mit Dreadlocks neben Frauen mit teurem Schmuck und engen Kleidern und von der Sonne gebräunten Surfern. Taucher reden über die Riffe, ein paar Münchner über die Party der gestrigen Nacht und zwei Herren mit Krawatte über die Bar im Hilton.

„Gerade die Mischung der Leute in Dahab ist wirklich interessant”, sagt Momo, die nun hinter der Bar steht und Wodka an ein paar Punks ausschenkt. Allerdings fürchtet sie, dass dies nicht mehr lange der Fall sein werde. „In ein paar Jahren wird vom alten Dahab nichts mehr übrig, und das hier nur ein weiterer Ort des Pauschaltourismus’ am Roten Meer sein”, sagt sie im Hinblick auf die unzähligen, sich im Bau befindlichen Hotels. Schade wäre es. Selten sieht man verschiedene Welten so friedvoll miteinander trinken.

Fritz E. Schaap

Fritz E. Schaap ist im Dezember 2009 Volontär bei Kristina Bergmann (NZZ) in Kairo. In der Gastrubrik von NEFAIS.net berichtet er während dieser Zeit aus Ägypten.

Thema: Gastbeiträge | Comments Off | Autor: Gast

Busfahren, Beduinen und Bikinis

Mittwoch, 1. April 2009 14:39

Es ist 9 Uhr 30 am Donnerstagmorgen. Ich sitze in einem ägyptischen Bus, der mich von Kairo nach Taba Heights bringen soll. Das ist eine Hotelstadt im Osten der Sinaihalbinsel am Golf von Aqaba. Im Bus sitzen zumeist Ägypter - die Touristen fliegen per Charter nach Taba. Ein Soldat in der Reihe hinter mir kaut an einem Falafel Sandwich. Neben ihm sitzt ein älterer, mürrischer Mann in einer Galabiya und liest Zeitung. Im hinteren Teil der Kabine scherzen einige Männer miteinander. Ganz in meiner Nähe hat sich ein modisch gekleideter junger Mann niedergelassen, der mir hin und wieder einen Blick zuwirft.

Mit geringer Verspätung startet der Bus Richtung Taba. Kaum sind wir unterwegs, wird das Radio angestellt. Es ertönt eine Koranrezitation. Die Stimme des Scheichs ist verzerrt und von kratzenden Geräuschen durchzogen, trotzdem erhöht der Busfahrer die Lautstärke. Die Lesung wird immer durchdringender, und ich werfe einen Blick durch das schlecht gesäuberte Fenster und konzentriere mich auf die Gegend. Militärgelände, Wüstenlandschaft und Felder ziehen an mir vorbei.

Mittlerweile hat der Busfahrer einen ägyptischen Film eingelegt. Einige Passagiere verfolgen ihn interessiert, andere machen, mit der Stirn an den Vordersitz gelehnt, ein Schläfchen. Der junge Mann rechts von mir versucht immer wieder, mit mir Blickkontakt aufzunehmen. Ich kann seinen prüfenden Blick auf meinem Körper spüren. Schnell lege ich mir einen Schal um den Hals.

Die Aussicht zeigt, dass ich mein Ziel fast erreicht habe. Die Wüste ist gigantischen Felsformationen gewichen. Ich versuche die beeindruckende Landschaft zu genießen, und mich von den waghalsigen Überholmanövern des Busfahrers nicht beunruhigen zu lassen. Nach sechs Stunden erreichen wir die Bushaltestelle in Taba. Ein ortsansässiger Beduine bringt mich in seinem Taxi weiter nach Taba Heights. Die Kommunikation mit dem netten Mann fällt mir nicht leicht, denn mein Arabisch ist noch stark ausbaufähig, und Englisch beherrscht der Taxifahrer nur bruchstückhaft. Am Rand der Straße kann ich im unwegsamen, steinigen Gelände kleine, heruntergekommene Hütten aus Wellblech, Holz und Pappe erkennen. Dort wohnen Beduinen mit ihren Tieren.

Wie groß der Unterschied zwischen den ärmlichen Häusern und der Hotelstadt ist! In Taba Heights gibt es vier Fünf-Sterne Hotels, einen Golfplatz, ein kleines Stadtzentrum, einen Hafen und eine Tauchschule. Straßen und sämtliche Anlagen strahlen vor Sauberkeit, und die Bepflanzung der Grünflächen ist akkurat, fast wie abgezirkelt. In der Eingangshalle meines Hotels erwarten mich leise Klaviermusik, eine schicke Inneneinrichtung und der Geruch von teurer Seife und Raumspray. Der Rezeptionist, der Security Guard und der Kofferträger begrüßen mich auf Englisch und halten freundlichen Smalltalk mit mir. Während eines Rundgangs durch das Hotel begegne ich vielen ägyptischen Angestellten. Sie reinigen das Anwesen, veranstalten Animationsprogramme für die Gäste oder verkaufen Getränke und Souvenirs. Die Hotelgäste der unterschiedlichsten Nationen tummeln sich auf dem großen Anwesen. Viele tragen nur eine Badehose oder einen knappen Bikini, selbst wenn sie sich in der Lobby aufhalten. Die Ägypter scheinen davon keine Notiz zu nehmen - ob sie auf Diskretion gedrillt werden?

Das Hotel bietet eine Vielfalt von Freizeitaktivitäten. Man kann schwimmen, tauchen, shoppen, tanzen oder entspannen. Es gibt kaum einen Grund, die Anlage zu verlassen. Auch das Essensangebot ist riesig, von italienischer bis chinesischer Küche ist alles vertreten. Nur ägyptische Spezialitäten kann ich nicht entdecken. Alkohol wird von den einheimischen Angestellten ab dem frühen Morgen an unterschiedlichen Bars ausgeschenkt. Auf der Preistafel kann ich auf Englisch, Französisch, Spanisch, Deutsch und Russisch lesen, dass ein Bier dreißig Pfund kostet.

Am Abend soll im Hotel ein Beduinentanz gezeigt werden. Die Vorstellung erschreckt mich. Einige Ägypter, die morgens noch die Zimmer putzten, sind nun mit bunten, billigen Trachten bekleidet und führen unnatürlich wirkende Choreographien vor. Dazu wird ägyptische Popmusik gespielt. Das reale Leben und die Kultur der Beduinen, die in dieser Gegend von Viehzucht und Müllverwertung leben und auf die Reste aus den Hotelküchen angewiesen sind, repräsentieren sie nicht.

Ist es gut, dass ein Hotel seinen Gästen eine Scheinwelt vorgaukelt, welche die Facetten des Landes nicht wiederspiegelt? Wie viel seiner Identität darf ein Gastland für seine Touristen aufgeben? In dieser schönen Hotelanlage mit ihrem perfekt auf die wohlhabenden Gäste abgestimmten Programm suche ich die ägyptische Kultur jedenfalls vergeblich. Sie muss zwischen den knappen Badehöschen, den mehrspracheigen Speisekarten und den bunten alkoholhaltigen Cocktails abhanden gekommen sein.

Magdalena Suerbaum

Magdalena Suerbaum ist im März 2009 Volontärin bei Kristina Bergmann (NZZ) in Kairo. In der Gastrubrik von NEFAIS.net berichtet sie während dieser Zeit aus Kairo.

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